Platform Sutra

Lebensgeschichte und Ereignisse

 

Einst kam der Patriarch im Pao Lin, Magistrat Wei  im Chao Chou Distrikt an und verweilte dort. Da kamen örtliche Beamte zum Berg, um ihn in die Stadt Ch’u Chiang einzuladen, wo er in der Halle des Ta Fan  Klosters zum Besten der dort Versammelten das Dharma darlegen sollte.

Als der Meister seinen Hohen Sitz eingenommen hatte, verbeugten sich alle Versammelten gleichzeitig vor dem Meister. Da waren das Magistrat mit seinen 30 Beamten, mehr als 30 konfuzianische Gelehrte und über 1000 buddhistische Mönche und Nonnen, sowie Taoisten und Laien. Sie alle brachten ihren Wunsch zum Ausdruck von der Essenz des Dharma zu hören. Da sprach der Erhabene Meister zu ihnen allen:
„Ihr Dharma-Gefährten, unser Selbst-Wesen der essentiellen Weisheit (= Bodhi) ist von Anbeginn makellos und rein. In diesem Bewusstsein allein, begreift direkt und werdet Buddha!
 Ihr Dharma-Gefährten, hört nun die persönliche Geschichte von Enō und vom Hergang der Ereignisse in Enōs Leben, wie er nämlich zum Dharma kam.

Enōs Vater war ein Staatsbeamter von Fan Yang, der von seinem Posten entlassen und dazu verbannt wurde, im Hsin Chou Distrikt in Ling Nang (= südlich der Bergkette) als einfacher Mann zu leben. Unglücklicherweise starb Enōs Vater früh und ließ den noch sehr jungen Enō mit seiner alten Mutter zurück. Mutter und Sohn zogen nach Nan Hai, und da sie in Not und Armut lebten, verkaufte Enō Feuerholz auf dem Markt. Eines Tages kam ein Kunde, kaufte Feuerholz und wies an, es zu seinem Geschäft zu bringen. So nahm Enō das Feuerholz und brachte es zum Haus des Kunden.

Nachdem er das Geld entgegengenommen hatte und gerade durch das Tor gegangen war, hörte Enō draußen jemanden ein Sutra rezitieren. Während er die Worte des Sutras auch nur einmal hörte, brach Enōs Bewusstsein augenblicklich zum Begreifen durch. Daraufhin fragte Enō den Mann, welches Sutra er denn rezitiere. Der Mann erwiderte: „Das Diamant-Sutra”.

Wiederum fragte Enō: “Wo kommst du her mit diesem Sutra-Buch?”, worauf der Mann sagte: „Ich bin vom Tung Ch’an Kloster im Huang Mei von der Ch’chou Präfektur gekommen. In diesem Kloster lebt der Ehrwürdige Meister Hung], der Fünfte Patriarch und sein Wirken dort errettet Menschen. Es gibt da mehr als 1000 Schüler. Ich ging dorthin ihm die Ehre zu erweisen, hörte dieses Sutra und nahm es an. Der Ehrwürdige Meister ermahnte Mönche und Laien immer, ausschließlich das Diamant-Sutra festzuhalten, beziehungsweise ihr Selbst-Wesen selber zu erkennen und durch einen tiefen Umbruch des Bewusstseins Buddha zu werden.“

Als er diese Erklärung hörte, wurde Enō klar, dass er hiermit von früheren Leben her eine kausale Verbindung hatte.
Dann gab jemand Enō 10 Silber-Taels für Kleidung und Essen für seine alte Mutter und drängte ihn, nach Huang Mei zu gehen und sich vor dem Fünften Patriarchen niederzuwerfen.
Nachdem er seine Mutter gut versorgt wusste, ließ Enō sie beruhigt zurück.
Nach über 30 Tagen erreichte er Huang Mei und brachte dem Fünften Patriarchen seine Verehrung dar.
 Der Patriarch fragte: „Aus welcher Gegend kommst du und wonach willst du hier suchen?”

Eno antwortete: „Der Schüler ist ein Kleinbauer aus Hsin Chou in Ling Nang und ist von fern gekommen, um dem Meister die Ehre zu erweisen. Er sucht einzig danach ein Buddha zu werden, sonst sucht er nichts.”

Der Patriarch sagte: „Du bist ein Mann von südlich der Bergkette, ein Einheimischer ohne Rang und Namen aus einer weit abgelegenen Gegend, wie kannst du dafür geeignet sein ein Buddha zu werden?”

Eno sagte: „Obwohl es Männer aus dem Süden und aus dem Norden gibt, so ist das Buddha-Wesen von Urbeginn an ohne Süden und Norden. Der ungebildete Mann von niedrigem Stand und der Abt sind nicht von gleichem gesellschaftlichen Rang, (aber) was unser Buddha-Wesen angeht, wo ist da ein Unterschied?”

Der Fünfte Patriarch wollte mehr sagen, aber angesichts all der Schüler rechts und links, teilte er ihn den Mönchen zur Arbeit zu.
 Da sagte Eno: „Darf ich dem Abt sagen, dass Weisheit immer im Schüler selbst erwacht; er trennt sich nicht von seinem Selbst-Wesen, das nichts anderes ist, als das Feld des Glücks. Welche Arbeit möchte der Abt Enō tun lassen?”

Der Patriarch sagte: „Dieser Mann von niedrigem Stand hat eine sehr scharfe grundlegende Natur; hör nun auf zu reden und geh zur Scheune.”

Enō zog sich in die hinteren Gebäude zurück; dort war ein Klosterschüler, der ihn anwies, Feuerholz zu spalten und die Mühle zu treten.
So verstrichen mehr als acht Monate.
Eines Tages geschah es, dass sich der Patriarch und Enō über den Weg liefen und der Patriarch sagte: „Ich glaube, deine Einsicht ist brauchbar. Ich befürchte nur, dass übelgesinnte Männer dir nachstellen könnten. Darum habe ich nicht mit dir gesprochen. Ist dir das klar, oder nicht?”

Eno sagte: „Der Schüler kennt auch die Absicht des Meisters. Und ich wage nicht zur Haupthalle zu kommen, auf dass ich niemandem auffalle.”

Eines Tages rief der Patriarch alle seine Schüler zusammen und sagte:
„Ich sage euch, die Frage von Leben und Tod ist bedeutsam für die Menschen in der Welt. Ihr alle, sucht den ganzen Tag unablässig nach dem Feld des Glücks und sucht nicht danach, dem bitteren Meer des Lebens und des Todes zu entkommen. Wenn euer eigenes Wesen verblendet ist, kann Glück euch nicht retten. Ihr alle, geht nun hinweg, erfasst euren eigenen uranfänglichen Herz- Geist und das Wesen der essentiellen Weisheit (= prajna). Ein jeder von euch soll einen Vers verfassen und ihn mir zeigen.

Falls einer das Grund-Prinzip begriffen hat, werde ich ihn mit der Dharma-Robe ausstatten und ihn zum Sechsten Patriarchen ernennen. 
Sofort, geht schnell hinweg, ohne herumzutrödeln. Wenn ihr nachdenkt oder grübelt, führt das zu gar nichts. Ein Erleuchteter kann es sehen, grad jetzt in diesem Moment. Wenn jemand in diesem Geiste ist, kann er es selbst auf dem Schlachtfeld inmitten geschwungener Schwerter sehen.“

Nachdem die Mönche diese Anweisung erhalten hatten, zogen sie sich zurück und sagten zueinander: „Wir Mönche sollten keinen Vers schreiben, indem wir den Geist klären und mit Absicht vorgehen. Wenn wir einen solchen dem Abt zeigen würden – was hätten wir davon? Der Mönch Shen Hsiu, der momentan unser Lehrer ist, wird ganz sicher einen schreiben. Wenn wir alle einen Vers auf oberflächliche Weise schrieben, so würden wir unsere geistige Energie unvernünftig einsetzen.”

Auch andere hörten diese Worte und so mühten sie sich alle nicht weiter ab und sagten: „Hiernach werden wir uns ganz auf den Lehrer Hsiu verlassen. Warum sollten wir uns die Mühe machen einen Vers zu verfassen?

Shen Hsiu dachte: „Sie alle werden keinen Vers abgeben, da ich ihr Lehrer bin. Ich muss einen schreiben und ihn dem Abt vorlegen. Wenn ich keinen vorlege, wie soll der Abt wissen, wie tief oder seicht meine innere Sicht ist?
 Meine Absicht beim Darbieten des Verses ist gut, wenn ich nach dem Dharma strebe, und schlecht, wenn ich nach dem Patriarchat verlange. Beim letzteren wäre ich grad wie ein gewöhnlicher Mensch, der den heiligen Rang raubt; wie könnte heilig von profan unterschieden werden? Wenn ich aber keinen Vers abgebe, kann ich das Dharma nicht erlangen. Sehr schwierig! Sehr schwierig!“

Vor der Halle des Fünften Patriarchen befand sich ein etwa 6 Meter breiter Gang, der vom Hofkünstler namens Lu Chen bemalt werden sollte. Er war dazu eingeladen worden, die vier verschiedenen Formen von Shakyamuni Buddha zu zeichnen, und zwar während dieser das Lānkavatāra Sutra rezitiere. Außerdem sollte er ein Bild malen, auf dem der Fünfte Patriarch gezeigt würde, wie er gerade die Dharma-Übermittlung empfängt. Dieses Bild sollte bis in alle Zukunft zeremonieller Verehrung dienen.

Als Shen Hsiu mit dem Schreiben seines Verses fertig war, versuchte er viele Male denselben vorzulegen, aber wann immer er vor die Halle kam, verließ ihn der Mut, er war schweißgebadet und konnte sich nicht dazu bringen, ihn abzugeben. Obwohl er dreizehn Mal in vier Tagen einen Anlauf machte, konnte er ihn nicht vorzeigen.
Da dachte Hsiu bei sich: „Es wird besser sein, ihn an die Wand des Gangs zu schreiben, so dass der Abt ihn hier sehen kann. Wenn er sagt, dass er gut ist, werde ich sofort zu ihm gehen, ihm Ehre erweisen und sagen: „Dies ist Hsius Werk.” Wenn er sagt, dass er unzureichend ist, werde ich in die Berge gehen und dort die Jahre verbringen.
Wenn mir die Menschen Verehrung entgegenbringen, nach welcher Lehre soll ich dann praktizieren?“

Etwa um Mitternacht der folgenden Nacht nahm er eine Laterne und schlich sich unbemerkt zum Südgang, wo er das Gedicht auf die Mauer schrieb, so seinen geistigen Stand offenbarend.
 Das Gedicht lautet:
‘Der Leib ist der Bodhi-Baum,
der Geist ist der glänzend klare Spiegel-Ständer; putze ihn öfter, so viel wie möglich,
und lass keinen Staub dran haften‘.
Nachdem er den Vers geschrieben hatte, kehrte Hsiu zu seinem Raum zurück, ohne dass ihn jemand bemerkt hätte. Wieder dachte Hsiu bei sich: „Wenn der Patriarch morgen den Vers sieht und hocherfreut ist, dann habe ich eine karmische Verbindung mit dem Dharma. Wenn er sagt, dass er unzureichend ist, dann ist das so, weil mir meine Verblendungen aus vergangenen Leben schwer hinderlich sind. Es ist schwer, die heilige Sicht abzuwägen.“
Zurück in seinem Raum überlegte er hin und her und konnte weder sitzen noch liegen; schnell war es vier Uhr morgens.

