Buch 1 – Offenbarungen der unsichtbaren Welt

Vom Ding an sich

Meister Liä Dsï wohnte in einem Garten zu Dscheng vierzig Jahre lang, und niemand kannte ihn. Vor den Augen des Landesfürsten und der hohen Würdenträger war er wie einer aus der Menge des Volkes. Es entstand aber Mangel im Lande, und er machte sich auf, aus seiner Heimat nach We zu ziehen. Da sprachen seine Schüler: »Meister, du gehst, und deine Rückkehr ist unbestimmt, darum wagen wir Schüler um etwas zu bitten, worüber uns du, Meister, belehren mögest: Hast du, Meister, nicht die Reden des Hu Kiu Dsï Lin gehört?«
Meister Liä Dsï lächelte und sprach: »Ja, was hat denn Meister Hu gesagt? Immerhin; der Meister unterhielt sich oft mit Be Hun Wu Jen, und was ich gehört, wenn ich daneben stand, will ich versuchen, euch zu sagen. Seine Reden lauteten also: Es ist ein Zeugendes, das nicht erzeugt ist; es ist ein Wandeln des, das sich nicht wandelt. Das Unerzeugte hat Freiheit, Zeugendes zu zeugen, das Unwandelbare hat Freiheit, Wandelndes zu wandeln. Das Erzeugte muß aber notwendig weiter zeugen, das Wandelbare muß notwendig sich weiter wandeln. Darum ist es immer im Zeugen und Wandeln begriffen. Das immer im Zeugen und Wandeln Begriffene hört niemals auf, zu zeugen und sich zu wandeln; so verhält es sich mit Licht und Finsternis, so verhält es sich mit den vier Jahreszeiten.
Das Unerzeugte ist vermutlich einzig. Das Unwandelbare wallt im unendlichen Raum hin und her, ohne daß es in seinem Pfade an eine Grenze käme. Im Buch des Herrn der gelben Erde steht:

Der Geist der Tiefe stirbt nicht.
Er ist das Ewig Weibliche.
Beim Ausgang des Ewig Weiblichen
Liegt die Wurzel von Himmel und Erde.
Endlos drängt sich’s und ist doch wie beharrend.
Der es wirkt, bleibt ohne Mühe.

Darum ist das, was alle Wesen erzeugt, unerzeugt; was alle Wesen wandelt, unwandelbar. Von ihm geht in Freiheit alles Zeugen aus, von ihm alle Wandlung, von ihm alle Form, von ihm alle Farbe, von ihm alle Erkenntnis, von ihm alle Stärke, von ihm alle Abnahme, von ihm alle Ruhe. Wollte man es aber als Zeugen, Wandlung, Form, Farbe, Erkenntnis, Stärke, Abnahme, Ruhe bezeichnen, so wäre das falsch.«


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Weltentstehung

Meister Liä Dsï sprach: »Die alten Weisen nahmen das Lichte und das Finstere als Grundursache der Welt. Aber alles Körperliche entsteht aus Unkörperlichem; so muß doch auch die Welt einen solchen Ursprung haben. Darum sage ich: Es gibt eine Urwandlung, einen Uranfang, ein Urentstehen, eine Urschöpfung.
Die Urwandlung ist der Zustand, da die Kraft noch nicht sich äußert. Der Uranfang ist der Zustand, da die Kraft entsteht. Die Urentstehung ist der Zustand, da die Form entsteht. Die Urschöpfung ist der Zustand, da der Stoff entsteht. Den Zustand, da Kraft, Form und Stoff noch ungetrennt durcheinander sind, nennt man Dasein. Dasein bedeutet den Zustand, da die Dinge miteinander und durcheinander sind und noch kein gesondertes Fürsichsein haben.
›Schaut man darauf, so sieht man nichts, horcht man danach, so hört man nichts, verfolgt man es, so erhält man nichts; darum heißt es das Wandelbare.‹ Als das Wandelbare hat es keine Schranke der Form.
Dieses Wandelbare wechselt und wird zur Eins. Die Eins wechselt und wird zur Sieben. Die Sieben wechselt und wird zur Neun. Die Neun ist der Endpunkt dieses Wechsels. Aber sie wechselt noch ein mal und wird wieder zur Eins. Diese Eins ist die Entstehung der wechselnden Formenwelt. Das Reine und Leichte steigt empor und wird (zur unsichtbaren Welt) zum Himmel. Das Trübe und Schwere senkt sich herab und wird (zur sichtbaren Welt) zur Erde. Das, wovon die einigende Kraft ausstrahlt, wird zum Menschen. Darum enthalten Himmel und Erde den Samen, aus dem alle Dinge durch Wandlung erzeugt werden.«


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Das Ewige im Endlichen

Meister Liä Dsï sprach: »Himmel und Erde sind nicht vollkommen, der berufene Mensch ist nicht allmächtig, und die Geschöpfe sind nicht durchaus verwendbar. Denn des Himmels Funktion ist, zu zeugen und zu schirmen, der Erde Funktion ist, zu gestalten und zu tragen, des Berufenen Funktion ist, zu lehren und umzugestalten, der Geschöpfe Funktion ist, ihrer Art zu entsprechen. Nun aber gibt es Beziehungen, wo der Himmel der Erde gegenüber im Rückstand ist, und der Berufene den Geschöpfen gegenüber begrenzt ist. Wie kommt das? Das Zeugend-Schirmende vermag nicht gestaltend zu tragen, das Gestaltend-Tragende vermag nicht belehrend umzugestalten. Der Belehrend-Umgestaltende vermag nichts wider die Natur der Dinge. Das Naturgesetzlich-Bestimmte verläßt nicht seine Stellung. Darum ist der Lauf der Welt beschränkt auf den Wechsel von Licht und Finsternis, die Lehre des Berufenen beschränkt auf Liebe und Pflicht, die Art der Geschöpfe beschränkt auf Weichheit und Härte. Jedes folgt seiner Art und kann über seine Stellung nicht hinaus.
Nun aber gibt es außer dem Vorgang des Zeugens noch etwas, wodurch das Zeugen zum Zeugen wird; außer dem Vorgang des Gestaltens noch etwas, wo durch das Gestalten zum Gestalten wird; außer dem Vorgang des Tönens noch etwas, wodurch das Tönen zum Tönen wird; außer dem Vorgang der Farbenentstehung noch etwas, wodurch die Farbe zur Farbe wird; außer dem Vorgang der Geschmackserzeugung noch etwas, wodurch der Geschmack zum Geschmack wird.
Was durch das Zeugen erzeugt wird, ist der Tod; aber das, wodurch das Zeugen zum Zeugen wird, ist noch nie zu Ende gekommen. Was durch das Gestalten gestaltet wird, ist die Masse; aber das, wodurch das Gestalten zum Gestalten wird, ist noch nie ins Dasein getreten. Was durch das Tönen erzeugt wird, sind die Gehörsempfindungen; aber das, wodurch das Tönen zum Tönen wird, ist noch nie herausgekommen. Was durch die Farben erzeugt wird, sind bunte Gesichtseindrücke; aber das, wodurch die Farbe zur Farbe wird, ist noch nie sichtbar geworden. Was durch das Schmecken geschmeckt wird, sind Geschmacksempfindungen; aber das, wodurch das Schmecken zum Schmecken wird, hat sich noch niemals dargeboten.
Das alles sind die Wirkungen des Nichtseienden.
Es vermag in sich die Gegensätze zu vereinen: das Trübe und Lichte, das Weiche und Harte, das Kurze und Lange, das Runde und Eckige, das Leben und den Tod, Hitze und Kälte, Schwimmen und Untersinken, Grundton und Sekunde, Erscheinen und Verschwinden, Dunkles und Gelbes, Süßes und Bitteres, Übelriechen und Duften: Es hat kein Wissen und kein Können und ist doch allwissend und allmächtig.«


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Die Totengebeine

Der Meister Liä Dsï ging nach We. Er aß unterwegs. Seine Jünger sahen hundertjähriges Totengebein. Sie bogen das Gestrüpp zurück und zeigten es ihm. Er wandte sich und sprach zu seinem Jünger Be Feng: »Ich und dieser da: wir beide haben erkannt, daß es etwas gibt, das noch nie gezeugt und noch nie gestorben ist: das ist jenseits von aller Nahrung, jenseits von aller Freude.«
Der Lebenskeim (das Plasma) hat Metamorphosen. Er wandelt sich in Pflanzen und Tiere, je nach den Bedingungen, die er vorfindet. Auch der Mensch erscheint im Lauf dieser Metamorphosen und kehrt wieder in diesen Kreislauf zurück. Alle Geschöpfe kommen aus diesem Kreislauf hervor und gehen wieder in diesen Kreislauf zurück.
Im Buche des Herrn der gelben Erde steht: »Wirkt die Form, so entsteht nicht Form, sondern Schatten; wirkt der Ton, so entsteht nicht Ton, sondern Echo; wirkt das Nichtsein, so entsteht nicht Nichtsein, sondern Sein.« Die Form ist etwas, das notwendig endet; Himmel und Erde werden vergehen, zusammen mit uns vergehen. Ob es dann ganz zu Ende ist? Wir wissen es nicht. Wie sollte der Sinn des Weltgeschehens enden, da er doch seinem Wesen nach ohne Anfang ist? Wie sollte er an eine äußerste Grenze kommen, da er doch seinem Wesen nach jenseits des zeitlichen Daseins ist? Was Leben hat, kehrt wieder zum Nichtleben; was Form hat, kehrt wieder zum Formlosen. Dieses Nichtlebende ist aber nicht seinem Wesen nach jenseits des Lebens; dieses Formlose ist aber nicht seinem Wesen nach jenseits der Formenwelt. Alles Lebendige muß nach notwendigen Gesetzen endigen. Es ist etwas, das endigt und nicht anders kann als endigen, ebenso wie das Erzeugte nicht anders kann als leben.
Wer sein Leben bewahren möchte und seine Ende verhindern, der irrt sich in den Naturverhältnissen. Was geistig ist, ist Teil des Himmels, was leiblich ist, ist Teil der Erde. Was dem Himmel angehört, ist rein und flüchtig; was der Erde angehört, ist trübe und haftend. Wenn der Geist die Form verläßt, so kehrt beides zurück zu seinem wahren Wesen. Darum heißen sie die Heimgegangenen. »Heimgegangene« kommt von »heimgehen«, heimgehen in seine wahre Behausung.
Der Herr der gelben Erde sprach:

»Der Geist geht ein zu seinen Toren,
Der Leib kehrt heim zu seiner Wurzel,
Wie soll das Ich da dauern können?«

Der Mensch macht von seiner Geburt bis zu seinem Ende vier große Wandlungen durch: Kindheit, Jugend, Alter, Sterben. In der Kindheit ist die Lebenskraft gesammelt, der Wille einheitlich, der innere Friede ist auf seinem Höhepunkt. Die Außenwelt schadet nicht, das Wesen ist in sich vollkommen. In der Jugend wallt die Lebenskraft des Blutes; Wünsche und Sorgen erheben sich, die Außenwelt stürmt ein, daher reibt sich das Wesen auf. Im Greisenalter werden Wunsch und Sorge schwach. Der Leib sucht Ruhe, die Welt tritt zurück. Wohl ist die Völligkeit der Kindheit nicht erreicht, doch ist ein Abstand von der Jugendzeit. Im Sterben, da geht es zur Ruhe und kehrt zu seinem Anfang zurück.


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Der Alte vom Taischan Berg

Meister Kung wanderte im Taischangebirge. Da sah er den Yung Kiki auf den Wiesen von Tscheng umhergehen im Rehpelz und mit einem Strick gegürtet. Er schlug die Laute und sang.
Meister Kung fragte und sprach: »Was ist es, worüber Ihr fröhlich seid?« Er erwiderte: »Meiner Freuden sind viele. Unter allen Geschöpfen, die der Himmel erzeugt, ist der Mensch das edelste. Und mir ist es zuteil geworden, Mensch zu sein: das ist meine erste Freude. Der Unterschied zwischen Mann und Weib ist, daß der Mann geehrt, das Weib gering ist; darum gilt der Mann für edler. Nun ist es mir zuteil geworden, daß ich ein Mann bin: das ist meine zweite Freude. Unter den Menschen, die geboren werden, gibt es solche, die weder Sonne noch Mond erblicken, die nicht den Arm der Wärterin verlassen. Nun wandere ich schon 90 Jahre umher: das ist meine dritte Freude. Armut ist das beständige Los des Gelehrten, der Tod ist das Ende aller Menschen. Wenn man in dieser beständigen Lage verweilend das Ende erreicht: Worüber sollte man da traurig sein?«
Meister Kung sprach: »Wohl dem, der so sich selbst befreien kann.«


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Der alte Lin Le

Lin Le (Waldmensch) war wohl hundert Jahre alt. Es war Frühlingszeit, und er war noch in Pelz gehüllt und las zurückgelassene Ähren auf den abgeernteten Feldern auf und sang im Gehen. Meister Kung, auf seiner Reise nach We, erblickte ihn auf dem Feld. Er sah nach seinen Jüngern um und sprach: »Der Alte da ist jemand, mit dem sich’s lohnt zu reden. Versuche es doch einer, hinzugehen und ihn zu fragen!« Dsï Gung bat, gehen zu dürfen.
Er holte ihn ein auf einem Hügel, sah ihm gerade ins Gesicht und sagte seufzend: »Alter, tut Euch nichts leid, daß Ihr so singend umhergeht und Ähren leset?« Lin Le hielt nicht ein im Gehen und hörte nicht auf zu singen. Dsï Gung drang unablässig in ihn. Da wandte er sich ihm zu und antwortete: »Was sollte mir denn leid tun?« Dsï Gung sprach: »Ihr wart in der Jugend nicht strebsam; als Ihr erwachsen wart, habt Ihr nicht mit der Zeit gekämpft; jetzt seid Ihr alt und habt nicht Weib noch Kind, und die Zeit des Todes naht heran. Was habt Ihr da noch Grund zur Freude, daß Ihr beim Ährenlesen singt?«
Lin Le lächelte und sprach: »Was ich für Freude achte, können alle Menschen haben, aber sie halten es für Leid. Weil ich in der Jugend nicht gestrebt und als Erwachsener nicht mit der Zeit gekämpft, darum habe ich es auf ein so hohes Alter gebracht. Weil ich im Alter nicht Weib noch Kind habe, und es kommt der Tod heran, darum kann ich so fröhlich sein.«
Dsï Gung sprach: »Hohes Alter ist etwas, das nach dem Gefühl der Menschen gut ist; aber der Tod ist etwas, das die Menschen hassen: wie könnt Ihr denn den Tod für Freude achten?« Lin Le sprach: »Sterben und Leben ist ein Gehen und Zurückkehren. Darum, wer hier stirbt: wer weiß, ob er nicht dort geboren wird? Ich weiß nur, daß beides einander nicht gleich ist. Wie kann ich wissen, ob einer, der mit Müh‘ und Not sein Leben sucht, nicht am Ende betrogen ist? Wie kann ich wissen, ob heute mein Tod nicht etwas Besseres ist als früher mein Leben?«
Dsï Gung vernahm es, aber verstand nicht, was er meinte. Er ging zurück, um es dem Meister zu sagen. Der Meister sprach: »Ich wußte, daß er einer ist, mit dem sich’s lohnt zu reden, und richtig war es so. Wahrlich, er hat es erfaßt, aber nicht erschöpft.«


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Dsï Gung und der Meister

Dsï Gung war des Lernens müde und sagte zu Dschung Ni (Konfuzius): »Ich möchte Ruhe finden.« Dschung Ni sprach: »Das Leben hat keine Ruhe.« Dsï Gung sprach: »Dann gibt es also keine Ruhe für mich?« Dschung Ni sprach:
»O ja; sieh dort im Brachfeld alle die Gräber, so weißt du, wo es Ruhe gibt.« Dsï Gung sprach: »Wahrlich, groß ist der Tod; die Edlen bringt er zur Ruhe, die Gemeinen zur Unterwerfung.«
Dschung Ni sprach: »Sï, du hast es erkannt. Die Menschen im allgemeinen wissen nur, daß das Leben eine Freude ist, aber nicht, daß es auch bitter ist. Sie wissen nur, daß das Alter hinfällig ist, aber nicht, daß es auch friedlich ist. Sie wissen nur, daß der Tod ein Übel ist, aber nicht, daß er auch Ruhe gibt.«


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Von der irdischen Pilgerschaft

Meister Yän sprach: »Wie schön dachten die Alten vom Tode! Die Guten bringt er zur Ruhe, die Schlechten bringt er zur Unterwerfung. Der Tod ist die Rückkehr des Wesens. Die Alten nannten die Verstorbenen Heimgegangene. Wenn man von den Verstorbenen als von Heimgegangenen redet, dann sind die Lebenden Wanderer. Wer wandert und weiß nicht wohin, ist heimatlos. Wenn ein einzelner Mensch seine Heimat verloren hat, so hält das die ganze Mitwelt für unrecht. Nun aber die ganze Welt ihre Heimat verlor, ist niemand der es unrecht fände.
Wenn ein Mensch aus seiner Heimat wegläuft, seine Verwandten verläßt, sein Vermögen verpraßt und in alle Himmelsrichtungen wandert und nicht heimkehrt, wahrlich: was ist das für ein Mensch! Die Welt hält ihn sicher für einen Verlorenen. Da ist ein anderer Mensch, der das äußere Leben wichtig nimmt, geschickt ist sich einen Namen zu machen und großartig auftritt in der Welt und keine Grenzen kennt, wahrlich: was ist auch der für ein Mensch! Aber die Welt hält ihn sicher für einen weisen und klugen Herrn. Aber beide sind Verlorene. Doch die Welt billigt den einen und verwirft den anderen, und nur der Berufene weiß, was zu billigen und was zu verwerfen ist.«


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Die Leere

Es sagte jemand zu Meister Liä Dsï: »Wie kann der Meister die Leere so hochschätzen!« Liä Dsï sprach: »Die Leere braucht keine Hochschätzung. Es kommt nicht auf den Namen an. Nichts kommt der Stille, nichts der Leere gleich. Durch Stille, durch Leere findet man die Heimat, durch Nehmen und Geben verliert man seinen Ort. Wenn eine Sache verdorben und zerstört ist, und man fuchtelt nachher herum mit Liebe und Pflicht, so kann man sie nicht wieder gut machen.«


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Das Gleichgewicht der Kräfte

Yü Hiung sprach: »Der Kreislauf hört nicht auf. Wer aber merkt die verborgenen Veränderungen von Himmel und Erde? Denn wenn die Dinge auf der einen Seite verringert werden, so werden sie auf der anderen Seite vermehrt; wenn sie hier voll werden, so nehmen sie dort ab. Verringerung und Vermehrung, Vollwerden und Abnehmen werden fortwährend erzeugt und hören fortwährend auf, ihr Gehen und Kommen ist miteinander verbunden durch unsichtbare Übergänge. Wer merkt es wohl? Überall nimmt eine Kraft nicht plötzlich zu, nimmt eine Form nicht plötzlich ab, darum bemerkt man auch ihr Vollwerden und ihr Abnehmen nicht. Es ist wie bei dem Menschen, der von der Geburt bis zum Alter im äußeren Aussehen und im Stand seiner Erkenntnis sich täglich ändert: Haut, Nägel und Haare werden fortwährend erzeugt und fallen fortwährend ab. Nicht gibt es ein Stillstehen auf der Stufe der Kindheit ohne Wandlung. Die Übergänge sind unmerklich; erst hinterher erkennt man es.«


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Weltuntergang

Im Reiche Gi lebte ein Mann, der war in Sorgen, daß Himmel und Erde untergehen könnten, so daß für seine Person keine Stätte mehr sein würde. Und er schlief nicht mehr und aß nicht mehr. Und da war ein anderer Mann, der war in Sorgen über die Sorgen jenes Menschen. Und er ging hin, ihn aufzuklären. Er sprach: »Der Himmel ist die Ansammlung der Luft. Es gibt keinen Raum ohne Luft. Zusammenziehen und Ausdehnen, Einatmen und Ausatmen wechselt täglich im Himmelsraum ab. Warum sollte man besorgt sein, daß er einfallen könnte?«
Der andere sprach: »Wenn wirklich der Himmel die Ansammlung der Luft ist: können dann aber nicht Sonne, Mond und Sterne herunterfallen?« Der Aufklärer sprach: »Sonne, Mond und Sterne sind nur Lichterscheinungen in dieser Luftansammlung. Laß sie nur herunterfallen: auch dadurch kann niemand verletzt werden.«
Der andere sprach: »Ja, aber was dann, wenn die Erde entzweigeht?« Der Aufklärer sprach: »Die Erde ist die Ansammlung der festen Teile, mit denen der ganze leere Raum ausgestopft ist. Es gibt keinen Raum ohne feste Teile. Täglich geht und tritt man fortwährend darauf herum: warum sollte man besorgt sein, daß sie entzweigeht?«
Da ließ jener seine Sorgen und hatte eine große Freude, und der Aufklärer ließ auch seine Sorgen und hatte auch eine große Freude.
Der Gelehrte Dschang Lu hörte das, machte sich über ihn lustig und sprach: »Regenbogen, Wolken und Nebel, Wind und Regen und die klimatischen Vorgänge: das sind die Bestandteile der Luft, die in ihrer Zusammensetzung den Himmel bilden. Berge und Täler, Flüsse und Meere, Metalle und Gesteine, Feuer und Holz: das sind die Elemente der Form, die in ihrer Zusammensetzung die Erde bilden. Wenn man nun weiß, daß sowohl die Luft als auch die feste Masse etwas Zusammengesetztes[43] ist, wie kann man dann noch meinen, daß das nicht zugrunde geht?
Was wir Himmel und Erde nennen, ist nur ein winziges Teilchen im leeren Raum. Es ist freilich unbestreitbar, daß diese Dinge, die größten innerhalb des uns bekannten Seins, nicht leicht ein Ende nehmen und sich erschöpfen. Und es ist ferner unbestreitbar, daß es nicht leicht zu berechnen und erkennen ist. Das, worüber jener sich Sorgen machte: daß sie untergehen, liegt allerdings in weiter Ferne. Aber das, was der andere sagte: daß sie nicht untergehen, ist auch nicht richtig. Himmel und Erde werden unvermeidlich untergehen und sich in ihre Bestandteile auflösen, und wer gerade zur Zeit ihres Unterganges lebt, der hat gewißlich Grund zur Sorge.«
Meister Liä Dsï hörte es und sprach lächelnd: »Wer behauptet, daß Himmel und Erde untergehen, ist im Irrtum; wer behauptet, daß sie nicht untergehen, ist ebenfalls im Irrtum. Ob sie untergehen oder nicht, ist etwas, das wir nicht wissen können. Und doch behauptet der eine dies und der andere das. Das Leben versteht den Tod nicht, und der Tod versteht das Leben nicht. Die Zukunft versteht die Vergangenheit nicht, und die Vergangenheit versteht die Zukunft nicht. Warum also sollte ich mir darüber Gedanken machen, ob Himmel und Erde untergehen oder nicht untergehen?«


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Eigentum

Schun (der große Herrscher) fragte den Dscheng und sprach: »Kann man den Sinn des Weltgeschehens sich zu eigen machen?« Der sprach: »Nicht einmal dein Leib ist dein Eigentum, wie willst du da den Sinn zum Eigentum dir machen?« Schun sprach: »Wenn mein Leib nicht mein Eigentum ist, wessen Eigentum ist er denn dann?« Jener sprach: »Er ist die Form, die Himmel und Erde dir zugeteilt. Dein Leben ist nicht dein eigen, es ist das Gleichgewicht der Kräfte, das Himmel und Erde dir zugeteilt. Deine Natur und dein Schicksal sind nicht dein eigen, sie sind der Lauf, den Himmel und Erde dir zugeteilt. Deine Söhne und Enkel sind nicht dein eigen, sie sind die Überbleibsel, die Himmel und Erde dir zugeteilt. Darum: wir gehen und wissen nicht wohin, wir bleiben, und wissen nicht wo, wir essen und wissen nicht warum: das alles ist die starke Lebenskraft von Himmel und Erde: wer kann die sich zu eigen machen?«


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Zweierlei Räuber

In Tsi lebte ein Mann namens Guo, der war sehr reich. In Sung lebte ein Mann namens Hiang, der war sehr arm und ging von Sung nach Tsi, um den Mann Guo um sein Geheimnis zu bitten. Dieser sagte zu ihm: »Ich bin tüchtig im Rauben. Nachdem ich Räuber geworden, da hatte ich im ersten Jahre schon etwas, im zweiten Jahr schon genug, im dritten Jahr schon ein großes Stück Land. Von da an ging es weiter, bis zum Besitz von ganzen Dörfern und Markungen.«
Der Mann namens Hiang war hoch erfreut. Er hatte wohl die Rede vom Räubersein verstanden, aber nicht den Sinn, in dem jener Räuber war. So fing er denn an, über Mauern zu klettern und in Häuser einzubrechen, und nahm alles, was ihm unter die Hände und vor Augen kam. Nicht lange, da wurde er wegen des angehäuften Raubs bestraft und verlor so noch all seine frühere Habe dazu.
Er dachte, der Mann Guo habe ihn zum besten gehabt, ging hin und machte ihm Vorwürfe. Guo sprach: »Wie hast du denn das Räuberhandwerk betrieben?« Hiang erzählte nun, wie es ihm gegangen. Da sagte Guo: »Ei, daß du den Sinn des Räuberseins so mißverstehen konntest! Nun will ich ihn dir erklären: Ich habe sagen hören, daß der Himmel seine Zeiten und die Erde ihre Gaben hat. Ich habe des Himmels Zeiten und der Erde Gaben geraubt, die Feuchtigkeit von Wolken und Regen, die Fruchtbarkeit von Berg und Tal, um mein Korn zu erzeugen und mein Getreide fett zu machen, um meine Mauern zu bauen und meine Häuser zu zimmern. Zu Lande raubte ich Vögel und Tiere, zu Wasser raubte ich Fische und Schildkröten. Alles war Raub. Denn Korn und Getreide, Erde und Holz, Vögel und Tiere, Fische und Schildkröten sind alle vom Himmel erzeugt und keineswegs mein Eigentum. Aber ich beraubte den Himmel und hatte deshalb kein Unglück. Gold aber und Edelsteine, Perlen, Kostbarkeiten, Lebensmittel, Reichtümer und Waren sind Dinge, die sich andere Menschen schon genommen haben, nicht freie Gaben des Himmels. Wenn man das raubt und wird dafür bestraft, wer kann sich darüber beklagen?«
Der Mann Hiang kam in große Zweifel und meinte, Guo wolle ihn zum zweitenmal betrügen. Da begegnete er dem Herrn Dung Go, und fragte ihn, wie das sei. Der Herr Dung Go sagte: »Ist doch schon der Gebrauch deines Leibes ein Raub. Du raubst das Gleichgewicht der beiden Weltkräfte, damit dein Leben wird und deine Gestalt besteht. Wie viel mehr sind alle äußeren Dinge Raub! In Wirklichkeit sind Himmel und Erde und alle Geschöpfe untrennbar verbunden; die die aufhäufen und besitzen wollen, sind alle im Irrtum. Der Mann namens Guo ist Räuber in selbstlosem Sinn, darum traf ihn kein Unglück; du warst Räuber aus Selbstsucht, darum wurdest du bestraft. Wer ein selbstloses Selbst hat, ist auch ein Räuber, ebenso wie der, der kein selbstloses Selbst hat, ist auch ein Räuber, ebenso wie der, der kein selbstloses Selbst hat, ein Räuber ist. Daß aber Selbstlosigkeit auf Selbstlosigkeit trifft und Selbstsucht auf Selbstsucht, ist das Wesen von Himmel und Erde. Wer das Wesen von Himmel und Erde kennt: wer ist für den ein Räuber und wer ist kein Räuber?«

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    Buch 2 – Der Herr der gelben Erde

    Utopia

    Der Herr der gelben Erde saß auf dem Throne fünfzehn Jahre lang und freute sich darüber, daß die Welt ihm diente. Er pflegte seines Lebens, er genoß Schönheit und Wohlklang und erfreute sich an Speisen und Wohlgerüchen. Aber er ward bekümmert, also daß sein Fleisch verdorrte; er ward betrübt, also daß seine Gefühle sich verwirrten.
    Abermals fünfzehn Jahre lang trauerte er, daß die Welt in Unordnung sei. Er strebte nach Einsicht und erschöpfte seine Weisheit und arbeitete am Volke. Aber er ward bekümmert, also daß sein Fleisch verdorrte; er ward betrübt, also daß seine Gefühle sich verwirrten.
    Da atmete der Gelbe Herr tief und sprach seufzend: »Mein Fehler ist groß. Allein sein Selbst zu pflegen bringt solches Leid, alle Welt zu ordnen bringt solches Leid.«
    Und so gab er auf seine tausend Gedanken, verließ die Schlafgemächer im Palast, entfernte die Diener, tat ab das Glocken- und Saitenspiel, verringerte die Speisen der Küche. Er zog sich zurück und wohnte in Muße in den Gemächern der großen Halle und sammelte sein Gemüt, daß er des Leibes wieder Meister würde. Drei Monate blieb er fern von den Geschäften der Regierung.
    Da schlief er einmal bei Tage ein und hatte einen Traum. Er wandelte im Reiche der Hua Sü. Dieses Reich hat keine Herrscher: es geht alles von selber; das Volk hat keine Begierden: es geht alles von selber. Man weiß nichts von der Freude am Leben noch dem Abscheu vor dem Tod: darum gibt es keine Plagen des Himmels. Man weiß nichts vom Haften am Selbst noch von der Entfremdung von der Außenwelt: darum gibt es nicht Liebe noch Haß. Man weiß nichts von der Abkehr von Andersdenkenden noch von der Zukehr zu Gleichgesinnten: darum gibt es nicht Nutzen noch Schaden. Keiner hat eine Vorliebe, keiner hat eine Abneigung. Sie gehen ins Wasser und ertrinken nicht, sie gehen ins Feuer und verbrennen nicht, Schläge machen nicht Wunden noch Schmerz, Kratzen macht nicht Brennen noch Jucken. Sie steigen in die Luft, wie man auf festen Boden tritt, sie ruhen im leeren Raum, wie man auf einem Bette schläft. Wolken und Nebel umdüstern nicht den Blick. Donnerrollen betäubt nicht das Ohr. Schönheit und Häßlichkeit betören nicht das Herz. Berge und Täler behindern nicht den Schritt. In Kraft des Geistes wandeln sie.
    Als der Gelbe Herr erwachte, wurde er verstehend und kam zu sich selbst. Er berief seine drei Minister Himmelgreis, Krafthirt und den Denker vom großen Berg. Er redet also zu ihnen: »Ich lebte in Muße drei Monate lang und sammelte mein Gemüt, daß ich des Leibes wieder Meister würde, und dachte auf den Besitz des rechten SINNES zur Pflege des Ichs und zur Ordnung des Erdkreises. Aber ich fand nicht die rechte Art. Da ward ich müde und schlief ein. Was ich geträumt, war also. Nun weiß ich, daß der letzte SINN nicht durch leidenschaftliches Suchen zu finden ist. Ich weiß ihn jetzt, ich habe ihn jetzt, aber euch kann ich ihn nicht sagen.«

    Und abermals vergingen 28 Jahre, und der Erdkreis war in guter Ordnung, fast wie das Reich der Hua Sü. Da ging der Herrscher zur Ruhe ein, und das Volk beweinte ihn 200 Jahre lang ohne aufzuhören.


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    Der Götterberg im Norden

    Die Gu Schä Berge liegen auf einer Insel im Okeanos. Auf den Bergen wohnen selige Geister. Sie schlürfen den Wind und trinken den Tau und leben nicht von Brot und Korn. Ihr Herz ist abgrundtiefer Quelle gleich, ihr Leib jungfräulich. Sie wissen nichts von Zärtlichkeit und Liebe: Heilige und Weise sind bei ihnen Diener. Sie wissen nichts von Scheu und Zorn: Aufrichtige und Redliche sind bei ihnen Boten. Sie wissen nichts von Spenden und Gnade: und doch haben alle Wesen von selbst genug. Sie wissen nichts von Sammeln und Sparen: und doch gibt es von selbst keinen Mangel. Das Lichte und Trübe ist immer im Einklang; der Mond und die Sonne sind immer voll Klarheit; die Jahreszeiten sind immer milde; der Wind und der Regen sind immer gleichmäßig; die Pflege und Nahrung kommt immer zur Zeit; die Ernte des Jahres ist immer voll Segen. Und die Erde kennt nicht Seuche noch Krankheit, die Menschen kennen nicht vorzeitiges Sterben, die Wesen haben nicht Fehler noch Mängel, und die Geister regen sich nicht.


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    Selbstvergessen

    Liä Dsï hatte zum Lehrer den alten Schang und zum Freunde den Be Gao. Als er den SINN der beiden Meister innehatte, fuhr er auf dem Winde nach Hause. Der Scholar Yin hörte davon und folgte dem Liä Dsï nach. Er blieb mehrere Monate bei ihm wohnen, ohne nach seinem Hause zu sehen; denn er hatte nichts zu tun. Er bat ihn, ihm zu eröffnen, wie man das (auf dem Winde Fliegen) mache. Zehnmal kam er zu ihm, und zehnmal sagte er ihm nichts. Da ward der Scholar Yin böse und erbat seinen Abschied. Liä Dsï sagte wieder nichts. Der Scholar Yin zog sich ein paar Monate zurück. Da er aber den Gedanken nicht loswerden konnte, wandte er sich wieder an ihn. Liä Dsï sprach: »Was kommst du schon wieder?« Der Scholar Yin sprach: »Damals habe ich den Meister gefragt, und der Meister hat mir nichts gesagt, darum war ich böse auf den Meister. Das bin ich nun aber wieder los, und darum komme ich wieder.«
    Liä Dsï sprach: »Damals dachte ich, du seiest hinter die Sache gekommen, und nun war es nur eine kleinliche Laune von dir! Setz‘ dich, ich will dir sagen, was ich bei meinem Meister gelernt habe. Nachdem ich mich an meinen Meister gewandt und Freundschaft geschlossen mit jenem andern, vergingen drei Jahre. Ich wagte im Herzen nicht über Recht und Unrecht nachzudenken noch mit meinem Munde über Vorteil und Nachteil zu reden. Da erst bekam ich von meinem Meister einen einzigen Blick. Nach fünf Jahren dachte ich in meinem Herzen wieder an Recht und Unrecht und redete mit meinem Munde wieder über Vorteil und Nachteil. Da erst heiterte sich die Miene des Meisters auf, und er lächelte. Nach sieben Jahren machte ich mir im Herzen wieder keine Gedanken mehr über Recht und Unrecht und redete mit meinem Munde keine Worte mehr über Vorteil und Nachteil. Da erst ließ mich mein Meister auf derselben Matte mit ihm sitzen. Nach neun Jahren, da machte ich einen Strich durch die Gedanken meines Herzens und die Worte meines Mundes. Ich wußte nicht mehr, ob es sich um mein Recht und Unrecht, um meinen Vorteil und Nachteil handle oder um die von andern. Noch wußte ich mehr, daß der Meister mein Lehrer war, oder jener andere mein Freund. Der Unterschied von Ich und Nicht-Ich war zu Ende. Danach hörten auch die Unterschiede der fünf Sinne auf, alle wurden sie einander gleich. Da verdichteten sich die Gedanken, der Leib ward frei, Fleisch und Bein lösten sich auf, ich hatte keine Empfindung mehr davon, worauf der Leib sich stützte, wohin der Fuß trat: ich folgte dem Wind nach Osten und Westen wie ein Baumblatt oder trockene Spreu, und wirklich weiß ich nicht, ob der Wind mich trieb oder ich den Wind.
    Nun sieh: Du weilst im Hause des Lehrers, und ehe noch ein Jahr herum ist, wirst du zwei-, dreimal unwillig. Kein Teil deines Leibes kann die Luft aufnehmen, keines deiner Glieder kann die Erde tragen. Kannst du da hoffen, ins Leere treten zu können und auf dem Winde zu reiten?«

    Der Scholar Yin schämte sich sehr, also daß er ganz stille ward und eine lange Zeit nicht mehr zu reden wagte.