Der Patriarch wusste längst, dass Hsiu noch nicht durch das Tor eingetreten war und sein Selbst-Wesen noch nicht wirklich erlebt hatte. In der Morgendämmerung rief der Patriarch Lu Chen, den Hofdiener, und trug ihm auf, die Zeichnung auf die Wand des Ganges zu malen. Als er plötzlich den Vers sah, sagte er: „Hofdiener, mal das Bild jetzt doch nicht. Vielen Dank dafür, von so weit gekommen zu sein. Aber wie es im Sutra steht: ‘Alles was Form hat, führt zu Verblendung’. Wir werden den Vers hier lassen, damit Schüler ihn rezitieren können. Wenn man sich im Geiste dieses Verses schult, kann man Irrwegen entkommen, und es wird von großem Nutzen sein.“
Er ließ die Schüler Räucherwerk anzünden und tiefe Huldigung darbringen. „Wenn ihr diesen Vers rezitiert, könnt ihr zur Selbst-Realisierung kommen”, sagte er.
Die Schüler rezitierten das Gedicht und riefen aus: „Sehr gut!”

Der Patriarch rief Hsiu um etwa Mitternacht zur Halle und fragte: „Ist jener Vers dein Werk oder nicht?” Hsiu sagte: „Es ist wirklich mein Werk. Ich wage nicht zu versuchen, den Rang des Patriarchen aufs Geratewohl zu erhalten. Ich hoffe sehr, dass der Meister mit Mitgefühl beurteilt, ob der Schüler ein bisschen Weisheit hat oder nicht.”

Der Patrarch sagte: „Hast du diesen Vers geschrieben, so hast du dein Wahres Wesen noch nicht geschaut. Du bist lediglich außen an das Tor gekommen, hast es aber noch nicht durchschritten. Wenn du mit dieser Sicht unübertreffliches Bodhi begreifen willst, so ist das unmöglich. Das unübertreffliche Bodhi kann erfasst werden, wenn du augenblicklich deines Ureigenen Herz-Geistes gewahr wirst, selber dein Wahres- Wesen begreifend – dann wirst du jenseits von Geburt und Tod sein. Immerdar, bewusster Augenblick für bewusster Augenblick, Selbst-sehend, gehen die zehntausend Dinge ohne Hindernis weiter. Eine Realität, jede Realität, die zehntausend Umstände sind allein grad so, grad so. Der Herz-Geist von grad so, grad so, das ist Realität. Das so zu sehen ist nichts anderes als das Selbst-Wesen des unübertrefflichen Bodhi.
Nun geh für eine Weile und geh ein oder zwei Tage in dich. Schreibe dann wieder ein paar Zeilen und bring sie zu mir. Wenn ich deinen Vers dann lese und dabei erkennen sollte, dass du durch das Tor eingetreten bist, dann werde ich dir die Dharma-Robe verleihen.“

Shen Hsiu (Jin Shu) verbeugte sich und ging davon.
Wieder vergingen ein paar Tage, aber Shen Hsiu hatte nichts zustande gebracht. Sein Herz wie das eines Schlafwandlers, sein Geist aufgewühlt, war er wie in einem Traum, weder Gehen noch Sitzen brachten ihm Erleichterung.
Zwei Tage später kam ein Junge zum Mühlenhaus und rezitierte im Vorbeigehen Shen Hsius Verszeilen.
In dem Moment, da Hui Neng diese Zeilen hörte, wusste er sofort, dass derjenige, der sie verfasst hatte, noch nicht sein Wahres Wesen geschaut hatte. Obwohl er noch keine formale Unterweisung erhalten hatte, erfasste er kurzerhand die wesentliche Essenz. Auf die Frage hin, was für einen Vers er denn da rezitiere, antwortete der Junge: „Du Bauerntrottel, kennst du nicht die Worte des Großen Meisters, der da sagt, dass die Frage von Leben und Tod für die Menschen von Bedeutung ist und dass er nach jemandem sucht, dem er die Dharma-Robe verleihen kann und dass er seine Mönche angewiesen hat, einen Vers zu schreiben und ihm vorzulegen? Wenn einer zur Großen-Essenz erwacht wäre, würde dieser die Dharma-Robe erhalten und zum Sechsten Patriarchen ernannt werden. Der Mönchsälteste Shen Hsiu schrieb diese Verse von der Nicht – Form auf die Wand des Südkorridors und der Meister ließ alle diesen Vers rezitieren und er sagte, dass wenn wir uns diesem Vers entsprechend schulten, wir den Pfaden des Bösen entkämen und es würde uns zum Guten gereichen.“

Hui-Neng (Eno) sagte: „Auch ich möchte diesen Vers rezitieren, um für mein nächstes Leben eine karmische Verbindung zu schaffen. Ehrenwerter, seit mehr als acht Monaten habe ich die Reismühle getreten und bin noch nie vor die große Halle gegangen. Ehrenwerter, ich bitte dich, mich zu dem Vers zu führen und lass mich dort meine Verehrung darbieten.“

Da führte der Junge Hui-Neng zu dem Vers, auf dass sich dieser niederwerfen könne. Hui-Neng (Enō) sagte: „Enō kennt die Schriftzeichen nicht; bitte lies sie mir vor.” Zur gleichen Zeit befand sich dort ein Stellvertreter des Gouverneurs von Gōshū mit dem Nachnamen Chō and dem Vornamen Nichiyō, der ihm laut vorlas. Nachdem Hui Neng (Enō) alles gehört hatte, sagte er: „Ich habe einen anderen Vers; ich frage dich, Gouverneur-Stellvertreter, schreibst du ihn bitte für mich hin?”

Der stellvertr. Gouverneur sagte daraufhin: „So, du hast also auch einen Vers verfasst; das ist ja außergewöhnlich!”

Hui-Neng (Enō) sagte daraufhin zu ihm:
„Wenn du den Weg des unübertrefflichen Bodhi kennenlernen willst, solltest du einen Anfänger nicht geringschätzen. Unter den Leuten niedrigsten Standes gibt es solche von höchster Weisheit und unter denen von höchstem Stande gibt es solche ohne jede Weisheit. Wenn du Menschen herabwürdigst, wirst du zahllose und grenzenlose Sünden begehen.”

Der stellvertr. Gouverneur sagte: „Sag einfach den Vers auf und ich werde ihn für dich hinschreiben. Wenn du das Dharma erfasst hast, sollst du mich zuerst retten. Vergiss das nicht.”

Hui Nengs (Enōs) Vers lautet:
Im Grunde gibt es keinen Bodhi-Baum noch ist der klare Spiegel ein Gestell. Wo alles Leere ist von Anbeginn,
wo heftete sich Staub denn hin?

Als der Vers geschrieben war, waren alle Schüler erstaunt und es gab keinen, der nicht voller Bewunderung gewesen wäre. Sie sagten zueinander: „Wie seltsam! Wir können einen Menschen nicht nach Äußerlichkeiten beurteilen. Wie kann es sein, dass all die Zeit ein inkarnierter Boddhisattva für uns gearbeitet hat?”
Der Patriarch, der sah, dass die Leute vor Erstaunen völlig durcheinander waren, fürchtete, dass man Hui Neng etwas antun könnte, und so wischte er mit seiner Sandale den Vers wieder aus und sagte: „Dies zeigt auch noch keine ‚Selbst- Wesensschau‘ und alle stimmten ihm zu.

Am nächsten Tag ging der Patriarch unbemerkt zur Reismühle und sah Hui Neng (Enō) den Reis enthülsen, mit einem Stein, den er an seine Hüfte gebunden hatte. Der Patriarch sagte: „Es heißt ein Sucher des WEGES vergisst sich selbst für das Dharma; soll das so sein?”
 Dann sagte er: „Ist der Reis gereift?” Hui Neng (Eno) sagte: „Der Reis ist seit langem herangereift, er will nur noch gesiebt werden.”

Dreimal schlug der Patriarch mit seinem Stock an den Mühlstein und ging davon.

Hui Neng (Enō) verstand, was der Patriarch meinte und zur dritten Wache (um Mitternacht) betrat er den Raum des Patriarchen. Der Patriarch benutzte seinen “kesa” (eine Art buddhistischer Chorrock) als Wandschirm, so dass niemand sie sehen konnte und dann erläuterte er das Diamant-Sutra. Als er zu den Worten kam “Der Herz-Geist, der nirgendwo wohnt, kommt hervor“, und “Wie hätte ich erwarten können, dass das Selbst-Wesen an sich rein und makellos ist?” und Hui Neng (Enō) dies hörte, begriff dieser zutiefst, dass die Myriaden von Dingen nicht vom Wahren Wesen getrennt sind.

Dann sagte er zum Patriarchen: Wie hätte ich erwarten können, dass das Selbst-Wesen eigentlich weder geboren noch ausgelöscht ist?
 Wie hätte ich erwarten können, dass das Selbst-Wesen eigentlich aus sich selbst heraus in vollem Besitz ist? Wie hätte ich erwarten können, dass das Selbst-Wesen eigentlich unbeweglich ist?
 Wie hätte ich erwarten können, dass das Selbst-Wesen Myriaden von Dingen entstehen lassen kann?

Der Patriarch, der erkannte, dass Hui Neng (Enō) die Wahre Wirklichkeit realisiert hatte, sagte zu ihm: „Wenn einer den Eigentlichen-Herz-Geist nicht inne hat, nützt das Studieren des Dharmas gar nichts. Wenn man den eigenen Wesentlichen-Herz-Geist plötzlich schaut, seines eigenen Wahren Wesens innewird, dann wird man ein großer Mann genannt, ein Lehrer von Menschen und Himmlischen, ein Buddha.“

Um die dritte Wache herum (etwa Mitternacht) erhielt Enō das Dharma, ohne dass es irgendjemand bemerkte. Der Patriarch übermittelte ihm die Lehre von augenblicklicher Erleuchtung, übergab ihm Robe und Essschale und sagte: „Ich ernenne dich zum Sechsten Patriarchen. Du selbst sollst gut auf ES aufpassen; bring viele Geschöpfe von nah und fern zur Befreiung und verbreite die Lehre, auf dass sie für die Zukunft erhalten bleibe, und lass nicht zu, dass sie ausgelöscht wird. Höre meinen Vers:
Er sagte: “ Fühlende Wesen kommen und sähen die Saat. Aus der Erde kommen Früchte hervor.
Keine Empfindung, schon kein Samenkorn, Kein Wesen, dann auch kein Geborenwerden.”

Der Patriarch sagte weiter: „Als in alter Zeit der große Meister Bodhidharma zum ersten Mal in dieses Land kam, glaubten die Leute noch nicht seinen Unterweisungen. Daher übergab er diese Robe als Verkörperung der Lehre, die von einem Meister an den nächsten weitergegeben wird. Was das Dharma angeht, so wird es von Herz-Geist zu Herz-Geist übermittelt, um jeden für sich allein erwachen zu lassen, für sich allein innezuwerden. Seit alter Zeit übermitteln Buddha für Buddha nur die SUBSTANZ; im Geheimen gaben Meister für Meister den essentiellen Herz-Geist weiter. Die Robe ruft Streitereien hervor; so behalte sie selber und gib sie nicht weiter. Wenn du diese Robe weitergibst, wird dein Leben an einem dünnen Faden hängen. Auf jeden Fall solltest du schnell weggehen. Ich fürchte, dass man dir Leid antun will.”

Hui Neng (Enō) verneigte sich und sagte: „Wohin soll ich gehen?”

Der Patriarch sagte: „Wenn du Huai siehst, halte dort an; wenn du Hui siehst, verstecke dich dort.”

Als Hui Neng (Enō) zur dritten Wache die Robe und die Essschale entgegennahm, sagte er: „Ich bin ein Mann aus dem Süden und kenne diese Bergpfade überhaupt nicht und ich weiß auch nicht wie ich zur Flussmündung kommen soll.”