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    Sammlung des Geistes

    Liä Dsï fragte den Guan Yin und sprach: »Die Adepten gehen durch Gegenstände ohne Hindernis hindurch, sie treten auf Feuer und werden nicht heiß, sie wandeln über der Welt dahin und zittern nicht. Darf ich fragen, wodurch man diese Stufe erreichen kann?«
    Guan Yin sprach: »Es ist das die Bewahrung der reinen Kraft, nicht Weisheit, Gewandtheit, Entschlossenheit oder Wagemut. Setz‘ dich: ich will mit dir darüber reden. Alles was Gestalt, Klang und Farbe hat, ist ein Ding. Ein Ding ist von dem andern nicht räumlich entfernt, ein Ding ist dem andern nicht zeitlich voran: das alles ist nur Erscheinung. Die Dinge entstehen jenseits der Form und enden jenseits des Wandelbaren. Wer das erreichen und ergründen könnte – der könnte wohl Vollkommenheit erlangen. Der würde weilen im Maß ohne Lüste und würde sich bergen in spurloser Zeit. Er wandelt umher, da wo alle Dinge beginnen und enden. Er macht seine Natur einheitlich, er nährt seine Kraft, er hält sein WESEN zusammen, um durchzudringen zur Entstehung der Dinge. Wer also ist, dessen Geist wahrt völlige Geschlossenheit, dessen Seele ist ohne Mangel, wo könnten da die Dinge in ihn eindringen?
    Nimm einen Betrunkenen, der vom Wagen fällt. Fällt er auch heftig, er stirbt nicht daran. Seine Knochen sind wie die der andern Leute, aber er bleibt von deren Beschädigung verschont. Das macht: seine Seele ist in sich abgeschlossen. Er merkt weder, wie er fährt noch wie er fällt. Leben und Tod, Schrecken und Furcht dringen nicht in seine Brust, darum braucht er die Dinge, die er begegnet, nicht zu fürchten. Wenn nun dieser Mensch im Wein eine solche völlige Abgeschlossenheit erlangt! Der Berufene ist geborgen im Geist, darum können ihm die Außendinge nicht schaden.«


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    Bogenschießen

    Liä Yü Kou zeigte sich vor Be Hun Wu Jen im Bogenschießen. Er spannte den Bogen zu voller Weite; dann stellte er einen Becher Wasser auf seinen Vorderarm und schoß ab. Ein Pfeil folgte dem andern, während er die ganze Zeit über stand wie eine Bildsäule. Be Hun Wu Jen sprach: »Du bist ein Schütze, aber noch kein Überschütze! Wenn ich mit dir auf einen hohen Berg steige, auf steile Felsen trete am Rand eines hundert Klafter tiefen Abgrunds: kannst du da immer noch schießen?«
    Mit diesen Worten führte ihn Wu Jen auf einen hohen Berg, trat auf einen steilen Felsen am Rand eines hundert Klafter tiefen Abgrunds, wandte sich und ging rückwärts, bis seine Fußsohlen zu zwei Dritteln in die Luft ragten. Da winkte er dem Yü Kou vorzutreten. Der aber duckte sich zur Erde, und der Schweiß rann ihm bis zu den Fersen herunter.
    Da sprach Be Hun Wu Jen: »Ein Adept kann hinaufblicken zum blauen Himmel oder mit seinem Auge hinunterdringen bis zu den Flüssen der Unterwelt oder hinausschweifen in alle Fernen, ohne daß seine Geisteskraft beeinflußt wird. Du aber hast Angst und wagst nicht um dich zu blicken, du sitzest mitten auf dem Land und fühlst dich doch nicht sicher.«


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    Sancta Simplicitas

    Dsï Hua, der Sohn Fan’s, verstand es, sich einen guten Namen zu machen, und das ganze Reich hielt ihn hoch. Er stand in Gunst beim Fürsten von Dsin. Ohne im Amt zu sein, stand er an Rang den höchsten Räten gleich. Wer seinem Auge wohlgefiel, der ward im Staate Dsin befördert: gegen wen er ein übles Wort fallen ließ, der war im Staate Dsin unten durch. Verkehr in seinem Schloß galt gleichviel wie eine Audienz bei Hofe. Er ließ von seinen Schranzen Kluge und Dumme miteinander streiten, Starke und Schwache miteinander kämpfen. Um die Wunden und Brüche, die es dabei absetzte, kümmerte er sich nicht. Tag und Nacht war das sein Spaß, so daß es im Reich beinah zum festen Brauche ward.

    Der Scholar Ho und der Gelehrte Be, zwei vornehme Hausfreunde des Fan, machten einst eine Reise. Sie kamen durch eine abgelegene Gegend und übernachteten in der Hütte eines alten Bauern namens Schang Kiu Kai. In der Nacht unterhielten sie sich über die große Macht ihres Freundes, der Lebende tot und Tote lebend, Reiche arm und Arme reich machen könne. Der alte Bauer hatte sich, von Hunger und Kälte geplagt, unter das Fenster geschlichen und hörte ihr Gespräch. Darum borgte er sich Brot und Lebens mittel, tat sie in einen Korb und lief damit, bis er vor das Tor des Dsï Hua kam.
    Die Genossen des Dsï Hua waren alles vornehme Leute, die an seidene Kleider und prächtige Wagen gewöhnt waren. Sie schlenderten gemächlich umher mit hochmütigen Mienen. Als sie den Schang Kiu Kai erblickten, alt an Jahren und schwach von Kraft, mit sonnenverbranntem Gesicht und altmodischer Kleidung, da trieben sie alle ihren Spott mit ihm, foppten und verhöhnten ihn und stießen und pufften ihn umher auf jegliche Weise. Aber Schang Kiu Kai blieb immer ehrerbietig.

    Als nun die Hausfreunde am Ende ihres Witzes und des Spieles müde waren, da gingen sie mit Schang Kiu Kai auf eine hohe Terrasse. Und es erhob sich ein Gemurmel unter ihnen: »Wer da hinunterspringen kann, der soll hundert Goldstücke zum Lohn bekommen.« Und alle waren damit einverstanden. Schang Kiu Kai hielt es für ernst und stürzte sich eilends hinunter. Er schwebte gleich einem fliegenden Vogel zur Erde, ohne sich zu verletzen. Die Genossen des Fan hielten das für Zufall und wunderten sich weiter nicht darüber. Darum deuteten sie abermals auf einen tiefen Wirbel an der Krümmung des Flusses und sprachen: »Da sind kostbare Perlen darin; wer hinuntertaucht, kann sie sich holen.« Schang Kiu Kai folgte ihnen wieder und tauchte. Als er wieder hervorkam, hatte er wirklich Perlen gefunden. Da fingen alle an, sich zu verwundern.

    Der Hausherr ließ nun Fleisch und Speisen auftragen. Dann ließ er seidene und brokatene Gewänder rings von einem großen Feuer umgeben und sprach: »Wenn du durchs Feuer gehen und diese Stoffe holen kannst: soviel du bekommst, soll dir gehören.« Schang Kiu Kai ging hin, ohne des Feuers zu achten. Er ging und kam zurück, ohne sich im mindesten zu brennen. Da meinten die Genossen, er sei im Besitze geheimen SINNS, und entschuldigten sich alle bei ihm und sprachen: »Wir wußten nicht, daß du, o Meister, geheimen SINN besitzest, und haben dich verhöhnt; wir wußten nicht, daß du, o Meister, ein Gottmensch bist, und haben dich beleidigt. Meister, als Toren stehen wir nun vor dir da. Meister, als Taube stehen wir nun vor dir da. Meister, als Blinde stehen wir nun vor dir da. Dürfen wir wagen, dich, o Meister, um dein Geheimnis zu bitten?«

    Schang Kiu Kai sprach: »Ich habe kein Geheimnis. Aber wenn auch mein Herz die Gründe nicht kennt, immerhin: es gibt Einen Punkt dabei, den will ich versuchen, den Herren zu sagen. Als neulich zwei Herren als Gäste in meiner Hütte nächtigten, da hörte ich sie die Macht des Herrn Fan rühmen, der Lebende zum Tode und Tote zum Leben bringen, der Reiche arm und Arme reich machen könne. Das nahm ich ernst mit einfältigem Herzen, darum scheute ich nicht den weiten Weg und kam hierher. Als ich hierher gekommen war, da hielt ich die Worte der Herren alle für wirklich und fürchtete nur, sie nicht ernst genug zu nehmen, sie nicht ausführen zu können. Darüber vergaß ich, auf die Sicherheit meines Lebens, auf Nutzen und Schaden zu achten. Mein Herz war einfältig, darum haben mir die Außendinge so wenig entgegen sein können. Das ist die ganze Sache.

    Nun erst wird mir klar, daß die Herren mich zum besten hatten. Ich hege innerlich Zweifel und Furcht, und das, was ich sehe und höre, dringt auf mich ein. Wenn ich daran denke, daß ich vorhin glücklich dem Verbrennen und Ertrinken entgangen, so wird mirs hinterher heiß vor Angst, und ich zittere vor Aufregung. Wie sollte ich jemals mich wieder ins Wasser oder Feuer wagen?«
    Wenn seither die Genossen des Herrn Fan auf der Straße etwa einem Bettler oder Pferdedoktor begegneten, so wagten sie nicht mehr, ihn zu beleidigen, sondern stiegen stets vom Wagen und verneigten sich vor ihm.

    Dsai Wo hörte die Geschichte und erzählte sie Dschung Ni (Konfuzius). Der sprach: »Weißt du nicht, daß ein Mensch, der Glauben hat, alle Dinge bemeistern, Himmel und Erde bewegen, Geister und Götter rühren, ja die Enden der Welt durchkreuzen kann, ohne daß ihm etwas widersteht? Demgegenüber ist es eine Kleinigkeit, von hohen Abgründen sich zu stürzen oder durch Feuer und Wasser zu gehen. Schang Kiu Kai glaubte Lügnern, und die Dinge konnten ihm nicht widerstehen. Wie muß es erst sein, wenn beide in der Wahrheit stehen! Meine Kinder, merkt es euch!«


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    Tierbändigung

    Der Verwalter der Tiergärten des Königs Süan von Dschou hatte einen Wärter namens Liang Yang, der war tüchtig in der Pflege der Tiere. Wenn er das Futter in den Hof oder Zwinger brachte, so waren selbst Tiger und Wölfe, Adler und Geier ganz zahm. Die alten Männchen und Weibchen kamen zuerst, die Jungen in Herden hinterdrein. Die verschiedenen Arten wohnten beieinander und taten sich nichts zuleide.
    Der König fürchtete, daß er seine Geschicklichkeit mit ins Grab nehme, und befahl ihm, sie den Mau Kiu Yüan zu lehren. Liang Yang sprach (zu diesem): »Mein Dienst ist gering; ich wüßte keine besondere Geschicklichkeit, die ich dir sagen könnte. Doch ich fürchte, der König denkt, ich wollte es vor dir geheimhalten; darum will ich dir mit Einem Wort meine Art der Pflege der Tiger mitteilen. Geht es nach ihrem Sinn, so empfinden sie Lust; geht es gegen ihren Sinn, so werden sie wütend. Das liegt in der Natur von allem Fleisch und Blut. Aber Lust und Wut entstehen nicht grundlos, sondern nur als Gegenwirkung von Reizung.
    Wer Tiger füttert, der soll sich hüten, ihnen lebende Tiere zu geben, um der Wut willen, die beim Töten erwacht. Man muß sich hüten, ihnen ganze Tiere zu geben, um der Wut willen, die beim Zerreißen erwacht. Man muß zur Zeit ihren Hunger stillen, um zum voraus ihrer Wut zu begegnen. Die Tiger sind wohl ihrer Gattung nach vom Menschen verschieden, aber freundlich gefüttert zu werden, ist auch ihnen angenehm; darum werden sie gereizt, wenn sie etwas zu töten haben. Da es also ist, so hüte ich mich, ihnen zu Willen zu sein, daß sie nicht in Lust kommen. Denn Lust schlägt sicher in Wut um, und die Wut schlägt immer wieder in Lust um; beides sind keine in sich ruhenden Zustände.
    Da ich nun in meinem Gefühl sie weder reize noch ihnen zu Willen bin, so sehen mich Tiere und Vögel als ihresgleichen an, darum spazieren sie in meinem Garten und denken nicht an ihre hohen Wälder und weiten Sümpfe; sie ruhen in meinem Zwinger und sehnen sich nicht nach verborgenen Bergen und tiefen Tälern. Durch Vernunft habe ich es dahin gebracht.«


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    Der Fährmann

    Yän Hui fragte den Dschung Ni und sprach: »Ich fuhr über die Untiefe von Tschang Schen (tiefer Becher). Der Fährmann lenkte das Boot wie ein Gott. Ich fragte ihn und sprach: ›Kann man das Lenken der Boote lernen?‹ Er sprach: ›Ja, wer schwimmen kann, den kann man es lehren; ein tüchtiger Schwimmer kann es von selber. Was aber ein Taucher ist: der erblickt zum erstenmal ein Boot und kann es sofort lenken.‹ Wonach ich gefragt hatte, das hat er mir aber nicht gesagt. Darf ich fragen: Was meinte er mit seinen Worten?«
    Dschung Ni sprach: »Wie oft habe ich mit dir schon diese Ideen behandelt, und nun sie dir wirklich vor Augen treten, so verstehst du sie doch nicht. Was muß ich nun erst wieder die ganze Sache bereden!
    Die, die schwimmen können, kann man es lehren; denn sie fürchten das Wasser nicht. Ein guter Schwimmer lernt es von selber; denn er kümmert sich nicht um das Wasser. Was aber ein Taucher ist, der erblickt zum erstenmal ein Boot und kann es sofort lenken, weil in seinen Augen die Wassertiefe ist wie das trockene Land und das Kentern des Bootes wie das Festfahren eines Wagens. Beim Kentern wie beim Festfahren liegt die Welt vor ihm da, ohne in sein Inneres eindringen zu können. Da ist es ganz natürlich, daß er sich daran macht und ganz ruhig dabei bleibt.
    Es ist wie beim Auffange-Spiel. Hascht man um Ziegelsteine, so ist einer vielleicht geschickt, geht es um Gürtelspangen, so wird er zagend, geht es um gelbes Gold, so verliert er alle Besinnung. Und doch ist seine Geschicklichkeit die gleiche, aber er wird ängstlich und nimmt das Äußere wichtig. Wer aber das Äußere wichtig nimmt, der wird in seinem Inneren betört.«


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    Der Alte am Wasserfall

    Meister Kung betrachtete den Wasserfall von Lü Liang, der dreißig Klafter hoch herabstürzt, also daß meilenweit das Wasser schäumt und selbst Schildkröten, Fische und Molche nicht hinunterschwimmen können. Da sah er einen Menschen, der hinunterschwamm. Er meinte, er habe Bitternis und wolle sich den Tod geben, und ließ seine Jünger an den Fluß eilen, um ihn aufzufangen. Aber nach ein paar hundert Schritten kam er wieder heraus, trocknete sein Haar und sang im Gehen, während er unten am Ufer umherwandelte.
    Meister Kung ging ihm nach, fragte ihn und sprach: »Der Wasserfall von Lü Liang stürzt dreißig Klafter hoch herab, also daß meilenweit das Wasser schäumt und selbst Schildkröten, Fische und Molche nicht hinunterschwimmen können. Als ich Euch hinunterschwimmen sah, dachte ich, Ihr habet Bitternis und wollet Euch den Tod geben. Ich ließ meine Jünger hinuntereilen, um Euch aufzufangen. Nun kamet Ihr heraus und trocknetet Euch die Haare und sanget im Gehen: da dachte ich, Ihr wäret ein Geist. Sehe ich euch genauer an, so seid Ihr ein Mensch. Darf ich fragen, ob es geheimen SINN gibt, der das Wandeln auf dem Wasser lehrt?«
    Jener sprach: »Nein, ich habe kein Geheimnis. Anfangs Gewöhnung, wurde es mir zur Natur und ist mir nun Schicksal. Mit dem saugenden Wirbel zusammen gehe ich hinein, mit dem schäumenden Strudel zusammen komme ich heraus. Ich folge dem Sinn des Wassers und tue nichts selbst. Das ist es, warum ich darin wandeln kann.«
    Meister Kung sprach: »Was bedeutet das: Anfangs Gewöhnung, wurde es mir zur Natur und ist mir nun Schicksal?« Jener sprach: »Ich bin geboren in diesen Hügeln und fühle mich in diesen Hügeln wohl: das ist die Gewohnheit. Ich wurde groß im Wasser und fühle mich im Wasser wohl: das ist meine Natur. Ohne zu wissen, warum ich es so mache, mache ich es so: das ist mein Schicksal.«


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    Der bucklige Zikadenfänger

    Als Dschung Ni auf der Wanderung nach Tschu aus einem Walde herauskam, sah er einen Buckligen, der Zikaden fing, als pflückte er sie nur so von den Bäumen. Dschung Ni sprach: »Beruht deine Geschicklichkeit auf dem Besitz geheimen SINNS?«
    Jener sprach: »Ja, ich besitze ein Geheimnis. Fünf, sechs Monate lang legte ich zwei Erdkügelchen auf (die Leimrute), und als sie nicht mehr herunterfielen, da mißte ich von den Zikaden nur noch wenige. Dann legte ich drei auf. Als die nicht mehr herunterfielen, mißte ich unter zehn höchstens eine. Dann legte ich fünf auf, und seit die nicht mehr herunterfallen, kann ich sie nur so abpflücken. Ich mache meinen Körper unbeweglich wie einen Baumstumpf und halte meinen Arm wie einen dürren Ast. Von all den unzähligen Dingen zwischen Himmel und Erde kenne ich nur die Flügel der Zikaden. Davon weiche ich nicht ab und tausche nicht um die ganze Welt die Flügel der Zikaden ein. So bringt man alles fertig.«
    Meister Kung blickte seine Schüler an und sprach: »Wer seinen Willen gebraucht ohne Zerteilung, dem verdichtet er sich zu einer geistigen Macht. Das ist wohl die Meinung dieses buckligen Alten.« Der Alte sprach: »Ihr Herren in langen Gewändern, was wißt ihr nach solchen Dingen zu fragen! Pflegt euren Wandel und heftet nachher eure Worte daran.«


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    Die Seemöwen

    Unter den Leuten am Meer waren etliche, die Seemöwen liebten. Jeden Morgen gingen sie auf das Meer hinaus und schwammen den Möwen nach. Und die Seemöwen kamen herbei zu Hunderten und mehr. Da sprach ihr Vater: »Ich höre, die Seemöwen schwimmen euch nach. Fangt doch ein paar, daß ich mit ihnen spiele.« Am anderen Tage schwammen sie wieder ins Meer hinaus. Die Möwen kreisten in der Luft, kamen aber nicht herunter. Darum heißt es: »Vollkommene Rede ist ohne Worte, vollkommenes Tun ist ohne Handeln. Was alle Weisen wissen, ist flach.«


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    Jagderlebnis

    Siang Dsï von Dschau ging mit einem Gefolge von hunderttausend Mann zur Feuerjagd in den Mittelberg. Mit dürrem Reisig ward der Wald angesteckt, daß die Lohe sich meilenweit ergoß. Da kam ein Mann aus einer Felswand hervor und schwebte mit dem Rauch und den Funken auf und nieder. Alle hielten ihn für ein Geisterwesen. Als das Feuer vorüber war, da kam er gemächlich hervor, als wäre ihm nichts widerfahren.
    Siang Dsï verwunderte sich und behielt ihn bei sich und untersuchte ihn bedächtig. Er hatte die Gestalt und die Züge eines Menschen, er atmete und redete wie ein Mensch. Da fragte er ihn: »Durch was für ein Geheimnis kannst du in den Felsen weilen, durch was für ein Geheimnis kannst du durch das Feuer schreiten?« Jener Mensch sprach: »Was für ein Ding nennst du Fels, was für ein Ding nennst du Feuer?« Siang Dsï sprach: »Das, woraus du vorhin hervorkamst, ist Fels; das, was du vorhin durchschrittest, ist Feuer.« Jener Mensch sprach: »Das kenne ich nicht.«
    Der Fürst Wen von We hörte davon und fragte den Dsï Hia: »Was für ein Mensch war das?« Dsï Hia sprach: »Nach dem, was ich den Meister reden hörte, ist der, der inneren Einklang hat, in Gemeinschaft mit den Dingen, so daß die Dinge ihm nichts anhaben können. Er vermag durch Metall und Stein zu dringen und in Wasser und Feuer zu wandeln.« Der Fürst Wen sprach: »Warum tut Ihr das nicht, mein Herr?« Dsï Hia sprach: »Meiner Gefühle mich entäußern und mein Bewußtsein aufgeben, das kann ich noch nicht. Immerhin habe ich Muße, um zu versuchen, darüber zu reden.« Der Fürst Wen fragte weiter: »Und warum hat es der Meister nicht getan?« Dsï Hia sprach: »Der Meister hätte es vermocht; aber er vermochte es, darauf zu verzichten.« Da war der Fürst Wen hoch befriedigt.


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    Der Zauberer und der Weise

    Es war einmal ein göttlicher Zauberer, der kam von Tsi und ließ sich in Dscheng nieder. Sein Name hieß: Gi Hiän. Er wußte Tod und Leben, Sein und Nichtsein, Glück und Unglück, langes und kurzes Leben auf Jahr, Monat, Woche und Tag hinaus genau zu bestimmen wie ein Gott. Wenn die Leute von Dscheng seiner ansichtig wurden, so gingen sie ihm alle aus dem Wege.

    Liä Dsï besuchte ihn, und sein Herz ward betört. Er kehrte zurück, um es dem Meister Hu Kiu anzusagen und sprach: »Anfangs hielt ich des Meisters Sinn und Lehre für vollkommen, nun aber gibt es eine, die doch wohl noch vollkommener ist.« Meister Hu sprach: »Ich kam mit dir nur bis zum Buchstaben, nicht bis zum Wesen selbst, und nun hast du wirklich den geheimen SINN erlangt? Was für Eier legen denn die Hennen ohne Hahn? Daß du über den geheimen SINN mit der Welt streitest, zeigt deine Arglosigkeit, darum hat der Mensch dich in die Hand bekommen und aus deinen Mienen gelesen. Versuche es einmal, ihn mit hierher zu bringen, damit ich es ihm zeige.«

    Andern Tags kam Liä Dsï mit ihm vor den Meister Hu. Beim Hinausgehen sprach er zu Liä Dsï: »Wehe, dein Lehrer wird sterben und nicht am Leben bleiben, er kann es höchstens noch eine Woche lang treiben. Ich habe Wunderliches gesehen, ich habe feuchte Asche gesehen.«

    Liä Dsï ging wieder hinein und weinte bitterlich, also daß die Tränen seine Kleider feuchteten, und sagte es dem Meister Hu. Meister Hu sprach: »Ich habe ihm soeben im Geiste die äußere Form der Erde gezeigt, wenn die Keime sich noch nicht regen und noch nicht da sind. So sah er wohl die Wirkung meiner Lebenskraft in verhaltenem Zustand. Komm noch einmal mit ihm.«
    Tags darauf kam er wieder mit ihm vor den Meister Hu. Beim Hinausgehen sprach er zu Liä Dsï: »Zum Glück hat dein Lehrer mich getroffen. Er ist geheilt. Er hat völliges Leben. Ich sah eine gleichstehende Waage.«

    Liä Dsï ging hinein und sagte es dem Meister Hu. Meister Hu sprach: »Ich habe ihm soeben im Geiste den vom Himmel befruchteten Boden gezeigt. Ohne daß von außen her ein Begriff oder etwas Wirkliches in ihn eingeht, regte sich zu meinen Füßen der Kreislauf des Lebens. Das war die gleichstehende Waage. So sah er mich wohl im Zustand meiner Güte. Komm noch einmal mit ihm.«
    Tags darauf kam er wieder mit ihm vor den Meister. Beim Hinausgehen sagte er zu Liä Dsï: »Dein Lehrer ist nicht gesammelt, darum kann ich nicht in seinen Mienen lesen. Er soll versuchen sich zu sammeln, dann will ich wieder seine Mienen deuten.«

    Liä Dsï ging hinein und sagte es dem Meister Hu. Meister Hu sagte: »Eben zeigte ich ihm im Geiste die große unergründliche Tiefe. So hat er wohl etwas von den Wirkungen meiner Beharrungskraft verspürt. Aber komm wieder mit ihm.«

    Tags darauf kam er wieder mit ihm vor den Meister. Aber noch ehe er sich richtig hingestellt hatte, verlor er die Fassung und lief weg. Meister Hu sprach: »Lauf ihm nach!« Liä Dsï lief ihm nach, holte ihn aber nicht ein. Er kam zurück, meldete es dem Meister Hu und sprach: »Er ist verschwunden, er hat sich verloren, ich konnte seiner nicht habhaft werden.«

    Meister Hu sprach: »Eben habe ich ihm im Geiste gezeigt, wie vor aller Dinge Anfang mein Vater (der SINN) hervortrat. Ich bot ihm das Wesenlose und war unpersönlich. Er wußte nicht, was er daraus machen sollte. Es war ihm wie stürmender Wirbel, es war ihm wie fließende Wogen, darum lief er weg.«

    Danach meinte Liä Dsï, daß er noch nicht die ersten Anfänge gelernt habe. Er ging heim und kam drei Jahre lang nicht wieder hervor. Er kochte für sein Weib und brachte den Schweinen das Futter, gleich als ob es Menschen wären. Um andere Geschäfte kümmerte er sich nicht. Allerhand Schmuck und Zier schaffte er ab. Nur die einfache Form ließ er bestehen. Alles Zerstreuende beseitigte er. Und das Eine dadurch erlangte er.


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    Vergebliche Weltflucht

    Meister Liä Dsï wollte nach Tsi, kehrte aber auf halbem Wege wieder um. Da begegnete er dem Be Hun Wu Jen. Der sprach: »Was kommst du schon wieder zurück?« Er sprach: »Ich fürchte mich.« »Ach, du fürchtest dich?« »Ich aß unterwegs in zehn Garküchen, und fünfmal setzten sie mir, ohne Geld zu nehmen, die Suppe hin.« »Nun gut, warum brauchst du dich da zu fürchten?« Er sprach: »Innere Wahrheit läßt sich nicht erraten, Gestalt und Klugheit scheint nach außen. Wenn man aber nur mit seinem Äußeren auf die Menschen Eindruck macht, so bringen sie einem leichthin allerlei Ehren dar, und daraus entsteht nur Leid und Verwirrung. Nun betreiben die Garköche den Verkauf ihrer Nahrungsmittel als Gewerbe, nicht viel haben sie übrig als Gewinn. Ihr Streben nach Vorteil und Macht ist nicht heftig. Und wenn trotzdem schon sie so zu mir waren, wie wäre es da erst beim Fürsten des Landes ergangen, auf dessen Person die Last des Reiches ruht und dessen Weisheit zu Ende ist in seinen Staatsgeschäften. Der würde mich sicher mit Staatsgeschäften betraut und große Taten von mir verlangt haben. Darum habe ich mich gefürchtet.«

    Be Hun Wu Jen sprach: »Du zeigst eine prachtvolle Vorsicht! Aber wenn du dich auch zurückziehst: sieh zu, die Leute werden dich doch überlaufen.«

    Nicht lange danach ging er zu ihm. Da war vor der Tür alles voll von Schuhen. Be Hun Wu Jen blieb mit dem Gesicht nach der Tür stehen und stützte das Kinn auf seinen Stab. Nach einer Weile ging er weg, ohne ein Wort zu sagen. Der Pförtner sagte es dem Liä Dsï. Liä Dsï nahm seine Schuhe auf und lief ihm barfuß nach.
    Er holte ihn am Hoftor ein und fragte ihn: »Meister, da du doch einmal gekommen bist, willst du mir nicht einen heilsamen Rat spenden?« Jener sprach: »Es ist zu spät! Ich habe dir ja gesagt, daß die Menschen dich überlaufen werden, und nun ist’s richtig so, daß sie dich überlaufen. Darum handelt sich’s nicht, daß du verstehst die Leute anzuziehen, daß sie dich überlaufen, sondern darum, daß du es nicht verstehst zu machen, daß sie dich nicht überlaufen. Was brauchst du auf sie zu wirken? Sobald einmal die Wirkung auf andere sich erstreckt, gibt es sicher eine Gegenwirkung. Dein eignes Ich wird schwankend und du merkst es nicht. Die mit dir wandeln, sagen es nicht. Ihr leer Gerede ist für Menschen Gift. Bewußtlos, achtlos, wie kann man so einander zur Reife helfen!«


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    Bescheidenheit

    Yang Dschu war im Süden von Pe. Lau Dan wanderte im Westen in Tsin. Als jener an die Grenze kam bei Liang, traf er den Lau Dsï (Laotse). Mitten auf dem Wege blickte Lau Dsï zum Himmel empor und seufzte: »Ich dachte erst, man könnte dich lehren, nun aber bist du doch unbelehrbar.« Yang Dsï erwiderte nichts.
    Als sie zur Herberge kamen und er fertig war mit Waschen, Mundausspülen, Abtrocknen und Kämmen, zog er seine Schuhe aus vor der Tür und begab sich auf den Knien vor ihn hin und sprach: »Vorhin hat der Meister gen Himmel geblickt und seufzend gesprochen: ›Ich dachte erst, man könnte dich lehren, nun aber bist du doch unbelehrbar.‹ Ich wollte gern den Meister um ein Wort der Erklärung bitten, aber beim Gehen war nicht Muße, darum wagte ich es nicht. Nun hat der Meister Muße, und ich bitte um Aufschluß über meine Fehler.«
    Lau Dsï sprach: »Du hast so etwas Selbstzufriedenes in deinem Blick. Da mag niemand mit dir sein.

    Die höchste Reinheit erscheint als Schmach,
    Das weite Leben erscheint als ungenügend.«

    Yang Dsï errötete beschämt und sprach: »Ich will mirs gewissenhaft zu Herzen nehmen.«
    Als er in die Herberge eingetreten, war er zuvorkommend empfangen worden, der Wirt hatte eine Matte gebracht, die Wirtin ein Handtuch, die Gäste waren von ihren Plätzen aufgestanden, und die sich wärmten, hatten ihm am Herde Platz gemacht. Als er herauskam, da machten ihm die Gäste die Matte streitig.


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    Die beiden Weiber

    Yang Dschu wanderte durch Sung und kam im Osten davon in eine Herberge. Der Herbergswirt hatte zwei Weiber, die eine war schön und die andere häßlich. Die Häßliche war geehrt und die Schöne verachtet. Meister Yang fragte nach dem Grunde. Da sagte der junge Mann in der Herberge zu ihm: »Die Schöne hält sich selber für schön, darum weiß ich von ihrer Schönheit nichts. Die Häßliche hält sich selber für häßlich, darum weiß ich von ihrer Häßlichkeit nichts.«
    Meister Yang sprach: »Meine Jünger, merkt es euch! Wandelt recht, aber meidet selbstgerechten Wandel; dann mögt ihr kommen, wohin ihr wollt, und man wird euch lieben.«


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    Der Weg zum Sieg

    Es gibt in der Welt einen immer sieghaften Sinn und einen immer sieglosen Sinn. Der sieghafte Sinn heißt Demut, der sieglose Sinn heißt Gewalt. Beides ist leicht zu erkennen, aber die Menschen erkennen es noch nicht. Darum haben die Alten gesagt: Gewalt verläßt sich darauf, daß andres dem eignen Selbst nicht gleichkommt; Demut verläßt sich auf das, was aus dem eigenen Selbst hervorgeht.
    Wenn einer sich darauf verläßt, daß andere seinem eignen Selbst nicht gleichkommen, und die andern erreichen es dann doch, seinem eignen Selbst gleichzukommen, so kommt er in Gefahr. Wer sich auf das verläßt, was aus seinem eigenen Selbst hervorgeht, kommt nie in Gefahr. Dadurch siegt man über Ein Ich wie nichts; dadurch waltet man über der Welt, wie nichts. Das heißt: man siegt nicht, es siegt sich von selber. Man waltet nicht, es walte sich von selber.
    Meister Yu sprach: »Willst du Härte, mußt du sie durch Weichheit wahren. Willst du Stärke, mußt du sie durch Schwäche schützen. Übe dich in Demut, so wirst du fest. Übe dich im Schwachsein, so wirst du stark. Wenn du darauf siehst, was einer übt, so weißt du, ob Glück oder Unglück ihm naht. Die Gewalt siegt über das, was dem eigenen Selbst nicht gleich kommt. Das, was dem eigenen Selbst gleichkommt, stößt hart mit ihr zusammen. Demut siegt durch das, was aus ihrem eignen Selbst hervorgeht, ihre Macht ist ohne Maß.«
    Lau Dan sprach:

    »Sind Waffen stark, so bersten sie.
    Ist ein Baum stark, so zerbricht er.
    Weichheit und Schwäche sind Gesellen des Lebens,
    Festigkeit und Stärke sind Gesellen des Todes.«


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    Gestalt und Gehalt

    Die ist oft nicht gleich, wo die Denkart gleich ist. Die Denkart ist oft nicht gleich, wo die Gestalt gleich ist. Der Berufene fragt nach der Gleichheit der Denkart und läßt die Gleichheit der Gestalt beiseite. Die große Menge hält sich an die Gleichheit der Gestalt und vernachlässigt die Gleichheit der Denkart. Wer an Gestalt mir gleicht, dem fühle ich mich nahe, den liebe ich. Wer an Gestalt von mir verschieden ist, der ist mir fremd und ich scheue ihn.

    Ein Wesen, das ein Knochengerüst von sieben Fuß hat, Hand und Fuß voneinander verschieden, Haare auf dem Kopf hat und festgereihte Zähne im Mund, sich anlehnen kann und bücken, wird Mensch genannt. Aber es ist gar nicht ausgemacht, daß solch ein Mensch nicht das Herz eines Tieres hat. Aber ob er auch das Herz eines Tieres hat, so fühlt man sich wegen seiner Gestalt mit ihm verwandt. Ein Wesen, das Flügel anhat oder Hörner trägt, das geteilte Zähne hat oder gespreizte Klauen, das nach oben gerichtet ist und fliegen kann oder nach unten gerichtet ist und läuft, wird ein Tier genannt. Aber es ist gar nicht ausgemacht, daß solch ein Tier nicht das Herz eines Menschen hat. Aber ob es auch das Herz eines Menschen hat, so fühlt man sich wegen seiner Gestalt ihm fremd.

    Aber Fu Hi, Nü Wa, Schen Nung, Hia Hou hatten Schlangenleib und Menschengesicht oder einen Stierkopf oder eine Tigerschnauze. Sie hatten also eine nichtmenschliche Gestalt, und doch hatten sie die geistige Kraft von Gottmenschen. Der König Gie aus dem Hause Hia, der König Dschou Sin aus dem Hause Yin, der Fürst Huan von Lu, der Fürst Mu von Tschu waren an Gestalt, Ansehen und Gesichtszügen gleich wie Menschen, aber sie hatten die Herzen von Tieren. Wenn sich die große Menge nur einzig an die Gestalt hält, um so auf die Denkart zu kommen, so kommt sie damit nicht zustande.
    Als der Herr der gelben Erde (Huang Di) mit dem Herrn der Feuerflammen kämpfte auf dem Felde der Hügelquelle, da führte er Bären und Wölfe, Panther und Tiger als Vorhut ins Feld und Adler und Seeadler, Falken und Weihen als Fahnenträger. Er brauchte die Tiere durch seine Macht.

    Yau ließ durch Kui die Musik aufzeichnen. Er schlug die Leier, und alle Tiere des Waldes lockte er zum Tanz herbei. Wenn die Flötentöne der Schau-Musik neunmal erklangen, so kam der Vogel Phönix herbei und kreiste in der Luft. Diese wirkten auf die Tiere durch die Macht der Töne. Wie kann also das Herz der Tiere von dem der Menschen so gar verschieden sein? Ihre Gestalt und Sprache sind von denen der Menschen verschieden, und wir wissen nicht das Geheimnis, mit ihnen umzugehen. Die Gottmenschen sind allwissend und allweise, darum können sie sie zu ihrem Gebrauche leiten. Die Denkart der Tiere ist von Natur gleichartig mit der des Menschen. Sie alle streben nach Erhaltung des Lebens und borgen doch nicht diese ihre Denkart vom Menschen. Männchen und Weibchen paaren sich. Die Mütter und die Jungen lieben einander. Sie meiden die Ebene und suchen Schutz auf steilen Felsen. Sie kehren sich ab von der Kälte und kommen zur Wärme. Sie wohnen in Herden und wandern in Zügen. Die Kleinen halten sich innen, die Starken halten sich außen. Sie führen einander zur Tränke, und wenn es zu fressen gibt, rufen sie die Herde. In uralten Zeiten wohnten sie mit den Menschen zusammen und wanderten mit ihnen. Erst zur Zeit der Herren und Könige begannen sie sich zu fürchten und zerstreuten sich in die Irre. Seit den letzten Zeiten erst verstecken sie sich und laufen davon, um Leid und Schaden zu entgehen.

    Im Osten ist der Staat Gie (Kiautschou). Die Leute dieses Volkes können noch vielfach die Sprache der Haustiere verstehen. Sie erreichen das wohl durch zufällige Erkenntnis. In uralter Zeit die Gottmenschen aber erkannten völlig aller Wesen Eigenschaften und Zustände. Sie verstanden die Laute andersartiger Wesen. Sie waren mit ihnen zusammen und sammelten sie um sich. Sie zähmten sie und nahmen sie bei sich auf gleichwie das Menschenvolk. Darum lebten sie zusammen mit Geistern, Göttern, Kobolden und Teufeln, verstanden ferner die Menschenvölker aller Weltgegenden, und schließlich versammelten sie Vögel, Tiere, Lurche und Kerfe. Sie sagten: »Alle Geschlechter von Fleisch und Blut sind in der Denkart des Herzens nicht gar weit verschieden.« Da die Gottmenschen sie also kannten, so blieb ihre Lehre bei keinem erfolglos.


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    Der Affenvater

    Im Lande Sung lebte ein Affenvater. Der hatte die Affen gern und hielt eine ganze Herde davon. Er verstand ihre Gedanken, und auch die Affen begriffen, was er meinte. Er erfüllte alle Wünsche der Affen, selbst auf Kosten seiner Familie.
    Plötzlich kam eine Teuerung, und er mußte ihr Futter verkürzen. Auf daß die Affen nicht wild gegen ihn würden, redete er erst listig also zu ihnen: »Wenn ich euch morgens drei Bündel Heu gebe und abends vier, ist das genug?« Da erhoben sich die Affen alle und wurden böse. Plötzlich sprach er: »Gut, ich gebe euch morgens vier Bündel Heu und abends drei, ist das genug?« Da legten sich die Affen alle wieder nieder und waren erfreut.
    Der Weise überlistet durch seine Klugheit die Menge der Toren, gleichwie der Affenvater durch seine Klugheit die Menge der Affen überlistete. Ohne Namen und Wesen zu ändern, konnte er machen, daß sie zornig wurden oder sich freuten.


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    Der Kampfhahn

    Gi Siau Dsï richtete für den König Süan vom Hause Dschou einen Kampfhahn zu. Nach zehn Tagen fragte der König: »Kann der Hahn schon kämpfen?« Er sprach: »Noch nicht, er ist noch eitel, stolz und zornig.« Nach aber zehn Tagen fragte er wieder. Er sprach: »Noch nicht, er geht noch auf jeden Laut und Schatten los.« Nach aber zehn Tagen fragte er wieder. Er sprach: »Noch nicht, er blickt noch heftig und strotzt vor Kraft.« Nach aber zehn Tagen fragte er wieder. Er sprach: »Nun geht es. Wenn andere Hähne krähen, so macht das keinen Eindruck mehr auf ihn.« Der Hahn war anzusehen wie aus Holz. Sein Wesen war vollkommen. Fremde Hähne wagten nicht mit ihm anzubinden, sie kehrten um und liefen weg.


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    Der Sophist

    Hui Yang kam zum König Kang von Sung. Der König Kang sprang auf und rief erregten Tones: »Was Uns erfreut, ist Heldenmut und Kraft. Wir mögen nicht Gerechtigkeit und Liebe. Womit kannst du, o Fremdling, Uns belehren?«

    Hui Yang erwiderte: »Ich habe ein Mittel, dadurch wird der Mensch fest, also daß auch eines Heiden Stich nicht in ihn eindringen und eines Starken Schlag ihn nicht treffen kann. Hat der große König allein keinen Sinn dafür?« Der König von Sung sprach: »Gut! Das ist’s, was Wir zu hören wünschen.«

    Hui Yang sprach: »Stechen, ohne zu verletzen; schlagen, ohne zu treffen, ist eine Schande. Ich habe ein Mittel, das macht, daß ein Mensch, sei er auch heldenhaft, nicht mehr zu stechen, sei er auch stark, nicht mehr zu schlagen wagt. Das nicht mehr zu wagen, heißt aber noch nicht, es gar nicht mehr wollen. Ich habe ein Mittel, das macht, daß der Mensch von sich aus gar nicht mehr den Willen zu solchen Taten hat. Diesen Willen nicht zu haben, ist aber noch nicht so gut, als den Vorteil zu lieben. Ich habe ein Mittel, das macht, daß alle Männer und Weiber auf der ganzen Welt freudig den Vorteil lieben wollen. Das ist noch besser als Heldenmut und Kraft und höher als aller Rang und Stand. Hat der große König allein keinen Sinn dafür?« Der König von Sung sprach: »Das ist’s, was Wir zu erlangen wünschen.«

    Hui Yang erwiderte: »Kung und Mo hatten es schon. Kung Kiu und Mo Di hatten kein Land und waren doch Fürsten, keine Diener und waren doch Herren. Auf der ganzen Welt alle Männer und Weiber reckten die Hälse und standen auf den Zehen und hofften Heil und Frieden von ihnen. Du, großer König, bist ein mächtiger Herrscher. Wenn Du wirklich diesen Willen hast, so werden alle in Deinem Reich Dein Heil erlangen. Das ist noch weit mehr als Kung und Mo.« Der König von Sung wußte nichts zu erwidern. Da ging Hui Yang eilends hinaus.
    Der König von Sung sprach zu seinem Gefolge: »Diese Zungenfertigkeit! Der Fremdling hat durch sein Reden Uns überwältigt.«

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      Buch 3 – König Mu von Dschou

      Die Sagen vom König Mu

      Zur Zeit des Königs Mu vom Hause Dschou kam ein Magier aus dem äußersten Westen. Der konnte ins Feuer und Wasser gehen, Metall und Steine durchdringen, Berge und Flüsse verkehren, Städte und Burgen versetzen, er konnte den leeren Raum besteigen, ohne zu fallen, er konnte gegen Festes stoßen, ohne Widerstand zu finden. Tausenderlei Wandlung konnte er vollbringen in unerschöpflicher Fülle. Und hatte er die Gestalten der Dinge verändert, so wandelte er noch zudem die Gedanken der Menschen.
      König Mu ehrte ihn wie einen Gott und diente ihm wie einem Herrscher. Er räumte seine Gemächer, um ihn zu beherbergen, ließ Opfertiere herführen, um sie ihm darzubringen, und wählte Sängerinnen aus, ihn zu ergötzen.
      Dem Magier waren die königlichen Gemächer zu dürftig um darin zu wohnen, die königlichen Speisen zu übelriechend, um ihren Duft zu genießen, die königlichen Haremsmädchen zu bockigt, um ihnen zu nahen.
      Der König Mu ließ nun für ihn ein anderes Gebäude errichten; die Arbeiten der Maurer und Zimmerleute, die Farben der Maler und Tüncher: nichts ließ an Geschick zu wünschen übrig. Die Schatzkammern waren leer, als das Gebäude seine volle Höhe erreicht. Hundert Klafter ragte es empor, noch über den Gipfel des Südendberges hinaus. Man nannte es: den Palast des Mittelhimmels.
      Er suchte Jungfrauen aus, die schönsten und zartesten von Dscheng und We, gab ihnen Wohlgerüche, ließ sie die Augenbrauen schön geschwungen ziehen und schmückte sie mit Haarschmuck und Ohrgehängen. Er kleidete sie in feine Tücher und ließ sie von weißer Seide umflattern, das Gesicht weiß, die Brauen schwarz schminken, Armringe aus Edelsteinen anziehen und duftende Kräuter mischen. Sie erfüllten den Palast und sangen die Lieder der alten Könige: »Halte die Wolken«, »Sechsfacher Glanz«, »Neunfache Harmonien«, »Der Morgennebel«, um ihn zu erfreuen.
      Jeden Monat brachte er die köstlichsten Kleider dar und jeden Morgen die feinsten Speisen. Der Magier ließ es sich gefallen; weil er nicht anders konnte, nahm er damit vorlieb.
      Nach wenigen Tagen lud er den König ein, mit ihm zu reisen. Der König hielt sich an des Magiers Ärmel. So fuhren sie in die Höhe bis mitten in den Himmel. Da hielten sie an und waren am Schloß des Magiers angelangt. Das Schloß des Magiers war aus Gold und Silber gebaut, mit Perlen und Edelsteinen geschmückt. Es ragte über Wolken und Regen empor. Man wußte nicht, worauf es ruhte. Es erschien dem Blick wie aufgetürmte Wolken. Was den Sinnen sich bot, war alles anders als die Dinge der Menschenwelt. Dem König war es, als sei er leibhaftig inmitten der purpurnen Tiefen der Ätherstadt, der Sphärenharmonien des Himmels, wo der große Gott wohnt. Der König blickte nach unten, da sah er seine Schlösser und Lusthäuser wie Erdhügel und Strohhaufen. Der König weilte darum einige Jahrzehnte hier und dachte nicht mehr an sein Reich.

      Da lud der Magier den König abermals ein, mit ihm zu reisen. An dem Ort, dahin sie kamen, sah man oben nicht Sonne noch Mond, unten nicht Flüsse noch Meere. Die Lichtgestalten, die sich zeigten, konnte der König geblendeten Auges nicht erkennen; die Klänge, die herankamen, konnte der König betäubten Ohres nicht vernehmen. Er war einer Ohnmacht nahe und drohte das Bewußtsein zu verlieren. Da bat er den Magier zurückzukehren. Der Magier berückte ihn, da war es dem König, als wenn er ins Leere hinabfiele.
      Als er zu sich kam, saß er am selben Platze wie zuvor. Die aufwartenden Diener waren dieselben wie zuvor. Er blickte vor sich, da war der Becher noch nicht leer und die Speisen noch nicht kalt. Der König fragte, was gewesen, da antworteten die Leute seiner Umgebung: »Der König saß eine Weile schweigend da.« Da verlor der König sich selbst und kam erst nach drei Monaten wieder zu sich. Dann fragte er den Magier.
      Der Magier sprach: »Ich wandelte im Geiste mit dir, o König, was braucht sich da die Gestalt zu bewegen? Wo wir damals geweilt, das war nicht weniger wirklich als des Königs Schloß; wohin wir gereist, das war nicht weniger wirklich als des Königs Garten. Du, o König, bist gewöhnt an die dauernden Zustände und beargwohnst daher solche plötzlich in nichts sich auflösende Erscheinungen. Aber die höchste Stufe der Verwandlungskraft kann in einem Augenblick das (was in unserem Geist als) Vorbild (vorhanden ist,) zur Wirklichkeit machen.«
      Der König war’s zufrieden. Er kümmerte sich nicht mehr um die Reichsgeschäfte und hatte keine Lust mehr zu seinen Dienern und Weibern, sondern entschloß sich, in die Ferne zu reisen. Er ließ die acht berühmten Rosse an zwei Wagen spannen und fuhr mit wenigen Getreuen tausend Meilen weit, bis er in das Land der großen Jäger kam. Die großen Jäger brachten dem König das Blut der Schneegans als Trank dar und wuschen seine Füße mit der Milch von Pferden und Rindern. Ebenso den Leuten des zweiten Wagens. Als sie getrunken, fuhren sie weiter und übernachteten am Abhang des Kun Lun, im Süden des roten Wassers. Am andern Tage erstiegen sie den Gipfel des Kun Lun, um das Schloß des Herrn der gelben Erde zu sehen, und erbauten ihm einen Altar, um es der Nachwelt zu überliefern.
      Dann weilte er zu Gast bei der Königin-Mutter des Westens, die ihn auf dem Jaspissee bewirtete. Die Königin-Mutter des Westens sang dem König ein Lied vor, und der König stimmte ein. Es war ein sehr rührendes Lied. Dann sah er auch, wo die Sonne einkehrt, die täglich zehntausend Meilen weit läuft. Da seufzte der König und sprach: »Wehe, Wir mehren nicht unsere Tugend und pflegen der Freude. Die Nachwelt wird Uns das als Fehler anrechnen.«

      Der König Mu war fast wie die seligen Götter! Es war ihm vergönnt, die zugemessenen Freuden seines Lebens bis auf die Neige zu kosten, und er verschied nach hundert Jahren. Die Welt aber hielt dafür, er sei zur Unsterblichkeit aufgestiegen.


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      Die Lehre vom Schein

      Lau Tscheng Dsï wollte bei Meister Yin Wen die Lehre vom Schein erlangen. Aber der teilte ihm drei Jahre lang nichts mit. Da bat Lau Tscheng Dsï um Aufklärung über seine Fehler und Entlassung. Meister Yin Wen machte ihm eine Verbeugung und führte ihn in sein Gemach.

      Nachdem er die Leute seiner Umgebung entfernt hatte, sprach er also zu ihm: »Als vor Zeiten Lau Dan (Laotse) nach Westen ging, wandte er sich zu mir und sprach: ›Die Kraft, die zu Zeugungen führt, die Form, die zu Gestaltungen führt, sind beide nur Schein. Was durch Schöpfung und Wandlung begonnen wird, was durch die beiden Weltkräfte verändert wird, heißt Zeugung, heißt Tod. Was die Bestimmung bedingt, die Veränderungen durchdringt, die Gestaltungen verursacht, den Wechsel veranlaßt, heißt Wandlung, heißt Schein. Die Macht, die die Welt erschuf, ist geheimnisvoll in ihrem Wirken, tief in ihrem Walten, darum ist sie unerschöpflich und unendlich. Die Macht, die die Einzelgestaltungen verursacht, ist offenbar in ihrem Wirken und flach in ihrem Walten, darum wechselt bei ihnen Entstehen und Vergehen. Wer erkennt, daß Schein und Wandlung dasselbe ist wie Zeugung und Tod, der erst kann die Lehre vom Schein erlangen. Ich und du sind auch Schein, was braucht man ihn also erst noch zu erlernen!‹«

      Lau Tscheng Dsï kehrte heim und dachte über die Worte des Meisters Yin Wen tief nach, drei Monate lang. Da hatte er die freie Herrschaft über Sein und Nichtsein. Er konnte die vier Jahreszeiten vertauschen, im Winter Donner und im Sommer Eis machen, die Vögel zu Lauftieren und die Lauftiere zu Vögeln machen. Aber sein Leben lang offenbarte er nicht sein Geheimnis, darum ward es in der Welt nicht überliefert.


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      Magie

      Meister Liä Dsï sprach: »Der gute Magier gebraucht seine geheimen Kräfte im Verborgenen, und seine Werke gleichen (nach außen hin) denen der anderen Menschen. Die großen Taten der heiligen Männer der Vorzeit sind nicht notwendig durch die Stärke besonderer Weisheit und Muts vollbracht; vielleicht benützten sie zu ihrer Vollendung die Magie. Wer vermag das zu ergründen?«


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      Wachen und Traum

      Im Wachsein gibt es acht Erfüllungen. Im Traumleben gibt es sechs Vorbedeutungen. Die acht Erfüllungen sind: Absicht, Handlung, Erlangen, Verlieren, Trauer, Freude, Geburt, Tod. Diese acht Erfüllungen werden durch die Körperlichkeit bedingt. Die sechs Vorbedeutungen sind: der rechte Traum, der Warnungstraum, der Sehnsuchtstraum, der Wachtraum, der freudige Traum, der Angsttraum. Diese sechs Vorbedeutungen werden durch den Geist eingegeben.

      Wer die Entstehung der bedingten Veränderungen nicht kennt, der wird, wenn ein Fall eintritt, über seine Ursachen im unklaren sein. Wer die Entstehung der bedingten Veränderungen kennt, der wird, wenn ein Fall eintritt, seine Ursachen erkennen. Wer die Ursachen erkennt, der bleibt frei von aller Verwirrung.

      Jeder einzelne Körper steht mit seiner Fülle und Leere, seiner Not und Ruhe in durchgehendem Zusammenhang mit der ganzen Welt und steht in Wechselwirkung mit allen Dingen. Darum, wenn die Kraft des Trüben mächtig ist, so träumt man vom Durchschreiten großer Wasser und von Beängstigung; wenn die Kraft des Lichten mächtig ist, so träumt man vom Durchschreiten großer Feuer, von Hitze und Helle. Ist das Trübe und Lichte beides mächtig, so träumt man von Geburt und Tod. Ist man gesättigt, so träumt man vom Spenden; ist man hungrig, so träumt man vom Nehmen. Darum, wer an Leichtblütigkeit (Manie) leidet, der träumt von Ausdehnung; wer an Schwermut (Melancholie) leidet, der träumt vom Ertrinken. Wer mit umgebundenen Gürtel schlaft, der träumt von Schlangen. Von wem fliegende Vögel ein Haar im Schnabel halten, der träumt vom Fliegen. Naht man dem Trüben, so träumt man von Feuer, vor einer Krankheit träumt man von Essen. Nachdem man Wein getrunken, ist man traurig; nachdem man gesungen und getanzt, weint man.

      Der Meister Liä Dsï sprach: »Was dem Geist von außen her begegnet, zeigt sich als Traum, was dem Körper von außen her begegnet, zeigt sich als Begebenheit. Daher sind die Vorstellungen des Tages und die Träume der Nacht äußere Einwirkungen auf Körper und Geist. Darum, wessen Geist in sich fest geworden, für den verschwinden ganz von selbst Vorstellungen und Träume. Darum ist es kein leeres Gerede, daß die wahren Menschen des Altertums im Wachen ihr Selbst vergaßen und im Schlafen keine Träume hatten.«


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      Verschiedene Wertung von Wachen und Traum

      Im südlichsten Winkel des Westpols ist ein Land. Man weiß nicht, wohin sich seine Grenzen erstrecken. Sein Name heißt Gu-Mang-Reich. Dort kreuzen sich nicht die Kräfte des Trüben und Lichten, darum gibt es nicht den Unterschied von Kälte und Wärme. Das Licht von Sonne und Mond scheint nicht, darum gibt es nicht den Unterschied von Tag und Nacht. Die Leute essen nicht und kleiden sich nicht, sondern schlafen meist. Alle fünfzig Tage wachen sie nur einmal auf. Sie halten das, was sie im Traum tun, für wirklich und das, was sie im Wachen sehen, für nichtig.

      Inmitten der vier Meere liegt das Reich der Mitte; es breitet sich im Nord und Süd des (gelben) Flusses aus und erstreckt sich im Ost und West des Großen Berges (Taischan) über tausend Meilen weit. Das Trübe und Lichte ist wohl begrenzt; darum wechselt Kälte und Wärme. Dunkel und Licht ist klar geschieden; darum wechselt Tag und Nacht. Unter den Leuten gibt es Weise und Toren. Die Natur gedeiht üppig, Kunst und Handwerk sind reich entwickelt, Fürst und Volk stehen einander nahe, Sitte und Recht stützen einander. Was sie tun und reden, läßt sich nicht alles einzeln aufzählen. Wachsein und Schlafen wechseln. Was man im Wachen tut, hält man für wirklich, was man im Traume sieht, für nichtig.

      Im nördlichsten Winkel des Ostpols ist ein Land, das heißt Fu-Lo-Reich. Sein Klima ist beständig heiß. Sonne und Mond scheinen mit übermäßigem Licht. Die Erde erzeugt nicht gutes Getreide. Die Leute leben von Wurzeln und Baumfrüchten; sie kennen nicht gekochte Speisen. Ihre Natur ist hart und grausam. Starke und Schwache bekämpfen einander. Sie ehren nur den Sieger und fragen nicht nach Recht. Sie laufen meist umher und ruhen selten. Sie wachen stets und schlafen nie.


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      Der reiche Mann und der arme Knecht

      Im Reiche Dschou lebte ein Mann namens Yin, der waltete über große Güter. Seine Diener und Knechte hatten Tag und Nacht keine Ruhe. Er hatte einen alten Knecht, der war schwach und gebrechlich; den ließ er um so mehr sich anstrengen. Bei Tage tat der Knecht keuchend seine Arbeit. Des Abends war er erschöpft und schlief fest. Sein Geist wurde frei, und er träumte jede Nacht, daß er ein König sei und über viele Untertanen herrsche. Des ganzen Reichs Geschäfte lagen in seiner Hand. Er lustwandelte in Palästen und Galerien und genoß, was sein Herz begehrte. Seine Wonne war unvergleichbar. Wenn er erwachte, so war er wieder Knecht.

      Als ihn einst jemand wegen seiner Mühsale bemitleidete, sprach der alte Knecht: »Lebt der Mensch auch hundert Jahre, so sind sie doch alle in Tag und Nacht geteilt. Ich bin bei Tag ein Sklave. Ist’s Mühe, nun gut, so ist’s Mühe. Bei Nacht bin ich ein König, dessen Wonnen unvergleichlich sind. Was habe ich da zu klagen?«

      Der Herr Yin aber hatte in seinem Herzen viel Arbeit mit weltlichen Geschäften und viele Sorgen, seinen Besitz zu mehren. So ward er müde an Seele und Leib. Des Nachts war er auch erschöpft und schlief ein. Er träumte jede Nacht, daß er ein Knecht sei, der herumlaufen und jeglichen Dienst verrichten mußte. Scheltworte gab’s und Stockstreiche: nichts wurde ihm erspart. Im Schlafe stöhnte und keuchte er, und erst wenn der Morgen nahte, kam er wieder zur Ruhe.

      Als Herr Yin einst einen Freund über sein Leiden befragte, sprach der Freund: »Deine Stellung gibt dir genug an Ehren; an Schätzen und Reichtümern hast du Überfluß. Du bist weit besser daran als andre Menschen. Daß du bei Nacht träumst, du seiest ein Knecht, das entspricht der allgemeinen Erfahrung, daß Freud und Leid der Bestimmung nach sich abwechseln. Du möchtest es im Wachen und Schlafen gleich gut haben; das wird aber niemand zuteil.«

      Herr Yin vernahm die Rede seines Freundes. Und er erleichterte die Arbeit seines Knechts und verringerte die Geschäfte, die ihm selber Sorgen machten. Dadurch ward seine Krankheit etwas besser.


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      Das Reh

      Ein Mann aus Dscheng war in die Steppe gegangen, um Brennholz zu suchen. Da traf er ein aufgescheuchtes Reh. Er fing es, schlug es, tötete es. Auf daß kein anderer es finde, barg er es in einem leeren Graben und deckte es mit Reisern zu. Er konnte seine Freude nicht bemeistern. Doch er verlor plötzlich den Ort, da er es versteckt. So hielt er alles für einen Traum. Er ging des Wegs dahin und sagte sein Erlebnis vor sich hin. Ein andrer vernahm es; er merkte sich seine Reden und fand das Reh.

      Als er nach Hause kam, erzählte er seiner Hausfrau und sprach: »Vorhin hat ein Reisigsammler im Traum ein Reh gefangen, doch wußte er nicht seinen Ort. Ich habe es nun gefunden. Er hatte also einen wahren Traum gehabt.« Die Hausfrau sprach: »Du hast wohl im Traum einen Reisigsammler gesehen und so das Reh gefunden. Wo soll denn auf einmal solch ein Reisigsammler herkommen? Nun hast du ja in Wirklichkeit ein Reh gefunden, so ist also dein Traum wahr gewesen.« Der Mann sprach: »Ich habe das gefundene Reh in Händen; was brauche ich zu wissen, ob er geträumt oder ich geträumt?«

      Der Reisigsammler ging nach Hause und war über den Verlust des Rehes nicht ärgerlich. In derselben Nacht sah er im Wahrtraum den Ort, da er es verborgen, und träumte auch den Finder, der er gefunden. Am andern Morgen ging er dem nach, was er geträumt, und fand ihn richtig. Nun stritten sie sich um das Reh, und die Sache kam vor den Richter. Der Richter sprach: »Hast du erst in Wirklichkeit das Reh gefunden und hieltest das dann fälschlich für einen Traum, oder hast du in Wirklichkeit geträumt, daß du das Reh gefunden, und hältst es nun fälschlich für eine Tatsache? Hat jener wirklich dein Reh genommen und streitet nun mit dir um das Reh? Und die Hausfrau behauptet gar, daß er im Traum den Mann und das Reh erblickt und gar niemand war, der das Reh gefunden. Nun haben wir handgreiflich dieses Reh vor uns. Ich bitte, es in zwei Teile zu teilen und den Fürsten von Dscheng darüber zu hören.«

      Der Fürst von Dscheng sprach: »Ei, der Richter träumt wohl seinerseits, das Reh der Leute zu teilen!« und fragte den Reichskanzler. Der Reichskanzler sprach: »Ob es Traum war oder nicht; Traum ist etwas, das ich nicht entscheiden kann. Wollte man entscheiden, was Traum, was Wachen war, so könnte das nur der weise Herr der gelben Erde oder Kung Kiu (Konfuzius). Nun gibt es aber keinen Herrn der gelben Erde oder Kung Kiu mehr: wer sollte da entscheiden? Man mag daher nach den Worten des Richters tun.«


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      Schlimme Heilung

      Hua Dsï aus Yang Li in Sung erkrankte in seinen mittleren Jahren an Vergeßlichkeit. Was er morgens genommen, hatte er abends vergessen; was er abends gegeben, hatte er morgens vergessen; unterwegs vergaß er zu gehen; daheim vergaß er zu sitzen; heute wußte er nicht mehr, was früher war; später wußte er nicht mehr, was heute war. Das ganze Haus war darüber im Unglück. Man bat den Zeichendeuter. Der fragte das Orakel darüber, aber es kam kein Spruch. Man bat den Zauberer. Der betete darüber, aber er bannte es nicht. Man bat den Arzt. Der kurierte daran, aber es hörte nicht auf.

      In Lu war ein Gelehrter, der bot sich selber an, es heilen zu können. Die Angehörigen des Hua Dsï boten ihm die Hälfte ihres Vermögens und baten um sein Mittel. Der Gelehrte sprach: »Das ist wahrlich nicht etwas, das durch Orakel erfragt oder durch Gebete erbeten oder durch Medizinen geheilt werden kann. Ich werde versuchen, sein Herz zu wandeln, seine Sorgen zu ändern, vielleicht wird es hernach besser.«

      So versuchte er es denn und entblößte ihn, da bat er um Kleider; er ließ ihn hungern, da bat er um Speise; er sperrte ihn ins Dunkle, da bat er um Licht. Da sagte es der Gelehrte vergnügt seinem Sohne und sprach: »Die Krankheit kann geheilt werden. Doch ist mein Mittel ein Geheimnis, das man nicht andern sagen kann. Laßt einmal alle Umstehenden sich entfernen und mich allein mit ihm bleiben sieben Tage lang.« Sie folgten ihm und wußten nicht, was er mit ihm tat. Und wirklich war die Krankheit vieler Jahre an einem Morgen ganz verschwunden.

      Als Hua Dsï nun zu sich gekommen war, da ward er sehr zornig. Er vertrieb sein Weib und schlug seinen Sohn und nahm einen Speer und verfolgte damit den Gelehrten. Die Leute von Sung hielten ihn fest und fragten, warum er das tue. Hua Dsï sprach: »Vorher war ich in Vergessenheit versunken und gleichgültig. Ich merkte nicht, ob es eine Welt gab oder nicht. Nun bin ich zum Bewußtsein erwacht, und was mir während dieser Jahrzehnte widerfahren an Bestehen und Vergehen, Gewinn und Verlust, Trauer und Freude, Liebe und Haß, regt sich mit tausend Verstrickungen verwirrend in mir. Ich fürchte, daß auch Bestehen und Vergehen, Gewinn und Verlust, Trauer und Freude, Liebe und Haß der Zukunft also mein Herz verwirren werden. O, daß ich doch jene Vergessenheit auch nur auf einen Augenblick wieder finden könnte!«

      Dsï Gung vernahm davon und wunderte sich darüber, also daß er es dem Meister Kung erzählte. Meister Kung sprach: »Das ist nichts, das du verstehen könntest.« Er wandte sich darauf an Yän Hui und sagte: »Merk es dir!«


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      Wer ist verrückt?

      Herr Pang aus Tsin hatte einen Sohn, der war in seiner Kindheit klug gewesen. Als er aber heranwuchs, da erkrankte er an Verrücktheit. Hörte er Gesang, so hielt er es für Weinen; sah er Weißes, so hielt er es für schwarz; roch er Duft, so hielt er es für Gestank; schmeckte er Süßes, so hielt er es für bitter; tat er Schlechtes, so hielt er es für recht. In seinen Gedanken waren die vier Himmelsrichtungen, Feuer und Wasser, Kalt und Warm, und alles, was auf der Welt ist, in ihr Gegenteil verkehrt.

      Ein Mann namens Yang sagte zu seinem Vater: »Der große Mann in Lu (Konfuzius) kennt viele Mittel und Wege; der kann es vielleicht beseitigen. Willst du ihn nicht befragen?« Der Vater ging darauf nach Lu. Als er durch Tschen kam, begegnete er dem Lau Dan. Darum erzählte er ihm den Zustand seines Sohnes.

      Lau Dan sprach: »Wie weißt du denn, daß dein Sohn verrückt ist? Heutzutage ist die ganze Welt im Zweifel über Recht und Unrecht und im Irrtum über Gut und Schlecht. Aber es sind viele, die an derselben Krankheit leiden, darum merkt es keiner. Außerdem: wenn ein Mensch verrückt ist, wird dadurch noch nicht seine ganze Familie umgekehrt. Wenn eine Gemeinde verrückt ist, wird dadurch noch nicht das ganze Land umgekehrt. Wenn ein Land verrückt ist, wird dadurch noch nicht die ganze Welt umgekehrt. Wenn aber die ganze Welt verrückt ist, wer will sie dann umkehren? Nun laß einmal die ganze Welt so fühlen wie dein Sohn, dann bist umgekehrt du der Verrückte. Was traurig ist und freudig, Ton, Farbe, Geruch, Geschmack, Recht und Unrecht: wer kann das unbedingt feststellen? Außerdem ist es auch gar nicht ausgemacht, daß das, was ich da zu dir sage, nicht verrückt ist. Was soll da erst der große Mann in Lu, der ein Verbreiter aller Verrücktheit ist! Wie kann der die Verrücktheiten andrer Menschen heilen? Du tätest wohl besser daran, dein Reisegeld zu sparen und schleunigst wieder heimzugehen.«


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      Verfrühte Rührung

      Ein Mann aus Yän war in Yän zur Welt gekommen, aber in Tschu aufgewachsen. Als er alt geworden, kehrte er in sein Heimatland zurück. Er kam durch das Land Dsin. Da log ihn ein Mitreisender an, deutete auf die Stadt und sprach: »Das ist die Hauptstadt des Landes Yän.«

      Da errötete jener Mann und verzog die Mienen. Er deutete auf die Altäre und sprach: »Das sind die Altäre deiner Heimat.« Da seufzte er tief. Er deutete auf eine Hütte und sprach: »Das ist die Behausung deiner Ahnen.« Da schluchzte er und schneuzte sich. Er deutete auf die Gräber und sprach: »Hier ist die Ruhestätte deiner Ahnen.« Da weinte jener Mann fassungslos. Der Mitreisende lachte laut und sprach: »Ha, ha, ha, ich habe eben nur Spaß gemacht. Das ist das Land Dsin.«

      Jener Mann ward sehr beschämt. Und als er dann ins Land Yän kam und wirklich die Hauptstadt und die Altäre seiner Heimat sah und wirklich die Behausung und die Ruhestätte seiner Ahnen sah, da waren seine gerührten Gefühle sehr zusammengeschmolzen.


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        Buch 4 – Konfuzius

        Welterlösungsschmerzen

        Dschung Ni (Konfuzius) weilte einst in der Zurückgezogenheit. Dsï Gung trat ein, um bei ihm zu sein. Er aber sah bekümmert aus. Dsï Gung wagte nicht zu fragen. Er ging wieder hinaus und teilte es Yän Hui mit. Yän Hui ergriff die Zither und sang.

        Meister Kung hörte es, und richtig rief er ihn zu sich hinein. Er fragte ihn und sprach: »Warum bist du in deiner Einsamkeit so fröhlich?« Yän Hui sprach: »Warum ist der Meister in seiner Einsamkeit bekümmert?« Meister Kung sprach: »Sage mir zuerst, was dich bewegt.« Er sprach: »Ich hörte einst den Meister sagen, wer Frieden mit Gott habe und seinen Willen kenne, brauche niemals Kummer zu haben; darum bin ich fröhlich.«

        Der Meister Kung errötete und sprach nach einer Weile: »Das hätte ich gesagt? Deine Gedanken sind auf falscher Bahn. Was ich da früher gesagt habe, das bitte ich durch das, was ich jetzt sage, richtigzustellen. Du hast allerdings erkannt, daß, wer Frieden mit Gott hat und seinen Willen kennt, keinen Kummer hat, aber du hast noch nicht erkannt, daß gerade wer Frieden mit Gott hat und seinen Willen kennt, den allergrößten Kummer hat.
        Nun will ich dir sagen, wie es in Wirklichkeit damit steht. Allein sein Selbst veredeln ohne Rücksicht auf Erfolg oder Nichterfolg, erkennen, daß äußere Schicksale und Verluste nicht unser wahres Ich betreffen, und sich nicht die Gedanken des Herzens verwirren lassen: das ist es, was du meinst, wenn du sagst: wer Frieden mit Gott hat und seinen Willen kennt, hat keinen Kummer.
        Ich habe einst die Lieder und Urkunden verbessert, die Lebensregeln und die Kunst gereinigt, um der Nachwelt die Mittel zur Ordnung des Erdkreises zu hinterlassen; nicht nur mein eignes Selbst zu veredeln und den Staat Lu zu ordnen, war meine Absicht dabei. Und doch ging selbst in Lu die Ordnung im Staate verloren, Sittlichkeit und Pflicht verkamen immer mehr, und das Gemüt des Volkes verrohte immer mehr. So wenig vermochte auch nur in einem einzigen Staate der Gegenwart der Sinn jener Lehren durchzudringen. Wie soll es da erst mit dem ganzen Erdkreis in künftigen Zeiten werden!
        Ich habe zwar erkannt, daß Lieder und Urkunden, Lebensregeln und Kunst keine Rettung aus der Verwirrung bringen können, aber ich habe das Mittel zur wahren Erneuerung noch nicht gefunden. Das ist der Kummer, den man hat, wenn man Frieden mit Gott hat und seinen Willen kennt.
        Immerhin habe ich die Einsicht erlangt, daß, was man so Friede und Erkenntnis nennt, nicht das ist, was die Alten Friede und Erkenntnis nannten. Jenseits dieses Friedens und dieser Erkenntnis ist der wahre Friede und die wahre Erkenntnis. Darum hat man allenthalben Frieden, allenthalben Erkenntnis, allenthalben Kummer und allenthalben Erfolg. Die Lieder und Urkunden, die Lebensregeln und die Kunst braucht man darum nicht zu verwerfen, aber die Erneuerung führen sie nicht herbei.«

        Yän Hui stand mit gefalteten Händen nach Norden gewandt und sprach: »Auch ich habe die Einsicht erlangt.« Er ging hinaus und sagte es Dsï Gung. Dsï Gung geriet in äußerste Verwirrung und verlor allen Halt. Er kehrte nach Hause zurück und überließ sich den einstürmenden Gedanken. Sieben Tage lang konnte er weder schlafen noch essen, bis er schließlich zum Gerippe abmagerte. Yän Hui ging häufig zu ihm und sprach ihm zu. Da kehrte er in die Lehre des Meisters zurück, spielte und sang und sagte die Urkunden her ohne Unterbrechung sein ganzes Leben lang.


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        Verschiedene Heiligkeit

        Der Kanzler von Tschen weilte als Gast im Staate Lu. Er besuchte den Freiherrn Schu Sun. Der sprach: »Wir haben einen Heiligen im Land.« Der andre fragte: »Doch nicht etwa Kung Kiu?« »Gewiß!« war die Antwort. »Und woher weiß man, daß er ein Heiliger ist?« Schu Sun sprach: »Ich habe schon oft den Yän Hui sagen hören, daß Kung Kiu es über sich bringt, die Stimmungen auszutilgen, um des Leibes Meister zu werden.«

        Der Kanzler von Tschen sprach: »Wir haben auch einen Heiligen im Land. Wißt ihr das nicht?« »Und wie heißt denn dieser Heilige?« »Unter den Schülern Lau Dan’s gibt es einen namens Geng Sang Dsï, der den SINN des Lau Dsï erlangt hat. Der kann mit den Ohren sehen und mit den Augen hören.« Der Fürst von Lu hörte davon und wunderte sich sehr. Er sandte einen vornehmen Boten mit reichen Geschenken, um ihn holen zu lassen. Geng Sang Dsï folgte der Einladung und kam. Der Fürst von Lu befragte ihn mit höflichen Worten. Geng Sang Dsï sprach: »Diese Berichte sind falsch. Ich kann sehen und hören, ohne Augen und Ohren zu gebrauchen, aber ich kann nicht den Gebrauch von Aug‘ und Ohr vertauschen.«

        Der Fürst von Lu sprach: »Das ist ja noch merkwürdiger. Ich wünschte gerne zu hören, wie das zugeht.« Geng Sang Dsï sprach: »Mein Leib ist eins mit dem Gefühl, das Gefühl ist eins mit der Kraft, die Kraft ist eins mit dem Geist, der Geist ist eins mit dem Jenseits. Das winzigste Wesen, der leiseste Ton, mögen sie ferne sein außerhalb der acht Wüsten oder nahe innerhalb der Augenwimpern, sie haben Einfluß auf mich und ich erkenne sie mit Notwendigkeit. Aber ich weiß nicht, ob es eine sinnliche Empfindung und eine seelische Erkenntnis ist. Ich habe nur die Erkenntnis an sich, nichts weiter.«

        Der Fürst von Lu war sehr befriedigt und erzählte es Tags darauf dem Dschung Ni (Konfuzius). Dschung Ni lächelte und erwiderte nichts.