Der Patriarch sagte: „Mach dir keine Sorgen; ich selbst werde dich dort hinbringen.” Der Patriarch begleitete ihn und so kamen sie direkt zur Markstadt Chiuchiang, und der Patriarch ließ ihn in ein Boot steigen. Der Fünfte Patriarch nahm das Ruder und ruderte selber. Hui Neng (Enō) sagte: „Bitte, Meister, setzt Euch hin; der Schüler wird das Ruder nehmen.” Der Patriarch sagte: „Wirklich, ich bin es, der dich übersetzen muss.” Hui Neng (Enō) sagte: „Ist man im Zustand der Verblendung, fährt der Lehrer einen hinüber; wenn man Erleuchtung erlebt hat, fährt man sich selber hinüber. Obwohl ‘hinüberfahren’ nur ein Wort ist, ist doch sein Gebrauch nicht derselbe im jeweiligen Fall. Ich bin in einem Grenzland geboren worden und selbst meine Aussprache ist nicht korrekt. Aber ich bin geehrt worden, indem das Dharma des Meisters an mich übermittelt wurde. Nun bin ich schon zur Selbst-Wesens-Schau gekommen und da sollte ich mich selbst übersetzen.“

Der Patriarch sagte: „So ist es! So ist es! Von nun an wird das Dharma des Buddhas durch dich in alle Welt gehen. Drei Jahre nachdem du jetzt fortgehst, werde ich diese Welt verlassen. Nun geh los und tu alles, um soweit wie möglich in den Süden zu kommen. Du solltest nicht zu früh im Dharma unterweisen. In der Übermittlung von Buddhas Dharma werden Schwierigkeiten entstehen.“

Nachdem Hui Neng (Enō) sich von dem Patriarchen verabschiedet hatte, ging er zu Fuß in Richtung Süden los. Innerhalb von zwei Monaten erreichte ich die Ta Yu Gipfel.

Nachdem der Patriarch zurückgekehrt war, stieg er einige Tage nicht auf das Podium. Die Mönche wussten nicht, was los war, und sie gingen zum Meister und fragten: „Ist der Meister vielleicht krank oder betrübt, oder was sonst?“

Der Patriarch sagte: „Ich bin nicht krank. Die Dharma-Robe ist schon im Süden.“ 
Da fragten sie ihn: „An wen hast du sie übergeben?” Er antwortete:
„Der da Neng heißt, hat sie bekommen.” Nun wussten die Mönche Bescheid.

Hinter mir waren da ein paar hundert Menschen, die mich verfolgten, um mir Robe und Essschale zu rauben. Unter ihnen gab es einen mit Laiennamen Ch’en und jetzigem Namen Hui Ming , der mal ein Oberkommandierender des vierten Dienstgrades gewesen war. Er war ein grober Kerl und hatte sich vollständig dieser Verfolgung verschrieben. Er war den anderen weit voraus und war dabei mich zu überholen. Ich warf Robe und Essschale auf einen Felsen nieder und sagte: „Diese Robe ist ein Zeichen des Glaubens. Es sollte nicht gewaltsam darum gestritten werden.” Während ich das so sagte, verbarg ich mich im Unterholz.

Als Hui Ming ankam, versuchte er die Robe hochzuheben, doch sie war nicht von der Stelle zu rücken. Da rief er aus: „Laienbruder! Laienbruder! Ich kam das Dharma zu suchen, nicht um der Robe willen!” Da kam ich heraus und setzte mich auf den Felsen. Hui Ming warf sich nieder und sagte: „Bitte, Laienbruder, unterweise mich im Dharma.”

Ich sagte: „Wenn du schon wegen des Dharmas hier bist, so sollst du alle weltlichen Verhaftungen auslöschen und keinen einzigen Gedanken aufsteigen lassen. Dann lege ich dir das Dharma vor.” Hui Ming war für eine Weile still. Ich sagte: „Denk nicht ‘gut‘, denk nicht ‘böse‘. Was ist in eben diesem Augenblick das Urantlitz von Mönch Ming ?”

Bei diesen Worten erlebte Hiu Ming plötzlich tiefe Erleuchtung. Dann sagte er: „Außer diesen geheimen Worten, außer diesem schon erwähnten geheimen Sinn, gibt es da noch irgendeinen anderen geheimen Sinn?”

Hui Neng sagte: „Was ich dir grad gesagt habe, ist durchaus nicht geheim. Wenn du dein Wahres-Wesen erlebst (das Licht reflektierst) so ist das Geheime mit dir.”

Hui Ming sagte: „Obwohl ich bei Huang Mei war, habe ich doch nicht wirklich auf mein Urantlitz zurückgeblickt. Jetzt, dank Eurer Unterweisung, weiß ich: Es ist wie bei einem Menschen, der Wasser trinkt und selbst weiß, ob es kalt oder warm ist. Jetzt ist der Laienbruder mein Meister.“

Hui Neng sagte: „Wenn es so um dich steht, lass uns beide Huang Mei zum Meister haben. Bewahre gut, was du erlebt hast!”
 Wieder fragte Hui Ming: „Wohin soll ich denn nun gehen?”
 Hui Neng sagte: „Wenn du zu einem weit abgelegenen Ort kommst, halte dort an; und wenn du dort einfache Leute triffst, so lebe dort.”

Hui Ming warf sich nieder und verabschiedete sich. Hui Ming ging zurück, und als er den Fuß des Berges erreichte, sagte er zu den Verfolgern: „Ich bin in die felsige, steile Höhe aufgestiegen. Es gibt keine Spuren. Wir müssen woanders nach ihm suchen.” Alle Verfolger stimmten zu.

Hui Ming änderte seinen Namen später zu Tao Ming, um das obere Schriftzeichen des Meisters (Hui) zu vermeiden.

Hui Meng kam hiernach nach Ts’ao Ch’ i und wurde dort wieder von übelgesinnten Männern verfolgt. Um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, schloss ich mich in Szu Hui einer Gruppe von Jägern an. Insgesamt vergingen 15 Jahre und manchmal unterwies ich die Jäger im Dharma in einer Weise, die ihrer Welt entsprach.

Die Jäger trugen mir immer auf, auf die Netze aufzupassen, aber wenn ich lebende Tiere darin fand, ließ ich sie frei. Zu den Mahlzeiten nahm ich Gemüse und ließ es neben dem Fleisch in der Pfanne mitkochen. Auf ihre Fragen hin sagte ich: „Ich esse nur Gemüse, das neben Fleisch gekocht wurde.”

Eines Tages dachte ich: „Jetzt ist die Zeit gekommen, das Dharma in alle Welt zu tragen, ich kann nicht mehr davor fliehen.“ So verließ ich mein Versteck und ging zum Fa Hsin Kloster in Kuang Chou. Der Dharma Meister Yin Tsung gab gerade eine Unterweisung über das Nirvana-Sutra.

Zu jener Stunde wehte gerade der Wind und da war eine Bewegung in der Klosterfahne. Ein Mönch sagte: „Der Wind bewegt sich.” Ein anderer Mönch sagte: „Die Fahne bewegt sich.” Sie stritten hin und her und kamen zu keiner Einigung. Ich meldete mich zu Wort und sagte: „Es ist nicht der Wind, der sich bewegt; es ist nicht die Fahne, die sich bewegt; es ist euer Geist, der sich bewegt.” Alle Mönche waren sehr erstaunt. Yin Tsung lud mich ein, auf dem hohen Ehrensitz Platz zu nehmen und befragte mich über das tiefsinnigste Grund-Prinzip.

Als er merkte, dass meine Worte lebendig waren und auf den Punkt kamen und nicht etwa bloß angelesen, sagte Inju: „Laienbruder, ganz sicher bist du kein gewöhnlicher Mensch. Seit langem habe ich gehört, dass die Dharma-Robe von Huang Mei in den Süden gekommen ist. Bist du das, oder nicht?”

Ich sagte: „Ich wage nicht zu widersprechen.” Hierauf warf sich Yin Tsung nieder und fragte mich nach der mir vermachten Robe und der Essschale. Ich holte sie hervor und zeigte sie allen Mönchen.
Weiter fragte Inju : „Welche Anweisungen gab Ōbai, als er sie dir verlieh?” 
Ich sagte: „Es gab keine Anweisung. Er sprach nur von Selbst-Wesens-Schau und sprach nicht über Zazen und Befreiung. “

Inju sagte: „Wie kann es sein, dass er nicht über Zazen und Befreiung gesprochen hat?’”

Ich sagte: „Weil diese zwei nicht Buddhas Dharma sind. Buddhas Dharma ist einfach das Dharma von Nicht-Zwei.”

Yin Tsung (Inju) fragte: „Was ist das Buddha Dharma von Nicht-Zwei?”

Ich sagte: „Priester, du unterweist im Nirvana-Sutra und erklärst Buddha-Wesen; das ist das Buddha-Dharma von Nicht-Zwei. Zum Beispiel: Der Bodhisattva, König Kao Kuei Te wang sagte zum Buddha: ‚Ist es so, dass das Verletzten der vier schwerwiegendenVerbote und das Begehen der fünf Sünden der Not und der Häresie die gute Wurzel des Buddha-Wesens abschneiden, oder nicht?‘

Der Buddha sagte: ‚Es gibt zwei Arten von guten Wurzeln; eine ist dauerhaft, eine ist nicht- dauerhaft. Buddha-Wesen ist weder dauerhaft noch nicht-dauerhaft. Deswegen wird sie nicht abgeschnitten. Das wird Nicht-Zwei genannt.’ Eine ist gut, die andere ist nicht gut. Buddha-Wesen ist weder gut noch nicht gut. Das wird Nicht-Zwei genannt.‘ Der gewöhnliche Mensch (das gewöhnliche Bewusstsein) sieht zwei, Skandhas (=Aggregate) und Dhatus (sechs Sinnesorgane, ihre sechs Wahrnehmungsobjekte und sechs Arten der Wahrnehmung). Der Weise erlebt zutiefst dieses WESEN, das Nicht- Zwei ist. Das Wahre-Wesen von Nicht-Zwei ist nichts anderes als Buddha-Wesen.“

Yin Tsung war überglücklich, als er diese Unterweisung hörte, legte seine Hände im Gassho zusammen, Handfläche auf Handfläche, und sagte: „Meine Auslegung des Sutra ist wie kleine Stückchen von Ziegel- und Kieselsteinen; Eure Unterweisung ist wie echtes Gold.” Alsdann wies er mich an, mein Haar abzurasieren und bat mich, ihm als sein Meister zu dienen. Hierauf öffnete ich unter dem Bodhi- Baum das Dharma-Tor von Tozan (= 5. Patriarch).

Ich erhielt das Dharma bei Tozan und erlitt große Not, mein Leben hing an einem seidenen Faden. Dass ich heute die Gelegenheit habe, euch, nämlich Magistrat, Ortsvertreter, Mönche, Nonnen, Taoisten und Laien zu treffen, geht bestimmt auf nichts anderes zurück als auf die kausalen Beziehungen von vorhergehenden Kalpa. Auch durch unsere Gaben an alle Buddhas während unserer vergangenenen Leben und gleichermaßen durch das Pflanzen von guten Wurzeln, haben wir zum ersten Mal die Gelegenheit, die Lehren der obigen Schule der augenblicklichen Erleuchtung und der Erlangung des Dharma zu hören. Diese Lehre entspricht der Übermittlung durch vergangene Heilige und es ist nicht mein eigenes Wissen.

Wollt ihr den Lehren der vergangenen Meister zuhören, ein jeder um seinen Herz- Geist zu läutern? Und wenn ihr alles wirklich gehört habt und ein jeder für sich allein seine Zweifel ausräumt, dann werdet ihr wie die vergangenen Heiligen werden, ohne jeden Unterschied.“

Nachdem die Versammelten das Dharma gehört hatten, warfen sie sich in großer Freude nieder und zogen sich dann zurück.