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        Der ferne Heilige

        Der Statthalter von Schang besuchte den Meister Kung und sprach: »Bist du ein Heiliger?« Meister Kung sprach: »Ein Heiliger! Wie könnte ich das mir unterstehen! Ich bin nur im Lernen bewandert und habe viele Kenntnisse.« Der Statthalter von Schang sprach: »Waren die drei Könige Heilige?« Meister Kung sprach: »Die drei Könige waren tüchtig in der Ausübung von Weisheit und Tatkraft. Waren sie Heilige, so weiß ich das nicht.« »Waren die fünf Herrscher Heilige?« Meister Kung sprach: »Die fünf Herrscher waren tüchtig in der Ausübung von Sittlichkeit und Pflicht. Waren sie Heilige, so weiß ich das nicht.« »Waren die drei Erhabenen Heilige?« Meister Kung sprach: »Die drei Erhabenen waren tüchtig in der Ausübung dessen, was die Zeit verlangte. Waren sie Heilige, so weiß ich das nicht.«

        Da verwunderte sich der Statthalter sehr und sprach: »Ja, wer ist dann heilig?« Meister Kung veränderte die Miene und sprach nach einer Weile: »Unter den Leuten der Westgegend, da gibt es ja wohl einen Heiligen. Er ordnet nichts, und doch ist nichts verwirrt, er redet nichts, und alles glaubt von selber, er bessert nichts, und alles geht von selber. Unbegreiflich ist er! Und die Leute finden keinen Namen für ihn. Ich vermute, der ist wohl heilig. Ob er in Wahrheit ein Heiliger ist, oder in Wahrheit kein Heiliger ist – das weiß ich nicht.« Der Statthalter schwieg und überlegte in seinem Herzen: »Der Kung Kiu hat mich wohl zum besten?«


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        Pleon misy pantos

        Dsï Hia fragte den Meister Kung und sprach: »Was ist von Yän Hui als Menschen zu halten?« Der Meister sprach: »In der Liebe ist er mir überlegen.« Er sprach: »Was ist von Dsï Gung als Menschen zu halten?« Der Meister sprach: »An Scharfsinn ist er mir überlegen.« Er sprach: »Was ist von Dsï Lu als Menschen zu halten?« Der Meister sprach: »An Kühnheit ist er mir überlegen.« Er sprach: »Was ist von Dsï Dschang als Menschen zu halten?« Der Meister sprach: »An Würde ist er mir überlegen.«

        Dsï Hia stand von seinem Platze auf und sprach: »Ja, wie kommt es denn, daß die vier dem Meister dienen?«

        Der Meister sprach: »Setz‘ dich, ich will es dir erklären. Yän Hui kann wohl lieben, aber er kann nicht widersprechen. Sï (Dsï Gung) kann wohl scharfsinnig sein, aber er kann nicht andern zustimmen. Yu (Dsï Lu) kann wohl kühn sein, aber er kann sich nicht vorsichtig zurückhalten. Schï (Dsï Dschang) kann wohl würdevoll auftreten, aber er kann sich nicht andern gesellen. Nimm die Eigenschaften der vier zusammen, um mit mir zu tauschen: ich tue nicht mit. Das ist der Grund, warum sie mir dienen und keinem andern.«


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        Das Wandern

        Anfangs liebte es der Meister Liä Dsï zu wandern. Hu Kiu Dsï sprach: »Du liebst zu wandern. Was ist am Wandern zu lieben?« Liä Dsï sprach: »Des Wanderns Lust ist, daß man die Zwecklosigkeit genießt. Die Menschen wandern zu schau’n, was sie seh’n, ich aber wandere zu schauen den Wechsel. Wandern und wandern: noch niemand gab es, der das Wandern unterscheiden konnte.«
        Hu Kiu Dsï sprach: »Dein Wandern gleicht wahrlich dem der andern, und du behauptest dennoch, es sei von dem der andern wahrlich verschieden. Aber bei allem, was man sieht, sieht man beständig auch den Wechsel. Du genießt die Zwecklosigkeit der Außenwelt, aber du hast die Zwecklosigkeit des eignen Ichs noch nicht erkannt. Wer auf das Äußere achthat beim Wandern, versteht nicht, aufs Innere achtzuhaben. Der Wandrer, der nach außen blickt, sucht die Vollkommenheit bei den Dingen. Wer nach innen blickt, findet Genüge im eignen Selbst. Genüge im eignen Selbst zu finden, das ist des Wanderns höchste Stufe. Vollkommenheit bei den Dingen zu suchen, das ist noch nicht die höchste Stufe des Wanderns.«

        Darauf wollte Liä Dsï sein Leben lang nicht mehr hinaus und dachte bei sich selbst, daß er das Wandern noch nicht verstehe.

        Hu Kiu Dsï sprach: »Wandre zum höchsten Ziel! Wer dieses Ziel des Wanderns erreicht, der weiß nicht mehr, wohin es geht; wer das Ziel des Schauens erreicht, der weiß nicht mehr, was er erblickt. Allen Dingen begegnet er auf seiner Wanderschaft. Alle Dinge schaut er so. Das ist’s, was ich wandern nenne, das ist’s, was ich schauen nenne. Darum sage ich: Wandre zum höchsten Ziel! Wandre zum höchsten Ziel!«


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        Selbstlosigkeit als Krankheit

        Lung Schu wandte sich an Wen Dschï und sprach: »Eure Kunst ist fein. Ich habe eine Krankheit, könnt Ihr sie heilen?« Wen Dschï sprach: »Ich stehe zur Verfügung. Doch sagt mir erst die Zeichen Eurer Krankheit.«

        Lung Schu sprach: »Das Lob meiner Mitbürger ist für mich nicht Ehre. Der Tadel meiner Landsleute ist für mich nicht Schande. Gewinn erfreut mich nicht, Verlust betrübt mich nicht. Leben und Tod gilt mir gleich. Reichtum und Armut gilt mir gleich. Die Menschen gelten mir nicht mehr als Schweine, ich gelte mir nicht mehr als andre. Ich weile in meiner Heimat wie in einer Herberge auf der Wanderschaft. Mein Vaterland ist vor meinen Blicken wie ein fremdes Land. Unter allem diesen leide ich. Titel und Lohn spornt mich nicht an. Strafen und Bußen schrecken mich nicht ab. Wohlergehen und Verfall, Gewinn und Schaden können mich nicht wandeln. Freude und Trauer können mich nicht ändern. Darum bin ich ungeschickt zum Fürstendienst, zum Verkehr mit Verwandten und Freunden, zum Walten über Weib und Kind, zum Herrschen über Diener und Knechte. Was ist das für eine Krankheit, und welches Mittel kann sie heilen?«

        Wen Dschï ließ nun den Lung Schu mit dem Rücken gegen das Licht stehen. Er selbst sah ihn vom Innern (des Zimmers) her gegen das Licht an. Dann sprach er: »Ei, ich sehe Euer Herz; seine Stelle ist ganz leer. Beinahe ein Heiliger! Sechs Öffnungen Eures Herzens münden ins All, nur eine Öffnung geht nicht durch. Heutzutage hält man heilige Weisheit für eine Krankheit. Das mag es wohl sein. Das ist aber nicht etwas, das meine geringe Kunst zu heilen vermag.«


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        Das Gesetz des Lebens und des Todes

        Das Unbedingte, ewig Zeugende ist der SINN. Daß das im Leben gegründete Leben, obwohl ans Ende kommend, nicht aufhört, ist ewiges Gesetz. Tod, der aus Leben kommt, ist Unglück. Daß das Bedingte ewig stirbt, ist ebenfalls der SINN. Daß der im Tode gegründete Tod, obwohl noch nicht ans Ende gekommen, von selber aufhört, ist ebenfalls ewiges Gesetz. Leben, das aus dem Tode kommt, ist Glück.

        Darum, was ohne Mittel Leben zeugt, heißt SINN. Wer diesen SINN auswirkt, findet Vollendung: das ist ewiges Gesetz. Daß, was der Mittel bedarf, stirbt, heißt ebenfalls SINN. Wer diesen SINN auswirkt, ist dem Tod verfallen; auch das ist ewiges Gesetz.

        Als Gi Liang starb, blickte Yang Dschu nach seiner Tür und sang. Als Sui Wu starb, strich Yang Dschu über seinen Leichnam und weinte. Die Menge aber singt, wenn wer geboren wird, und weint, wenn einer stirbt.


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        Wendepunkte

        Ist das Auge am Erblinden,
        sieht es jedes feinste Härchen.
        Ist das Ohr dem Taubsein nahe,
        hört es kleinster Mücken Schwirren.
        Eh‘ der Gaumen völlig stumpf wird,
        kennt er Wasser nach der Quelle.
        Will sich der Geruch verlieren,
        kennt er dürren Holzes Moder.
        Ist der Körper am Erlahmen,
        rastlos muß er sich bewegen.
        Eh‘ im Herzen Wahnsinn dunkelt,
        scheidet klar es Recht und Unrecht.
        Eh‘ das Äußerste erreicht ist,
        kehrt sich nichts ins Gegenteil.


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        Staat und Anarchismus

        Im Flachlande von Dscheng gab es viele weltabgewandte Eremiten; in Ostdorf dagegen viele praktische Staatsmänner. Unter den Anhängern jener Eremiten des Flachlandes war einer namens Be Feng Dsï. Der kam durch die Gegend von Ostdorf und begegnete dem Staatspolitiker Deng Si. Deng Si wandte sich zu seinen Schülern, lächelte und sprach: »Wie wäre es, wenn ich für euch den Ankömmling da ein wenig behandelte?« Seine Schüler sprachen: »Das ist’s gerade, was wir sehen möchten.«

        Deng Si wandte sich nun an Be Feng Dsï und sprach: »Weißt du wohl, welche Pflichten aus der Bedürfnisbefriedigung erwachsen? Wesen, die sich nur von Menschen füttern lassen, ohne selbst sich nähren zu können, gehören zur Gattung der Hunde und Schweine. Und es steht in der Macht des Menschen, die Wesen, die er füttert, für seine Zwecke zu benützen. Daß deine Genossen sich satt essen und in Ruhe sich kleiden können, ist das Werk der Lenker des Staates. Wenn Alte und Junge in Herden beieinander leben in Ställe eingepfercht, wodurch unterscheiden sich solche Küchengeschöpfe von Hunden und Schweinen?«

        Be Feng Dsï erwiderte nichts. Da durchbrach einer seiner Schüler die Ordnung, trat vor und sprach: »Hat der Herr Doktor noch nicht gehört, daß es in unserem Land gar viele geschickte Arbeiter gibt? Es gibt Leute, die tüchtig sind in Erd- und Holzarbeiten, Leute, die tüchtig sind in Metall- und Lederarbeiten, Leute, die tüchtig sind in Musik und Tönen, Leute, die tüchtig sind im Schreiben und Rechnen, Leute, die tüchtig sind im Kriegshandwerk, Leute, die tüchtig sind im Tempeldienst. Ganze Scharen von begabten Leuten sind vorhanden. Aber ohne gegenseitige Einordnung können sie einander nicht gebrauchen. Aber die, die sie einordnen, wissen nichts; die, die sie gebrauchen, können nichts. Aber die, die etwas wissen und etwas leisten können, bedienen sich dieser (Leitenden). Darum sind die Lenker des Staates unsere Angestellten. Was braucht der Herr sich da großzutun?«

        Deng Si wußte nichts zu erwidern. Er sah seine Schüler an und zog sich zurück.


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        Beherrschte Kraft

        Der Graf Gung I war wegen seiner Stärke berühmt unter den Fürsten. Der Herzog Tang Ki erzählte von ihm dem König Süan vom Hause Dschou. Der König richtete Geschenke zu, um ihn zu Gast zu bitten. Der Graf Gung I kam. Sah man seine Gestalt an, so erschien er wie ein Schwächling. Der König Süan hegte Mißtrauen in seinem Herzen und sprach zweifelnd: »Wie groß ist deine Stärke?«

        Graf Gung I sprach: »Meine Stärke reicht hin, die Beine einer Frühlingsheuschrecke zu brechen und einer Herbstzikade Flügel zu ertragen.«

        Dem König stieg das Blut zu Kopf, und er sprach: »Die Starken unter meinen Leuten können die Haut eines Nashorns zerreißen und neun Stiere am Schwanze schleppen, und doch sind sie mir zu schwach. Du brichst einer Frühlingsheuschrecke die Beine und hältst die Flügel einer Herbstzikade aus, und doch hört man auf der ganzen Welt von deiner Stärke. Wie geht das zu?«

        Der Graf Gung I atmete tief, stand von seiner Matte auf und sprach: »Wahrlich, gut ist deine Frage, o König! Ich wage es, der Wirklichkeit entsprechend zu erwidern: Mein Lehrer war ein Mann namens Schang Kiu Dsï, dessen Stärke niemand auf Erden gewachsen war; doch wußten selbst seine Nächsten nichts davon, darum daß er niemals seiner Stärke sich bediente. Ich diente ihm bis zum Tode. Da sagte er mir: ›Wer Außerordentliches sehen will, muß auf das blicken, was die andern nicht beachten. Wer Unerreichtes erreichen will, muß auf das blicken, was die andern nicht beachten. Wer Unerreichtes erreichen will, muß das pflegen, was die andern nicht tun. Darum, wer sich im Schauen übt, mag erst einen Heuwagen ansehen. Wer sich im Hören übt, mag erst auf Glockenschläge horchen. Was leicht geworden ist im Innern, macht im Äußern keine Schwierigkeiten mehr. Wenn man aber im Äußern keine Schwierigkeiten mehr findet, so dringt der Name nicht über das eigne Heim hinaus.‹

        Daß nun mein Name unter den Fürsten bekannt geworden ist, zeigt, daß ich meines Meisters Lehren mißachtet und meine Fähigkeiten geoffenbart habe. Aber dennoch beruht mein Name nicht darauf, daß ich meine Stärke mißbrauche, sondern darauf, daß ich meine Stärke zu gebrauchen weiß. Ist das nicht besser, als seine Kraft zu mißbrauchen?«


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        Des Volkes Stimme

        Yau waltete über dem Erdkreis fünfzig Jahre lang und wußte nicht, ob der Erdkreis in Ordnung sei oder nicht in Ordnung sei, ob die Millionen sich ihm willig fügten oder nicht. Er wandte sich fragend an seine Umgebung. Seine Umgebung wußte es nicht. Er fragte die von außen her zu Hofe kamen, aber auch sie wußten es nicht. Er fragte die auf den Feldern, aber auch sie wußten es nicht. Da ging Yau in geringer Kleidung auf die Wanderschaft. In Kang Kü hörte er die Kinder ein Gassenlied singen:

        »Unsre vielen Volksgenossen
        Kommen ohne Arg zum Ziele.
        Ohne alles eigne Wissen
        Folgen sie des Herren Willen.«

        Yau war erfreut und fragte: »Wer hat euch dieses Lied gelehrt?« Die Knaben sprachen: »Wir haben’s vom Vogte gehört.« Er fragte den Vogt, der sprach: »Das ist ein altes Lied.« Yau kehrte heim zu seinem Schloß. Er berief den Schun und übergab ihm den Erdkreis. Schun weigerte sich nicht und nahm an.


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        Erlösung vom Ich

        Guan Yin Hi sprach: »Wer nicht an seinem Eignen haftet, dem gibt sich die Leiblichkeit und die Außenwelt kund. In seinen Handlungen ist er (schmiegsam) wie das Wasser. In seiner Ruhe ist er wie ein Spiegel. In seinen Gegenwirkungen ist er wie das Echo. Darum ist sein SINN ein treues Abbild der Außenwelt. Die Außenwelt widerstrebt wohl ihrerseits dem SINN, aber der SINN widerstrebt nicht der Außenwelt. Darum, wer sich auf diesen SINN versteht, der bedarf nicht des Ohrs, noch des Auges, noch der Stärke, noch des Bewußtseins.
        Wer diesen SINN begehrt und sucht ihn mit Auge und Ohr, mit der Leiblichkeit und mit Erkenntnis, der ist auf falscher Fährte. Er starrt nach vorne, und plötzlich ist er hinter ihm. Gebraucht man ihn, so erfüllt er alle Leere, tut man ihn ab, so weiß man nicht, wo er geblieben ist. Er ist weder fern, daß man ihn durch bewußtes Suchen finden könnte, noch ist er nahe, daß man ihn durch unbewußten Zufall finden könnte. Nur schweigend erlangt man ihn. Und nur wer sein Wesen zur Vollendung gebracht, erlangt ihn.
        Erkennen ohne Leidenschaft, Vermögen ohne Handlungen ist wahres Erkennen und wahres Vermögen. Wer die Aufhebung des Erkennens in sich ent wickelt, wie kann der noch leidenschaftlich sein? Wer die Beseitigung des Vermögens in sich entwickelt, wie kann der noch sich in Handlungen verstricken? Wer Irdisches sammelt und Staub aufhäuft, ist, ob er auch Geschäftigkeit meidet, noch nicht zur wahren Vernunft durchgedrungen.«


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          Buch 5 – Die Fragen Tang’s

          Widerstreit der Ideen von Raum und Zeit

          Tang vom Hause Yin fragte Gi von Hia und sprach: »Gab es am Uranfang keine Welt?« Gi von Hia sprach: »Wenn es am Uranfang keine Welt gegeben hätte, wie könnte es dann heute eine Welt geben? Da konnten in Zukunft die Menschen auch behaupten, daß es heute keine Welt gebe.«

          Tang von Yin sprach: »Dann gibt es also in der Welt kein Vorher und Nachher?« Gi von Hia sprach: »Ende und Anfang in der Welt sind nicht fest begrenzt. Jeder Anfang kann als Ende aufgefaßt werden, jedes Ende kann als Anfang gesetzt werden: wie soll ich ihren Verlauf erkennen können? Was jenseits der Welt liegt, was vor den Erscheinungen ist, ist etwas, das ich nicht erkennen kann.«

          Tang von Yin sprach: »Gibt es dann im Raum eine äußere Grenze und letzte einfache Teile?« Gi von Hia sprach: »Das weiß ich nicht.« Tang fragte dringender. Gi sprach: »Gibt es einen leeren Raum, so hat er keine Grenzen, gibt es nur erfüllten Raum, so hat er letzte einfache Teile. Wie kann ich das erkennen? Doch kann man jenseits der Grenzen des Leeren noch einmal ein grenzenlos-grenzenloses Leere denken, innerhalb der unendlich kleinen Teile noch einmal unendlich-unendlich kleine Teile denken. Da jenseits des Grenzenlosen noch wieder ein grenzenlos Grenzenloses und innerhalb des unendlich Kleinen noch wieder ein unendlich-unendliches Kleines ist, so kann ich mir denken, daß es keine Grenzen und keine letzten einfachen Teile gibt, nicht aber denken, daß es Grenzen und einfache Teile gibt.«

          Tang fragte abermals und sprach: »Und wie ist es jenseits der vier Meere?« Gi sprach: »Grade so wie hier bei uns.« Tang sprach: »Wie willst du das beweisen?« Gi sprach: »Wenn ich nach Osten gehe, so komme ich nach Ying. Dort sind die Leute grade wie hier. Und wenn ich frage, wie es östlich von Ying ist, so ist es dort grade wie in Ying. Gehe ich nach Westen, so komme ich nach Bin. Dort sind die Leute grade wie hier. Und wenn ich frage, wie es westlich von Bin ist, so ist es dort grade wie in Bin. Daher weiß ich, daß es jenseits der vier Meere, jenseits der vier Wüsten, jenseits der vier Pole nicht anders ist als hier.

          Weil immer ein Größeres das Kleinere in sich befaßt, darum gibt es kein Ende und keine Grenze. Es gibt etwas, das die Natur in sich befaßt, wie es auch etwas gibt, das die Welt in sich befaßt. Weil es etwas gibt, das die Natur in sich befaßt, darum gibt es kein Ende. Weil es etwas gibt, das die Welt in sich befaßt, darum gibt es keine Grenze. Wie kann ich auch wissen, ob es um unsere Welt herum nicht noch eine größere Welt gibt? Anderseits übersteigt das auch das Wissen. Immerhin folgt daraus, daß die Welt auch zur Natur gehört. Die Natur aber ist unvollkommen.

          (Darum hat vor alters Nü Wa Steine von allen Farben ausgesucht, um den Schaden auszubessern und hat die Beine einer Riesenschildkröte abgebrochen, um sie als die vier Pole aufzustellen. Nach ihm kam Gung Gung; als der mit Dschuan Hü um die Herrschaft stritt, stieß er in seinem Zorn an den Berg Unvollkommen und zerbrach des Himmels Säule und zerriß der Erde Band. Darum fiel der Himmel nach Nordwesten, und Sonne, Mond und Sterne neigen sich seitdem dorthin. Die Erde aber füllt den Südosten nicht mehr aus, darum fließen alle Flüsse und Ströme dorthin.«)


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          Relativität der Gegensätze

          Tang fragte abermals: »Gibt es in der Natur einen festen Maßstab für Größe und Kleinheit, Länge und Kürze, Gleichheit und Verschiedenheit?«

          Gi sprach: »Östlich vom Gelben Meer, wer weiß wie viele tausend Meilen weit, ist eine große Untiefe. In Wirklichkeit ist sie ein bodenloser Abgrund, sie heißt das große Grab. Alles Wasser der irdischen Gefilde und der Strom der Milchstraße fließen dorthin. Und doch nimmt es weder zu noch ab. In seiner Mitte waren fünf Berge: der eine heißt Dai Yü (der große Wagen), der zweite heißt Yüan Kiau (der runde Gipfel), der dritte heißt Fang Hu (die viereckige Urne), der vierte heißt Ying Dschou (Atlantis), der fünfte heißt Peng Lai (Irrgarten). Die Berge hatten eine Höhe und unteren Umfang von 30000 Meilen. Auf ihren Gipfeln war ein ebener Raum, der war 9000 Meilen groß. Zwischen den Bergen waren Zwischenräume von 70000 Meilen. Und doch galten sie noch als benachbart. Auf ihren Gipfeln sah man lauter Gold und Edelsteine; Vögel und Tiere waren rein wie weiße Seide; Bäume von Perlen und Korallen wuchsen in dichten Wäldern; Blumen und Früchte waren duftend und süß. Wenn man davon aß, ward man frei von Alter und Tod. Die Leute, die dort wohnten, waren alle Engel und Feen. Jeden Tag und jede Nacht flogen sie zueinander, sich zu besuchen in zahllosen Scharen.

          Aber der fünf Berge Wurzeln waren lose, darum schwammen sie immer mit Flut und Wogen auf und ab, hin und her und standen keinen Augenblick fest. Die Engel verdroß das, und sie sagten es dem Herrn. Der Herr fürchtete, sie möchten nach dem Westpol getrieben werden und so der Wohnplatz der Engelscharen verloren gehen. Darum befahl er dem Yü Giang (Anfangsgrenze), fünfzehn ungeheure Seeschildkröten zu bringen, die auf ihren Köpfen die Berge tragen sollten. In dreimaliger Wechselfolge sollte jede immer 60000 Jahre Dienst tun. So wurden die fünf Berge dann fest und bewegten sich nicht mehr.

          Im Reiche des Drachenfürsten aber lebte ein Riese. Der hob den Fuß und kam mit ein paar Schritten an den Ort der fünf Berge. Er angelte mit einem Male sechs der Schildkröten und nahm sie miteinander auf den Rücken und kehrte in sein Land zurück. Dort röstete er die Schalen, um Orakel zu gewinnen. So trieben die beiden Berge Dai Yü und Yüan Kiau nach dem Nordpol und versanken im großen Meer. Von den Engeln aber wurden viele Millionen heimatlos. Der Herr ward zornig und verringerte das Reich des Drachenfürsten, daß es bedrückt ward, und verkleinerte seine Bewohner, daß sie kürzer wurden.

          Zur Zeit des Fu Hi (brütender Atem) und des Schen Nung (göttlicher Landmann) waren die Leute ihres Reiches an hundert Fuß hoch. Vom Mittelbezirk nach Osten, 400000 Meilen, kommt man an das Dsiau-Yau-Reich. Dort sind die Leute anderthalb Fuß hoch. Am Nordostpol gibt es Menschen, die heißen Dsingleute, die werden neun Zoll groß. Im Süden von Ging gibt es Geister der Unterwelt (Schildkröten?), die 500 Jahre lang jung sind und 500 Jahre altern. In uralten Zeiten gab es große Götterbäume, die 8000 Jahre wuchsen und 8000 Jahre alterten. Im Moderboden wachsen Pilze, die morgens entstehen und abends sterben. In den Frühlings- und Sommermonaten gibt es Eintagsfliegen, die im Regen entstehen, und sterben, sobald sie an die Sonne kommen.

          Nördlich vom kahlen Norden ist ein großer Ozean, der Himmelssee. Da gibt es einen Fisch, der ist wohl tausend Meilen breit und entsprechend lang. Sein Name ist Kun. Es gibt einen Vogel, der heißt Peng, dessen Flügel gleichen vom Himmel fallenden Wolken, und sein Leib ist entsprechend groß. Und doch weiß die Welt nicht, daß es solche Wesen gibt. (Der große Yü ging hin und sah sie, Be I kannte und benannte sie, I Giän hörte davon und zeichnete es auf.)

          Zwischen den Flüssen Giang und Pu entstehen winzige Lebewesen, namens Dsiau Ming, die in Scharen herbeifliegen und im Augenwinkel einer Mücke sich sammeln, ohne einander zu stoßen. Sie brüten und nisten, sie gehen und kommen, und die Mücke merkt nichts davon. Selbst Leute, die so scharf sehen wie ein Li Dschu und Dsï Yü, und wenn sie sich am hellen Tage die Augen reiben und die Brauen hochziehen, um sie zu sehen, erblicken nicht ihre Gestalt. Selbst Leute mit so feinem Gehör wie Li Yü und Schï Guang, und wenn sie sich in stiller Nacht die Ohren putzen und den Kopf ducken, um auf sie zu horchen, so vernehmen sie nicht ihren Laut. Nur der Herr der gelben Erde und Yung Tscheng Dsï, als sie auf dem Kung Tung wohnten und drei Monate fasteten, also daß ihr Herz erstarb und ihr Leib welkte, erblickten sie allmählich im Geiste als große Massen wie den Abhang des Sungberges; sie hörten sie allmählich im Äther als lautes Rollen wie des Donners Ton.

          Im Staate Wu und Tschu (Südchina) wächst ein großer Baum, sein Name ist Pumalobaum. Er wächst im Winter, seine Früchte sind gelbrot und schmecken sauer. Die Schale und der Saft sind gut für das Wechselfieber. Die Leute vom Tsi-Bezirk (Nordchina) hielten den Baum für wertvoll und brachten ihn über den Huaifluß, da wurde der wilde dornige Apfelsinenbusch daraus. Der Mainavogel geht nicht über den Dsi-Fluß. Wenn der Dachs über den Wen-Fluß geht, so stirbt er. Das sind die Einflüsse des Klimas.

          Obwohl daher die einzelnen Arten an Gestalt und Kraft verschieden sind, so sind sie von Natur gleichmäßig ausgestattet, so daß sie nicht miteinander tauschen möchten. Ihr Leben ist durchaus vollkommen, ihr Anteil ist durchaus genügend. Woher soll ich da wissen, ob es einen festen Maßstab für Groß und Klein oder für Lang und Kurz oder für Gleichheit und Verschiedenheit gibt?«


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          Berge versetzender Glaube

          Die beiden Berge Tai Hing und Wang We sind 700 Meilen im Geviert und zehntausend Klafter hoch. Sie standen ursprünglich südlich von Gi Dschou und nördlich von Ho Yang (an der Grenze zwischen Nord- und Mittelchina). In Nordberg lebte ein einfältiger Mann, der war an neunzig Jahre alt. Er wohnte im Angesicht der Berge und war unwillig, daß der Nordhang der Berge den Ausgang und Eingang versperrte.

          Er versammelte sein Haus und sagte nachdenkend: »Wäre es nicht möglich, daß wir mit aller Kraft die steilen Gipfel abtragen, so daß wir nach Yü Dschou im Süden einen Durchgang haben, der nach Han Yin geht?« Und sie versprachen es alle einander. Sein Weib äußerte Zweifel und sprach: »Deine Kraft reicht nicht mehr aus, um ein kleines Erdhäufchen zu beseitigen, wie soll es da erst mit dem Tai Hing- und Wang Wu-Berge werden? Und wo wollt ihr denn die Erde und die Steine hintun?« Alle sprachen: »Wir werfen sie ans Ende des Gelben Meeres im Norden des dunkeln Landes.« Darauf führte er Sohn und Enkel hinaus ans Werk. Die drei zerklopften die Steine, schaufelten Erde, luden sie in Körbe und beförderten sie ans Ende des Gelben Meeres. Unter den Nachbarn war die Witwe eines Mannes namens Hauptstädter, die hatte einen Nachgeborenen, der eben die Zähne wechselte. Der sprang herzu und half mit. Der Winter hatte mit dem Sommer gewechselt, als sie zum ersten Male heimkehrten.

          In Flußeck aber war ein weiser Greis, der verlachte sie und wollte sie abhalten und sprach: »Groß, wahrlich, ist dein Unverstand. Mit deiner alterswelken Kraft kannst du kein Gräschen des Berges mehr ausreißen, wieviel weniger Erde und Steine.«

          Der einfältige Alte von Nordberg atmete tief und sprach: »Dein Herz ist hart, undurchdringlich hart. Da ist dieses schwache Kind der Witwe besser. Wenn ich auch sterbe, so bleibt mein Sohn noch am Leben. Mein Sohn zeugt wieder Enkel, die Enkel zeugen wieder Söhne, deren Söhne haben wieder Söhne, deren Söhne haben wieder Enkel. So gehen die Geschlechter der Söhne und Enkel in unerschöpflicher Folge weiter. Dem Berg aber wird nichts hinzugefügt. Warum also sollte es zu schwer sein, ihn abzutragen?« Der weise Greis von Flußeck hatte nichts darauf zu erwidern.

          Einer der schlangenhaltenden Götter hörte davon und fürchtete, es möchte kein Ende nehmen. So sagte er es dem Herrn. Der Herr ward bewegt von diesem Glauben und befahl den zwei Söhnen des Kua Wo (Ameisenfürsten), die beiden Berge auf den Rücken zu nehmen und den einen östlich des Nordens und den anderen südlich von Yung zu vergraben. Seither gibt es südlich von Gi und nördlich von Han keinen trennenden Wall mehr.


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          Der Durst des Sonnenjägers

          Kua Fu (Prahlhans), seine Kraft nicht ermessend, jagte dem Bilde der Sonne nach und folgte ihm bis an die Grenze des Winkeltals. Da ward er durstig und begehrte zu trinken. Er ging hin und trank den Gelben-Fluß und den We-Fluß aus. Aber diese Flüsse genügten ihm nicht, so wandte er sich nach Norden, um den großen Sumpf auszutrinken. Aber ehe er hinkam, verdurstete er auf dem Wege. Er ließ seinen Stab fallen, der, vom Fett und Fleisch des Leichnams durchtränkt, den Deng-Wald erzeugte. Der Deng-Wald aber wuchs viele tausend Meilen weit.


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          Notwendigkeit und Freiheit

          Der große Yü sprach: »Innerhalb des ganzen Erdkreises hängt alle Beleuchtung ab von Sonne und Mond, alle Zeitbestimmung von den Sternen, alle Regelung von den Jahreszeiten, alle Notwendigkeit von dem großen Jahreszyklus. Die vom Geist erzeugten Naturwesen sind verschieden an Form, früh endend oder lange lebend. Nur der Heilige durchdringt ihr Gesetz.«

          Gi von Hia sprach: »Und doch gibt es auch Leben, das nicht vom Geist abhängt, Gestalt, die nicht von den Dualkräften abhängt, Licht, das nicht von Sonne und Mond abhängt, unabhängig vom Töten früh Endendes, unabhängig von Pflege lange Lebendes, Ernährung, die nicht vom Brote abhängt, Kleidung, die nicht von Gewerben abhängt. Bewegung, die nicht von Schiff und Wagen abhängt. Deren Gesetz ist die Freiheit. Das kann auch der Heilige nicht durchdringen.«


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          Das Paradies

          Als Yü Land und Wasser ordnete, da verirrte er sich und kam vom Weg ab. Er geriet in ein Land, das am nördlichen Strande des Nordmeeres liegt, niemand weiß, wie viele hunderttausend Meilen von dem Tsi-Lande entfernt. Das Land heißt das Ende des Nordens. Man weiß nicht, wovon sein Gebiet begrenzt wird. Dort gibt es nicht Wind noch Regen, nicht Reif noch Tau. Nicht leben dort die Geschlechter der Tiere und Vögel, der Kerfe und Fische. Ringsum eben steigt es in die Lüfte. In dieses Landes Mitte ist ein Berg. Sein Name heißt Hu Ling (Urnenhals). Seine Gestalt ist wie eine Urne. Auf seinem Gipfel ist eine Öffnung. Ihre Gestalt ist wie ein runder Ring. Ihr Name heißt Wirkung des Feuchten. Wasser strömt daraus hervor, das heißt Götterbrunnen. Sein Duft ist herrlicher als Orchideen und Pfeffer. Sein Geschmack ist lieblicher als Wein und Most. Die eine Quelle teilt sich in vier Bäche, die strömen den Berg hinab und durchfließen das ganze Land nach allen Enden. Der Erde Kraft ist milde: kein giftiger Hauch macht krank. Der Menschen Art ist sanft: sie folgen der Natur ohne Zank und Streit. Ihr Herz ist weich und ihr Leib ist zart: fern ist ihnen Hochmut und Neid. Alte und Junge wohnen friedlich beieinander: nicht haben sie Fürsten und Knechte. Männer und Frauen wandeln zusammen: nicht freien sie und lassen sich freien. Sie wohnen am Ufer des Wassers; nicht pflügen sie noch ernten sie. Die Luft ist weich und lau: nicht weben sie noch kleiden sie sich. Hundertjährig sterben sie: nicht gibt es Krankheit und vorzeitigen Tod. Das Volk lebt in Frieden und Seligkeit ohne Maß. Sie haben Freude und Wonne, sie kennen nicht Verfall und Alter, Trauer und Bitternis. Sie lieben die Töne. Sie fassen sich bei den Händen und singen Wechselgesänge. Den ganzen Tag endet nicht ihr Sang. Sind sie hungrig und müde, so trinken sie aus dem Götterbrunnen, und Kraft und Wille kommt ins Gleiche. Wird’s zu viel, so werden sie trunken und wachen nach zehn Tagen wieder auf. Sie baden im Götterbrunnen, und ihre Haut wird feucht und glatt, und nach zehn Tagen erst verliert sich der Duft.

          König Mu von Dschou, als er nach Norden wanderte, kam durch ihr Land und vergaß der Heimkehr drei Jahre lang. Als er zum Hause Dschou zurückgekehrt war, da sehnte er sich nach jenem Lande zurück voll Unruhe, also daß er sich selbst verlor. Er nahm nicht Wein noch Speise, er rief nicht seinen Weibern und Dienern. Und erst nach Monaten erholte er sich wieder.


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          Relativität der Moral

          Guan Dschung drängte den Herzog Huan von Tsi, mit ihm zusammen eine Reise zu machen und die verschiedenen Staaten bei der Mündung des Liauflusses zu besuchen. Beinahe hätte er ihn dazu gebracht.

          Da machte Si Peng Gegenvorstellungen und sprach: »Eure Hoheit wohnen in dem großen Staate Tsi, sein Volk ist zahlreich, seine Berge und Flüsse gewähren schöne Aussicht, üppig gedeiht die Natur, es blühen Sitte und Recht, die Kunst verschönt das Leben, zauberhafte Pracht ziert die Schlösser, treue Diener füllen den Hof, ein Ruf: und Millionen sind gewärtig, ein Wink: und alle Fürsten gehorchen dem Befehl. Warum sollte man sich nach anderem sehnen und die Altäre von Tsi verlassen, um den Völkern der Barbaren nachzugehen? Das ist ein altersschwacher Gedanke des Vaters Dschung, der kein Gehör verdient.«

          Der Herzog stand auf die Worte des Si Peng hin von dem Vorhaben ab und sagte es Guan Dschung. Der sprach: »Wahrlich, das ist etwas, das über den Gesichtskreis von Peng hinausgeht. Ich fürchte, daß es keinen anderen Weg gibt, jene Völker kennen zu lernen. Wozu dieses Kleben an den Reichtümern von Tsi? Wozu diese Beachtung der Worte des Peng?«

          Die Bewohner der südlichen Länder scheren sich die Haare kurz und gehen nackt; die Bewohner der nördlichen Länder winden sich Turbane um den Kopf und gehen in Pelzen; die Bewohner der mittleren Länder tragen Hüte und Mützen und gehen in Kleidern. Je nach seiner Beschaffenheit begünstigt der Boden den Ackerbau, den Handel, die Jagd, den Fischfang. Daß man im Winter Pelze trägt, im Sommer Linnen, daß man zu Wasser Schiffe hat und auf dem Lande Wagen: das sind Erfindungen stillen Nachdenkens, deren Vollendung durch die Natur bewirkt wird.

          Im Osten von Yüo ist das Land der Dschä Mu. Wird der erste Sohn geboren, so schlachten und essen sie ihn; das nennen sie Pflicht gegen die jüngeren Brüder. Stirbt der Großvater, so nehmen sie die Großmutter auf den Rücken und setzen sie aus; denn sie sagen: mit dem Weib eines Geistes darf man nicht zusammen wohnen. Im Süden von Tschu ist das Land der Feuermenschen. Wenn ihre Angehörigen sterben, so lassen sie ihr Fleisch verwesen und werfen es weg, dann begraben sie ihre Gebeine. Auf diese Weise erfüllen sie die Pflicht der Pietät. Im Westen von Tsin ist das Land der I-Kü. Wenn ihre Angehörigen sterben, so sammeln sie Reisig und verbrennen sie. Wenn sie anbrennen, so steigt der Rauch empor. Das nennen sie: in den Himmel fahren. Dadurch erfüllen sie die Pflicht der Pietät. Dies alles gilt bei den Oberen als Staatsgesetz und bei den Unteren als fester Brauch, ohne daß man sich darüber zu wundern brauchte.


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          Konfuzius in Verlegenheit

          Meister Kung wanderte im Osten. Da sah er zwei kleine Knaben, die sich stritten. Er fragte nach dem Grund; da sprach der eine Knabe: »Wenn die Sonne aufgeht, ist sie den Menschen näher, zurzeit des Mittags ist sie ferner.« Der andere sprach: »Wenn die Sonne aufgeht, ist sie ferner und zur Mittagszeit näher.«
          Der erste Knabe sprach: »Wenn die Sonne aufgeht, ist sie so groß wie ein Wagenrad, zur Mittagszeit ist sie nur noch wie ein Teller. Was ferner ist, sieht kleiner aus, was näher ist, sieht größer aus. Ist’s nicht also?« Der andere Knabe sprach: »Wenn die Sonne aufgeht, so ist sie trübe und kühl. Zur Mittagszeit aber fühlt sie sich wie kochendes Wasser. Was näher ist, ist heißer; was ferner ist, ist kühler. Ist’s nicht also?«

          Meister Kung konnte die Frage nicht entscheiden. Da lachten die beiden Knaben und sprachen: »Wer will behaupten, daß du viel weißt?«


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          Die Macht des Gleichgewichts

          Gleichgewicht ist das höchste Weltgesetz. Wird es auf die Körperwelt angewandt, so verhalten sich die Dinge entsprechend. Läßt man auf ein Haar, das sich im Gleichgewichtsmittelpunkt befindet, zwei gleich schwere Kräfte frei schwebend wirken und das Haar zerreißt, so ist das ein Zeichen, daß es sich nicht im Gleichgewichtsmittelpunkt befand. Ist es genau im Gleichgewichtsmittelpunkt, so bewirken die zerreißenden Kräfte kein Zerreißen. Die Leute halten das nicht für wahr, aber es gibt natürlich auch solche, die die Wahrheit davon erkennen.

          Dschan Ho benützte einen einzelnen Seidenfaden als Angelschnur, die Granne einer Ähre als Angelhaken, eine dünne Gerte als Angelrute und ein gespaltenes Korn als Köder und konnte damit einen Fisch, der einen ganzen Wagen füllte, fangen in einem hundert Klafter tiefen Abgrund, mitten in brausendem Wirbel, ohne daß die Angelschnur zerriß, der Haken sich streckte oder die Rute sich krümmte.

          Der König von Tschu hörte es und wunderte sich darüber. Er berief ihn und fragte nach dem Grund davon. Dschang Ho sprach: »Ich hörte meinen verstorbenen Vater von der Geschicklichkeit des Pu Dsu Dsï im Schießen reden. Er benützte einen schwachen Bogen und befestigte den Pfeil an einer dünnen Leine und benützte den Wind, um ihn zu treiben. Damit holte er zusammen zwei Kraniche aus den höchsten Wolkenregionen herunter, weil sein Sinnen gesammelt war und die Bewegung der Hände dem Gleichmaß der Kräfte sich anpaßte.
          Ich ahmte seinem Beispiel nach und lernte das Angeln. Nach fünf Jahren erst hatte ich den geheimen Sinn erfaßt. Wenn ich nun dem Flusse nahe mit der Angelrute in der Hand, so habe ich keine anderen Gedanken im Sinn als nur die Vorstellung der Fische. Ich werfe die Leine und versenke die Angel, ohne daß meine Hand ihr ein Gewicht verliehe, so daß von der Außenwelt her keine Verwirrung kommen kann. Wenn die Fische meine Angel und meinen Köder sehen, so halten sie es für sinkende Stäubchen oder Schaumblasen und schnappen danach ohne Bedenken.

          Deshalb kann man mit Schwäche Starkes meistern, mit Leichtem Schweres bewegen. Wenn du, o Großkönig, in Wahrheit also über dem Reiche zu walten vermagst, so kannst du die Welt bewegen, als faßtest du sie in der Hand, und hast nicht einmal Arbeit davon.« Der König von Tschu sprach: »Gut«.


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          Austausch der Herzen

          Gung Hu von Lu und Tsi Ying von Dschau waren beide krank und baten gemeinsam den Biän Tsüo, um Heilung zu erlangen. Biän Tsüo heilte sie. Als sie beide gesund waren, redete er zu Gung Hu und Tsi Ying also: »Die Krankheit, die ihr eben hattet, war von außen in die Eingeweide eingedrungen und konnte daher mit Arzneien geheilt werden. Nun habt ihr aber auch eine Krankheit, die mit euch zusammen geboren ist und mit euch zusammen wächst. Wie wäre es, wenn ich sie euch kurierte?« Die beiden Männer sprachen: »Wir möchten gerne erst das Ergebnis der Untersuchung hören.«

          Biän Tsüo sprach zu Gung Hu: »Dein Wille ist stark und deine Kraft ist schwach, darum mangelt es dir nicht an Vorsätzen, wohl aber an der Ausführung. Tsi Yings Wille ist schwach und seine Kraft ist stark, darum denkt er zu wenig und leidet an Eigensinn. Wenn ich eure Herzen austausche, so kommt ihr ins rechte Gleichgewicht.«

          Biän Tsüo gab den beiden nun einen giftigen Wein zu trinken, daß sie bewußtlos wurden drei Tage lang. Dann schnitt er ihnen die Brust auf, nahm die Herzen heraus und setzte sie vertauscht wieder ein. Dann gab er ihnen einen Göttertrank. Da kamen sie wieder zu sich wie zuvor. Die beiden verabschiedeten sich und kehrten heim.

          Nun aber ging Gung Hu in das Haus des Tsi Ying und nahm dessen Weib und Kinder in Besitz. Weib und Kind aber kannten ihn nicht. Ebenso ging Tsi Ying nach dem Hause des Gung Hu und nahm dessen Weib und Kind. Ebensowenig kannten ihn Weib und Kind. Die beiden Häuser stritten darob miteinander und baten den Biän Tsüo um Entscheidung. Biän Tsüo machte ihnen die Gründe klar. Da hatte der Streit ein Ende.


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          Die Macht der Töne I

          Wenn Gu Ba die Zither schlug, so kreisten die Vögel über ihm und die Fische sprangen aus dem Waser hervor. Der Musikmeister Wen von Dscheng hörte es. Er verließ sein Haus und folgte dem Meister Siang auf seinen Wanderungen. Er rührte mit dem Finger die Saiten drei Jahre lag, ohne daß es eine Melodie wurde. Der Meister Siang sprach: »Geh nur wieder nach Hause.«

          Meister Wen legte die Zither weg, seufzte und sprach: »Nicht daran liegt es, daß ich die Saiten nicht zu rühren wüßte, nicht daran, daß ich keine Melodie zustande brächte; was mir im Sinne liegt, das bezieht sich nicht auf die Saiten; worauf ich ziele, das bezieht sich nicht auf die Töne. Solange ich innerlich im Herzen das noch nicht erreicht, kann ich ihm äußerlich auf dem Instrument noch keinen Ausdruck geben; darum wage ich nicht, die Hand zu regen und die Saiten zu rühren. Doch gebt mir noch eine kleine Weile Frist und seht dann, was ich kann.«

          Nicht lange danach trat er wieder vor den Meister Siang. Der sprach: »Wie steht’s mit deinem Zitherspiel?« Der Meister Wen sprach: »Ich habe es er reicht; bitte, prüfet mein Spiel.«

          Darauf schlug er während des Frühlings die Schang-Saite an und ließ das achte Rohr begleiten. Da erhob sich plötzlich ein kühler Wind, und Kraut und Baum trugen Früchte. Als es Herbst geworden, schlug er die Güo-Saite an und ließ das zweite Rohr erwidern. Da kam laue Luft linde geflossen, und Kraut und Baum entfalteten ihre Pracht. Während des Sommers schlug er die Yü-Saite an und ließ sie von dem elften Rohr begleiten. Da fiel Reif und Schnee durcheinander, die Flüsse und Seen wurden plötzlich starr. Als es Winter geworden, da schlug er die Dschï-Saite an und ließ das fünfte Rohr erwidern. Da ward der Schein der Sonne stechend heiß, und das harte Eis schmolz rasch zusammen. Zuletzt ließ er die Gung-Saite ertönen und vereinigte sie mit den vier anderen Saiten, da säuselten liebliche Winde, glückbringende Wolken schwammen, süßer Tau fiel herab, und kräftig rauschten die Quellen.

          Der Meister Siang schlug an sein Herz und sprang empor und sprach: »Zauberhaft ist Euer Spiel. Auch der Meister Kuang (der Wolken und Winde) mit seinen Melodien (meistern konnte) und Dsou Yän (der) mit seiner Flöte (dem eisigen Norden Korn entlockte) konnten es nicht besser. Sie mögen mit der Zither unter dem Arm und der Flöte in der Hand Euch hinten nachfolgen.«


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          Die Macht der Töne II

          Süo Tan lernte den Gesang bei Tsin Tsing. Noch ehe er dessen Kunst erschöpft, hielt er dafür, daß er fertig sei; so nahm er Abschied und wollte heimkehren. Tsin Tsing hielt ihn nicht zurück. Beim Abschiedsmahl am Scheideweg schlug er den Takt und sang eine Elegie. Von deren Klang erzitterten die Bäume des Waldes, und von dem Echo wurden die ziehenden Wolken aufgehalten. Süo Tan bat da um Verzeihung und flehte wieder zurück zu dürfen. Sein Leben lang wagte er nicht mehr von Heimkehr zu reden.

          Tsin Tsing wandte sich an seinen Freund und sprach: »Vor alters lebte in Han ein Mädchen namens Wo. Die kam einst nach Osten bis Tsi. Da mangelte es ihr an Brot. Sie kam durch Yung Men und sang für Geld, um Nahrung zu bekommen. Nachdem sie weg war, umgab der Nachklang noch die Dachbalken drei Tage lang, ohne zu verklingen, so daß die Anwesenden dachten, sie sei noch nicht gegangen.
          Sie kam an einer Straßenherberge vorbei. Die Leute der Herberge beschimpften sie. Da erhob sie ihre Stimme, klagte und weinte, daß meilenweit die Alten und die Jungen vor Wehmut Tränen vergossen und sich ansahen und drei Tage lang nicht essen konnten. Dann liefen sie ihr nach und holten sie ein. Da erhob sie abermals die Stimme und sang ein Lied, daß meilenweit die Alten und die Jungen vor Freude hüpften und sprangen, ohne sich halten zu können. Und sie vergaßen ihre frühere Trauer und entließen sie reich beschenkt.

          Darum sind die Leute von Yung Men noch bis auf den heutigen Tag geschickt im Singen und Klagen; denn sie ahmen die Nachklänge Wo’s nach.«


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          Musikverständnis

          Be Ya war ein guter Zitherspieler. Dschung Dsï Ki war ein guter Zuhörer. Wenn Be Ya die Zither schlug und die Ersteigung eines hohen Berges im Sinne hatte, so sprach Dschung Dsï Ki: »Wundervoll, so steil und kühn, wie der Große Berg!« Hatte er fließendes Wasser im Sinne, so sprach Dschung Dsï Ki: »Vortrefflich, so wogend und wallend wie Fluß und Strom.« Was Be Ya dachte, erriet Dschung Dsï Ki mit Sicherheit.

          Als sie einst im Schatten des Großen Berges wanderten, wurden sie plötzlich von einem heftigen Regen überrascht und machten halt unter einem überhängenden Felsen. Be Ya war trübselig gestimmt, nahm seine Zither und spielte. Erst spielte er eine Weise von tropfendem Regen, dann schuf er den Laut von stürzenden Bergen. Welche Melodie er immer spielte, Dschung Dsï Ki erriet sofort seine Stimmung.

          Da legte Be Ya die Zither weg und sagte seufzend: »Vortrefflich, vortrefflich hörst du, was ich im Sinne habe. Die Bilder, die du ersinnst, sie gleichen meiner Stimmung. Unmöglich ist es mir, dir mit meinen Tönen zu entgehen.«


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          Der Automat

          Der König Mu vom Hause Dschou machte einst einen Jagdausflug nach Westen und kam über das Kunlungebirge, doch hatte er noch nicht den Yän-Berg (wo die Sonne untergeht) erreicht, als er wieder umkehrte. Noch ehe er im Reiche der Mitte angekommen war, wurde ihm unterwegs ein Mechaniker dargebracht mit Namen Ning Schï. Der König Mu ließ ihn vor sich kommen, fragte ihn und sprach: »Was hast du für Fertigkeiten?« Ning Schï sprach: »Ich werde versuchen, alles zu tun, was mir befohlen wird. Doch habe ich schon ein Werk fertig, das du, o König, erst besehen wollest.« Der König Mu sprach: »Komm morgen damit, so will ich es mit dir besehen.«

          Am anderen Tage meldete sich Ning Schï beim König. Der König ließ ihn vor sich kommen und sprach: »Was ist das für ein Mensch, der da mit dir kommt?« Er erwiderte: »Den habe ich gemacht, er kann singen.« Der König sah mit Erstaunen, wie er mit Hofschritten gehen, sich verneigen und aufrichten konnte wie ein richtiger Mensch. Der Mechaniker faßte ihn am Kinn, da sang er richtig im Tone. Er schüttelte ihm die Hand, da schlug er auch den Takt dazu. Tausenderlei verschiedene Kunststücke konnte er machen, wie man es haben wollte. Der König hielt ihn für einen wirklichen Menschen. Alle seine Weiber und Sklavinnen sahen mit ihm zu.

          Als nun die Kunststücke zu Ende waren, da blinzelte der Sänger den Sklavinnen in der Umgebung des Königs zu. Da ward der König sehr zornig und wollte den Ning Schï auf der Stelle töten lassen. Ning Schï erschrak sehr und schnitt den Sänger eilends auseinander, um dem König zu zeigen, daß er ganz zusammengesetzt sei aus Leder, Holz, Leim, Lack, aus weißen, schwarzen, roten und blauen Teilen.
          Der König untersuchte ihn, da sah er, daß im Innern Leber, Galle, Herz, Glieder, Gelenke, Haare, Zähne alles künstlich gemacht war mit vollendeter Geschicklichkeit. Zusammengesetzt sah er wieder aus wie vorher. Er nahm zur Probe das Herz heraus, da konnte der Mund nicht mehr reden; er nahm die Leber heraus, da konnten die Augen nicht mehr sehen; er nahm die Nieren heraus, da konnten die Füße nicht mehr gehen.
          Da erst begann der König Mu sich zu freuen und sprach aufatmend: »Wie? Kann denn die Kunst der Menschen die Werke des Schöpfers erreichen?« Er berief den zweiten Wagen, lud ihn (den Automaten) auf und nahm ihn mit sich heim.

          Ban Schu mit seiner Wolkenleiter, Mo Di mit seinem Drachenflieger hielten sich für äußerst geschickt. Ihre Schüler Dung Men Gia und Kin Gu Li hörten von der Kunst des Ning Schï und sagten es ihren beiden Meistern. Da wagten die beiden Meister ihr ganzes Leben lang nicht mehr über Kunst zu reden, sondern nahmen stets Zirkel und Richtmaß zur Hand.


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          Die beiden Schützen

          Gan Ying war ein tüchtiger Bogenschütze der alten Zeit. Spannte er den Bogen, so brachen die Tiere zusammen und die Vögel fielen herunter. Sein Schüler, namens Fe We, der bei ihm das Schießen gelernt hatte, übertraf an Geschicklichkeit noch seinen Meister. Gi Tschang wiederum wollte das Schießen bei Fe We lernen.

          Fe We sprach: »Du mußt erst lernen, nicht zu blinzeln. Danach erst kann vom Schießen die Rede sein.« Gi Tschang ging heim und legte sich unter den Webstuhl seines Weibes und verfolgte mit dem Auge die auf- und niedergehenden Rahmen. Nach zwei Jahren hatte er es so weit gebracht, daß er nicht blinzelte, ob auch eine Ahle mit der Spitze ihm ins Auge fiel. Das sagte er Fe We.

          Fe We sprach: »Das ist’s noch nicht. Nun mußt du sehen lernen, daß du Kleines groß siehst und Unsichtbares deutlich. Dann sag mir’s.« Gi Tschang hing nun an einem Haar eine Laus im Fenster auf. Nach der blickte er innen vom Zimmer aus. Nach zehn Tagen wurde sie allmählich größer. Nach drei Jahren sah er sie wohl so groß wie ein Wagenrad, so daß er andere Dinge alle so groß wie Berge sah. Da nahm er einen Bogen aus Horn von Yän und einen Pfeil aus Rohr von Scho und schoß nach ihr. Er durchbohrte das Herz der Laus, ohne daß das Haar abriß. Das sagte er Fe We. Fe We machte einen Luftsprung, schlug sich auf den Leib und sprach: »Du hast’s erreicht.«

          Da nun Gi Tschang die Kunst des Fe We innehatte, überschlug er, daß nunmehr auf der ganzen Welt nur noch ein einziger Mensch es mit ihm aufnehmen könne. Und er gedachte den Fe We zu töten. Sie trafen sich im Walde, und die beiden Männer schossen aufeinander. Auf halbem Wege trafen sich die Spitzen ihrer Pfeile, und sie fielen zur Erde, ohne den Staub zu erregen. Fe We’s Pfeile waren zuerst alle. Gi Tschang hatte noch einen Pfeil, den schoß er ab. Fe We aber parierte ihn mit der Spitze eines Dornes, ohne ihn zu fehlen.

          Darauf brachen die beiden in Tränen aus, ließen ihre Bogen fallen und warfen sich auf offener Straße voreinander nieder und schlossen einen Bund als Vater und Sohn. Sie schnitten sich in den Arm und schworen, daß sie ihre Kunst niemand verraten wollten.


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          Die drei kostbaren Schwerter

          Schwarz-Ei (He Luan) aus We tötete aus altem Groll den Kiu Bing Dschang (Strahlende Schönheit). Kiu Bing Dschang’s Sohn Ehrlich (Lai Dan) beschloß seinen Vater zu rächen. Seine Erregung war heftig und zeigte sich deutlich in seinem Äußeren. Man konnte die Körner zählen, die er aß, und er lief beständig wie vom Winde getrieben umher. Aber obwohl voll Grimm, konnte er doch keine Waffen führen, um jenem zu vergelten. Auch schämte er sich, andrer Leute Kraft zu borgen. Er schwor, mit dem Schwert in der Hand den Schwarz-Ei abzuschlachten.

          Schwarz-Ei aber war von roher Gesinnung und überaus großer Kraft. Er konnte hundert Mann widerstehen. Seine Sehnen und Knochen, Haut und Fleisch waren nicht nach andrer Menschen Art. Er konnte seinen Hals dem Schwerte hinhalten und seine Brust den Pfeilen darbieten. Ihre Spitze brach ab und bog sich, ohne daß sein Leib eine Verletzung zeigte. Er pochte auf sein Vermögen und seine Kraft und sah auf Ehrlich wie auf ein eben aus dem Ei gekrochenes Kücken.

          Der Freund Ehrlichs namens Rathilf (Schen To) sprach zu ihm: »Du grollst dem Schwarz-Ei aufs äußerste, und doch nimmt dich Schwarz-Ei nur allzu leicht. Was denkst du zu tun?« Ehrlich vergoß Tränen und sprach: »Ich wollte, du gäbest mir einen Rat!« Rathilf sprach: »Ich habe gehört, daß der Ahn des Großen Vollkommenen (Kung Dschou) im Staate We das kostbare Schwert der Kaiser aus dem Hause Yin überkommen hat, mit dem ein einziger Knabe drei Heere in die Flucht schlagen kann. Ob du nicht darum bittest?«

          Darauf ging Ehrlich nach We und trat vor den Großen Vollkommenen. Er befolgte den Brauch der Wagensklaven und brachte ihm erst sein Weib und seine Kinder dar und sagte hinterher sein Begehren.
          Der Große Vollkommene sprach: »Ich habe drei Schwerter, unter denen du wählen kannst. Aber mit allen dreien kann man keinen Menschen töten. Doch will ich dir erst ihre Eigenschaften sagen. Das erste heißt ›Verhaltenes Licht‹. Schaut man danach, so kann man es nicht sehen, bewegt man es, so erkennt man nicht, was es trifft. Es ist verborgen und spurlos. Es durchdringt die Dinge, und die Dinge merken es nicht.
          Das zweite heißt ›Erlangtes Schattenbild‹. Wenn man vor Tagesanbruch, wenn Dunkel und Licht sich mischen, oder am Abend des Tages, an der Grenze der Dämmerung und Helle nach Norden gewandt es untersucht, so sieht man ganz schwach etwas wie ein vorhandenes Ding, ohne daß man seine Form erkennen kann. Was es trifft, das gibt ganz verstohlen einen Klang. Es durchdringt die Dinge, und die Dinge empfinden keinen Schmerz.
          Das dritte heißt ›Nächtliche Übung‹. Wenn es eben Tag geworden ist, so sieht man seinen Umriß, aber nicht sein Licht. Bei Nacht sieht man sein Licht, aber nicht seine Form. Wenn es auf ein Ding trifft, so dringt es schrecklich durch, aber sowie es durchgedrungen ist, schließt sich die Wunde wieder. Man fühlt Schmerz, aber die Klinge färbt sich nicht mit Blut. Diese drei Schätze sind seit dreizehn Geschlechtern überliefert und haben noch nichts zu tun gehabt mit Weltgeschäften, sie waren geborgen in ihrer Hülle und haben die Scheide noch nie verlassen.«

          Ehrlich sprach: »Immerhin, ich bitte gewißlich um das dritte.« Der Große Vollkommene gab ihm zunächst Weib und Kind zurück, dann fastete er mit ihm sieben Tage lang, darauf überreichte er ihm in der Tiefe der Nacht knieend das dritte Schwert. Ehrlich warf sich ebenfalls nieder, nahm es und kehrte heim.

          Als Ehrlich nun mit dem Schwert in der Hand dem Schwarz-Ei nachging, da war Schwarz-Ei betrunken und lag unter dem Fenster. Er durchhieb ihn vom Hals bis zu den Lenden dreimal. Schwarz-Ei wachte nicht auf. Da dachte Ehrlich, Schwarz-Ei sei tot, und zog sich vergnügt zurück. Er begegnete Schwarz-Ei’s Sohn unter der Türe und schlug ihn dreimal, gleich als streiche er durch die Luft. Da begann Schwarz-Ei’s Sohn zu lachen und sprach: »Was bist du für ein Narr und winkst mir dreimal!«

          Da merkte Ehrlich, daß er mit dem Schwert niemand töten könne, und kehrte seufzend heim. Als Schwarz-Ei erwachte, fuhr er sein Weib an und sprach: »Du hast mich in meinem Rausch unbedeckt liegen lassen, davon habe ich Halsweh und Lendenschmerzen bekommen.« Sein Sohn sprach: »Vorhin ist Ehrlich dagewesen. Er begegnete mir unter der Tür und winkte dreimal nach mir, davon habe ich auch Schmerzen im Leib und Gliederreißen bekommen. Der Kerl hat uns untergekriegt.«

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            Buch 6 – Freiheit und Notwendigkeit

            Streit der Urmächte

            Die Willenskraft sprach zum Schicksal: »Deine Wirkungen können sich den meinigen nicht vergleichen.« Das Schicksal sprach: »Was hast du für Wirkungen auf die Natur, daß du dich mir vergleichen willst?«

            Die Willenskraft sprach: »Langes und kurzes Leben, Erfolg und Mißerfolg, Ehre und Niedrigkeit, Armut und Reichtum: das alles steht in meiner Macht«.

            Das Schicksal sprach: »Der Großvater Peng war nicht weiser als die heiligen Herrscher Yau und Schun und wurde doch achthundert Jahre alt. Yän Yüan (der Lieblingsjünger Kungs) war an Begabung nicht geringer als die andern und mußte doch mit zweiunddreißig Jahren sterben. Kungs Geisteskraft war nicht geringer als die der Fürsten seinerzeit, und doch kam er in Not zu Tschen und Tsai. Der Wandel des Tyrannen Dschou Sin aus dem Hause Yin war nicht besser als der der drei Vollkommenen zu seiner Zeit, und doch saß er auf dem Herrscherthron. Der würdige Gi Dscha wurde nicht mit dem Wu-Gebiet belehnt, und der Mörder Heng aus dem Hause Tiän kam in den Besitz der Alleinherrschaft im Staate Tsi.
            Die unbeugsam guten Brüder Be I und Schu Tsi verhungerten am Schou-Yang-Berg, das böse Haus Gi ward reicher als Dschan Kin.

            Wenn das alles durch dein Vermögen, o Willenskraft, gekommen ist, warum gabst du gerade jenem so langes Leben und diesem so kurzes? Warum gabst du dem Heiligen Mißerfolg und dem Sünder Erfolg? Warum machtest du den Würdigen niedrig und den Narren geehrt? Warum machtest du die Guten arm und die Bösen reich?«

            Die Willenskraft sprach: »Wenn es so ist, wie du redest, dann habe ich allerdings keine Wirkung auf die Natur. Daß die Natur sich so verhält, das ist dann also etwas, das du gemacht?«

            Das Schicksal sprach: »Wenn ich doch Schicksal heiße, wie kann da noch von ›machen‹ die Rede sein? Das Gerade treibe ich, das Krumme dulde ich. Hohes Alter, das aus sich selber kommt; frühes Sterben, das aus sich selber kommt; Erfolg und Mißerfolg, Ehre und Niedrigkeit, die aus sich selber kommen: die kann ich auch nicht erkennen, die kann ich auch nicht erkennen.«


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            Gleich und doch ungleich

            Es war ein Herr von Nordhausen (Be Gung), der sprach zu dem Herrn von Westheim (Si Men): »Ich bin von demselben Alter wie du, und die Leute schaffen dir Erfolg; wir sind vom selben Stamm, und die Leute ehren dich; wir haben dieselbe Gestalt, und die Leute lieben dich; wir reden dieselben Worte, und wir haben dasselbe Amt, und die Leute achten dich; wir pflügen dieselben Felder, und die Leute schaffen dir Reichtum; wir treiben dieselben Geschäfte, und die Leute schaffen dir Gewinn; ich kleide mich in grobe Wolle, ich nähre mich von schwarzem Brot, ich wohne in einer strohgedeckten Hütte, und will ich reisen, so muß ich zu Fuß gehen. Du kleidest dich in Samt und Seide; du issest Reis und Fleisch, du wohnst unter hohem Dache und fährst vierspännig aus. In der Heimat setzt du dich mit heiterer Gelassenheit über mich hinweg, bei Hofe bist du hochfahrend und stolz gegen mich. Seit Jahren meiden wir den gegenseitigen Verkehr und gehen nie mehr gemeinsam auf Reisen. Denkst du, daß du an Wesensart mir überlegen bist?«

            Der von Westheim sprach: »Ich weiß nicht, was der eigentliche Grund ist. Aber was du machst, hat Mißerfolg, und was ich mache, das gelingt: das ist doch wohl ein Beweis, daß wir uns durch Fülle und Ärmlichkeit unterscheiden. Und was du da redest von Dingen, in denen du mir gleich seiest, kommt nur von deiner dicken Stirn.«

            Der von Nordhausen hatte darauf nichts zu erwidern; er verlor seine Selbstachtung und ging nach Hause. Unterwegs begegnete er dem Lehrer Ostweiler (Dung Go). Der Lehrer sprach: »Was läufst du so verlassen und einsam hin und her, und deine Schritte zeigen tiefe Scham?« Der von Nordhausen erzählte seine Geschichte. Da sprach der Lehrer Ostweiler: »Ich will dir deine Beschämung abnehmen und wieder mit dir zu dem Westheim gehen.« Er fragte jenen nun: »Womit hast du den Nordhausen so sehr beschämt? Sage es alles der Wahrheit gemäß!« Der von Westheim sprach: »Der Nordhausen sagte, daß er an Alter, Stamm, Jahren, Gestalt, Worten und Taten mir gleich sei, aber an Ehre und Reichtum hinter mir zurückstehen müsse. Ich habe daraufhin zu ihm gesagt: ›Ich weiß nicht, was der eigentliche Grund ist. Aber was du machst, hat Mißerfolg, und was ich mache, das gelingt: das ist doch wohl ein Beweis, daß wir uns durch Fülle und Ärmlichkeit unterscheiden. Und was du da redest von Dingen, in denen du mir gleich seiest, kommt nur von deiner dicken Stirn.‹«

            Der Lehrer Ostweiler sagte: »Fülle und Ärmlichkeit ist nach deinen Worten beschränkt auf den Unterschied des Wesens der Begabung. Ich fasse eure Fülle und Ärmlichkeit anders auf. Der Nordhausen da hat Fülle des Wesens, aber ein ärmliches Schicksal, du hast Fülle des Schicksals, aber ein ärmliches Wesen. Deine Erfolge sind nicht durch deine Weisheit errungen, Nordhausen hat sich seine Mißerfolge nicht durch Torheit zugezogen. Das sind alles Wirkungen des Himmels, nicht der Menschen. Daß du dich der Fülle des Schicksals rühmst, und Nordhausen der Fülle seines Wesens sich schämt, kommt beides daher, daß ihr die Naturgesetze nicht kennt.« Der von Westheim sprach: »Herr, haltet ein! Ich will nie wieder so reden!«

            Als nun Nordhausen heimkam, da zog er seinen groben Wollkittel an und fühlte sich so warm wie in Fuchs- oder Dachspelzen. Er aß seine Bohnenkerne, und sie schmeckten ihm so gut wie der feinste Reis; er barg sich in seiner Strohhütte, als säße er im Schatten weiter Hallen. Er fuhr in seinem Heuwagen so behaglich wie in einer Staatskarosse. Er hatte seine ganze Lebensfreudigkeit wiedergefunden und wußte nicht mehr, ob Ehre oder Schande auf der Seite des anderen oder auf seiner Seite seien.

            Lehrer Ostweiler hörte es und sprach: »Der Nordhausen hat lange geschlafen, und doch konnte ein einziges Wort ihn aufwecken. Der ist leicht aus der Fassung zu bringen.«


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            Beispiel aus der Geschichte für die Unfreiheit der Handlungen

            Die beiden Männer Guan I Wu (Guan Dschung) und Bau Schu Ya waren gute Freunde. Sie lebten beide im Staate Tsi. Guan I Wu diente dem Prinzen Giu, Bau Schu Ya diente dem Prinzen Siau Be. Der Herzog von Tsi handelte in seinem Hause nach der Gunst. Die Söhne seiner Nebenfrauen hatten dieselben Rechte wie die legitimen Prinzen. Die Leute im Volke fürchteten, daß daraus Unruhen entstehen möchten. Guan I Wu und sein Kollege Schau Hu zogen sich daher mit dem Prinzen Giu in den Staat Lu zurück, während Bau Schu Ya mit dem Prinzen Siau Be nach dem Staate Gü sich zurückzog.

            Nach dem Tode des alten Herzogs erhob sich sein Enkel Wu Dschï (gegen den legitimen Nachfolger Siang. Der Usurpator wurde jedoch selbst vom Volke umgebracht). Da nun der Staat Tsi ohne Fürsten war, stritten die beiden Prinzen um die Thronfolge. Guan I Wu kämpfte mit dem Prinzen Siau Be auf dem Wege von Gü und traf ihn mit einem Pfeil auf das Gürtelschloß (dennoch behielt Siau Be die Oberhand). Als Siau Be nun als Herzog eingesetzt war, da drängte er den Fürsten von Lu, den Prinzen Giu zu töten. Dessen einer Minister, Schau Hu, ging mit ihm in den Tod. Guan I Wu (der sich nicht getötet hatte) wurde eingekerkert.

            Da sprach Bau Schu Ya zu dem Herzog Huan (dem früheren Prinzen Siau Be): »Guan I Wu hat die Fähigkeit, das Reich zu leiten.« Herzog Huan sprach: »Der ist mein Feind, ich möchte ihn töten.« Bau Schu Ya sprach: »Ich habe sagen hören, ein würdiger Fürst kenne keinen persönlichen Groll, und dann: wer sein Herr zu sein vermag, der vermag auch sicher Herr des Reichs zu sein. Wenn Ihr die Vorherrschaft im Reiche erstrebt: ohne Guan I Wu läßt sie sich nicht erreichen. Darum müßt Ihr, o Fürst, ihn befreien.« Darauf verlangte der Herzog den Guan I Wu. Der Staat Lu lieferte ihn aus. Als er nach Tsi kam, empfing ihn Bau Schu Ya auf dem Felde und löste seine Fesseln. Der Herzog Huan beschenkte ihn und gab ihm seinen Platz noch über den Geschlechtern Gau und Guo. Bau Schu Ya war ihm persönlich unterstellt. Es wurde ihm die Leitung des Staates übertragen und der Titel »Vater Dschung« verliehen. Und Herzog Huan gewann die Vorherrschaft im ganzen Reiche.

            Guan I Wu sprach seufzend: »In meiner Jugend, als ich in Bedrängnis war, habe ich mit Bau Schu Ya Geschäfte gemacht. Bei der Verteilung der Güter nahm ich selber den größeren Anteil. Bau Schu Ya hielt mich darum nicht für habgierig, sondern wußte, daß ich es aus Armut tat. Ich machte mit Bau Schu Ya zusammen Pläne und hatte großen Mißerfolg. Bau Schu Ya hielt mich darum nicht für töricht, sondern wußte, daß Gelingen und Mißlingen seine Zeit hat. Ich war dreimal im Amt gewesen und war dreimal von meinem Herrn weggejagt worden. Bau Schu Ya hielt mich darum nicht für unbrauchbar, sondern wußte, daß ich die rechte Gelegenheit noch nicht gefunden. Ich stand dreimal in der Schlacht und habe dreimal dem Feind den Rücken gekehrt. Bau Schu Ya hielt mich darum nicht für feige, sondern wußte, daß ich eine alte Mutter hatte. Als Prinz Giu unterlegen, ging Schau Hu mit ihm zusammen in den Tod. Ich kam ins dunkle Verließ und hatte Schmach und Schande zu tragen. Bau Schu Ya hielt mich darum nicht für ehrlos, sondern wußte, daß ich mich nicht um Kleinigkeiten schäme, aber es als Schmach achte, wenn mein Name nicht auf Erden bekannt wird. Die mich erzeugten, sind Vater und Mutter, der mich kennt, ist Bau Schu Ya.«

            Unsere Zeit rühmt Guan und Bau als treue Freunde und den Prinzen Siau Be als einen, der es verstand, fähige Menschen in seinen Dienst zu ziehen. Aber in Wirklichkeit kommt ihnen das Lob der Freundestreue und der Tüchtigkeit im Gebrauche fähiger Menschen nicht zu. Damit soll nicht gesagt sein, daß andere eine höhere Stufe in der Freundestreue oder in der Tüchtigkeit im Gebrauch fähiger Menschen einnehmen. Daß Schau Hu in den Tod ging, war nicht seine freie Tat; er konnte gar nicht anders als in den Tod gehen. Daß Bau Schu den Würdigsten empfahl, war nicht seine freie Tat; er konnte gar nicht anders als ihn empfehlen. Daß Siau Be seinen Feind verwandte, war nicht eine freie Tat; er konnte gar nicht anders als ihn verwenden.

            Als Guan I Wu schließlich erkrankte, da fragte Siau Be und sprach: »Vater Dschungs Krankheit ist schwer, wir dürfen’s uns nicht verschweigen. Wenn es nun zum äußersten kommt, wem kann ich dann den Staat anvertrauen?« Guan I Wu sprach: »An wen denken Eure Hoheit?« Siau Be sprach: »Bau Schu Ya ist wohl geeignet.« Guan I Wu erwiderte: »Er ist nicht geeignet. Er führt den Wandel eines reinen, unbestechlichen, tüchtigen Gelehrten. Mit Leuten, die nicht seine Lebensrichtung haben, kommt er nicht aus. Hört er einmal, daß jemand sich etwas hat zuschulden kommen lassen, so vergißt er das sein Leben lang nicht. Betraute man ihn mit der Verwaltung des Staates, so würde er den Fürsten in Verwickelungen bringen und das Volk unzufrieden machen. Diese Verfehlungen dem Fürsten gegenüber würden rasch zum Ende führen.« Siau Be sprach: »Ja, wer ist dann geeignet?« Er erwiderte: »Es wird wohl niemand anders übrigbleiben als Si Peng (der persönliche Feind des Guan I Wu). Er ist ein Mensch, der sich nichts daraus macht, wenn er in hoher Stellung ist; dadurch entgeht er dem Neid der Untergebenen. Er stellt sich selbst die höchsten Ziele und hat Mitleid mit denen, die schlechter sind als er. Mit der Kraft des geistigen Wesens die Menschen zur Pflicht zu bringen, das ist die Sache des berufenen Heiligen; durch Spenden die Menschen zur Pflicht zu bringen, das ist die Art der würdigen Männer. Wer mit seiner Würde von oben her den Menschen naht, der wird niemals die Menschen für sich gewinnen; wer sich aber mit seiner Würde unter die Menschen hinuntergibt, der wird sicher die Menschen gewinnen. Was er im Staate an Besitz erwirbt, wird nicht bekannt; was er im Hause an Besitz erwirbt, bleibt ungesehen. Wenn es also nicht anders geht, so ist Si Peng geeignet.«

            Und dennoch hat nicht etwa Guan I Wu den Bau Schu Ya benachteiligt: er konnte gar nicht anders als ihn benachteiligen. Nicht er hat den Si Peng bevorzugt; er konnte gar nicht anders als ihn bevorzugen. Es mag wohl vorkommen, daß man einen, den man anfangs bevorzugt hat, schließlich benachteiligen muß, oder daß man einen, den man schließlich bevorzugt, erst benachteiligt hatte. Das Kommen und Schwinden der Art des Benehmens hängt nicht von uns ab.