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    Weisheit-Prajna

    Am nächsten Tag bat der Magistrat den Patriarchen erneut auf den Hohen Sitz. Der Patriarch sagte zur ganzen Versammlung:

    „Ihr alle, haltet mit geläutertem Herz-Geist am Mahaprajnaparamita fest.”
    Er fuhr fort: „Ihr Dharma-Gefährten, die Weisheit des Bodhisattva Prajna ist die von vorneherein gegebene Wurzelquelle der Menschen in der Welt. Nur wegen der Verblendungen des Herz-Geistes können sie sie nicht spontan erkennen. Durch die Führung großer Meister sollten sie jedoch zur Selbst-Wesens-Schau kommen.
    Seid euch wirklich klar darüber, dass es in bezug auf das Buddha-Wesen keinen Unterschied zwischen den Unwissenden und den Weisen gibt. Nur weil Verblendung und Erleuchtung bei jedem Menschen nicht das Gleiche sind, gibt es Unwissende und Wissende.
    Nun will ich das Dharma des Mahaprajnaparamita für euch, meine Dharma- Gefährten, erläutern, damit ein jeder von euch zur Weisheit gelangt;
    hört wirklich gut mit ganzem Herzen zu.

    Ihr Dharma-Gefährten, gewöhnliche Menschen reden den ganzen Tag immer wieder das Gleiche über ‘Weisheit‘ (Prajna), aber die Weisheit (Prajna) ihrer Wahren Heimat kennen sie nicht. Das ist so wie über Essen reden und doch dabei nichts in den Magen zu bekommen. Wenn man nur mit Worten die LEERE darlegt, kann man für Myriaden von Kalpa nicht zu ‘kensho’ kommen und schließlich wird nichts dabei herauskommen.

    Ihr Dharma-Gefährten, ‘Mahaprajnaparamita’ ist Sanskrit und hier wird es ‘Die Große-Weisheit-das Andere-Ufer-zu-Erreichen‘ genannt. Sie muss mit unserem Herz- Geist eingeübt werden und da gibt es kein mechanisches Wiederholen von Worten. Wenn man sie nur mit Worten wiederholt und nicht im Herz-Geist einübt, ist sie wie ein Phantom, wie ein flüchtiges Bild, wie Morgentau, wie ein Blitz.

    Wenn man die Worte spricht, während der Herz-Geist sich hingibt, ensteht eine Wechselschwingung zwischen Herz-Geist und dem gesprochenen Wort. Das Essentielle-Ursprüngliche Wesen, das ist Buddha. Getrennt von diesem Wesen gibt es keinen anderen Buddha.

    Was ist mit ‘maha‘ gemeint? ‘maha‘ heißt ‘groß, allumfassend‘. Das Ausmaß des Herz-Geistes ist so unermesslich und weit wie leerer Raum ohne Grenzen, weder rechteckig noch rund, weder blau, noch gelb, weder rot noch weiß, ist weder oben noch unten, noch lang oder kurz; da gibt es weder Ärger noch Freude, weder richtig noch falsch, weder Kopf noch Schwanz.

    Die Welten aller Buddhas sind alle wie leere Weite. Das geheimnisvolle Wesen der Menschen der Welt ist im Grunde leer. Nicht ein einzig Ding (Dharma) kann hierin erlangt werden. Die wahre LEERE des Selbst-Wesens ist auch genau so.

    Ihr Dharma-Gefährten, wenn ihr mich LEERE erläutern hört, haftet euch nicht an Leere. Sehr wichtig: Haltet nicht an Leere fest.

    Wenn ihr still dasitzt mit leerem Herz-Geist, werdet ihr an der Leere ohne Bewusstsein, von Nicht-Bewusstsein, festhalten.

    Ihr Dharma-Gefährten, die LEERE der Welt kann Myriaden von Dingen von Form und Farbe enthalten – Sonne, Mond, Sterne, Berge, Flüsse, die ganze Erde, Quellen, Bergschluchten, Grass, Bäume und Wälder, gute und schlechte Menschen, gutes und schlechtes Dharma, Himmel und Höllen, all die Weltmeere, all die Berge wie Sumeru – all diese sind in der LEERE. Genau so ist wiederum das LEERE-Selbst-Wesen des Menschen in der Welt.

    Ihr Dharma-Gefährten, das Selbst-Wesen kann Myriaden von Dingen enthalten; das bedeutet ‘groß‘. Da die Myriaden von Dingen alle in und von dem gleichen Wesen wie das aller Menschen sind, versucht nicht, im Hinblick auf das Gute und das Schlechte in allen Menschen, das eine zu erhaschen oder das andere loszuwerden. Haftet an nichts; der Herz-Geist, der wie leerer Raum ist, wird also ‘groß‘ genannt; daher wird er ‘maha‘ genannt.

    Ihr Dharma-Gefährten, Verblendete predigen mit dem Mund, Weise schulen sich im Herz-Geist; immer wieder gibt es Verblendete, die still dasitzen mit leerem Geist, ohne jeden Gedanken, und sich selber ‘erhaben‘ nennen. Wegen ihrer falschen Sichtweisen ist diese Art von Menschen nicht befähigt, andere zu führen.

    Ihr Dharma-Gefährten, der Herz-Geist, der von weitem, großen Ausmaß ist, schließt alles ein; er durchdringt die ganze Dharma Welt und wenn wir aus seinem Geiste heraus handeln, ist er sehr klar und deutlich, er kann auf alles klar angewandt werden, er kennt nämlich alles. Alles ist per se eins – eins ist alles. Kommen und Gehen – frei. Herz-Geist und Körper stagnieren nicht. Das nun ist Weisheit (prajna).

    Ihr Dharma-Gefährten, alle Weisheit von Prajna kommt aus dem Selbst-Wesen hervor, kommt nicht von außen. Macht nicht den Fehler, den Geist absichtsvoll zu benutzen. Dies nennt man die Wahre-Natur alleine nutzen. Eine Wahrheit, alle Wahrheiten. Die Weite des Herz-Geistes ist eine wahrlich große Sache, übt daher nicht auf kleine Weise. Predigt nicht den ganzen Tag mit Worten Leere, während ihr euch in eurem Herz-Geist nicht in diesem Sinne schult. Das ist wie bei einem gewöhnlichen Menschen, der sich selber König nennt und doch keiner werden kann. Ein solcher Mensch ist nicht mein Schüler.

    Ihr Dharma-Gefährten, was man als ‘Prajna‘ bezeichnet, wird im T’ang ‘Weisheit‘ genannt. Wenn überall und jederzeit, Bewusstseins-Moment für Bewusstseins-Moment nicht töricht vertan wird, und wir Weisheit fortwährend üben, dann ist das die Schulung der Weisheit, nämlich die Übung von Prajna. Wenn ein Bewusstseins- Moment töricht vertan wird, dann ist Prajna ausgelöscht. Wenn ein Bewusstseins- Moment weise ist, kommt Prajna hervor. Gewöhnliche Menschen leben in närrischer Verblendung und sehen Prajna nicht; auch wenn sie Prajna mit dem Munde predigen, so sind sie in ihrem Herz-Geist doch immer den Narren gleich. Doch sagen sie: ‚Wir üben Prajna.‘ Während sie Bewusstseins-Moment für Bewusstseins-Moment Leere predigen, kennen sie die wahre LEERE doch nicht. Prajna ist ohne Form oder Gestalt. Der Herz-Geist von Weisheit ist genau das. Wenn wir ihn so auslegen, dann wird er die Weisheit von Prajna genannt.

    Was heißt ‘paramita‘? Das ist eben ein Wort des West-Landes (=Indien), und im T’ang wird es das ‘Das Andere-Ufer-Erreichen‘ genannt. Den Sinn hiervon zu verstehen bedeutet Entstehen und Vergehen zu transzendieren. Durch Haften an Umständen kommen Entstehen und Vergehen auf, genau wie Wasser Wellen und Wogen hat; das wird ‘Diesseitiges Ufer‘ genannt. Getrennt von den Umständen gibt es kein Enstehen und Vergehen, nur das ständig fließende Wasser; das wird ‚Das- Andere-Ufer‘ genannt. Daher wird es ‘paramita‘ genannt.

    Ihr Dharma-Gefährten, es ist so, dass Menschen im Jedermanns-Bewusstsein genau dann, wenn sie mit dem Munde predigen, Wahnideen und Irrtümern verhaftet sind. Wenn wir uns Bewusstseins-Moment für Bewusstseins-Moment schulen, nennt man das das Wahre-Wesen. Wenn wir dieses Dharma realisieren, ist das das Dharma von Prajna. Wenn wir uns in dieser Disziplin schulen, ist das die Praxis von Prajna. Üben wir nicht so, sind wir gewöhnliche Menschen; wenn wir es auch nur einen Bewusstseins-Moment praktizieren, sind wir selbst dem Buddha gleich.

    Ihr Dharma-Gefährten, gewöhnliche Menschen – nichts anderes als Buddha; üble Leidenschaften – nichts anderes als Bodhi. Wenn der vorhergehende Moment des  Bewusstseins verblendet ist, ist da ein gewöhnlicher Mensch. Wenn der nachfolgende Moment des Bewusstseins im erleuchteten Bewusstsein ist, ist da ein Buddha. Im vorhergehenden Moment haften wir an den Umständen, die (üble) Leidenschaften sind. Wenn wir uns im nachfolgenden Moment des Bewusstseins von den Umständen trennen, ist es Bodhi.

    Ihr Dharma-Gefährten, das Mahaprajnaparamita ist das zuhöchst Verehrungswürdige, das Allerhöchste, das Allererste. Es bleibt nicht, es geht nicht, und es kommt auch nicht.

    Alle Buddhas der drei Welten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) entstehen daraus. Tatsächlich vernichten wir durch diese große Weisheit die fünf Aggregate von verblendeten Leidenschaften und Verunreinigungen. Wenn wir uns so schulen, erreichen wir ganz sicher den Buddha-Weg, und die drei Gifte wandeln sich zu rechter Lebensführung, Versenkung und Weisheit.

    Ihr Dharma-Gefährten, dieses mein Dharma-Tor bringt aus einem Prajna 84000 Weisheiten hervor. Warum ist das so? Weil gewöhnliche Menschen 84000 Arten von Verunreinigungen haben. Wo keine Verunreinigung ist, manifestiert sich Weisheit von selbst und ist nicht von dem Selbst-Wesen geschieden. Diejenigen, die dieses Dharma begreifen, – einfach Nicht-Gedanke, Nicht-Erinnerungen, Nicht-Falschheit, Nicht-Irrtümer, mit dem Selbst-Wesen von wahrer So-heit in Weisheit betrachten, in bezug auf alle Dinge, weder aufgreifend noch wegwerfend, – das dann ist die Vollendung des Buddha-Weges durch Selbst-Realisierung.

    Ihr Dharma-Gefährten, wenn ihr die tiefste Dharma-Welt betreten wollt und auch das Samadhi von Prajna, müsst ihr euch auf jeden Fall in der Disziplin von Prajna üben und immer wieder das Diamant-Prajna-Sutra rezitieren. Dann werdet ihr fähig sein, Selbst-Begreifen zu erlangen, und ihr sollt wissen, dass der hohe Wert dieses Sutra unermesslich und grenzenlos ist: Lobpreisung und Verherrlichung ohne sehr peinlich genaue Erklärungen. Dieses Dharma-Tor ist das Große-Fahrzeug und es öffnet sich Menschen großer Weisheit, Menschen mit hervorragenden Wurzeln (von Natur aus hohen Anlagen). Wenn Menschen mit kleinen Wurzeln (von Natur aus geringen Anlagen) es hören, entsteht Nicht-Glaube in ihren Herzen. Es ist so wie beim  himmlischen Drachen, der auf Enbudai ( = diese Welt) Regen herunterschüttet; Städte und Dörfer treiben herum wie die Blätter des Jujube Baumes. Wenn Regen in das große Meer fällt, nimmt dieses weder zu noch ab.