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            Gesetz des Zufalls

            Wenn etwas, das die Möglichkeit zu leben hat, auch wirklich lebt, so ist das Glück vom Himmel. Wenn etwas, das reif zum Sterben ist, auch wirklich stirbt, so ist das Glück vom Himmel. Wenn etwas, das die Möglichkeit zum Leben hätte, nicht zum Leben kommt, so ist das Strafe vom Himmel. Wenn etwas, das reif zum Sterben wäre, nicht zum Sterben kommt, so ist auch das Strafe vom Himmel.

            Daß solches, das die Möglichkeit zum Leben oder Sterben hat, nun auch wirklich das Leben oder das Sterben erreicht: das kommt vor. Daß solches, das nicht die Möglichkeit zum Leben oder Sterben hat, dennoch lebt oder stirbt: auch das kommt vor.

            Das, was also das Leben zum wirklichen Leben macht, das Sterben zum wirklichen Sterben macht, das liegt nicht in der Außenwelt und liegt nicht in unserem Ich, sondern es ist beides Schicksal: die Erkenntnis findet hier unübersteigliche Grenzen. So heißt es:

            Unfaßbar, ohne Grenzen,
            Trifft aus sich selbst des Himmels SINN das Ziel.
            Unendlich, ohne Teile,
            Schließt aus sich selbst des Himmels SINN den Kreis.
            Sichtbares und Unsichtbares können nicht dagegen,
            Heilige und Weise können nichts dazu,
            Geister und Teufel können nicht entwischen.
            Das auf sich selbst Beruhende
            Stillet, wirket,
            Ebnet, sänftigt,
            Leitet, wartet.


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            Die drei Doktoren und das Geheimnis des Lebens

            Yang Dschu hatte einen Freund namens Gi Liang. Gi Liang wurde krank, und nach sieben Tagen war es sehr schlimm mit ihm geworden. Sein Sohn umarmte ihn schluchzend. Er wollte einen Arzt rufen. Gi Liang sagte zu Yang Dschu und sprach: »So weit also treibt mein Sohn seine Dummheit! Willst du mir nicht den Gefallen tun und ein Lied singen, um ihn zur Besinnung zu bringen?« Yang Dschu sang darauf also:

            »Was kein Gott im Himmel weiß,
            Soll der Mensch es merken?
            Keine Hilfe kommt vom Himmel,
            Keine Schuld des Menschen gibt es.
            Wahrlich ich und wahrlich du
            Können es nicht wissen;
            Ärzte wohl und Zaubrer wohl:
            Sollten die es wissen?«

            Aber der Sohn wurde nicht zur Besinnung gebracht und rief schließlich drei Ärzte. Der eine hieß Eisenbart (Kiau), der zweite hieß Einverstanden (Yü), und der dritte hieß Schwarz (Lu). Sie untersuchten sein Leiden.

            Herr Eisenbart sagte zu Gi Liang und sprach: »Wärme und Kälte stehen nicht im Einklang. Geist und Leib haben nicht das rechte Verhältnis. Die Krankheit kommt von Hunger und Sättigung, Genuß und Begierde, Sorgen des Geistes und zerstreuenden Beschäftigungen. Sie kommt nicht vom Himmel und nicht von Geistern; obwohl es schlimm steht, kann man dagegen angehen.« Gi Liang sprach: »Ein ganz gewöhnlicher Doktor!« Und er trieb ihn hinaus.

            Herr Einverstanden sprach nun: »Bei dir war von Anfang an die Kraft des Mutterleibes nicht ausreichend, die Milch war zu reichlich. Die Krankheit ist nicht von gestern und heute, ihre Ursachen haben sich allmählich entwickelt. Sie ist unheilbar.« Gi Liang sprach: »Ein guter Arzt.« Und er gab ihm zu essen.

            Herr Schwarz sprach: »Deine Krankheit kommt nicht vom Himmel noch von Menschen noch von Geistern. Als du mit dem Leben deine körperliche Gestalt erhieltest, da hat sie sich gebildet. Der sie gemacht hat, kennt sie auch wohl. Was sollen die Arzneien und Pulver nützen?« Gi Liang sprach: »Ein göttlicher Arzt.« Und er entließ ihn reich beschenkt. Plötzlich wurde dann die Krankheit Gi Liang’s von selber wieder gut.

            Nicht durch sorgfältige Pflege kann man das Leben verlängern, nicht durch Liebe zum Leben kann man Fülle gewinnen. Ebensowenig kann man durch Verachtung des Leibes ein frühes Ende herbeiführen, durch Vernachlässigung des Lebens es dürftiger machen.
            Darum kommt es vor, daß wer sein Leben wert hält, es verliert; wer es verachtet, doch nicht stirbt; wer es liebt, nicht seine Fülle gewinnt; wer es unwichtig nimmt, es doch nicht dürftiger macht. Das scheint verkehrt, es ist aber nicht verkehrt, sondern es kommt davon her, daß Leben und Tod, Fülle und Dürftigkeit auf sich selber beruhen.
            Es kommt auch vor, daß einer sein Leben wert hält und es behält; daß einer es verachtet und stirbt; daß einer es liebt und seine Fülle gewinnt; daß einer es unwichtig nimmt und in Dürftigkeit kommt. Das scheint der gerade Lauf zu sein, es ist aber nicht der gerade Lauf, sondern auch das kommt davon, daß Leben und Tod, Fülle und Dürftigkeit auf sich selber beruhen.


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            Fügung ins Unvermeidliche

            Yü Hiung redete mit dem König Wen und sprach: »Was lang an sich ist, dem kann man nichts zufügen; was kurz an sich ist, das kann man nicht verringern. Solches entzieht sich aller Berechnung.«
            Lau Dan redete mit Guan Yin und sprach:

            »Wer weiß den Grund davon,
            Daß der Himmel einen haßt!«

            Damit meint er, daß es sich nicht verlohnt, den Gedanken des Himmels nachzuspüren und Glück und Unglück auszurechnen.


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            Pessimismus

            Yang Bu fragte (seinen älteren Bruder Yang Dschu) und sprach: »Es gibt hier Menschen, die sind Brüder an Jahren, in ihren Worten, in ihrer Begabung, in ihrem Aussehen und unterscheiden sich doch wie Vater und Sohn in Beziehung auf ihre Lebensdauer, auf Rang, auf Ruhm, auf Liebe und Haß der Menschen. Das macht mir zu schaffen.«

            Meister Yang sprach: »Die Alten hatten ein Wort, das ich mir gemerkt habe und das ich dir sagen will: Was so ist, wie es ist, ohne daß man die Gründe für sein Sosein kennt, das ist Schicksal. Nun aber folgt undurchdringliches Dunkel und gesetzloser Zufall sowohl dem, der handelt, als auch dem, der nicht handelt. Die Tage kommen und gehen. Wer kann die Ursache davon ergründen? Das alles ist Schicksal.
            Wer sich nun dem Schicksal überläßt, für den gibt es kein hohes Alter und kein frühes Sterben. Wer sich der Notwendigkeit überläßt, für den gibt es kein Recht und Unrecht. Wer sich seinem Gefühl überläßt, für den gibt es kein Widerstreben oder Folgen. Wer sich der Natur überläßt, für den gibt es nicht Ruhe noch Gefahr. Von dem kann man sagen, daß er an nichts glaubt und an alles glaubt. Der hat die Wahrheit unverfälscht. Wozu gehen? Wozu kommen? Wozu traurig sein? Wozu fröhlich sein? Wozu handeln? Wozu nicht handeln?«


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            Unabhängigkeit

            Im Buche des Herrn der gelben Erde heißt es:
            »Der höchste Mensch weilt wie ein Leichnam und bewegt sich wie in Fesseln;
            er weiß weder, warum er verweilt, noch, warum er nicht verweilt;
            er weiß weder, warum er sich bewegt, noch, warum er sich nicht bewegt.
            Er ändert weder vor den Blicken der Menge sein äußeres Benehmen, noch kann man von ihm sagen, daß, wenn er den Blicken der Menge entzogen ist, er sein äußeres Benehmen nicht verändert.

            Einsam geht er, einsam kommt er, einsam äußert er sich, einsam zieht er sich in sich zurück. Wer kann ihn hindern?«


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            Das Naturgesetz in der Geisteswelt

            Verschlagene und Reizbare, Zurückhaltende und Heftige: diese vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher. Jeder geht seinen Zielen nach, und bis ans Ende der Tage verstehen sie gegenseitig ihre Gefühle nicht; jeder hält seine Weisheit für die tiefste.

            Redegewandte und Einfältige, Alberne und Kriecher: diese vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher. Jeder geht seinen Zielen nach, und bis ans Ende der Tage verkehren sie nicht miteinander; jeder hält seine Kunst für die feinste.

            Heimtückische und Unverschämte, Voreilige und kalte Spötter: diese vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher. Jeder geht seinen Zielen nach, und bis ans Ende der Tage bringen sie einander nicht zur Besinnung; jeder denkt, daß sein Verstand es erfaßt habe.

            Heuchler und Aufdringliche, Tollkühne und Zaudernde: diese vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher. Jeder geht seinen Zielen nach, und bis ans Ende der Tage bringen sie einander nicht vorwärts; jeder hält seinen Wandel für tadellos.

            Gesellschaftsmenschen und Selbstgewisse, Tyrannen und Vereinsamte: diese vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher. Jeder geht seinen Zielen nach, und bis ans Ende der Tage beachten sie einander nicht; jeder hält sich für zeitgemäß.

            Das ist der Zustand der Menge. Ihr Äußeres ist vielgestaltig, und doch folgen sie alle den ewigen Gesetzen und sind dem Schicksal unterworfen.


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            Der Schein trügt

            Das beinahe Vollkommene ist dem Vollkommenen ähnlich; aber es ist von Anfang an unvollkommen. Das beinahe Verkommene ist dem Verkommenen ähnlich; aber es ist von Anfang an nicht verkommen. So entsteht die Betörung aus der Ähnlichkeit. Die Grenzen solcher Ähnlichkeiten sind verschwommen. Wer das Ähnliche ungetrübt zu unterscheiden vermag, der fürchtet nicht äußeres Unheil und freut sich nicht inneren Glücks.

            Wann es die rechte Zeit ist zu wirken, und wann es die rechte Zeit ist innezuhalten, kann auch der Weiseste nicht wissen. Wer sich dem Schicksal überläßt, betrachtet die Außenwelt und das eigne Ich mit gleichen Gefühlen. Wer der Außenwelt und dem eignen Ich mit verschiedenen Gefühlen gegenübersteht, der ist noch nicht so weit wie einer, der mit verbundenen Augen und mit verstopften Ohren, im Rücken eine[ Felswand und vor sich einen Sumpfgraben, dasteht und doch nicht hineinstürzt.

            Darum heißt es: Tod und Leben kommen vom Schicksal, Armut und Mißerfolg hängen von der Zeit ab. Wer über ein vorzeitig abgebrochenes Leben murrt, kennt das Schicksal nicht. Wer über Armut und Mißerfolg murrt, kennt die Zeit nicht. Im Tode nicht zagen, unter Mißerfolg nicht trauern: das heißt das Schicksal kennen und sich der Zeit fügen.

            Menschen, die viele Weisheit besitzen, ermessen Gewinn und Schaden, beurteilen, was nichtig ist und was wirklich, und berechnen der Menschen Gefühle: zur Hälfte erreichen sie ihr Ziel, zur Hälfte nicht. Menschen mit geringer Weisheit ermessen nicht Gewinn und Schaden, beurteilen nicht, was nichtig ist und was wirklich, und berechnen nicht der Menschen Gefühle: zur Hälfte erreichen sie ihr Ziel, und zur Hälfte nicht.

            Was ist darum für ein Unterschied zwischen Ermessen und Nichtermessen, zwischen Beurteilen und Nichtbeurteilen, zwischen Berechnen und Nichtberechnen? Nur wer nichts ermißt und alles ermißt, der erreicht das Vollkommene und hat keinen Verlust, und doch kennt er nicht die Vollkommenheit, noch kennt er den Verlust; denn Vollkommenheit, Nichtsein, Verlust beruhen alle auf sich selber.


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            Der Nutzen des Todes

            Herzog Ging von Tsi wanderte auf dem Kuhberg. Als er von Norden der Hauptstadt seines Landes nahte, da vergoß er Tränen und rief aus: »Wie schön bist du, o Land! So üppig, so prächtig, glitzernd im Tau! Muß ich dies Land verlassen und sterben? O, gäbe es doch keinen Tod in der Welt! Wenn ich von hier scheide, wohin werde ich dann kommen?«

            Der Geschichtsschreiber Kung und Liang Kiu Gü taten es ihm beide nach und sprachen schluchzend: »Wir hängen von des Fürsten Gnade ab, und unsere Speise ist einfaches Gemüse und geringes Fleisch. Wir fahren mit alten Mähren und Rumpelwagen und möchten dennoch nicht sterben. Wieviel mehr (Grund zur Klage) hat da erst unser Fürst!«

            Nur Meister Yän lächelte für sich. Der Herzog wischte seine Tränen ab, wandte sich an Meister Yän und sprach: »Der Spaziergang hat uns traurig gemacht, und Kung und Gü haben es uns beide nachgetan und auch geweint. Warum lachst du allein?«

            Meister Yän erwiderte und sprach: »Wenn die Würdigen ewig dauerten, so wäre der Große Herzog und der Herzog Huan ewig am Leben geblieben. Wenn die Mutigen ewig dauerten, so wären die Herzöge Dschuang und Ling ewig am Leben geblieben. Wenn nun alle diese Fürsten heute noch lebten, so könnten Eure Hoheit im Schilfmantel und Strohhut auf den Feldern stehen. In diesem bemitleidenswerten Zustand hättet Ihr keine Muße gehabt, ans Sterben zu denken, und wie wäre es dann überhaupt möglich geworden, daß Eure Hoheit auf den Thron gekommen wären? Dadurch, daß in beständigem Wechsel jeder weilte und dann wieder ging, kam die Reihe an Eure Hoheit. Darüber nun aber Tränen zu vergießen, ist nicht wahre Seelengröße. Ich habe einen Fürsten gesehen ohne wahre Seelengröße und habe Diener gesehen, die ihm schmeichelnd nach dem Munde redeten. Als ich dies beides sah, da habe ich mir erlaubt, heimlich für mich zu lächeln.«

            Der Herzog Ging schämte sich. Er erhob den Becher sich selbst zur Strafe, und er bestrafte seine beiden Diener, jeden mit zwei Bechern Weins.


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            Nach wie vor

            Unter den Leuten von We lebte ein Mann namens Wu vom Osttor. Als sein Sohn starb, ward er nicht traurig.

            Da sprach sein Hausverwalter zu ihm: »Auf der ganzen Welt gab es keinen Menschen, der seinen Sohn so liebte wie Ihr. Nun. da Euer Sohn gestorben ist, warum seid Ihr nicht traurig?«

            Wu vom Osttor sprach: »Es gab eine Zeit, da ich immer ohne Sohn war, und in jener Zeit, da ich noch keinen Sohn hatte, war ich nicht traurig. Nun ist mein Sohn gestorben, und es ist wieder ebenso wie früher, da ich noch keinen Sohn hatte. Was sollte ich da traurig sein?«


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            Willenskraft und Schicksal

            Der Landmann benützt die Jahreszeiten; der Kaufmann strebt nach Gewinn; der Arbeiter sucht nach Kunstgriffen; der Beamte benützt seine Macht: so äußert sich die Willenskraft.
            Doch dem Landmann wird Regen oder Trockenheit zuteil, dem Kaufmann Gewinn oder Verlust, dem Beamten Erfolg oder Mißerfolg: so äußert sich das Schicksal.

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              Buch 7 – Yang Dschu

              Über den Ruhm

              Yang Dschu übernachtete bei seinen Wanderungen in Lu einmal im Hause der Familie Meng. Herr Meng fragte und sprach: »Schließlich ist doch jeder nichts weiter als ein Mensch; wozu dient der Ruhm?«

              Er antwortete: »Die nach Ruhm trachten, tun es, um reich zu werden.« – »Wenn aber einer reich ist, warum hört er auch dann noch nicht auf?« Er antwortete: »Um der Ehre willen.« – »Wenn aber einer geehrt ist, warum hört er auch dann noch nicht auf?« Er antwortete: »Um des Todes willen.« – »Wenn einer tot ist, was kann er dann da noch wollen?« Er antwortete: »Er kann für seine Kinder und Enkel sorgen.« – »Wie kann denn der Ruhm den Kindern und Enkeln nützen?«

              Er sprach: »Der Berühmte hat selber viel Mühsal und Sorgen. Die, denen sein Ruhm zugute kommt, das sind seine Stammesangehörigen; die Gewinn davon haben, sind seine Landsleute: wieviel mehr erst seine Kinder und Enkel!«
              »Wer aber nach Ruhm trachtet, muß uneigennützig sein; Uneigennützigkeit aber führt zur Armut. Wer nach Ruhm trachtet, muß demütig sein; Demut aber führt zur Niedrigkeit.«
              Er sprach: »Guan Dschung war Kanzler in Tsi. Sein Fürst war ausschweifend, er war auch ausschweifend; sein Fürst war üppig, er war auch üppig. In seiner Willensrichtung stimmte er mit ihm überein; in seinen Worten richtete er sich nach ihm. Sein Weg hatte Erfolg, und die Vorherrschaft im Reiche ward errungen. Nach seinem Tode aber war er einfach Guan Dschung und nichts weiter. Der Mann Tiän war Kanzler in Tsi. War der Fürst übermütig, so zeigte er sich herablassend; war der Fürst habgierig, so zeigte er sich freigebig. Alles Volk fiel ihm zu, und er kam so auf den Thron von Tsi, und seine Nachkommen haben es bis auf den heutigen Tag noch ununterbrochen zu genießen.«

              »So bringt also wahrer Ruhm in Armut und heuchlerischer Ruhm in Reichtum?« Er sprach: »Was wahr ist, erlangt keinen Ruhm; was Ruhm genießt, ist nicht wahr. Alle die berühmten Männer sind Heuchler und nichts weiter. Vor alters haben Yau und Schun heuchlerischerweise das Reich dem Hü Yu und Schan Küan angeboten, darum haben sie das Reich nicht verloren und erfreuten sich eines hundertjährigen Alters. Be I und Schu Tsi haben in Wahrheit auf den Thron von Gu Dschu verzichtet und haben auch tatsächlich für immer ihr Reich verloren, also daß sie am Schou Yang-Berge Hungers starben. An diesen Beispielen kann man sehen, zu welch verschiedenen Erfolgen Wahrheit und Heuchelei führen.«


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              Carpe diem

              Yang Dschu sprach: »Die höchste Grenze menschlichen Lebens sind hundert Jahre. Hundert Jahre erreicht unter Tausenden nicht einer.
              Doch nehmen wir an, es gebe so einen: die Zeit seiner Kindheit und Unreife und die des gebrechlichen Alters nimmt etwa die Hälfte davon ein; davon nimmt die Zeit, die man nachts im Schlafe verbringt und die tags im Wachen unbenützt verstreicht, wieder etwa die Hälfte weg; Schmerzen und Krankheit, Trauer und Verdruß, Verlust und Mißerfolg, Kummer und Sorgen nehmen von dem Rest wieder etwa die Hälfte weg. Innerhalb der übrig bleibenden Zahl von etwa zehn Jahren kommt auf die Zeit, in der man vollkommen frei sich selbst genießt, ungetrübt von jeglicher Spur sorgender Gedanken, kaum einer Stunde Spanne.

              In eines Menschen Leben, was bleibt da also noch an Freuden übrig?
              Es bleibt Genuß, es bleibt die Schönheit der Töne und Farben; doch des Genusses kann man sich auch nicht dauernd ungetrübt erfreuen, an Tönen und Farben kann man sich auch nicht dauernd ungetrübt ergötzen; dazu kommen noch die Überredungen und Einschränkungen von Lohn und Strafe, die hemmenden und treibenden Einflüsse von Namen und Vorbildern. In rastloser Hast streitet man um eitles Lob während der Spanne Zeit, um nach dem Tode überflüssige Verherrlichung zu erreichen.
              Nutzlos zügelt man Ohren und Augen und achtet auf Recht und Unrecht der Triebe des Leibes. So bringt man sich umsonst um den höchsten Genuß der Gegenwart und ist auch nicht der einen Stunde freier Herr. Wodurch unterscheidet sich ein solches Leben noch von den Ketten und Fesseln eines schweren Verbrechers?

              Die Menschen der grauen Vorzeit hatten erkannt, daß des Lebens Dauer flüchtig ist, hatten erkannt, daß es flüchtig dem Tode zueilt; darum ließen sie in ihren Handlungen ihrem Herzen freien Lauf und widerstrebten nicht den natürlichen Neigungen, und was augenblicklich dem Leibe schmeichelte, das taten sie nicht ab. So ließen sie sich nicht um des Ruhmes willen überreden; sie folgten ihrer Natur und ließen sich treiben, und aller Wesen Neigungen ließen sie gewähren. Sie waren nicht auf Ruhm nach dem Tode aus, so wurden sie auch von der Strafe nicht erreicht. Und Ruhm und Lob der früheren oder späteren Zeit und ihrer Lebensjahre zugemessene Zahl beachteten sie nicht.«


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              Gleichmacher Tod

              Yang Dschu sprach: »Verschieden sind die Wesen voneinander während des Lebens; im Tode sind sie gleich. Im Leben gibt es Weise und Narren, Vornehme und Geringe und dadurch Unterschiede; mit dem Tode kommt Verwesung, Fäulnis, Auflösung, Vernichtung und dadurch Gleichheit. Und trotzdem steht Weisheit oder Narrheit, Vornehmheit oder Niedrigkeit nicht in der Menschen Macht; Verwesung und Fäulnis, Auflösung und Vernichtung steht ebensowenig in ihrer Macht.

              Darum, die da leben, leben nicht aus sich selber; und die sterben, sterben nicht aus sich selber; die Weisen sind nicht weise aus sich selber; und die Narren sind nicht Narren aus sich selber; die Vornehmen sind nicht vornehm aus sich selber; und die Niedrigen sind nicht niedrig aus sich selber. Vielmehr ist es die Gesamtheit aller Wesen, die gleichzeitig lebt und gleichzeitig stirbt, gleichzeitig weise ist und gleichzeitig närrisch, gleichzeitig vornehm und gleichzeitig niedrig.

              Einer stirbt mit zehn Jahren, ein anderer stirbt mit hundert Jahren. Vollkommene Heilige sterben, ebenso wie bösartige Narren sterben. Im Leben waren es Patriarchen (Yau und Schun); im Tode sind es Modergebeine. Im Leben waren es Scheusale (Giä und Dschou); im Tode sind es Modergebeine. Als Modergebeine sind sie eins; wer erkennt noch ihre Verschiedenheit? Darum laßt uns des Lebens Gegenwart ergreifen! Wozu sich sorgen um das, was nach dem Tode kommt!«


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              Übermässige Tugend

              Yang Dschu sprach: »Be I war nicht frei von Begehren; seine übermäßige Sucht nach Reinheit brachte ihn dazu, daß er sich dem Hungertod ergab.
              Dschan Gi (Liu Hia Hui) war nicht frei von Leidenschaft; seine übermäßige Sucht nach Keuschheit war es, die ihn dazu brachte, daß er sich der Einsamkeit ergab. Also vermag Reinheit und Keuschheit das Gute zu verfehlen.«


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              Die Nachteile von Armut und Reichtum

              Yang Dschu sprach: »Unter den Jüngern Kungs war Yüan Hiän (Yüan Sï), der in ärmlichen Verhältnissen in Lu lebte. Dsï Gung anderseits erwarb sich Reichtümer in We. Yüan Hiän nahm durch seine Armut Schaden an seiner Gesundheit; Dsï Gung machte durch seinen Reichtum seinen Leib müde.

              So ist also Armut nicht das Wünschenswerte und Reichtum nicht das Wünschenswerte.
              Worin besteht nun das Wünschenswerte? Ich sage, das Wünschenswerte besteht darin, daß man sich seiner Gesundheit freut, daß man seinem Leib Bequemlichkeit schafft. So hält sich, wer es versteht sich seiner Gesundheit zu freuen, ferne von Armut, und wer es versteht seinem Leibe Bequemlichkeit zu schaffen, ferne von Reichtum.«


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              Vom Nutzen des Mitleids

              Yang Dschu sprach: »Die Alten hatten ein Wort: ›Im Leben soll man Mitleid miteinander haben; im Tode soll man voneinander lassen.‹

              Dieses Wort hat es getroffen. Der Grundsatz des gegenseitigen Mitleids ist nicht eine Sache des bloßen Gefühls: in Zeiten der Überarbeitung verschafft er Erleichterung, dem Hunger verschafft er Sättigung, der Kälte verschafft er Erwärmung, dem Mißerfolg verschafft er Erfolg. Der Grundsatz, voneinander zu lassen, heißt nicht, daß man nicht umeinander trauert; nur braucht man (den Toten) keine Perlen und Edelsteine in den Mund zu geben, keine gestickten Seidengewänder anzuziehen, keine Schlachtopfer darzubringen und keine prächtigen Geräte aufzustellen.«


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              Pflege des Lebens und Bestattung der Toten

              Bau Schu Ya befragte den Guan I Wu über die Pflege des Lebens.
              Guan I Wu sprach: »Sich ausleben ist das Ganze! Nichts verhindern, nichts unterdrücken!« Bau Schu sprach: »Und wie macht man das in jedem Falle?« Guan I Wu sprach: »Laß deine Ohren hören, was sie begehren! Laß deine Augen sehen, was sie begehren! Laß deine Nase riechen, was sie begehrt! Laß deinen Mund reden, was er begehrt! Laß deinen Leib genießen, was er begehrt! Laß deinen Willen tun, was er begehrt!

              Die Ohren verlangt es nach Klängen und Tönen; wenn man sie ihnen nicht zu hören gibt, so unterdrückt man die Ausbildung des Gehörs. Die Augen verlangt nach Schönheit und Farben; wenn man sie ihnen nicht zu sehen gibt, so unterdrückt man die Ausbildung des Sehvermögens. Die Nase verlangt nach Düften und Wohlgerüchen; wenn man sie ihr nicht zu riechen gibt, so unterdrückt man die Ausbildung des Riechvermögens. Den Mund verlangt über Recht und Unrecht zu reden; wenn man ihn nicht darüber sprechen läßt, so unterdrückt man die Ausbildung der Klugheit. Den Leib verlangt der Pracht und Fülle zu genießen; wenn man ihn nicht gewähren läßt, so unterdrückt man sein Wohlbefinden. Den Willen verlangt darnach, sich unbehindert auszuwirken; wenn man ihn nicht so handeln läßt, so unterdrückt man seine Natur.

              Alle diese Unterdrückungen sind schlimme Tyrannen. Wer diese schlimmen Tyrannen beseitigt, der kann fröhlich sein Ende erwarten, sei es einen Tag, einen Monat, ein Jahr oder zehn Jahre lang. Das nenne ich Pflege des Lebens. Wer diese schlimmen Tyrannen festhält, ihrer gedenkt und sie nicht preisgibt, der schleicht elend dahin, um ein hohes Alter zu erreichen; und ob er hundert Jahre alt würde oder tausend Jahre oder zehntausend: ich nenne das nicht Pflege des Lebens.«

              Guan I Wu sprach: »Nachdem ich dir nun über die Pflege des Lebens gesprochen, wie steht es da wohl mit der Bestattung des Toten?« Bau Schu Ya sprach: »Die Bestattung des Toten ist Nebensache; was braucht man darüber zu reden?«
              Guan I Wu sprach: »Ich möchte es aber doch von dir hören.« Bau Schu Ya sprach: »Wenn ich erst tot bin, was geht das Weitere mich dann noch an? Mag man mich verbrennen oder ins Wasser werfen; mag man mich begraben oder offen liegen lassen; mag man mich in Stroh wickeln und in einen Graben werfen oder in prächtige Gewänder hüllen und in einem steinernen Sarkophag beisetzen: das alles mag gehen, wie es will!«

              Da blickte Guan I Wu den Bau Schu Ya an und sprach: »Des Lebens und des Todes Sinn haben wir beide erfaßt.«


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              Die beiden Übermenschen

              Dsï Tschan war Kanzler in Dscheng, und nachdem er die Gewalt im Staate drei Jahre lang in seiner Hand vereinigt hatte, da folgten die Guten seinem Einfluß, und die Bösen scheuten seine Strenge. So kam der Staat Dscheng in Ordnung, und die übrigen Reichsfürsten fürchteten ihn. Er aber hatte einen älteren Bruder namens Gung Sun Tschan und einen jüngeren Bruder namens Gung Sun Mu. Der ältere war dem Wein ergeben und der jüngere der Frauenschönheit.

              Vor dem Hause des älteren standen Tausende von Weinfässern aufgestapelt, und die Hefe lag in Haufen umher. Wenn man auf hundert Schritt dem Tore nahte, so beleidigte der Geruch von Trebern und ungegorenem Wein die Nase. Und nun erst seine Unmäßigkeit im Weingenuß! Er kümmerte sich nicht um des Weltlaufs Sicherheit oder Gefahr, nicht um Reue oder Verzweiflung menschlicher Vernunft, nicht um Besitz oder Verlust im eigenen Hause, nicht um Zuneigung oder Entfremdung seiner Verwandten, nicht um Freude und Trauer über Leben und Tod, ja selbst wenn Wassersnot und Feuersnot, Schwert und Spieß gleichzeitig ihn bedroht hätten, er hätte es nicht beachtet.

              Der jüngere hatte sich in seinen hinteren Gemächern einen Harem von Dutzenden von Zimmern angelegt, den er mit ausgesucht jungen und schönen Mädchen gefüllt hatte. Und nun erst seine Ausschweifung in Wollust! Die Verwandten trieb er weg, und mit den Freunden brach er. Er zog sich in die inneren Gemächer zurück und trieb dort Tag und Nacht sein Wesen. Alle drei Monate kam er nur einmal hervor, und selbst dabei war ihm noch nicht wohl. Wenn in der Gegend irgendwo eine besonders schöne Jungfrau war, so sandte er sicher Geschenke, um sie herbeizulocken, brauchte Kuppler, um sie zu verführen, und ließ nicht ab, ehe er sie bekommen.

              Dsï Tschan war Tag und Nacht darüber bekümmert. Er suchte heimlich den Deng Si auf, um ihn um Rat zu fragen, und sprach: »Ich weiß, daß man erst sein Selbst in Ordnung bringen muß, um auf die Familie Einfluß zu gewinnen, daß man erst sein Haus in Ordnung bringen muß, um auf den Staat Einfluß zu gewinnen. Dieser Grundsatz besagt, daß man im engsten Kreise anfangen muß, um weitere Kreise zu erreichen. Nun habe ich im Staate Ordnung geschaffen, aber meine Familie ist in Unordnung. Das ist der verkehrte Weg. Was für ein Mittel gibt es nun, um die beiden Herren zurechtzubringen? Willst du mir’s nicht kundtun?« Deng Si sprach: »Ich wundere mich schon lange darüber; aber ich habe nicht gewagt, zuerst davon zu reden. Willst du sie nicht schleunigst zur Ordnung bringen, indem du ihnen die Wichtigkeit von Leib und Leben klarmachst und sie anziehst durch die Erhabenheit von Recht und Sitte?«

              Dsï Tschan befolgte die Worte Deng Si’s und benützte eine freie Stunde, um seine Brüder zu besuchen. Und er redete mit ihnen also: »Was den Menschen vor dem Tiere auszeichnet, das ist sein sinnender Verstand; worauf der sinnende Verstand uns weist, das ist Sitte und Recht. Wenn man in allen Stücken nach Sitte und Recht lebt, so kommt man zu Ehren und Ämtern; wenn man von seinen Leidenschaften sich treiben läßt und sich der Völlerei und Wollust ergibt, so bringt man Leib und Leben in Gefahr. Wenn ihr meine Worte zu Herzen nehmt und morgens Buße tut, so habt ihr abends schon ein Amt.«

              Die beiden Brüder sprachen: »Das wissen wir schon längst und haben auch schon längst unsere Wahl getroffen! Wir brauchten nicht auf dich zu warten, um das zu erfahren. Es ist ein seltenes Glück zu leben; der Tod aber kommt ganz von selbst. Was ist das für ein Gedanke, das seltene Glück des Lebens preiszugeben, um auf den Tod zu warten, der doch ganz von selbst kommt; Sitte und Recht hochzuhalten, um vor den Menschen zu prahlen; seinen Gefühlen und seiner Natur Gewalt anzutun, um den Ruhm herbeizulocken! Wenn wir das tun wollten, wären wir dann nicht so gut wie schon tot? Wir wünschen die Freuden dieses einen Lebens auszukosten und die Genüsse der Gegenwart zu erschöpfen. Darum kennen wir nur die Sorge, daß, wenn der Leib überfüllt ist, der Genuß am Trunk gehindert wird, daß, wenn die Kraft erschöpft ist, die Befriedigung der Lust gehindert wird; nicht aber beunruhigen wir uns darüber, daß unser Name stinkend wird und unser Leib und Leben in Gefahr kommt. Du aber kannst doch mit deiner Geschicklichkeit, den Staat zu ordnen, vor der Welt prahlen! Nun willst du auch noch mit deinem Geschwätz unser Herz verwirren und mit Ehre und Ämtern unseren Gedanken schmeicheln. Ist das nicht gemein oder erbärmlich?

              Nun wollen wir einmal mit dir rechten. Wenn einer tüchtig ist in der Ordnung des Äußeren, so ist es noch lange nicht sicher, daß die Welt durch ihn in Ordnung kommt; aber er selbst hat eitel Mühsal. Wenn einer dagegen tüchtig ist, sein Inneres in Ordnung zu bringen, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß die Welt durch ihn in Unordnung kommt; aber sein eignes Wesen hat eitel Behagen. Deine Art, das Äußere in Ordnung zu bringen, mag wohl zeitweise in einem Staat Erfolg haben; aber sie stimmt nicht überein mit dem Herzen der Menschen. Unsere Art, das Innere in Ordnung zu bringen, kann auf die ganze Welt ausgedehnt werden, und das Verhältnis zwischen Fürst und Untertan käme schließlich dadurch zur Ruhe. Wir haben schon lange im Sinne gehabt, dich diese Kunst zu lehren. Nun kommst statt dessen du zu uns, um uns in jener Kunst zu unterweisen!«

              Dsï Tschan kam in Verlegenheit und hatte nichts zu erwidern. Am anderen Tag teilte er es dem Deng Si mit. Deng Si sprach: »Du lebst mit Übermenschen zusammen und hast es nicht gewußt; wer will behaupten, daß du weise seist! Daß der Staat Dscheng in Ordnung ist, ist Zufall und nicht dein Verdienst.«


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              Der ungerechte Mammon

              Duan Mu Schu im Staate We war ein Nachkomme Dsï Gungs. Er überkam das Vermögen seiner Vorfahren, so daß in seinem Hause Zehntausende von Goldstücken aufgehäuft waren. Da er nicht Ordnung halten konnte, so ließ dieser Nachkomme seinen Wünschen freien Lauf. Was die Menge zu tun begehrt, woran sich Menschengedanken zu erfreuen trachten: alles tat er, an allem erfreute er sich. Mauern und Häuser, Terrassen und Wandelgänge, Gärten und Parks, Teiche und Weiher, Speise und Trank, Wagen und Gewänder, Klänge der Musik und dienende Sklavinnen; das alles hatte er so reichlich wie die Fürsten von Tsi und Tschu. Was immer seinen Stimmungen zusagte, was Auge, Ohr und Mund ergötzen konnte, und waren es auch Erzeugnisse ferner Gegenden, die nicht im eignen Lande wuchsen: alles schaffte er herbei, als wären es Dinge innerhalb der eignen Zäune und Wände. Und wenn er reiste, so fragte er nicht nach Hindernissen und Gefahren durch Berge und Ströme, nicht nach Länge und Ferne der Wege und Straßen: überall kam er hin, so leicht wie andere Menschen ein paar Schritte gehen. Der Gäste und Besucher verkehrten in seiner Halle täglich an die hundert. In der Küche ging Rauch und Feuer nie aus. In dem Saale über der Terrasse hörten die Klänge der Musik nie auf. Was von den aufgetragenen Speisen übrigblieb, verteilte er unter seine Verwandten; was die Verwandten übrigließen, verteilte er in der Nachbarschaft; was in der Nachbarschaft noch übrigblieb, verteilte er im ganzen Reich.

              Als er nun in die sechziger Jahre kam und Leib und Seele alterten, da gab er seine häuslichen Geschäfte auf und verteilte alles. Was seine Kammern bargen an Perlen und Edelsteinen, Wagen und Gewändern, Weibern und Sklavinnen, war im Laufe eines Jahres alles zu Ende. Für seine Söhne und Enkel ließ er keinen Besitz mehr übrig. Und als er krank ward, war nichts mehr da, um Heilkräuter und Pulver zu kaufen. Als er starb, war kein Geld mehr da für seine Beerdigung.

              Alle Leute im ganzen Reich hatten aber seine Wohltaten genossen. Sie taten sich nun zusammen und brachten Geld auf, um ihn zu beerdigen, und erstatteten seinen Söhnen und Enkeln ihr Vermögen wieder zurück.