    Wenn Menschen des Großen Fahrzeuges oder Menschen des Höchsten Fahrzeuges die Darlegung des Diamant-Sutra hören, öffnet sich ihr Herz-Geist und sie erleben die Unwandelbare-Eine-Wirklichkeit. Daher wissen wir, dass unsere Wahre-Essenz von sich aus mit der Weisheit von Prajna begabt ist und immer aus sich selbst heraus mit Weisheit erschaut. Daher stützen wir uns nicht auf Worte und Buchstaben (Schriften).

    Zum Beispiel: Wie beim Regenwasser, das nicht vom Himmel kommt, sondern eigentlich durch den Drachen verursacht wird, empfangen ausnahmslos alle Geschöpfe, alle Pflanzen und Bäume, die Fühlenden und die nicht-Fühlenden, die Feuchtigkeit. Wenn hundert Flüsse und Ströme schließlich in den großen Ozean münden, werden sie ein Ganzes. Die Prajna Weisheit des Wahren-Wesens der Geschöpfe ist auch genau so.

    Ihr Dharma-Gefährten, wenn Menschen mit kleinen Wurzeln diese Lehre von plötzlicher Erleuchtung hören, sind sie wie Pflanzen und Bäume mit schwachen Wurzeln: Werden sie mit Regen überschüttet, fällt jede einzelne Pflanze zusammen und kann nicht weiterwachsen. Menschen mit geringen Anlagen sind auch so wie diese.

    In der Tiefe ist kein gewöhnlicher Mensch geschieden von der Prajna-Weisheit und unterscheidet sich nicht von Menschen großer Weisheit. Wie kommt es, dass sie beim Hören des Dharma doch nicht selbst begreifen? Das ist so, weil verblendete Sichtweisen zum schweren Hindernis werden und Leidenschaften tief verwurzelt sind. Gerade so wie große Wolken die Sonne verdecken: Wenn kein Wind weht, kommt das Licht der Sonne nicht hervor.

    Obwohl die Weisheit von Prajna weder groß noch klein ist, sind doch Verblendung oder Erleuchtung des eigenen Herz-Geistes aller Lebewesen nicht das gleiche. Der verblendete Herz-Geist übt nach außen schauend, nach dem Buddha suchend, und schaut noch nicht sein eigenes Selbst-Wesen; so steht es um die mit nicht so starken Anlagen.

    Wenn wir die unmittelbare Lehre begreifen, werden wir uns nicht an äußerer Übung festklammern. Wenn wir aber über unserem Selbst-Herz-Geist immer wieder die richtige Sicht aufsteigen lassen, können Leidenschaften und Verunreinigungen ihn niemals beflecken; das ist Selbst-Wesens-Schau (‘kensho’).

    Ihr Dharma-Gefährten, wenn wir weder an Innen noch an Außen festhalten, sind wir frei in Kommen und Gehen, das Haften des Herz-Geistes abschneidend, können wir mit allem ohne Hindernis kommunizieren. Wenn wir uns gut in dieser Disziplin schulen, unterscheidet sich das im Grunde nicht vom Prajna-Sutra.

    Ihr Dharma-Gefährten, alle Sutras, die verschiedenen Schriften, das Große und das Kleine Fahrzeug (Mahayana und Hinayana), das Sutra der Zwölf Bereiche – all diese sind entstanden, weil Menschen verschiedenen Entwicklungsstufen angehören. Den Stufen der Weisheit jeweils entsprechend sind sie gut begründet worden. Wenn es keine Menschen in der Welt gäbe, würden die Myriaden von Dharmas ursprünglich nicht von sich aus existieren. So wissen wir, dass die Myriaden von Dharmas auf jeden einzelnen Menschen selber zurückgehen. Wenn wir also lehren, dass all die Sutras und Schriften ihre Existenz dem Menschen verdanken, dann ist das so, weil es unter den Menschen Weise und Narren gibt.

    Das gewöhnliche Bewusstsein befindet sich in einem Zustand der Narrheit; das erleuchtete Bewusstsein ist weise. So wenden sich die Narren an die Weisen, und die Weisen schulen die Narren; und die Narren kommen plötzlich zur Realisation, und wenn dann ihr Herz-Geist sich öffnet, unterscheiden sie sich nicht mehr von den Weisen.

    Ihr Dharma-Gefährten, ohne eigenes Realisieren ist der Buddha nichts anderes als ein gewöhnlicher Mensch; in einem Bewusstseins-Moment zum Erlebnis der Selbst- Wesens-Schau durchbrechend, ist der gewöhnliche Mensch ein Buddha.
    So wissen wir, dass die Myriaden von Dharmas (Dingen) alle in unserem Herz-Geist enthalten sind. Warum sehen wir dann nicht augenblicklich die Essenz der Wahren Wirklichkeit, die in unserem Herz-Geist ist?

    Im Bodhisattva-Precept-Sutra wird gesagt:  ‚Unser Essentielles-Wesen ist an sich rein und makellos‘. Würden wir unseren eigenen Herz-Geist erkennen, würden wir alle den Buddha-Weg durch Selbst- Realisieren vollenden.“

    Im Jōmyō-Sutra wird gesagt:  ‚In diesem Moment, urplötzlich, erfasst man den Wesentlichen Herz-Geist‘.

    Ihr Dharma-Gefährten, als ich bei Meister Nin (dem Fünften Patriarch) war und grad ein einziges Mal ihn hörte, kam ich bei seinen Worten sofort zur Einsicht und erkannte augenblicklich die Essenz der Wahren-Wirklichkeit. Daher wandere ich herum, um Schüler des Buddhismus zum plötzlichen Gewahrwerden des Bodhi zu bringen, beziehungsweise ihres eigenen Herz-Geistes innezuwerden und selbst die Unwandelbare-Eine-Wahrheit zu sehen.

    Wenn man noch nicht allein zum Realisieren gekommen ist, sollte man nach einem großen Meister suchen, einem, der das Allerhöchste Dharma versteht und direkt den richtigen WEG weist. So ein großer Meister hat eine bedeutende karmische Beziehung zum Schüler. Das ist so, weil er den Schüler durch seine hervorragende Führung dazu bringt, unmittelbar zum Begreifen zu kommen.

    Alles gute Dharma wird von den Meistern geweckt, weil all die Buddhas der Drei Welten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) und die Sutras der Zwölf Bereiche im Wesen des Menschen enthalten sind, das aus sich heraus von Anbeginn so begabt ist.

    Wenn man nicht allein zur Erkenntnis kommen kann, sollte man um die Führung durch einen Meister bitten und es dann unmittelbar erfahren. Der, der allein zur Erkenntnis kommt, braucht nicht außerhalb nach DEM zu suchen. Wenn man sich jedoch an Befreiung durch die Führung eines Meisters festklammert, so sollte man sich so nicht verhalten. Warum ist das so? Weil in unserem Selbst-Glauben (Glauben an sich selber) Weisheit liegt und Selbst-Wesensschau dann von selbst geschieht. Wenn man schwere Täuschungen und illusionäre Gedanken aufsteigen lässt, völlig durcheinander wird und dabei denkt, der Meister sei draußen, dann kann der Meister, auch wenn er den Schüler gut führt, einen nicht retten. In der wahren Prajna- Versenkung, dem Dunkel völligen Nichtwissens, werden in einem Augenblick  verblendete Gedanken völlig ausgelöscht. Wenn wir unser Selbst-Wesen mit solch tiefer Einsicht erfassen, können wir das Buddha-Land erreichen.

    Ihr Dharma-Gefährten, Prajna-Versenkung, nämlich innen und außen freiräumen, erfasst das Selbst unseres Essentiellen Herz-Geistes. Wenn wir den Essentiellen Herz- Geist kennen, sind wir von Anfang an befreit. Wenn wir zur Befreiung kommen, das ist das Prajna-Samadhi, das ist Nicht-Geist. Was ist es, was da Nicht-Geist genannt wird? Wenn, während wir alle Dinge sehen, unser Herz-Geist nicht verunreinigt wird durch Verhaftung, so ist das Nicht-Geist. Sein Wirken durchdringt alles überall und haftet nirgendwo an. Wenn wir doch nur unseren grundlegenden Herz-Geist reinigen, dann ist da keine Verunreinigung, keine Einmischung, auch wenn wir die sechs Arten von Bewusstsein aus den sechs Toren (= Sinnesorgane) herauskommen und in die sechs Arten von Staub (= Objekte, von den sechs Sinnen wahrgenommen) gehen lassen. Frei im Kommen und Gehen, ohne Blockierung kreisend: Das ist die Prajna- Samadhi Freiheit, die Befreiung, die die Übung von Nicht-Geist genannt wird. (Aber) wenn wir versuchen, nicht an hundert Dinge zu denken, indem wir alle Gedanken anhalten, so ist das Dharma-Knechtschaft und wird verzerrte Sicht genannt.

    Ihr Dharma-Gefährten, der, der das Dharma von Nicht-Geist klar erkennt, ist mit allen Myriaden von Dharmas gründlich vertraut. Der, der das Dharma von Nicht-Geist begreift, erkennt die Welt aller Buddhas. Der, der das Dharma von Nicht-Geist schaut, erreicht den Rang des Buddha.

    Ihr Dharma-Gefährten, diejenigen künftiger Generationen, die mein Dharma begreifen und durch das Dharma-Tor der plötzlichen Erleuchtung gehen und ihre Einsicht entsprechend leben, sollten ein Gelöbnis ablegen, nämlich dem Buddha bis zum Ende ihrer körperlichen Existenz zu dienen, ohne zurückzufallen. Diese Menschen werden ganz sicher in den heiligen Stand eintreten. Darüber hinaus sollen sie die Lehre, die uns schweigend überliefert wurde, übermitteln und nicht das richtige Dharma verbergen.

    Wenn Menschen ihr Sehen nicht gleichermaßen im Alltag leben und (dann) in unterschiedlichen Dharmas sind, wird den Vorgängern Schaden zugefügt, und das bringt schließlich gar nichts. Ich befürchte, dass Narren, die nicht wirklich zu tiefer  innerer Einsicht gekommen sind, dieses Dharma-Tor in Verruf bringen könnten und dass für Hunderte von Kalpa (= Äonen) Tausende von Menschenleben ihr Buddha- Saat-Wesen abschneiden werden.

    Ihr Dharma-Gefährten, ich habe hier ein formloses Gedicht, und ein jeder von euch, ob Laie oder Mönch, soll es rezitieren und auschließlich in diesem Geiste seiner Übung nachgehen. Wenn ihr euch nicht selbst schult und nur meine Worte hersagen könnt, gibt es keinen Gewinn.

    Hört meine Verse; sie lauten:

    Klares Begreifen von (Buddhas) Lehren und klares Begreifen des Geistes ist wie die umherziehende Sonne am leeren Himmel.
    Das Dharma der Selbst-Einsicht zu übermitteln
    erscheint er in der Welt, zerstört er falsche Schulen.

    Im Dharma gibt es weder plötzlich noch allmählich.
    Infolge von Verblendung oder Erleuchtung gibt es langsam und schnell. Nur kann dieses Tor der Selbst-Wesensschau von einem Narren nicht voll erfasst werden.
    Auch wenn es unzählige Arten von Unterweisungen gibt,
    gemäß dem einen Grundprinzip gehen sie auf Eins zurück.
    In der dunklen Stätte weltlicher Sorgen
    sollte die Sonne der Weisheit immer hervorkommen.
    Wenn Falsches kommt, erscheinen weltliche Sorgen;
    wenn Richtiges kommt, werden weltliche Sorgen beseitigt.
    Wenn beides, “falsch” und “richtig”, nicht benutzt werden,
    werden Makellosigkeit und Reinheit zu Ewigkeit.
    Bodhi ist vomWesen her die Wahre Heimat

    Wenn der Geist sich regt, wird ES verfälscht.
    Ein reiner Geist inmitten von Unwahrheit,
    wenn alles grad richtig ist, gibt es nicht die drei Hindernisse.

    Wenn weltlich gesinnte Menschen dem Weg folgen,  wird ES von gar nichts behindert.
    Wenn wir selber immer unsere eigenen Fehler sehen,
    sind wir in Übereinstimmung mit dieser Art der Schulung.
    Alle Farben (und Formen) haben ihre Art und Weise,
    und sie alle behindern einander nicht.
    Sucht man auf eine andere Weise, die vom WEG getrennt ist,
    so wird man bis zum Ende seines Lebens nicht den WEG begreifen. Welle für Welle verbringst du dann ein Leben,
    schließlich wirst du des Lebens überdrüssig werden.
    Willst du den wahren WEG sehen,
    richtiges Handeln, das ist der WEG.
    Bist du selbst nicht im Geiste des WEGES,
    Ist das so wie im Dunklen herumtappen, den WEG nicht sehend.

    Wenn du wahrhaft ein Mensch bist, der den WEG geht,
    so siehst du die Verfehlungen der Welt nicht.
    Sehen wir die Fehler anderer,
    verstärkt das unsere eigenen Fehler.
    Unsere Fehler haben ihre falsche Ursache aus sich selbst heraus. Nur wenn wir selber uns dieses falschen Bewusstseins entledigen, besiegen und zerstören wir weltliche Sorgen.
    Dann beunruhigen Hass und Liebe nicht unser Herz,
    Wir legen uns hin und strecken unsere beiden Beine lang aus. Willst du anderen helfen sich zu entwickeln,
    musst du selber die Hilfsmittel dein Eigen nennen.
    Lass bei ihm keine Zweifel aufkommen,
    und sein Selbst-Wesen wird zum Vorschein kommen. Buddha-Dharma ist diese sekuläre Welt;
    Getrennt von dieser Welt ist ES nicht verwirklicht.
    Bodhi suchen geschieden von dieser Welt,
    das ist wie nach einem Hasen mit Hörnern suchen.
    Die richtige Sicht wird ‘Die-Welt-Verlassen’ genannt.
    Falsche Sichtweisen sind nichts anderes als die Welt.

    Wenn falsch und richtig vollständig verworfen werden, offenbart sich die Natur des Bodhi spontan.
    Dies sind die Verse der Lehre von der plötzlichen Lehre. Sie wird das Erhabene Dharma Boot genannt.

    Dies in Verblendung hörend, braucht es Kalpa (Äonen), (aber) Einsicht geschieht in einem Augenblick.”

    Weiterhin sagte der Meister: „Nun predige ich im Daibon Kloster diese Lehre der plötzlichen Erkenntnis. Ich bete wirklich sehr, dass die Geschöpfe der Dharma-Welt bei diesen Worten Selbst-Wesens-Schau erfahren mögen und Buddha werden.”

    Zu jener Zeit lauschten der Magistrat I, Staatsbeamte, Mönche und Laien der Unterweisung des Meisters, und da war keiner, der nicht zur Erleuchtung gekommen wäre. Alle seufzten vor Glück, während sie sagten: „Sehr gut! Wie hätten wir erwarten können, dass ein Buddha in Reinan erscheint!”


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      Zweifel und Fragen

      Eines Tages gab Magistrat I ein großes Fest zu Ehren des Meisters, und als das Fest vorbei war, bat der Magistrat den Meister auf den Hohen Sitz. Beamte, Ritter und Bürgerliche warfen sich zusammen mit dem Magistrat in Verehrung nieder. Dann wandte sich der Magistrat in ernster Haltung an den Meister: „Der Schüler hat die Dharma-Darlegung des Meisters gehört; wirklich, sie ist geheimnisvoll- unverständlich. Nun habe ich Zweifel; so bitte ich Euch, um Eures großen Mitgefühls willen, klärt diese bitte besonders für mich.”

      Der Meister sagte: „Hast du irgendwelche Zweifel, so frage und ich will es dir bestimmt erklären.”
      I sagte: „Was der Meister darlegt, ist das nicht die Lehre des Großen Meisters Bodhidharma?”

      Der Meister antwortete: „Ja, das ist es.”

      Der Ehrenwerte I sagte: „Der Schüler hat folgendes gehört: Als Bodhidharma zum ersten Mal Kaiser Bu  von Ryō unterwies, fragte ihn der Kaiser: ‚Mein ganzes Leben lang habe ich Klöster gebaut, ließ ich viele Mönche ordinieren, habe ich Almosen gegeben und Essen austeilen lassen; was sind Verdienst und Tugend solch guter Taten?’

      Bodhidharma sagte: ‚Wirklich kein Verdienst und keine Tugend.’ Der Schüler  kann das einfach noch nicht verstehen. Ich bitte den Meister inständig es mir zu erklären.“

      Der Meister sagte: „Wirklich kein Verdienst und keine Tugend. Zweifele nicht an den Worten des vergangenen Heiligen. Kaiser Bu irrte sich und kannte das richtige Dharma nicht. Klöster bauen, Mönche ordinieren, Almosen geben und die Armen speisen entspricht dem, was man ‚Glück suchen’ nennt; und Glück erwirken zu wollen kann nicht als Verdienst oder Tugend angesehen werden. Verdienst-Tugend ist innerhalb des Dharmakaya und liegt nicht in der Praxis Glück erzielen zu wollen.

      Dann sagte der Meister: „Zur Selbst-Wesens-Schau kommen, das ist Verdienst; Gleichheit, das ist Tugend. Bewusstsein für Bewusstsein ohne Stehenbleiben und dabei ständig die realen, wundersamen Wirkungsweisen des Wahren-Wesens erlebend, das wird Verdienst-Tugend genannt. Innerlich ist der Herz-Geist von Demut erfüllt, das ist Verdienst, äußerlich verhält er sich im Geist der Höflichkeit, das ist Tugend.

      Das Wahre-Wesen schauen, das die Myriaden von Dingen erschafft, das ist Verdienst; die Essenz des Herzens vom Denken zu trennen, das ist Tugend. Sich nicht trennen von seiner Wahren-Heimat, das ist Verdienst; Nicht-Befleckung, das ist Tugend. Willst du die Verdienst-Tugend des Dharmakaya erlangen, so musst du dich einfach entsprechend verhalten, das dann wird wahres Verdienst und wahre Tugend sein. Ein Mensch, der Verdienst und Tugend in seinem Herz-Geist praktiziert, verhält sich nicht herablassend anderen gegenüber, sondern übt sich immer in Respekt und Höflichkeit.

      Ist der Herz-Geist von Verachtung anderer besetzt und schneidet er das Ego nicht ab, dann ist das ohne jedes Verdienst. Ist die Schau des Selbst-Wesens falsch und nicht der Wahren-Wirklichkeit entsprechend, dann ist sie wertlos, weil das Ego sich selbst verherrlicht und alles andere immer verachtet.

      Ihr Schüler des Weges, Bewusstsein für Bewusstsein, und nichts dazwischen, das ist Verdienst. Wenn die Wirkungsweisen des Herz-Geistes ausgeglichen und geradeheraus sind, das ist Verdienst. Sein eigenes Wesen zu schulen, das ist Verdienst. Die eigene Person schulen, das ist Verdienst.

      Ihr Schüler des Weges, Verdienst und Tugend sollten als innerhalb des eigenen Selbst-Wesens gesehen werden. Das ist nicht, worauf Almosengeben und Gedenkgottesdienstes aus sind. Daher sind Glücksstreben-Tugend und Verdienst- Tugend nicht dasselbe.

      Kaiser Bu kannte die Wahrheit nicht und das ist nicht der Fehler meines Meisters, der mir vorausgegangen ist.”

      Der Magistrat stellte wieder eine Frage: „Euer Schüler sieht Laien und Mönche immer zu Amithaba Buddha beten, auf dass sie in der Westlichen Region (=Paradies) wiedergeboren werden mögen. Würde der Meister mir bitte erklären, ob sie dort geboren werden, oder nicht. So frage ich Euch, würdet Ihr mir bitte, um meinetwillen, die Zweifel nehmen?”

      Der Meister sagte: „Ehrenwerter Shi, hör mir aufmerksam zu. Enō will es für dich klären. Der Weltverehrte Eine war in der Burg des Shaii (skr. S’ravasti) und legte das Hinführen zur Westlichen Region dar; in einem Sutra wird es klar gesagt: ’Diese ist nicht fern von hier.’ Wenn wir es von einer oberflächlichen Ebene her erörtern, zählen wir 108 000 Meilen. In diesem Fall, wenn nämlich der Körper mit 10 Übeln und acht Fehlern behaftet ist, ist es sehr weit zum Paradies – so also sagte er. Es ist weit für diejenigen mit schwachen Wurzeln, so sagte er; es ist nah für diejenigen von erhabener Weisheit. Gibt es auch zwei Arten von Menschen, so gibt es doch nicht zwei Arten von Dharma.

      Da Verblendung und Erleuchtung sich unterscheiden, gibt es die Sichtweise von langsam und schnell. Ein Verblendeter betet zum Buddha und versucht, dort geboren   zu werden (zum Beispiel in der Westlichen Region). Der Erleuchtete läutert seinen Herz-Geist selber. So steht es vom Buddha geschrieben: ‘Soweit wie der Herz-Geist geläutert ist, so rein ist auch das Buddha-Land. ‘

      Ehrenwerter Shi, selbst Menschen der Östlichen Region, sofern sie ihren Herz-Geist auch nur reinhalten, sind ohne Sünde. Auch wenn einer im Westen ist, sein Herz- Geist jedoch nicht geläutert ist, stimmt da etwas nicht. Einer aus dem Osten begeht Sünden und betet zum Buddha, in der Westlichen Region geboren zu werden; einer aus dem Westen begeht Sünden und betet zum Buddha, wiedergeboren zu werden – ja, in welchem Land denn nun eigentlich? Der gewöhnliche Mensch und der Narr, der die Wahre-Wirklichkeit nicht wahrhaft erlebt hat, und der nicht weiß, dass das Reine Land in ihm ist, wünscht sich den Osten, wünscht sich den Westen; für den wahrhaft Erleuchteten jedoch, ist jede Wohnstatt ganz die gleiche. Darum sagt der Buddha: ‚Wo auch immer ich verweile, sind da doch immer Ruhe und Glückseligkeit.’

      Ehrenwerter, hegst du Nicht-Schlecht in deinem Herzensgrund, so ist es nicht weit zur Westlichen Region. Verharrst du im Herz-Geist des Nicht-Gut, so ist es sehr schwer durch Beten zum Buddha zu dessen Wohnstatt zu kommen.

      Nun, ihr Schüler des Weges, ich rate euch erst einmal die 10 Übel auszuräumen, das käme dann einem Marsch von 100 000 Meilen gleich; danach seht zu, die 8 Fehler loszuwerden, so schreitet ihr weitere 8000 Meilen voran. Bist du deines Selbst-Wesen Moment für Moment in heller Wachheit gewahr und verhälst du dich immer in besonnener Ausgeglichenheit, kommst du dort im Nu eines Finger-Schnalzens an und du erblickst Amithaba.