              Kin Gu Li (der Schüler des Mo Di) hörte davon und sprach: »Duan Mu Schu war ein Narr, der seinem Ahn Schande machte.«
              Duan Gan Scheng hörte davon und sprach: »Duan Mu war ein großartiger Mensch, dessen Geist den seines Ahns noch übertraf. Wie er handelte, was er tat, davor scheuen sich die Gedanken der Menge, und doch hat er die wahre Vollkommenheit erlangt. Die Herren von We aber halten viel auf sich selbst wegen ihrer Moralvorschriften. Sie sind allerdings nicht imstande, die Gesinnung dieses Mannes zu verstehen.«


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              Es ist alles ganz eitel

              Meng Sun Yang fragte den Meister Yang und sprach: »Angenommen ein Mensch suche dadurch, daß er sein Leben wert hält und seinen Leib liebevoll pflegt, die Unsterblichkeit zu erlangen: ist das zu billigen?«
              Jener sprach: »Die Naturgesetze dulden keine Unsterblichkeit.«
              »Nehmen wir an, er suche seine Lebensdauer zu verlängern: ist das zu billigen?«
              Er sprach: »Die Naturgesetze dulden keine Verlängerung des Lebens. Das Leben kann man nicht durch Werthaltung bewahren; den Leib kann man nicht durch liebevolle Pflege gesund erhalten. Und dann: was hat denn die Verlängerung des Lebens für einen Zweck? Die Neigungen und Abneigungen der Gefühle bleiben sich gleich von alters her bis heute, die Sicherheit und Unsicherheit der Glieder bleibt sich gleich von alters her bis heute, die Freuden und Leiden der Weltgeschäfte bleiben sich gleich von alters her bis heute, Wandel und Wechsel von Ordnung und Verwirrung bleiben sich gleich von alters her bis heute. Wenn man das alles erst einmal gehört hat, wenn man es gesehen hat, wenn man es mitgemacht hat: so hat man in hundert Jahren schon zum Überdruß daran; wie bitter müßte da erst eine weitere Verlängerung des Lebens sein!«

              Meng Sun Yang sprach: »Wenn es also steht, daß ein früher Tod besser ist als ein langes Leben, so kann man ja sein Ziel erreichen, wenn man sich in die Schärfe des Schwertes stürzt oder ins Wasser oder Feuer springt.«

              Meister Yang sprach: »Nicht also! Wenn man schon einmal im Leben steht, so muß man es unwichtig nehmen und über sich ergehen lassen, seine Wünsche beobachten und so den Tod erwarten. Kommt dann der Tod heran, so muß man ihn auch unwichtig nehmen und über sich ergehen lassen, beobachten, was erfolgt, und sich so der Auflösung überlassen. Beides muß man unwichtig nehmen, beides über sich ergehen lassen; was braucht es des Zögerns oder der Hast in dieser Spanne Zeit?«


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              Wert der Selbstsucht

              Yang Dschu sprach: »Be Tscheng Dsï Gau gab nicht ein Haar her, um der Außenwelt zu nützen. Er ließ sein Reich im Stich und pflügte in der Verborgenheit sein Feld. Der Große Yü gab sein ganzes Ich hin, ohne sich zu nützen. Sein ganzer Leib verrunzelte darob. Die Menschen des Altertums gaben kein Haar her, und wenn sie damit der ganzen Welt hätten nützen können. Und umgekehrt, wenn alle in der ganzen Welt ihnen huldigen wollten, so nahmen sie es nicht an. Kein einziger gab ein Haar her, kein einziger nützte der Gesamtheit, und die Gesamtheit war in Ordnung.«

              Meister Kin fragte den Yang Dschu und sprach: »Würdet Ihr wohl auf ein einziges Härchen Eures Leibes verzichten, wenn Ihr damit der ganzen Welt könntet aufhelfen?«
              Meister Yang sprach: »Der Welt kann unmöglich mit Einem Haar geholfen werden.«
              Meister Kin sprach: »Nehmen wir an, es könnte ihr dadurch geholfen werden: würdet Ihr es tun?« Meister Yang gab keine Antwort.

              Meister Kin ging weg und redete mit Meng Sun Yang darüber. Meng Sun Yang sprach: »Ihr versteht des Meisters Sinn nicht. Darf ich es Euch erklären? Würdet Ihr bereit sein, Euch die Haut ritzen zu lassen, wenn ihr zehntausend Goldstücke dafür bekämet?«
              Er sprach: »Ich würde es tun.«
              Meng Sun Yang sprach: »Würdet Ihr bereit sein, Euch ein Glied abhacken zu lassen, wenn Ihr ein Königreich dafür bekämet?« Meister Kin schwieg. Nach einer Weile sprach Meng Sun Yang: »Ein Haar ist weniger als die Haut, die Haut ist weniger als ein Glied, das ist klar. Doch handelt es sich in dem Verhältnis von Haar und Haut, von Haut und Gliedern nur um ein Weniger oder Mehr. Ein Haar ist freilich nur der zehntausendste Teil des ganzen Leibes, aber warum soll man auch nur diesen Einen Teil gering achten?« Meister Kin sprach: »Ich vermag Euch nichts darauf zu erwidern. Aber die Sache steht so, daß wenn man Eure Worte dem Lau Dan und Guan Yin vorlegte, sie Euch recht geben würden, wenn man aber meine Worte dem Mo Di und dem Großen Yü vorlegte, sie mir recht geben würden.«

              Meng Sun Yang wandte sich darauf an seine Jünger und redete von anderen Dingen.


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              Vom Leiden der Gerechten und vom Glück der Gottlosen

              Yang Dschu sprach: »Alles Gute in der Welt sagt man dem Schun und dem Yü, dem Herzog Dschou und dem Kung Dsï nach, alles Üble in der Welt dem Giä und Dschou Sin. Aber Schun hatte zu pflügen im Süden des (gelben) Flusses und bildete Gefäße am Donnersumpf (Le Dsche); keinen Augenblick konnte er seinen Gliedern Ruhe gönnen; sein Mund erfreute sich nicht an köstlichen Speisen; die Liebe seiner Eltern hatte er nicht, und seine Geschwister waren ihm nicht zugetan. Als er dreißig Jahre verbracht, da heiratete er, ohne es ihnen anzuzeigen, und als er endlich das Reich von Yau überkam, da war er schon hochbetagt, und sein Geist war schon stumpf geworden. Sein Sohn Schang Gün war unbrauchbar; so mußte er den Thron dem Yü abtreten. Unter Not und Kummer kam er zum Tode. Er war der unglücklichste und elendeste unter allen Menschen.

              Yü’s Vater Gung sollte Land und Wasser in Ordnung bringen. Als seine Bemühungen keinen Erfolg hatten, da ward er lebenslänglich verbannt auf den Flügelberg (Yüschan). Yü hatte seine Erbschaft zu übernehmen und mußte seinem Feinde dienen. Nur der Urbarmachung des Landes galt sein Bemühen. Ein Sohn ward ihm geboren, und er konnte sich nicht um ihn kümmern. Er kam an seiner Tür vorbei und hatte keine Zeit einzutreten. Sein ganzer Leib war verrunzelt; an Händen und Füßen hatte er Schwielen und Beulen. Als er endlich das Reich von Schun überkam, da wohnte er in einer ärmlichen Hütte mit prächtiger Kleidung und Krone. Unter Not und Kummer kam er zum Tode. Er war der geplagteste und sorgenvollste unter allen Menschen.

              Als der König Wu starb, da war sein Sohn Tscheng noch jung und schwach. So mußte sein Bruder, der Herzog von Dschou, des Himmelssohnes Herrschaft verwalten. Sein eigner Bruder, der Herzog Yau, war unzufrieden. Im ganzen Reiche liefen üble Gerüchte über ihn um, so daß er drei Jahre lang fern von der Hauptstadt verweilen mußte. Er mußte seinen älteren Bruder hinrichten und seinen jüngeren Bruder verbannen, und kaum rettete er sein eignes Leben. Unter Not und Kummer kam er zum Tode. Er war der bedrohteste und beunruhigteste unter allen Menschen.

              Kung Dsï erkannte den Weg der Herrscher und Könige und war bereit, den Einladungen der Fürsten seiner Zeit zu folgen. In Sung wollten sie ihn töten durch Fällen des Baumes (unter dem er saß). Aus dem Staate We mußte er sich heimlich flüchten; im Staate Schang und Dschou hatte er Mißerfolg; im Staate Tschen und Tsai wurde er eingeschlossen. In seiner Heimat geschah ihm Unrecht vom Haupt des Hauses Gi, und er ward verhöhnt von Yang Hu. Unter Not und Kummer kam er zum Tode. Er war der umhergetriebenste und gehetzteste unter allen Menschen.

              Alle diese vier Heiligen hatten während ihres Lebens nicht Einen Tag der Freude. Wohl ernteten sie nach ihrem Tode jahrhundertelangen Ruhm; aber in Wirklichkeit gewannen sie mit diesem Ruhme nichts, von allem Lob wissen sie nichts mehr, von allen Ehrungen wissen sie nichts mehr. Sie unterscheiden sich in nichts von einem dürren Baumstumpf und einem Erdenkloß.

              Der Tyrann Giä dagegen überkam die Schätze vieler Geschlechter, er saß geehrt auf dem Herrscherthron. Er hatte genügend Verstand, um der Knechte Schar von sich fernzuhalten. Der Schrecken, der von ihm ausging, reichte hin, um alles innerhalb der Meere zittern zu machen. Er ließ den Genüssen seiner Sinne freien Lauf und führte bis zu Ende aus, was immer in seinem Sinne stand. In Saus und Braus kam er zum Tode. Er war der glücklichste und ungebundenste unter allen Menschen.

              Dschou Sin überkam ebenfalls die Schätze vieler Geschlechter und saß geehrt auf dem Herrscherthron. Dem Schrecken, der von ihm ausging, war nichts unmöglich, und seinem Willen war niemand ungehorsam. Er gab sich seinen Leidenschaften hin im Innern des Palastes und folgte seinen Lüsten die langen Nächte hindurch. Er verbitterte sich nicht das Leben durch Sitte und Recht. In Saus und Braus kam er zum Untergang. Er war der freieste und unbeschränkteste unter allen Menschen.

              Diese beiden Bösewichter hatten während ihres Lebens die Freude, ihren Lüsten folgen zu können. Wohl luden sie nach ihrem Tode den Namen von Narren und Scheusalen auf sich; aber in Wirklichkeit verloren sie durch diesen Namen nichts, von allen Verleumdungen wissen sie nichts mehr, von allen Beschimpfungen wissen sie nichts mehr. Sie unterscheiden sich in nichts von einem dürren Baumstumpf und einem Erdenkloß.

              Jenen vier Heiligen sagt man nun wohl Gutes nach; aber sie hatten Bitternis bis zu ihrem Ende und sind den allen gemeinsamen Weg in den Tod gegangen. Jenen beiden Bösewichtern sagt man wohl Übles nach; aber sie genossen der Freuden bis zu ihrem Ende und sind ebenfalls den allen gemeinsamen Weg in den Tod gegangen.«


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              Ich hab‘ mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben

              Yang Dschu wurde beim König von Liang vorgelassen und sagte, die Welt zu ordnen gehe im Handumdrehen.
              Der König von Liang sprach: »Du, o Lehrer, hast eine Frau und eine Nebenfrau und kannst sie nicht in Ordnung halten; du hast drei Morgen Gartenland und kannst sie nicht bestellen; und nun sagst du, die Welt zu ordnen gehe im Handumdrehen: wie ist das?«

              Er erwiderte: »Haben Eure Hoheit schon beim Schafhüten zugesehen? Für eine Herde von hundert Schafen bedarf es nur eines halbwüchsigen Knaben, der mit der Peitsche in der Hand hintendrein geht. Will er nach Osten, so gehen sie nach Osten; will er nach Westen, so gehen sie nach Westen. Wollte man den Erzvater Yau ein einziges Schaf führen und den Erzvater Schun mit der Peitsche in der Hand hintendrein gehen lassen, so kämen sie nicht vorwärts damit.

              Ferner habe ich gehört, daß ein Fisch, der ein Boot verschlingen kann, nicht in kleinen Bächen schwimmt, und daß die hochfliegenden Schwäne sich nicht in schmutzigen Tümpeln sammeln. Warum? – Weil ihr Sinn ins Weite steht. Die Töne der gelben Glocke und der großen Flöte darf man beim Reigen nicht zusammen laut erklingen lassen. Warum? – Weil ihre Klänge einander zu fern stehen.

              Wer Großes in Ordnung bringen will, ordnet nicht Geringes; wer ein großes Werk vollbringen kann, vollbringt kein kleines. So ist das.«


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              Vergänglichkeit

              Yang Dschu sprach: »Der grauen Vorzeit Taten sind ausgelöscht: wer mag sie noch verzeichnen? Der drei Erhabenen Taten sind schwankend zwischen Sein und Nichtsein. Der fünf Herrscher Taten sind von sagenhaftem Schleier umwoben. Der drei Könige Taten, teils verborgen, teils offenbar, sind so, daß von Millionen nicht eine bekannt ist. Was man in seinem eignen Leben an Taten teils gehört, teils gesehen hat, ist so, daß man von Zehntausenden nicht eine weiß; ja selbst die Taten vor unseren Augen sind so, daß, ob sie Dauer haben oder vergänglich sind, man unter Tausenden noch nicht von einer wissen kann.

              Die Zahl der Jahre vom grauen Altertum bis auf unsere Tage entzieht sich aller Berechnung. Würdige und Narren, Gute und Böse, Siegende und Unterliegende, die recht hatten und die unrecht hatten: alle sind sie vergangen und ausgelöscht, der ganze Unterschied ist der, daß die einen zögernder, die anderen flüchtiger dahingingen.

              Einer kurzen Spanne Zeit Lob oder Tadel so zu Herzen nehmen, daß man Geist und Leib beunruhigt und bemüht, um nach dem Tode für einige hundert Jahre seinem Namen eine Dauer zu geben, die doch nicht imstande ist die modernden Gebeine zu beleben: was ist das für eine Lebensfreude!«


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              Der Mensch inmitten der Natur

              Yang Dschu sprach: »Der Mensch ist das Ebenbild von Himmel und Erde und vereinigt in sich die Natur der fünf Elemente. Von allen Lebewesen am meisten Vernunft hat der Mensch, und doch ist der Mensch so beschaffen, daß er sich nicht auf seine Nägel und Zähne verlassen kann zu seiner Verteidigung; Muskeln und Haut sind nicht stark genug, um Widerstand zu leisten; er kann nicht schnell genug laufen, um Schaden zu entgehen; er hat keine Haare oder Federn, um sich vor Kälte und Hitze zu schützen. Zu seiner Ernährung bedarf er der Außenwelt; dabei muß er sich aber seines Verstandes bedienen und kann sich nicht auf seine Kraft verlassen. Darum schätzt er den Verstand hoch, weil ihm die Erhaltung des eignen Ichs wertvoll erscheint, und er schätzt die rohe Kraft gering, weil die Vergewaltigung der Dinge der Außenwelt minderwertig erscheint.

              Dennoch ist unser Ich nicht in unserer Hand; einmal geboren, wächst es sich mit Notwendigkeit aus. Ebensowenig ist das Nicht-Ich in unserer Hand; einmal besessen, geht es mit Notwendigkeit wieder verloren. Das Leben hängt allerdings vom Ich ab, aber ebenso hängt die Ernährung vom Nicht-Ich ab. Selbst wenn unser Ich in voller Blüte des Lebens steht, ist es nicht möglich, es in die Hand zu bekommen; selbst wenn wir mit dem Nicht-Ich in Verbindung bleiben, ist es nicht möglich, es in die Hand zu bekommen.
              Wer das Nicht-Ich in der Gewalt hätte und sein eignes Ich in der Gewalt hätte, der könnte willkürlich verfügen über alles, was in der Welt Ich und Nicht-Ich heißt; dazu aber wäre wohl nur ein Berufener imstande.
              Wer sich mit jedem Ich in der Welt und mit jedem Nicht-Ich in der Welt in eins zu setzen vermöchte, der wäre der Vollkommene Mensch, – ja das ist die Vollkommenheit der Vollkommenheit.«


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              Sklaven und Herren der Güter des Lebens

              Yang Dschu sprach: »Vier Gründe sind es, daß die lebenden Menschen nicht zur Ruhe kommen: der eine ist das lange Leben, der zweite ist der Ruhm, der dritte ist der Rang und Stand, und der vierte ist der Besitz. Um dieser vier Dinge willen fürchten sie die Geister, fürchten sie die Menschen, fürchten sie die Macht und fürchten sie die Strafe. Die das tun, sind Menschen, die nicht zur Besinnung kommen. Man kann sie töten, man kann sie am Leben lassen: ihr Schicksal wird von außen her bestimmt.

              Wer seinem Los nicht widerstrebt, was braucht der hohes Alter zu begehren? Wer sich nicht um Ansehen kümmert, was braucht der Ruhm zu begehren? Wer nicht nach Macht trachtet, was braucht der Rang und Stand zu begehren? Wer nicht nach Reichtum gierig ist, was braucht der Besitz zu begehren? Die solches tun, sind mit sich selbst im reinen. Auf der ganzen Welt finden sie keinen Gegner; ihr Schicksal wird von innen her bestimmt. Darum sagt ein Sprichwort:

              Die Leute ohne Ehr und Amt
              Sind nur zur halben Last verdammt,
              Und schafft man Speis‘ und Kleidung ab,
              Gräbt man der Staatsgewalt ihr Grab.«


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              Bauernglück

              Ein Sprichwort aus Dschou sagt: »Den Bauer kann man durch Sitzen umbringen.« Morgens geht er hinaus, und nachts kommt er zurück, und er selber sieht darin die unabänderliche Naturordnung. Er schlürft seinen Bohnenbrei, ißt seine Kräuter und Wurzeln und hält das für die feinsten Gerichte. Seine Muskeln sind rauh und dick; seine Sehnen und Gelenke sind verzogen und steif. Läßt man ihn auch nur einen Morgen lang ruhen in einem weichen Bett mit seidenen Vorhängen und reicht ihm feinen Reis und Fleisch und Orchideen und Apfelsinen, so wird’s ihm übel zu Mut; sein Leib wird unruhig, er bekommt Fieber und wird krank. Wenn die Fürsten von Schang und Lu in dieselbe Lage gebracht würden wie ein Bauer, so könnten sie’s auch keine Stunde lang aushalten, ohne zu ermatten. Darum ist den gemeinen Leuten in dem, wodurch sie sich befriedigt fühlen und was sie für schön halten, auf der ganzen Welt niemand über.

              Es war einmal ein Bauer im Staate Sung, der immer in groben, hänfenen Kleidern ging, so daß er kaum sich durch den Winter brachte. Als der Frühling kam, ging er aufs Feld hinaus zu arbeiten und wurde warm im Sonnenschein. Er wußte gar nicht, daß es auf der Welt weite Hallen und warme Häuser, prächtige Kleider und Fuchs- und Dachspelze gäbe. Darum sagte er zu seinem Weib und sprach: »Wenn einem die Sonne auf den Rücken scheint, dann wird man warm; das hat noch kein Mensch entdeckt; das Mittel will ich unserem Herrn anbieten, der wird mich sicher reichlich dafür belohnen.«

              Ein reicher Mann in seinem Weiler sprach da zu ihm also: »Es war einmal ein Mann, dem schmeckten wilde Bohnen, und er hielt Nesselstengel, Sellerie und Wasserlinsen für vorzüglich und lobte sie vor den angesehenen Männern des Orts. Die angesehenen Männer nahmen davon und kosteten, aber es brannte sie im Mund und machte ihnen Leibgrimmen; alle lachten ihn aus und verachteten ihn, und er schämte sich gewaltig darob. Ihr seid wohl auch so einer von diesem Schlag.«


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              Unersättlichkeit der Moral

              Yang Dschu sprach: »Bequeme Wohnung, schöne Kleider, feine Speisen und schöne Frauen: wer diese vier Dinge hat, was braucht der mehr zu begehren? Wer diese Dinge hat und dennoch mehr begehrt, der ist eine unersättliche Natur; eine unersättliche Natur aber ist wie eine Made im Haushalt der Welt.

              (Was man so zum Beispiel) Pflichttreue nennt, ist keineswegs ausreichend, dem Herrn, dem man dient, Ruhe zu verschaffen; aber sie ist vollständig ausreichend, das eigne Ich in Gefahr zu bringen. Uneigennützigkeit ist keineswegs ausreichend, den Nebenmenschen zu nützen; aber sie ist vollständig ausreichend, das eigne Leben zu schädigen.

              Wenn erst die Oberen Ruhe finden, ohne auf die Pflichttreue angewiesen zu sein, dann wird der Ruhm der Pflichttreue verblassen; wenn erst die Nebenmenschen ihren Nutzen finden, ohne auf ihre gegenseitige Uneigennützigkeit angewiesen zu sein, dann wird der Ruhm der Uneigennützigkeit aufhören.

              Daß Fürsten und Untertanen miteinander Ruhe finden und die Mitwelt und das eigne Ich miteinander Ruhe finden: das war der Sinn des Altertums.«


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              Beschränkter Nutzen des Ruhms

              Meister Yü sprach: »Die den Namen abtun, haben keine Sorgen.«

              Lau Dan sprach: »Der Name ist der Gast der Wirklichkeit.« Aber weit und breit rennt alles dem Namen nach ohne Aufhören. Den Namen darf man allerdings nicht abtun; den Namen darf man allerdings nicht bloß als Gast betrachten, denn wer heute einen Namen hat, der ist geehrt und herrlich; wer keinen Namen hat, der ist niedrig und verachtet. Wer geehrt und herrlich ist, der hat Freude und Wonne; wer niedrig und verachtet ist, der hat Kummer und Bitternis. Kummer und Bitternis widerstreben der Natur, Freude und Wonne entsprechen der Natur. Das sind sehr wirkliche Zusammenhänge.
              Wozu also den Namen abtun? Wozu also den Namen als Gast behandeln?
              Aber man hasse es, den Namen festzuhalten und dadurch die Wirklichkeit beeinflussen zu lassen. Wer den Namen festhält und dadurch die Wirklichkeit beeinflussen läßt, der wird dereinst darüber zu klagen haben, daß er sich unrettbar in Gefahr und Verderben gestürzt. Wahrlich, nicht untätig verharre man, unentschieden zwischen Freude und Wonne und Kummer und Bitternis.


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                Buch 8 – Zusammentreffen der Verhältnisse

                Was man vom Schatten lernen kann

                Meister Liä Dsï lernte bei Hu Kiu Dsï Lin.
                Hu Kiu Dsï Lin sprach: »Wißt Ihr, daß, wer sich hinten hält, dadurch sein Selbst behalten mag?«
                Liä Dsï sprach: »Ich möchte erfahren, was es heißt, sich hinten zu halten.« Er sprach: »Blickt auf Euren Schatten, so wißt ihr es!«
                Liä Dsï wandte sich und betrachtete seinen Schatten. Krümmte er seinen Körper, so war sein Schatten krumm, richtete er seinen Körper auf, so war sein Schatten gerade. Ob der Schatten krumm war oder gerade, wurde von dem Körper bestimmt und nicht von ihm selber. Sich beugen und sich ausdehnen, wie es den Verhältnissen entspricht, und es nicht selber bestimmen, das heißt sich hinten halten und dadurch vorne weilen.

                Guan Yin redete mit Meister Liä Dsï und sprach: »Sind die Worte schön, ist auch das Echo schön; sind die Worte häßlich, ist auch das Echo häßlich. Ist der Leib lang, so ist auch der Schatten lang; ist der Leib kurz, so ist auch der Schatten kurz. Der Name (der uns zuteil wird) ist wie ein Echo (unserer Reden). Unser eignes Ergehen ist der Schatten (unserer Taten).

                So heißt es: Achte auf deine Worte, so wirst du Übereinstimmung finden! Achte auf deine Taten, so wirst du Nachfolger finden! Darum sieht der Berufene auf das, was von einem Menschen ausgeht, und erkennt daraus das, was ihm zuteil wird; er betrachtet das Vergangene und erkennt daraus das Kommende. Das ist der Grund seines Vorherwissens.

                Das Maß liegt im eignen Selbst; das Richten liegt bei den Menschen. Wenn die Menschen mich lieben, so habe ich sie sicher (erst) geliebt; wenn die Menschen mich hassen, so habe ich sie sicher (erst) gehaßt. Tang und Wu haben die Welt geliebt, darum wurden sie Könige. Giä und Dschou Sin haben die Welt gehaßt, darum gingen sie zugrunde. So wurden sie gerichtet.

                Wer Messen und Richten beides versteht, aber ohne den SINN, der gleicht einem Menschen, der hinausgehen wollte, aber nicht durch die Tür; der wandeln wollte, aber nicht auf dem Weg. Schwerlich wird es ihm gelingen, sich Nutzen zu schaffen. Betrachte Schen Nungs und Fu Hi’s (Yu Yän’s) geistige Kräfte! Forsche nach in den Büchern der Könige von Yü, Hia, Schang und Dschou!

                Überlege die Worte der Weisen und Würdigen: Bestand und Untergang, Blüte und Vernichtung ward niemals anders gewirkt als auf diesem Wege.«


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                Wahrer Reichtum und Kampf ums Dasein

                Yän Hui sprach: »Da sagt man, daß das Suchen nach dem SINN reich macht. Wer aber Perlen hat, ist auch reich, wozu braucht es da des SINNS?«

                Meister Liä Dsï sprach: »Giä und Dschou Sin nahmen nur den Gewinn wichtig und verachteten den SINN der Wahrheit; darum gingen sie zugrunde. Ich halte es dir zugut, daß ich mit dir noch nicht darüber gesprochen habe. Menschen, die sich nicht um Pflichten kümmern, sondern nur essen und nichts weiter tun, sind wie Hühner und Hunde. Sie stoßen und streiten um den Futterplatz, also daß der Stärkste Herrscher bleibt: das ist die Art der Tiere.
                Wenn man es aber macht wie die Tiere und dabei doch erwartet, daß die Menschen einen achten, so wird man damit schwerlich Erfolg haben. Wenn die Menschen einen aber nicht achten, so kommt man in Gefahr und Schande.«


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                Die Ursachen des Erfolges

                Liä Dsï lernte das Bogenschießen und fragte den Guan Yin Dsï um Rat. Der sprach: »Wißt Ihr, warum Ihr trefft?«
                Er erwiderte: »Ich weiß es nicht.«
                Guan Yin Dsï sprach: »Dann ist’s noch nicht das richtige.«
                Darauf zog er sich zurück und übte drei Jahre lang. Dann kam er wieder und sagte es dem Guan Yin Dsï an.
                Der sprach: »Wißt Ihr, warum Ihr trefft?«
                Liä Dsï sprach: »Ich weiß es.«
                Guan Yin Dsï sprach: »Dann ist’s das richtige. Haltet fest daran und verliert es nicht! Nicht nur beim Bogenschießen, auch beim Wirken im Staate und am eignen Selbst verhält es sich so. Darum erforscht der Berufene nicht Dauer oder Untergang, sondern er forscht nach ihren Ursachen.«


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                Gefahren des Stolzes

                Liä Dsï sprach: »Wer durch jugendliche Schönheit hervorragt, wird leicht stolz; wer durch Kraft hervorragt, wird leicht gewalttätig, und es lohnt sich nicht, mit solchen über den SINN der Wahrheit zu reden. Wenn einer, der noch nicht fleckig ist und grau, über den SINN der Wahrheit redet, der trifft ihn nicht; wieviel weniger kann ein solcher darnach handeln! Wer aber selbst gewalttätig ist, dem teilen die Menschen nichts mit; wem die Menschen nichts mitteilen, der ist verlassen und ohne Helfer. Die Würdigen können sich auf die Menschen verlassen, darum werden sie alt, ohne zu verwelken, und ihre Erkenntnis ist gründlich, ohne verwirrt zu sein.
                Deshalb besteht die Schwierigkeit beim Ordnen eines Staates darin, daß man die Würdigen erkennt, und nicht darin, daß man sich selbst für würdig hält.«


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                Kunst und Natur: das Maulbeerblatt

                Ein Mann aus Sung machte für seinen Fürsten ein Maulbeerblatt aus Nephrit. Drei Jahre brauchte er, bis es fertig war. Mit spitzem Messer war es geschnitzt, und Rippen, Stiel und alle feinsten Äderchen waren sorgfältig und dabei doch glatt ausgeführt, so daß, wenn es unter wirkliche Maulbeerblätter gemischt wurde, man es nicht herausfinden konnte. Dieser Mann wurde daraufhin wegen seiner Geschicklichkeit in Sung auf Staatskosten unterhalten.

                Der Meister Liä Dsï hörte davon und sprach: »Wenn die Natur bei der Erzeugung der Geschöpfe alle drei Jahre nur Ein Blatt fertigbringen würde, so gäbe es wohl wenig Dinge mit Blättern. Darum vertraut der Berufene auf die Gestaltungskraft des SINNS und nicht auf Weisheit und Geschicklichkeit.«


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                Selbstbewußte Armut

                Der Meister Liä Dsï war arm, so daß er in seinem ganzen Äußeren den Anblick des Hungers bot.
                Ein Fremder erzählte es dem Fürsten Dsï Yang von Dscheng und sprach: »Liä Yü Kou ist doch wohl ein Weiser, der im Besitz des SINNS der Wahrheit ist. Er wohnt im Reiche Eurer Hoheit und ist arm. Schätzt Eure Hoheit denn die Weisen gar nicht?«

                Da ließ Dsï Yang von Dscheng durch einen Beamten ihm Getreide überbringen. Meister Liä Dsï empfing den Abgesandten am Tor, verneigte sich zweimal vor ihm und lehnte die Gabe ab. Als der Abgesandte weg war, ging Meister Liä Dsï wieder in sein Haus zurück. Sein Weib blickte ihn an, preßte die Hand aufs Herz und sprach: »Ich habe gehört, daß Weib und Kind eines Mannes, der im Besitz des SINNS der Wahrheit ist, eitel Freude und Wonne haben. Wir aber müssen Hunger leiden. Und nun, da der Fürst unserer Lage entgegenkam und dir ein Geschenk von Speise machte, nimmst du es nicht an. Wahrlich ein bitteres Los!«

                Meister Liä Dsï sprach lächelnd zu ihr: »Der Fürst kennt mich nicht von sich aus, sondern auf anderer Leute Reden hin hat er mir das Geschenk von Getreide geschickt und mich dadurch schwer beleidigt. Und das noch dazu auf anderer Leute Reden hin! Das war der Grund, warum ich nicht annahm.«
                Schließlich erhob sich tatsächlich das Volk und machte einen Aufruhr, in dem Dsï Yang getötet wurde.


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                Wenn zwei dasselbe tun

                In Lu lebte ein Mann namens Schï; der hatte zwei Söhne. Der eine liebte die Gelehrsamkeit, der andere liebte das Waffenhandwerk. Der Gelehrte wandte sich an den Fürsten von Tsi, um seine Gelehrsamkeit an den Mann zu bringen. Der Fürst von Tsi nahm ihn auf und machte ihn zum Erzieher sämtlicher Prinzen. Der Kriegstüchtige ging nach Tschu und wandte sich an den König von Tschu, um seine Künste an den Mann zu bringen. Der König war erfreut und machte ihn zum General. Durch das Einkommen der beiden Brüder wurde die ganze Familie reich, und durch ihren Rang machten sie ihren Eltern Ehre.

                Schï hatte einen Nachbarn namens Meng. Der hatte ebenfalls zwei Söhne, die denselben Beruf ausübten, und doch waren sie von Armut bedrückt. Er war lüstern nach dem Besitz der Familie Schï. Darum wandte er sich an sie und bat um Auskunft über das Mittel zu solch einem raschen Vorwärtskommen. Die beiden Söhne sagten ihm alles der Wirklichkeit gemäß. Da wandte sich der eine Sohn des Meng nach Tsin, um seine Gelehrsamkeit beim König von Tsin an den Mann zu bringen.

                Der König von Tsin sprach: »Heutzutage kämpfen die Landesfürsten mit aller Kraft; worauf alles an kommt, sind Waffen und Proviant. Wenn ich mit Liebe und Gerechtigkeit mein Reich in Ordnung bringen wollte, so wäre das der (sicherste) Weg zum Verderben.«
                Darauf ließ er ihn verschneiden und ließ ihn laufen.
                Der andere Sohn ging nach We, um beim Fürsten von We seine (kriegerischen) Künste an den Mann zu bringen.
                Der Fürst von We sprach: »Mein Land ist schwach und eingezwängt zwischen große Reiche. Den großen Reichen diene ich, den kleinen Reichen helfe ich. Das ist der Weg, um Ruhe zu finden. Wenn ich mich auf Waffengewalt verlassen wollte, so brauchte ich nicht lange auf mein Verderben zu warten. Wenn ich den Mann da aber unbeschädigt weglasse, so würde er sich an ein anderes Reich wenden und mir nicht geringen Verdruß bereiten.«

                Darauf ließ er ihm die Füße abhauen und ihn so nach Lu zurückbringen.

                Als sie zurück waren, da schlugen sich der Vater und seine Söhne auf die Brust und kamen scheltend zu Schï.
                Der sprach: »Wer die Zeit trifft, dem gelingt es; wer die Zeit verfehlt, der kommt ins Verderben. Euer Weg war derselbe wie meiner, und doch ist der Erfolg verschieden; das kommt davon, daß ihr die Zeit nicht getroffen, nicht etwa davon, daß ihr in euren Taten es verfehlt hättet. Außerdem gibt es auf der Welt keine Wahrheit, die unter allen Umständen richtig wäre, und keine Handlung, die unter allen Umständen unrichtig wäre. Was in früheren Tagen gebraucht wurde, wird heute vielleicht verworfen. Was heute verworfen wird, wird später vielleicht gebraucht.
                Ob etwas gebraucht wird oder nicht gebraucht wird, das folgt nicht einer festen Regel. Wie man eine Gelegenheit benützt, die rechte Zeit trifft, den Verhältnissen sich anpaßt, dafür gibt es kein Rezept, das kommt alles auf die Klugheit an. Fehlt es an dieser Klugheit, so mag man einen Herrn nehmen, gelehrt wie Kung Kiu und gewandt wie Lü Schang: er geht hin und hat sicher Mißerfolg.«

                Vater Meng und seine Söhne gaben sich zufrieden und sagten ohne Groll: »Wir begreifen es, Ihr braucht es uns nicht noch einmal zu sagen.«


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                Wer andern eine Grube gräbt

                Der Herzog Wen von Dsin zog aus, um die Reichsfürsten zu versammeln, denn er wollte den Staat We bekämpfen. Da blickte der Prinz Tschou zum Himmel empor und lachte.
                Der Herzog sagte: »Was lachst du?«
                Er sprach: »Ich lache über einen Nachbar von mir, der seine Frau auf einem Besuch nach ihrem Elternhaus begleitete. Unterwegs sah er ein Mädchen, das Maulbeerblätter pflückte. Die gefiel ihm, und er plauderte mit ihr. Als er sich aber nach seiner Ehefrau umblickte, da hatte die auch einen gefunden, der ihr zuwinkte. Das ist der Grund, warum ich zu lachen wage.«
                Der Herzog verstand den Wink und hielt ein. Er führte sein Heer zurück, aber noch ehe er angekommen war, waren an der Nordgrenze seines Staates (die Hunnen) eingefallen.


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                Vom Schaden des Spürsinns

                Der Staat Dsin hatte unter Räubern zu leiden. Es gab aber einen Mann namens Hi Yung, der die Räuber am Gesicht erkannte. Indem er die Stelle zwischen Augenbrauen und Augenlid prüfte, fand er den Tatbestand heraus. Der Fürst von Dsin ließ ihn alle Räuber beobachten, und unter Hunderten und Tausenden entging ihm nicht einer. Darüber war der Fürst von Dsin hocherfreut.

                Er teilte es (seinem Kanzler) Dschau Wen Dsï mit und sprach: »Ich habe einen Mann gefunden, durch den ich sämtliche Räuber des ganzen Reiches beseitigen kann; was brauche ich noch mehr!«

                Wen Dsï sprach: »Wenn Eure Hoheit sich auf solche Untersuchungen verläßt, um der Räuber habhaft zu werden, so werden die Räuber niemals alle werden, und außerdem wird Hi Yung nicht eines natürlichen Todes sterben.« Eines Tages kam die ganze Schar der Räuber zusammen zu gemeinsamer Beratung.
                Sie sprachen: »Wer uns alle diese Schwierigkeiten bereitet, das ist Hi Yung.« Darauf taten sie sich zusammen und ermordeten ihn heimlich.

                Als der Fürst von Dsin das hörte, erschrak er sehr. Er berief sofort den Wen Dsï, teilte es ihm mit und sprach: »Es ist richtig so gegangen, wie Ihr gesagt: Hi Yung ist tot. Was für ein Mittel gibt es nun, um der Räuber habhaft zu werden?«
                Wen Dsï sprach:

                »Wer die Fische auf dem Grunde sieht,
                Fällt leicht ins Wasser hinein.
                Wer die Gedanken der Menschen errät,
                Kommt leicht in Not und Pein.