      Ehrenwerter, dich einfach in den zehn guten Taten schulend – wie könnte da irgendein Bedürfnis nach dem Wunsch entstehen, in der Wohnstatt des Buddha geboren zu werden?
      Aber wenn du die zehn Übel nicht abschneidest, welchen Buddha willst du um Erscheinung bitten? Erlebst du das plötzliche Dharma von Nicht-Geburt unmittelbar, wirst du die Westliche Region im Nu erschauen. Wenn du es nicht wahrhaft erfasst und dabei zum Buddha um jene Geburt betest, wobei der Weg doch so lang ist, wie kannst du dorthin gelangen?

      Enō will für euch alle augenblicklich die Westliche Region so verschieben, dass ihr sie direkt vor euren Augen erschaut. Wünscht jeder einzelne von euch sie zu erblicken?”
      Alle Anwesenden warfen sich nieder und sagten: „Wenn wir sie hier sehen können, warum sollten wir uns nach einer Wiedergeburt im Reinen-Land sehnen? Wir bitten Euch inständig, Meister, hab Erbarmen und lass die Westliche Region für uns erscheinen, so dass ein jeder von uns sie erschauen kann”.

      Da sagte der Meister: „All ihr hier Versammelten: Der leibliche Körper des gewöhnlichen Menschen ist eine Burg. Augen, Ohren, Nase, Zunge – dies sind die Tore. Außen gibt es fünf Tore; innen gibt es das Tor der Absicht; der Herz-Geist ist der Grund. Das Wesenhafte ist der König. Der König weilt in des Geistes Grund. Wenn das Wesenhafte da ist, gibt es den König. Wenn das Naturwesen weggeht, gibt es keinen König. Wenn da das Naturwesen ist, existieren Körper und Geist. Geht das Wesenhafte dahin, vergehen Körper und Geist. Erlebt unmittelbar den Buddha im Innern eures Wesens und sucht nicht draußen nach ihm. Wenn das Selbst-Wesen verblendet ist, haben wir es mit einem gewöhnlichen Geschöpf zu tun; kommt es zum Erwachen zur Wahren-Wirklichkeit, ist da ein Buddha.

      Mitgefühl, das ist Kanzeon; freudiges Almosengeben wird Seishi genannt; Fähigkeit zur Reinigung, das ist Shakyamuni; Gelassenheit ist Amida; das Ich, das ist Berg Sumeru; Bosheit (Gehässigkeit), das ist das Wasser des Ozeans, weltliche Sorgen, das sind die Wellen; ein vergiftetes Bewusstsein, das ist der böse Drachen; Falschheit, das ist der böse Dämon; triviale Kümmernisse, dies sind Fische und Schildkröten; Gier und Ärger, diese sind die Hölle; Dummheit und faule Klagen, dies sind wilde Biester.

      Ihr Schüler des Weges, wenn ihr euch immer in den zehn guten Taten übt, dann kommt die Himmlische Halle hervor, und wenn ihr das Ego auslöscht, fällt der Berg Sumeru in sich zusammen. Wenn Bosheit versiegt, wird das Meerwasser austrocknen. Wenn es keine weltlichen Sorgen gibt, werden alle Wellen verschwinden. Vergesst ihr das vergiftete Bewusstsein, werden Fische und Drachen ausgerottet. Auf des Geistes Grund findet man Nyorai (=Tathagata) erleuchteten Wesens, das ein großes helles Licht ausstrahlt und draußen die sechs Tore in hellen   Schein taucht; es ist rein und hat die Kraft, all die Gottheiten der sechs Arten von Gier zu zersprengen. Wenn ER im Innern des Selbst-Wesens scheint, werden die drei Gifte eliminiert, und sofort werden alle Sünden der Hölle ausgelöscht.

      Wenn Innen und Außen durch und durch klar sind, dann gibt es keinen Unterschied zur Westlichen Region mehr. Wenn wir dieser Schulung so nicht nachgehen, wie anders könnten wir dorthin gelangen?

      Die vielen Versammelten lauschten all dem und alle kamen zur unmittelbaren Erfahrung ihres Selbst-Wesens. Ein jeder warf sich nieder in Verehrung und zusammen entfuhr ihnen ein Seufzer der Lobes: “Wie gut!” Sie riefen aus: „Mögen alle Lebewesen der Dharma-Welt (des Universum), alle, die dies hören, sofort Erleuchtung (Selbst-Wesensschau) erleben.”

      Der Meister sagte weiter: „Ihr Schüler des Weges, wenn ihr euch schulen wollt, so könnt ihr das als Laien tun. Ihr müsst nicht in einem Kloster als Mönch leben. Wenn ihr euch als Laie gut schult, seid ihr wie ein Östlicher Mensch mit gutem Herz-Geist. Seid ihr in einem Kloster und schult ihr euch nicht im rechten Geiste, seid ihr doch wie ein Westlicher Mensch mit schlechtem Herz-Geist. Wenn nur der Herz-Geist rein ist, so nennen wir das das Selbst-Wesen der Westlichen Region.”

      Der ehrenwerte Magistrat fragte weiter: „Wie soll sich ein Laie schulen? Ich bitte Euch von ganzem Herzen, gib uns Anweisungen, um unserer Befreiung willen.”

      Der Meister sagte: „Für die große Versammlung hier trage ich ein formloses Gedicht vor. Wenn ihr euch im Geiste dieser Verse schult, dann ist das so, als wäret ihr immer bei mir. Geht ihr dieser Schulung nicht nach, spielt es auch keine Rolle, ob ihr euren Kopf rasiert und Mönch werdet – das würde euch zu keinem Vorteil auf dem Weg verhelfen.

      Das Gedicht geht so:

      ‚Ruht der Herz-Geist in Frieden,
      Warum dann die Vorschriften einhalten? Wenn Verhalten unmittelbar ist,
      Warum dann Zen praktizieren?
      Den Eltern Liebe und Wohlwollen entgegenbringend,
      erfüllen wir unsere Pflicht ihnen gegenüber.
      Loyalität zwischen Oberen und Unteren
      bedeutet Barmherzigkeit füreinander.
      Wo Bescheidenheit vorhanden,
      verkehren Ober-und Unterschicht in Frieden.
      Wo es Durchhaltekraft gibt,
      machen viele Übel kein Geräusch.
      Können wir durch Holz-Reiben Feuer machen,
      kommt ganz sicher eine rote Lotusblume aus dem Schlamm hervor.
      Was dem Munde bitter,
      ist sicher gute Medizin.
      Was dem Ohr nicht gefällt,
      ist ganz sicher guter Rat.
      Gehen wir gegen unsere Fehler vor,
      kommt Weisheit gewiss hervor.
      Behalten wir unsere Unzulänglichkeiten,
      gibt es keine Weisheit im Herz-Geist.
      Handeln wir im Alltag auch immer mit Güte,
      wird der Weg doch nicht durch Geld-Almosen erlangt.
      Bodhi wird nur im Herz-Geist ergründet,
      warum dann Schwierigkeiten durch Suchen des Geheimnisses außen?
      Schulst du dich gemäß meiner Unterweisung, die du hörst,
      ist die Himmlische Halle grad vor deinen Augen.

      Weiter sagte der Meister: „Ihr Schüler des Weges, ihr alle sollt diese Verse in die Praxis umsetzen, werdet des Wahren Wesens gewahr und vollendet den Buddha-Weg direkt. Es gibt keine Gegensätze im Dharma.
      Die hier Versammelten werden für eine Weile auseinandergehen; ich werde nach Sōkei zurückkehren. Sollten die Versammelten irgendeinen Zweifel haben, so geht dorthin und fragt mich.”

      Zu jener Zeit konnten sowohl der Magistrat, die örtlichen Beamten, als auch einfache Männer und Frauen, ausnahmslos alle die anwesend waren, zur Schau des Selbst- Wesens gelangen (ihren Herz-Geist in Satori öffnen). Gläubigen Herzens nahmen sie es an und setzten es wirklich ins Leben um.


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        Samadhi – Weisheit

        Als der Meister die Menschen unterwies, sagte er:

        „Ihr Dharma-Gefährten, mein Dharma-Tor ruht auf dem Grund von Samadhi- Weisheit. Ihr alle, seid nicht verblendet in Hinblick auf Samadhi und Weisheit, indem ihr etwa sagt, diese beiden seien verschieden. Samadhi-Weisheit ist eines, nicht zwei. Samadhi, das ist der Leib der Weisheit. Weisheit ist die Wirkungsweise von Samadhi. Sind wir eins mit Weisheit, geht Samadhi mit dieser Weisheit einher. Sind wir eins mit Samadhi, ist da auch Weisheit. Ist euch diese Tatsache klar, dann realisiert ihr Samadhi und Weisheit gleichermaßen.

        Unter den unterschiedlichen Menschen, die sich auf den Schulungsweg machen, kommen einige zuerst zu Samadhi und erwecken dann Weisheit; andere wiederum erlangen zuerst Weisheit und erleben dann Samadhi. (Aber) sagt nicht, diese seien verschieden voneinander! Für diejenigen, die diese Sicht der Unterscheidung anwenden, gibt es zwei Aspekte im Dharma. Erhabene Gedanken mit dem Munde predigen, während der Herz-Geist drinnen doch nicht wirklich gut ist. Vergeblich nennen wir Samadhi oder Weisheit unser eigen, wenn Samadhi und Weisheit nicht Hand in Hand gehen. Sind Herz-Geist und des Menschens Rede beide gut, und sind innen und außen von gleicher Art, dann ist Samadhi-Weisheit eins.

        In bezug auf den Weg der Selbst-Wesens-Schau gibt es keine Diskussion. Diskutiert man darüber, was zuerst kommt und was danach – im Hinblick auf Samadhi und Weisheit, ist man gerade so wie ein Verblendeter. Wenn ihr Gewinnen und Verlieren nicht abschneidet, werden die Einmischungen des Egos zunehmen, und ihr löst euch nicht von den vier Konzepten.

        Ihr Dharma-Gefährten, wie nun sind Samadhi und Weisheit eins? Sie sind wie Lampe und Licht. Wo eine Lampe, da ist Licht. Wo keine Lampe, da ist Dunkelheit. Obwohl es zwei Begriffe gibt, ist da eigentlich nur ein Leib. Ganz genauso verhält es sich mit dem Dharma von Samadhi und Weisheit.

        Der Meister sagte bei seiner Unterweisung zu denen, die gekommen waren, seine Worte zu hören:

        „Ihr Dharma-Gefährten, was das, was wir das Ein-Akt-Samadhi nennen, wirklich bedeutet, ist folgendes: Immerdar eins sein mit dem direkten Herz-Geist, überall, beim Gehen, Verweilen, Sitzen oder Liegen. Im Jōmyō-Sutra steht geschrieben: ‚Der direkte Herz-Geist, das ist die Übungshalle; der direkte Herz- Geist, das ist das Reine Land.’ Ihr sollt nicht auf krumme Art denken, das heißt, ergeht euch nicht in erhabenen Worten, dabei das Ein-Akt-Samadhi predigend, während ihr doch nicht eins seid mit dem direkten Herz-Geist – tut das auf keinen Fall! Seid ihr wirklich eins mit dem direkten Herz-Geist, dann gibt es kein Haften an irgendetwas. Ein Verblendeter hängt sich an Formen und Dinge, haftet am sogenannten Ein-Akt-Samadhi und sagt leichthin: ‚Bewege dich nicht beim Sitzen und wecke den Herz-Geist nicht unnötig; dies ist dann das Ein-Akt-Samadhi.’ Diejenigen, die das so verstehen, sind leblosen Dingen gleich und sie werden so selber zum Hindernis auf ihrem Schulungsweg.