                Wenn Eure Hoheit wünschen, daß es keine Räuber mehr gibt, so gibt es kein besseres Mittel, sie als Würdige zu erheben und sich ihnen anzuvertrauen, damit die Oberen die Unterweisung erkennen, durch die Einfluß auf die Unteren ausgeübt werden kann. Wenn das Volk erst Ehrgefühl hat, so wird niemand mehr Räuber sein wollen.«
                Daraufhin berief der Fürst den Sui Hui zur Leitung des Staates, und die Räuberbanden zogen sich über die Grenze zurückt nach Tsin.


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                Belehrung durch Andeutung

                Der weiße Prinz (Be Gung) fragte den Meister Kung und sprach: »Kann man mit den Menschen in geheimen Anspielungen reden?«

                Meister Kung antwortete nicht.

                Der weiße Prinz fragte darauf: »Wie ist’s, wenn man einen Stein ins Wasser wirft?«

                Meister Kung sprach: »In Wu gibt’s gute Taucher, die ihn holen können.« Jener sprach: »Wie steht’s aber, wenn man Wasser ins Wasser gießt?«

                Meister Kung sprach: »Der Koch J Ya konnte das Wasser der Flüsse Dschï und Yung, wenn es zusammengegossen war, noch am Geschmack unterscheiden.«

                Der weiße Prinz sprach: »Dann kann man also nicht mit anderen Menschen durch geheime Anspielungen sich verständigen?«

                Meister Kung sprach: »Wieso nicht? Es braucht nur einen, der den Sinn der Worte versteht. Mit einem, der den Sinn der Worte versteht, braucht man nicht in Worten zu reden. Wer Fische fangen will, der wird naß; wer Tiere verfolgt, muß laufen. Das tun diese Leute nicht zu ihrem Vergnügen. Darum ist das höchste des Redens: nicht zu reden, das höchste des Handelns: nicht zu handeln; denn Leute mit unzureichender Erkenntnis bekämpfen immer nur die Äußerungen.«

                Der weiße Prinz verstand (die Meinung) nicht. Darum (empörte er sich und) kam schließlich in einem Badehause (in das er sich geflüchtet) um.


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                Festhalten des Sieges

                Der Kanzler Dschau Siang Dsï (von Dsin) ließ durch (den Feldherrn) Sin Dschï Mu Dsï die wilden Stämme im Norden des Reichs (Di) angreifen. Er siegte und nahm die beiden Bezirke der östlichen und der mittleren Horde ein. Er entsandte einen Eilboten, um die Nachricht zu überbringen. Siang Dsï war gerade beim Essen und wurde traurig darüber.

                Seine Leute sprachen zu ihm: »An einem Morgen zwei Städte zu unterwerfen, das ist doch etwas, worüber sich die Menschen freuen. Weshalb zeigt Eure Hoheit sich darüber traurig?«

                Siang Dsï sprach: »Das Hochwasser in den Flüssen dauert nicht länger als drei Tage. Ein Wirbelwind und ein Platzregen dauern keinen Morgen lang. Die Sonne verweilt keinen Augenblick im Mittag. Nun hat unser Geschlecht durch seinen Wandel noch nicht so viel Verdienste angesammelt. An einem Morgen zwei Städte zu unterwerfen, macht mich besorgt, daß uns der Untergang droht.«

                Meister Kung hörte davon und sprach: »Das Geschlecht des Dschau wird sicher Glück haben!«

                Wer Leid trägt, wird dadurch sein Glück machen; wer sich der Freude überläßt, wird dadurch seinen Untergang herbeiführen. Den Sieg zu erringen, ist nicht schwer; ihn festzuhalten ist schwer. Ein würdiger Herr hält seinen Sieg fest, und darum kommt sein Glück auf seine Nachkommen. Die Staaten Tsi, Tschu, Wu, Yüo haben alle einmal Siege errungen, und doch haben sie schließlich den Untergang sich zugezogen, weil es ihnen nicht gelang, den Sieg festzuhalten.
                Nur ein Herr, der den SINN der Wahrheit hat, vermag es, den Sieg festzuhalten. Meister Kung besaß so große Kraft, daß er die Falltür des Tors einer Hauptstadt aufhalten konnte, und doch verschmähte er es, durch seine Kraft berühmt zu werden. Meister Mo verstand es, den Angriff des Gung Schu Ban (auf die Hauptstadt des Staates Sung) erfolgreich abzuwehren, und doch verschmähte er es, durch seine Kenntnisse im Waffenhandwerk berühmt zu werden.

                Darum, wer tüchtig ist im Festhalten des Sieges, hält seine Stärke für Schwäche.


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                Wunderbare Wege der Vorsehung

                In Sung lebte eine Familie, die wandelte schlicht und recht und ließ davon nicht ab drei Geschlechter lang. Da warf im Hause ohne Ursache eine schwarze Kuh ein weißes Kalb. Man befragte den Meister Kung darüber. Meister Kung sprach: »Das ist ein gutes Zeichen. Man soll es dem höchsten Gotte opfern.«

                Als ein Jahr um war, ward der Vater ohne Ursache blind. Die Kuh warf abermals ein weißes Kalb. Der Vater ließ abermals seinen Sohn den Meister Kung befragen.

                Der Sohn sprach: »Das letztemal haben wir ihn befragt, und du verlorst das Augenlicht. Wozu sollen wir ihn noch einmal befragen?«

                Der Vater sprach: »Der heiligen Männer Worte scheinen erst verkehrt, aber schließlich treffen sie zu. Noch ist die Sache nicht zu Ende. Frage ihn vorläufig noch einmal.«

                Da fragte der Sohn abermals den Meister Kung.
                Meister Kung sprach: »Es ist ein gutes Zeichen.« Und er ließ ihn abermals (das Kalb) als Opfer darbringen.

                Der Sohn kehrte heim und teilte seinem Vater die Entscheidung mit.
                Der sprach: »Tue nach den Worten des Meister Kung.«

                Als ein Jahr um war, da ward auch der Sohn ohne Ursache blind.

                Danach bekriegte der Staat Tschu den Staat Sung und belagerte die Stadt, also, daß die Leute ihre Kinder austauschten und sie aßen, daß sie Knochen spalteten und mit ihnen Feuer anmachten. Alle kräftigen Männer mußten auf der Mauer stehen, und die meisten kamen im Kampfe um. Nur die beiden Männer entgingen allem, weil Vater und Sohn krank waren. Als dann die Belagerung aufgehoben wurde, da genasen sie von ihrem Übel.


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                Die beiden Gaukler

                Es war einmal ein Landstreicher im Lande Sung. Der wandte sich mit seinen Künsten an den Fürsten Yüan von Sung. Yüan von Sung berief ihn und ließ ihn seine Künste zeigen. Er band sich zwei Stelzen an die Beine, die noch einmal so lang waren wie er selbst. Darauf konnte er laufen und springen. Er nahm sieben Schwerter, warf sie empor und fing sie wieder auf, also daß immer fünf Schwerter gleichzeitig in der Luft waren. Fürst Yüan verwunderte sich sehr und beschenkte ihn alsbald mit Gold und kostbaren Gewändern.

                Es war aber noch ein anderer Landstreicher da, der konnte Purzelbäume schlagen. Der hörte davon und wandte sich ebenfalls an den Fürsten Yüan. Der Fürst Yüan aber ward sehr zornig und sprach: »Zuvor war ein anderer Gaukler da, der sich an uns gewandt; diese Künste sind nutzlos, aber er traf’s gerade, daß wir wohl gelaunt waren. Darum beschenkten wir ihn mit Gold und köstlichen Gewändern. Dieser da hat sicher davon gehört und kommt herbei, in der Hoffnung, daß wir ihn ebenfalls beschenken. Werft ihn ins Gefängnis, daß er dort sein Todesurteil erwarte!«
                Nach einem Monat ließ er ihn dann wieder laufen.


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                Der Pferdekenner

                Herzog Mu von Tsin redete zu (dem Pferdekenner) Be Yüo und sprach: »Eure Jahre sind vorgerückt. Habt Ihr in Eurem Stamm einen, den man brauchen kann, um Pferde auszusuchen?«

                Be Yüo erwiderte und sprach: »Ein gutes Pferd kann man nach seiner Gestalt, seinen Muskeln und Knochen beurteilen. Ein Allerweltspferd aber hat etwas Unsichtbares an sich, das sich aller Beschreibung entzieht. Ein solches wirbelt keinen Staub auf und hinterläßt keine Fußspuren. Meine Söhne sind alle ungeschickt; denen kann man allenfalls ein gutes Pferd erklären, aber nicht ein Allerweltspferd. Ich kenne aber einen, mit dem ich zusammen Brennholz und Gemüse getragen, namens Giu Fang Gau. Der ist, was Pferde anbelangt, nicht schlechter als ich. Ich bitte, ihn vorlassen zu wollen!«

                Herzog Mu ließ ihn vor und schickte ihn aus, ein Pferd zu suchen.

                Nach drei Monaten kam er zurück und berichtete: »Ich habe eins! Es ist in Sandberg (Scha kiu).«
                Herzog Mu sprach: »Was ist’s für ein Pferd?«
                Er erwiderte: »Es ist eine gelbe Stute.«

                Man sandte einen Mann, um es zu holen; da war es ein schwarzer Hengst. Herzog Mu ward ungehalten, berief den Be Yüo und sagte zu ihm: »Es ist gefehlt! Der, den Ihr mir empfohlen habt, um Pferde zu suchen, kann nicht einmal die Farbe und das Geschlecht unterscheiden. Was versteht der von Pferden!«

                Be Yüo seufzte tief und sprach: »Hat er es so weit gebracht! Damit steht er über der Beurteilung der großen Menge. Was Giu Fang Gau erblickt, ist das innerste Wesen. Er erfaßt den Geist und vergißt das Grobstoffliche; er dringt ins Innere ein und vergißt darüber das Äußere.
                Man muß auf das sehen, was er sieht, und nicht auf das, was er nicht sieht; man muß das erblicken, was er erblickt, und beiseite lassen, was er nicht erblickt. Das Pferd, das Giu Fang Gau ausgesucht hat, ist sicher edler als alle anderen Pferde.«
                Das Pferd kam an, und richtig war es ein Allerweltspferd.


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                Staatsmoral und Privatmoral

                König Dschuang von Tschu fragte den Dschan Ho und sprach: »Was muß man tun, um den Staat in Ordnung zu bringen?«

                Dschan Ho erwiderte und sprach: »Ich verstehe nur, das eigne Selbst in Ordnung zu bringen; einen Staat in Ordnung zu bringen, verstehe ich nicht.« Herzog Dschuang von Tschu sprach: »Wir haben die Tempel unserer Ahnen überkommen und das Recht, dem Himmel zu opfern. Wir möchten lernen, wodurch Wir diese Stellung wahren können.«

                Dschan Ho sprach: »Ich habe noch nie gehört, daß, wenn das eigne Selbst in Ordnung ist, der Staat in Verwirrung käme, und habe auch noch nie gehört, daß, wenn das eigne Selbst in Verwirrung ist, der Staat sich ordnen ließe. Die Ursache der Ordnung liegt also im eignen Selbst, und deshalb wage ich nicht, über ihre Wirkungen etwas zu sagen.«

                Der König von Tschu sprach: »Gut!«


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                Der Schutz der Bescheidenheit

                Der Alte von Fuchsberg (Hukiu) redete zu Sun Schu Au und sprach: »Drei Dinge sind es, denen die Menschen gram sind. Kennt Ihr sie wohl?«

                Sun Schu Au sprach: »Wie heißen sie?«

                Er erwiderte: »Hohen Rang beneiden die Menschen; großes Amt wird vom Fürsten gehaßt; reiches Gehalt zieht Unwillen auf sich.«

                Sun Schu Au sprach: »Je höher mein Rang ist, desto demütiger bin ich in meinem Herzen; je größer mein Amt ist, desto kleiner bin ich in meinen Gefühlen; je reicher mein Einkommen ist, desto mehr gebe ich Almosen. Kann man nicht dadurch dem dreifachen Groll entgehen?«

                Als Sun Schu Au auf den Tod krank war, da ermahnte er seinen Sohn und sprach: »Der König wollte mich oft belehnen; aber ich habe es nicht angenommen. Weil ich nun sterbe, wird der König dich belehnen. Nimm keinesfalls ein reiches Land an! Zwischen Tschu und Yüo ist der Berg der Entschlafenen (Tsin Kiu). Dieses Land ist nicht reich, und sein Name ist den Leuten anstößig. Die Leute von Tschu fürchten sich vor den Gespenstern, und die Leute von Yüo suchen nur nach Namen von guter Vorbedeutung. Darum ist gerade dieser Platz einer, den man lange in Besitz behalten kann.«

                Als Sun Schu Au gestorben war, da wollte wirklich der König seinen Sohn mit einem schönen Lande belehnen. Der Sohn weigerte sich es anzunehmen und bat um den Berg der Entschlafenen. Er erhielt ihn, und bis auf den heutigen Tag hat das Geschlecht ihn nicht verloren.


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                Unter Räubern

                Niu Küo war ein großer Gelehrter aus dem Oberland. Er ging einmal hinunter nach Gan Dan. Da fiel er unter die Räuber in der Gegend der Sanddünen (Ou Scha). Sie nahmen ihm alle seine Kleider, sein Gepäck und seinen Wagen weg. Niu ging zu Fuß weiter und sah fröhlich aus und zeigte weder Kummer noch Bedauern. Die Räuber gingen ihm nach und fragten nach dem Grund.

                Er sprach: »Der Edle bringt nicht um der Mittel des Lebens willen sein Leben zu Schaden.«

                Die Räuber sprachen: »Hi! Das ist ein Heiliger!«
                Darauf redeten sie untereinander und sprachen: »Wenn der mit seiner Heiligkeit hingeht und vor den Herrn von Dschau tritt, so bringt er sicher große Not über uns. Da bringen wir ihn lieber um.«
                So fielen sie miteinander über ihn her und brachten ihn um.
                Ein Mann aus Yän hörte die Geschichte und versammelte seinen ganzen Stamm, um ihn zu warnen, und sprach: »Wenn ihr Räubern begegnet, so macht es ja nicht wie Niu Küo vom Oberland!«
                Und alle nahmen seine Belehrung zu Herzen.

                Nun ging einmal sein jüngerer Bruder nach Tsin, und als er an den Grenzpaß kam, begegnete er wirklich den Räubern. Er gedachte der Mahnungen seines Bruders und wehrte sich kräftig seiner Haut. Doch ward er nicht mit den Räubern fertig. Darauf lief er ihnen nach und bat mit flehentlichen Worten, ihm seine Sachen zurückzugeben.

                Da wurden die Räuber zornig und sprachen: »Ist’s nicht schon viel, daß wir dich am Leben gelassen haben! Nun läufst du uns auch noch unablässig nach! Dadurch kommt die Geschichte sicher noch ans Licht! Da wir doch Räuber sind, was geht die Nächstenliebe uns an!«
                Darauf töteten sie ihn und verwundeten außerdem noch vier oder fünf seiner Leute.


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                Die tote Maus

                Yü war der reichste Mann in Liang. In seinem Hause war alles im Überfluß vorhanden, Gold und kostbare Stoffe und allerlei Reichtümer und Güter in unermeßlicher Fülle.
                Einst bestieg er sein hohes Haus an der Hauptstraße, ließ Musik machen und Wein auftragen und spielte ein Würfelspiel im oberen Stock. Eine Schar von verwegenen Burschen gingen miteinander unten vorüber. Oben im Haus hatte gerade einer einen guten Wurf getan, und es erscholl Gelächter. In demselben Augenblick flog eine Weihe vorüber und ließ eine tote Maus herunterfallen, die gerade die Burschen traf.

                Die redeten untereinander also: »Der Reichtum und das Glück dieses Yü dauern schon lange, und er hat von jeher die anderen Leute verachtet. Wir haben ihm nichts zuleide getan, und doch beschimpft er uns nun mit dieser toten Maus. Wenn wir ihm das nicht heimzahlen, können wir uns nicht mehr als brave Burschen sehen lassen. Wir wollen mit unseren Genossen uns zusammentun und sie einmütig hierher führen. Sein Haus muß verwüstet werden, wie es sich gehört.«

                Alle stimmten zu, und am Abend des verabredeten Tages versammelte sich eine große bewaffnete Menge, stürmte das Haus des Yü und richtete eine große Verwüstung darin an.


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                Der barmherzige Räuber und der gerechte Wanderer

                Im Morgenland lebte ein Mann, der hieß Huan Scheng Mu. Er machte eine Reise und wurde unterwegs vom Hunger überwältigt.

                Es war aber ein Räuber aus Hu Fu namens Kiu; der sah ihn und brachte ihm Wein und Speise hinab, um ihn zu stärken.

                Huan Scheng Mu stärkte sich dreimal; da konnte er wieder gehen und sprach: »Wer seid Ihr?«

                Er sprach: »Ich bin ein Mann aus Hu Fu namens Kiu.«

                Huan Scheng Mu sprach: »O, bist du nicht ein Räuber? Wie kommst du dazu, mich zu speisen? Die Pflicht verbietet mir, deine Speise zu essen.«
                Und er stützte beide Hände auf die Erde und wollte es wieder von sich geben. Aber es kam nichts heraus als Gegurgel. Darauf streckte er sich aus und starb.

                Der Mann aus Hu Fu war wohl ein Räuber; aber daß er jenen speiste, war nicht Raub. Daß jener nun, weil sein Wohltäter ein Räuber war, auch die Speise, die er ihm bot, als Raub ansah und sich weigerte, davon zu essen, beruhte auf einer Verwechslung von Name und Wirklichkeit.


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                Aufopferung aus Trotz

                Dschu Li Schu diente dem Fürsten Au von Gü. Weil er sich von ihm verkannt fühlte, so zog er sich ans Meeresufer zurück und lebte im Sommer von Wassernüssen und im Winter von Eicheln und Kastanien.

                Einst kam der Fürst Au von Gü in große Not. Da verabschiedete sich Dschu Li Schu von seinem Freund, um für jenen in den Tod zu gehen.

                Sein Freund sprach: »Weil ihr gedacht habt, daß jener Euren Wert nicht erkenne, deshalb habt Ihr ihn verlassen. Und nun wollt Ihr doch für ihn in den Tod gehen? Damit macht ihr ja den Unterschied zunichte zwischen den (Fürsten), die (ihre Diener zu) schätzen (wissen), und denen, die es nicht tun.« Dschu Li Schu sprach: »Nicht also! Weil ich mich verkannt sah, darum ging ich. Nun gehe ich für ihn in den Tod, um ihm zu zeigen, daß er mich tatsächlich verkannt hat. Ich bin im Begriff zu sterben, um alle Fürsten der Nachwelt zu beschämen, die ihre Diener verkennen.«

                Wenn ein Fürst unseren Wert erkennt, für ihn in den Tod zu gehen, und wenn er uns verkennt, nicht für ihn in den Tod zu gehen: das ist der gerade Weg, der zum Ziel führt. Von Dschu Li Schu kann man sagen, daß er im Trotz sein Leben gelassen hat.


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                Vorsicht in Äußerungen

                Yang Dschu sprach: »Wenn Gutes von uns ausgeht, so werden uns die Früchte davon zuteil. Wenn Groll von uns ausgeht, so kommt der Schaden herbei. Was wir äußern, findet seine Vergeltung von draußen her. Das ist der Welt Lauf.

                Darum ist der Weise vorsichtig in dem, was er von sich gibt.«


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                Das verlorene Schaf

                Der Nachbar des Meisters Yang hatte ein Schaf verloren. Er zog mit allen seinen Leuten aus und bat auch noch den Yang Dschu um seine Knechte, um ihm nachzugehen.

                Meister Yang sprach: »Ei! Was sollen denn die vielen Leute, um dem einen verlorenen Schafe nachzugehen!«

                Der Nachbar sprach: »Es gibt so viele Seitenwege.«

                Als sie zurückkamen, fragte er: »Habt ihr das Schaf gefunden?«

                Er sprach: »Es ist verloren.«

                Meister Yang sprach: »Wie ging es denn verloren?«

                Jener sprach: »Die Seitenwege hatten wieder Seitenwege, und wir wußten nicht, wo es hin ist. Darum sind wir umgekehrt.«

                Meister Yang wurde traurig. Seine Mienen verdüsterten sich; lange Zeit redete er nichts, und den ganzen Tag lachte er nicht mehr.

                Seine Jünger verwunderten sich darob, baten ihn um Auskunft und sprachen: »Ein Schaf ist doch ein geringes Haustier, und noch dazu gehörte es nicht dem Meister. Was ist der Grund, daß Ihr um seinet willen schweigsam und verstimmt seid?«

                Meister Yang gab keine Antwort.
                Die Jünger verstanden nicht, was er meinte.

                Da ging der Jünger Meng Sun Yang hinaus und sagte es dem Sin Du Dsï.
                Sin Du Dsï trat tags darauf gemeinsam mit Meng Sun Yang vor den Meister, fragte ihn und sprach: »Vor alters lebten drei Brüder, die in der Gegend der Länder Tsi und Lu umherwanderten. Sie hatten denselben Lehrer, bei dem sie den Weg zur moralischen Vollkommenheit lernten.
                Als sie heimkehrten, sprach ihr Vater: ›Wie ist es mit dem Weg der Moral?‹ Der älteste sprach: ›Die Moral verlangt von mir, daß ich mein eignes Selbst wert halte und den Namen hintan setze.‹
                Der zweite sprach: ›Die Moral verlangt von mir, daß ich mein eignes Selbst in den Tod gebe, um mir einen Namen zu machen.‹
                Der dritte sprach: ›Die Moral verlangt von mir, daß ich mein eignes Selbst und meinen Namen gleichzeitig vervollkommene.‹

                Diese drei Brüder waren in ihren Meinungen entgegengesetzt, und doch hatten sie denselben rechtgläubigen Lehrer. Welcher hatte nun recht, und welcher hatte unrecht?«

                Meister Yang sprach: »Es war einmal ein Mann, der lebte am Ufer eines Flusses. Er war an das Wasser gewöhnt und kühn im Tauchen. Er verstand es, eine Fähre zu lenken, in der er (die Reisenden) für Geld übersetzte. Damit verdiente er soviel, daß er eine große Familie ernähren konnte. So kam eine Schar von Schülern zu ihm mit ihrer Wegzehrung im Bündel. Aber fast die Hälfte davon ertrank. Und doch waren sie ursprünglich gekommen, um das Tauchen zu lernen, nicht um das Ertrinken zu lernen. Da es sich also verhält mit Gewinn und Schaden, welcher hatte nach deiner Meinung recht und welcher unrecht?«

                Sin Du Dsï schwieg und ging hinaus.

                Meng Sun Yang fuhr ihn an und sprach: »Was für Umschweife habt Ihr doch gemacht, um den Meister zu fragen, daß Euch der Meister so seltsam geantwortet hat! Ich bin jetzt nur noch mehr im unklaren.«

                Sin Du Dsï sprach: »Auf der großen Straße ging das Schaf verloren wegen der vielen Seitenwege. Die Lernenden richten ihr Leben zugrunde wegen der vielen Meinungen. Die Lehre ist nicht ihrem Ursprung nach widerspruchsvoll, nicht ihrem Ursprung nach uneinheitlich, sondern nur die Folgerungen sind verschieden. Da es sich also verhält, so wird nur der dem Untergang entgehen, der zur Gleichheit sich wendet und umkehrt zur Einheit. Schon so lange sitzt Ihr zu den Füßen des Meisters und übt des Meisters SINN, und doch versteht ihr noch nicht des Meisters Meinung! Das ist wirklich traurig.«


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                Yang Bu und sein Hund

                Yang Dschu hatte einen jüngeren Bruder namens Bu. Der ging eines Tages in weißer Kleidung aus. Er kam in den Regen und mußte sich umziehen. Daher kam es, daß er bei seiner Rückkehr ein schwarzes Kleid an hatte. Sein Hund erkannte ihn nicht und bellte ihn an. Yang Bu wurde böse und wollte ihn schlagen.

                Yang Dschu sprach: »Du mußt ihn nicht schlagen! Du hättest es geradeso gemacht. Wenn vorhin dein Hund weiß weggegangen wäre und wäre schwarz wiedergekommen, so würdest du dich doch sicher auch darüber gewundert haben.«


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                Warnung vor guten Werken

                Yang Dschu sprach: »Wer Gutes tut, tut es wohl nicht um des Ruhmes willen; aber doch wird ihm der Ruhm folgen. Der Ruhm hat an sich nichts mit Gewinn zu tun; aber doch wird ihm der Gewinn folgen. Der Gewinn hat an sich nichts mit Streit zu tun; aber doch wird sich der Streit an ihn heften. Darum hütet sich der Edle, Gutes zu tun.«


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                Der verstorbene Prediger der Unsterblichkeit

                Vor alters gab es einen Mann, der predigte, daß er den Weg zur Unsterblichkeit kenne.

                Der Fürst von Yän sandte einen Boten, um in seinen Besitz zu kommen. Der war nicht rasch genug, so daß der Prediger vorher gestorben war. Da ergrimmte der Fürst von Yän über seinen Boten und wollte ihn hinrichten lassen.

                Ein Diener, der seine Gunst hatte, machte jedoch Einwendungen und sprach: »Was die Menschen am meisten fürchten, ist der Tod; was sie am meisten wichtig nehmen, ist ihr eignes Leben. Jener nun hat sein eignes Leben verloren; wie wäre er imstande gewesen, Eure Hoheit vom Tode zu retten!« So wurde der Bote nicht hingerichtet.

                Es war ein Meister Tsi. Der hatte auch jenen Weg lernen wollen. Als er nun hörte, daß der Prediger gestorben sei, da schlug er an die Brust und bedauerte es.

                Meister Fu hörte das, lachte über ihn und sprach: »Was er lernen wollte, war doch, nicht zu sterben. Nun ist jener Mensch selbst gestorben; das bedauern kann nur einer, der nicht weiß, worin er Unterweisung suchte.«

                Meister Hu sprach: »Meister Fu’s Worte sind nicht richtig. Es gibt Menschen, die besitzen Überlieferungen, die sie doch nicht ausführen können. Und es gibt andere, die sie ausführen könnten, aber die Überlieferung nicht besitzen. Im Lande We lebte ein tüchtiger Rechenmeister. Als sein Tod herannahte, teilte er seine Kunst zum Abschied seinem Sohne mit. Sein Sohn behielt seine Worte, aber er konnte sie nicht anwenden. Ein anderer fragte ihn darum, und er sagte ihm die Worte seines Vaters. Der Frager benutzte die Worte und wandte die Überlieferung an, so daß er es dem Vater gleichtat. Warum also sollte es unmöglich sein, daß der Verstorbene ein Mittel zum Leben hätte verkündigen können!«


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                Grausame Güte

                Die Leute von Gan Dan brachten dem (Dschau) Giän am Neujahrstag Felsentauben dar. Der war hocherfreut darüber und belohnte sie reichlich. Sein Gastfreund fragte, warum er das tue.

                Giän sprach: »Wenn man am Neujahrstag Lebendes befreit, zeigt man dadurch seine milde Gesinnung.«

                Der Gastfreund sprach: »Wenn die Leute merken, daß ihr Herr die Tiere fliegen lassen will, so fangen sie sie um die Wette und töten dabei eine große Anzahl. Wenn der Herr sie am Leben lassen will, so ist es besser, den Leuten das Fangen zu verbieten.
                Wenn man sie erst fängt und dann wieder fliegen läßt, macht man durch seine Milde noch nicht einmal das wieder gut, was vorher verfehlt worden ist.«

                Giän sprach: »So ist’s!«


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                Enfant terrible

                Der Herr Tiän von Tsi gab in seiner Halle ein großes Festmahl und saß inmitten von tausend Gästen.

                Als Fisch und Geflügel hereinkamen, betrachtete er sie und sprach seufzend: »Wie gut ist doch der Himmel gegen die Menschen! Er läßt das Korn wachsen und bringt Fische und Vögel hervor zu unserem Gebrauch.«
                Alle Gäste stimmten ihm zu wie ein Echo.

                Es war aber der zwölfjährige Sohn des Bau dabei. Der machte eine vorlaute Bemerkung und sprach: »Es ist nicht so, wie der Herr sagt. Alle Wesen auf der Welt sind unsere Mitgeschöpfe. Unter diesen Geschöpfen gibt es nicht edlere und geringere. Sie überwältigen einander nur durch Größe, Klugheit und Kraft und essen dann der Reihe nach einander auf. Es ist aber nicht so, daß sie füreinander erzeugt wären. Was der Mensch an eßbaren Dingen unter die Hand bekommt, das ißt er auf. Aber das ist nicht ursprünglich vom Himmel für die Menschen erzeugt. Schnaken und Mücken beißen uns in die Haut, Wölfe und Tiger fressen unser Fleisch; aber darum hat doch nicht ursprünglich der Himmel den Menschen und sein Fleisch für Schnaken und Mücken, Wölfe und Tiger wachsen lassen.«


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                Arbeit ist keine Schande

                Es war ein armer Mann in Tsi, der sich immer bettelnd auf dem Marktplatz umhertrieb. Die Marktleute wurden schließlich alle seines häufigen Bettelns überdrüssig und gaben ihm nichts mehr. Darauf begab er sich in den Marstall des Herrn Tiän und folgte dem Roßarzt als Knecht. Damit verdiente er sein Essen.

                Die Vorstadtleute hatten ihren Spott darüber und sprachen: »Nahrung suchen im Dienst eines Roßarztes, ist das nicht ehrlos!«

                Der Bettler sprach: »Auf der ganzen Welt gibt es kein ehrloseres Gewerbe als das Betteln. Ihr haltet das Betteln nicht für ehrlos; warum wollt ihr dann einen Roßarzt für ehrlos halten?«


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                Vergebliche Vorfreude

                Es war einmal ein Mann im Lande Sung. Der ging spazieren auf der Straße. Da fand er einen Vertrag, den andere Leute weggeworfen hatten. Er kehrte heim und verbarg ihn. Im stillen rechnete er die darin enthaltenen Geldsummen aus. Dann sagte er zu seinen Nachbarn und sprach: »Ihr könnt’s noch erleben, daß ich reich werde!«


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                Der dürre Baum

                Es war einmal ein Mann, der hatte einen dürren Baum.
                Der Vater seines Nachbars sagte: »Ein dürrer Baum ist ein übles Vorzeichen.« Da ging der Mann hin und hieb ihn ab.
                Nun bat des Nachbars Vater ihn sich aus als Brennholz.
                Da wurde der Mann mißvergnügt und sprach: »Des Nachbars Vater wollte nur Brennholz haben; deswegen belehrte er mich, ihn abzuhauen.
                Wenn einem die eignen Nachbarn solche Fallen stellen, was soll man da anfangen!«


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                Wer hat die Axt gestohlen?

                Es war einmal ein Mann, der hatte seine Axt verloren. Er hatte seines Nachbars Sohn im Verdacht und beobachtete ihn. Die Art, wie er ging, war ganz die eines Axtdiebes; sein Gesichtsausdruck war ganz der eines Axtdiebes; die Art, wie er redete, war ganz die eines Axtdiebes; aus allen seinen Bewegungen und aus seinem ganzen Wesen sprach deutlich der Axtdieb. Zufällig grub jener einen Graben um und fand seine Axt. Am anderen Tag sah er seinen Nachbarssohn wieder. Alle seine Bewegungen und sein ganzes Wesen hatten nichts mehr von einem Axtdieb an sich.


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                In Gedanken

                Den weißen Prinzen hatten seine Gedanken an Aufruhr überwältigt. Er kam von Hofe zurück und stand da, auf seinen umgekehrten Stab gestützt. Die Zwinge drang ihm ins Kinn ein, so daß das Blut zur Erde floß, und er merkte nichts davon.

                Die Leute von Dscheng hörten es und sprachen: »Wer sein eignes Kinn vergißt, was wird der nicht vergessen!«

                Wenn die Gedanken hingenommen sind, so zeigt es sich am Benehmen. Der Fuß stolpert über Stümpfe und Löcher, und der Kopf rennt gegen Bäume, und man merkt es selber nicht.


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                Kleptomanie

                Es war einmal ein Mann in Tsi, der war sehr gierig nach Gold. Am frühen Morgen kleidete er sich an, setzte seine Mütze auf und ging auf den Markt. Da kam er an den Stand eines Goldwechslers. Er nahm das Gold und ging davon.

                Ein Polizist verhaftete ihn und fragte: »Ringsum stand doch alles voll Menschen; wie konntet Ihr da anderer Leute Gold wegnehmen?«

                Er erwiderte: »Als ich das Gold nahm, da sah ich die Menschen nicht, ich sah nur das Gold.«


                ↓


                weg.Weiser


                augen.Blicke


                auf.Gefallen


                Reflektionen

                Buch 1 – Offenbarungen der unsichtbaren Welt

                Vom Ding an sich
                Weltentstehung
                Das Ewige im Endlichen
                Die Totengebeine
                Der Alte vom Taischan Berg
                Der alte Lin Le
                Dsï Gung und der Meister
                Von der irdischen Pilgerschaft
                Die Leere
                Das Gleichgewicht der Kräfte
                Weltuntergang
                Eigentum
                Zweierlei Räuber


                Buch 2 – Der Herr der gelben Erde

                Utopia
                Der Götterberg im Norden
                Selbstvergessen
                Sammlung des Geistes
                Bogenschießen
                Sancta Simplicitas
                Tierbändigung
                Der Fährmann
                Der Alte am Wasserfall
                Der bucklige Zikadenfänger
                Die Seemöwen
                Jagderlebnis
                Der Zauberer und der Weise
                Vergebliche Weltflucht
                Bescheidenheit
                Die beiden Weiber
                Der Weg zum Sieg
                Gestalt und Gehalt
                Der Affenvater
                Der Kampfhahn
                Der Sophist


                Buch 3 – König Mu von Dschou

                Die Sagen vom König Mu
                Die Lehre vom Schein
                Magie
                Wachen und Traum
                Verschiedene Wertung von Wachen und Traum
                Der reiche Mann und der arme Knecht
                Das Reh
                Schlimme Heilung
                Wer ist verrückt?
                Verfrühte Rührung


                Buch 4 – Konfuzius

                Welterlösungsschmerzen
                Verschiedene Heiligkeit
                Der ferne Heilige
                Pleon misy pantos
                Das Wandern
                Selbstlosigkeit als Krankheit
                Das Gesetz des Lebens und des Todes
                Wendepunkte
                Staat und Anarchismus
                Beherrschte Kraft
                Des Volkes Stimme
                Erlösung vom Ich


                Buch 5 – Die Fragen Tang’s

                Widerstreit der Ideen von Raum und Zeit
                Relativität der Gegensätze
                Berge versetzender Glaube
                Der Durst des Sonnenjägers
                Notwendigkeit und Freiheit
                Das Paradies
                Relativität der Moral
                Konfuzius in Verlegenheit
                Die Macht des Gleichgewichts
                Austausch der Herzen
                Die Macht der Töne I.
                Die Macht der Töne II.
                Musikverständnis
                Der Automat
                Die beiden Schützen
                Die drei kostbaren Schwerter


                Buch 6 – Freiheit und Notwendigkeit

                Streit der Urmächte
                Gleich und doch ungleich
                Beispiel aus der Geschichte für die Unfreiheit der Handlungen
                Gesetz des Zufalls
                Die drei Doktoren und das Geheimnis des Lebens
                Fügung ins Unvermeidliche
                Pessimismus
                Unabhängigkeit
                Das Naturgesetz in der Geisteswelt
                Der Schein trügt
                Der Nutzen des Todes
                Nach wie vor
                Willenskraft und Schicksal


                Buch 7 – Yang Dschu

                Über den Ruhm
                Carpe diem
                Gleichmacher Tod
                Übermässige Tugend
                Die Nachteile von Armut und Reichtum
                Vom Nutzen des Mitleids
                Pflege des Lebens und Bestattung der Toten
                Die beiden Übermenschen
                Der ungerechte Mammon
                Es ist alles ganz eitel
                Wert der Selbstsucht
                Vom Leiden der Gerechten und vom Glück der Gottlosen
                Ich hab‘ mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben
                Vergänglichkeit
                Der Mensch inmitten der Natur
                Sklaven und Herren der Güter des Lebens
                Bauernglück
                Unersättlichkeit der Moral
                Beschränkter Nutzen des Ruhms


                Buch 8 – Zusammentreffen der Verhältnisse

                Was man vom Schatten lernen kann
                Wahrer Reichtum und Kampf ums Dasein
                Die Ursachen des Erfolges
                Gefahren des Stolzes
                Kunst und Natur: das Maulbeerblatt
                Selbstbewußte Armut
                Wenn zwei dasselbe tun
                Wer andern eine Grube gräbt
                Vom Schaden des Spürsinns
                Belehrung durch Andeutung
                Festhalten des Sieges
                Wunderbare Wege der Vorsehung
                Die beiden Gaukler
                Der Pferdekenner
                Staatsmoral und Privatmoral
                Der Schutz der Bescheidenheit
                Unter Räubern
                Die tote Maus
                Der barmherzige Räuber und der gerechte Wanderer
                Aufopferung aus Trotz
                Vorsicht in Äußerungen
                Das verlorene Schaf
                Yang Bu und sein Hund
                Warnung vor guten Werken
                Der verstorbene Prediger der Unsterblichkeit
                Grausame Güte
                Enfant terrible
                Arbeit ist keine Schande
                Vergebliche Vorfreude
                Der dürre Baum
                Wer hat die Axt gestohlen?
                In Gedanken
                Kleptomanie