        Ihr Schüler des Weges, der Weg sollte frei fließen; wie kommt es zum Stillstand? Wenn der Herz-Geist nicht in den Dingen verstrickt ist, dann fließt der WEG frei. Wenn der Herz-Geist den Dingen verhaftet ist, so wird es Selbst-Fesselung genannt. Sagt einer, es sei richtig, sich beim Sitzen nicht zu bewegen, so ist das gerade wie bei Sariputra, der schmerzfrei im Wald saß und von Yuima Kitsu gescholten wurde.

        Ihr Dharma-Gefährten, immer wieder gibt es jene, die im Zazen und in der Herz- Geist- Kontemplation unterweisen, und dabei lehren, der Stille nachzugehen, sich weder zu bewegen noch zu erheben, woraus sich dann das Anhäufen von Tugenden ergeben soll. Verblendete, die unwissend sind und an diesen Vorstellungen haften, verlieren den Verstand. Solche Fälle kommen häufig vor. Solch eine Art des Lehrens ist, wie wir wissen, ein großer Fehler.“

        Der Meister sagte weiter bei seinen Unterweisungen:

        „Ihr Dharma-Gefährten, im Grunde gibt es kein schnell oder langsam in der rechten religiösen Lehre; die Natur des Menschen selber ist allerdings entweder scharfsinnig (klug) oder abgestumpft (dumpf). Das Jedermanns-Bewusstsein fühlt sich zum stufenweisen Weg hingezogen; der Erleuchtete schult sich im schnellen Weg. Erlebt man den Essentiellen Herz-Geist selber, wird man des eigenen Selbst-Wesens gewahr; dann gibt es da keinen solchen Unterschied. Damit ist klar, dass ‘schnell’ und ‘stufenweise’ als Pseudonyme (Behelfsbegriffe) eingesetzt werden.

        Ihr Dharma-Gefährten, dieses mein Dharma-Tor macht seit alter Zeit Nicht-Geist zu seinem Grundprinzip, macht Nicht-Form zu seiner Substanz, und Nicht-Verhaftung zu seiner Basis. Was Nicht-Form genannt wird bedeutet: Innerhalb der Form getrennt von der Form (Eigenschaft/Eigenschaftloses). Was Nicht-Geist genannt wird heißt: Innerhalb des Geistes kein Geist. Was Nicht-Festhalten genannt wird, ist die Essenz, das Wahre Wesen, des Menschen.

        Gut und schlecht, Schönheit und Hässlichkeit der Welt, Feind oder Freund, Missbrauch erleidend und selber austeilend, heftige Auftritte und Streit, sieh sowohl das eine als auch das andere als Leere an.
        In jedem Bewusstseins-Moment, weder über die grad gegebene Szenerie nachsinnen, noch an das vorhergehende Bewusstsein, das gegenwärtige Bewusstsein oder das zukünftige Bewusstsein denken. Moment für Moment von Bewusstsein in unaufhörlich auf einander folgenden Gedanken, das wird ‚Fesseln erschaffen‘ genannt. Über allen Dingen stehend, nicht verweilend, Bewusstseins-Moment für Bewusstseins-Moment, das ist nicht-fesselnd. Wir machen genau dieses Nicht- Festhalten zur Basis.

        Ihr Dharma-Gefährten, sind wir getrennt von aller Form, so wird das ‘Nicht-Form- Schaffen’ genannt. Können wir uns von Formen trennen, dann ist der Dharma-Leib makellos und rein. Auf diese Weise wird Nicht-Form die Substanz (der Leib).

        Ihr Freunde des Dharmas, wenn unter all den verschiedenen Umständen der Herz-Geist nicht befleckt wird, dann wird es Nicht-Geist genannt. Wenn wir aber jenseits von Gedanken und Gefühlen sind, und immer von den jeweiligen Umständen getrennt, d.h. wenn wir abgehoben von den Umständen sind, kommt der Herz-Geist nicht hervor. Wenn wir uns nur darin üben, nicht über hundert Dinge nachzudenken, löschen wir alles Bewusstsein aus. Wenn auch nur ein kleiner Teil von Bewusstsein nicht existiert, so ist das der Tod, und wir werden an einem anderen Ort wiedergeboren. Das ist ein großer Fehler.

        Wenn jene, die den Weg gehen, das oben Gesagte kennen, doch das Prinzip des Dharma nicht kennen und sich in dieser Hinsicht irren, so kann man das immer noch tolerieren. Aber wenn sie darüber hinaus ihre eigenen Verblendungen an andere weiterempfehlen, und sie so daran hindern, die wahren Tatbestände zu sehen, so verleumden sie Buddhas Sutra. Darum stellen wir Nicht-Geist als das Grundprinzip auf.

        Ihr Dharma-Gefährten, wie nun ist das Aufstellen von Nicht-Geist das Grundprinzip? Indem er Selbst-Wesensschau einfach nur mit dem Munde predigt, hat ein Verblendeter Gedanken über Umstände, und wenn sich über diese Gedanken dann falsche Sichtweisen ranken, kommen daraus dann all die verblendeten, weltlichen Sorgen und Illusionen hervor. Im Selbst-Wesen wird in Wirklichkeit nichts hinzugewonnen. Glaubt man, da sei etwas zu erlangen und führt man fruchtlose Erörterungen über Glück und Unglück, dann ist das verblendetes weltliches Sich-Mühen und eine falsche Sichtweise.

        Daher stellt dieses Dharma-Tor Nicht-Geist als Grundprinzip auf.

        Ihr Freunde des Dharmas, wenn ihr ‘Mu’ (Nichts) sagt, was ist nicht da? Sagen wir ‘Gedanke’, woran denken wir? Wenn wir ‘Mu’ (Nichts) sagen, hat es nicht zwei Formen und da gibt es kein Bewusstsein von all den verschiedenen, verblendeten, weltlichen Schwierigkeiten. Wenn wir ‘Gedanke’ sagen, denken wir an das Essentielle von wahrer So-heit. Wahre So-heit, das ist die Substanz des Gedankens. Der Gedanke ist die Funktion wahrer So-heit. Wenn das Essentielle von wahrer Soheit Gedanken aufsteigen lässt, so ist das nicht das Denkvermögen von Auge, Ohren, Nase und Zunge. Wahre So-heit hat ein Wesen, daher lässt sie die Gedanken aufsteigen.

        Wenn wahre So-heit nichts ist, dann hören in diesem Moment Augen, Ohren, Farben und Klänge auf zu funktionieren.

        Ihr Dharma-Gefährten, wenn das Selbst-Wesen von wahrer So-heit Gedanken aufsteigen lässt, obwohl die sechs Wurzeln (Sinne) sehen, hören, erkennen und wissen, ist es doch nicht befleckt von den zehntausend Umständen und das Wahre-Wesen ist immer frei. Daher steht es geschrieben in einem Sutra: ‚Obwohl wahre So-heit durchaus die Formen aller Dinge unterscheiden kann, ist sie unbeweglich im Urgrund der Existenz.‘ “


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          Zazen

          Der Meister sagte in seiner Unterweisung:
          „Das Zazen dieses Tores hängt sich in Wirklichkeit nicht am Herz-Geist fest, noch klammert es sich an Reinheit, und es ist auch nicht Nicht-Bewegung. Wenn wir vom Haften an den Herz-Geist sprechen, wissen wir, dass der Herz-Geist im Grunde eine Täuschung, ja ein Phantom ist; daher gibt es da nichts, woran man sich klammern könnte. Wenn wir von Verhaftung an Reinheit sprechen: Das Wesen des Menschen ist von Anbeginn rein. Aber wegen des verblendeten Bewusstseins ist wirkliche So-heit verdeckt. Wenn auch nur ein verblendeter Gedanke nicht da ist, ist das Wesen aus sich allein heraus makellos und rein. Wenn wir den Herz-Geist anheben und uns an Reinheit heften, dann wird die Illusion von Reinheit erweckt. Es gibt keine Wohnstatt für Verblendung; Verhaftung ist Täuschung/Verblendung an sich. Reinheit hat weder Form noch Gestalt. Wenn wir eine Form von Reinheit aufbauen, nennen wir das eine Vorrichtung. Diejenigen, die sich dieser Sicht verschreiben, behindern die Aktivität ihres eigenen Wahren-Wesens und werden von Reinheit eher gefesselt.

          Ihr Dharma-Gefährten, wenn ihr Nicht-Bewegung praktiziert und dabei all die Menschen um euch herum seht, so schaut nicht auf ‘richtig’ oder ‘falsch’, ‘gut’ oder ‘böse’, Versagen oder Leiden der Menschen – das dann ist Nicht-Bewegung des Selbst-Wesens.

          Ihr Dharma-Gefährten, so mag ein Verblendeter seinen Körper nicht bewegen, sobald er aber seinen Mund öffnet, redet er von richtig und falsch, gut und schlecht, Vorlieben und Abneigungen anderen gegenüber und steht im Weg. Klammert ihr euch an den Herz-Geist oder an Reinheit, so ist das ein großes Hindernis auf dem WEG.

          Bei seiner Unterweisung sagte der Meister:
          „Ihr Dharma-Gefährten, was wird Zazen genannt?
          Innerhalb dieses Dharma-Tores gibt es kein Hindernis und keine Einmischung. Wenn sich in allen äußeren Umständen, seien sie gut oder schlecht, der Herz-Geist nicht aufsteigt, dann wird das “Za” (Sitzen) genannt. Wenn der Blick nach innen gerichtet ist und das Selbst-Wesen schaut, bewegt sich der Herz-Geist nicht, und das nennt man Zen.

          Ihr Dharma-Gefährten, was wird Zen-Versenkung genannt?
          Sich außen von Formen trennen, das ist Zen. Im Innern nicht in Verwirrung zu leben, das ist Versenkung. Wenn wir uns außen an Formen heften, dann ist unser Herz-Geist innen verwirrt. Wenn wir uns innen von Formen lösen, dann ist unser Herz-Geist nicht verwirrt. Das Wahre-Wesen ist in sich selbst rein, es ruht unbewegt in sich. Nur weil wir Umstände wahrnehmen und über sie nachdenken, gerät der Herz-Geist in Verwirrung. Wenn wir all die Umstände wahrnehmen und der Herz-Geist doch nicht verwirrt wird, dann sind wir in wahrer Versenkung.
          Ihr Dharma-Gefährten, lösen wir uns außen von Formen, das ist Zen. Wenn wir innen nicht verwirrt sind, dann ist das Versenkung. Außen Zen, innen Versenkung – das ist Zen-Versenkung. Im Sutra von Bodhisattvas Regeln zur rechten Lebensführung steht geschrieben: ‚Das Essentielle Wesen ist von sich aus makellos und rein.’

          Ihr Dharma-Gefährten, Augenblick für Augenblick (Stückchen für Stückchen) von Bewusstsein bewahrt die Reinheit und Makellosigkeit des Essentiellen Wesens selber, schult euch, übt Euch im Dienen und vollendet den Buddha-Weg ein jeder für sich.“


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            Reue

            Als der Meister damals sah, dass Gelehrte und Laien aus den Landkreisen Kō und Shō und aus den vier Regionen sich in den Bergen versammelt hatten, um das Dharma zu hören, stieg er auf den Hohen Sitz. Er wandte sich an die Versammelten und sagte:

            “Kommt her, all ihr Dharma-Gefährten, diese Wesens-Eigenschaft muss vom Innern des Selbst-Wesens aufsteigen. Unablässig, Moment für Moment von Bewusstsein, läutert selbst den Herz-Geist, schult euch selbst, übt euch in religiösen Diensten und kommt zum Begreifen eures eigenen Dharmakayas. Wenn ihr den Buddha eures eigenen Herz-Geistes innig nah schaut, rettet euch und ermahnt euch selber, dann könnt ihr zum ersten Mal zum Gewahrwerden kommen.

            Aber es wird nicht notwendig sein diesen Stand zu erreichen. Von weit her seid ihr zu dieser Versammlung gekommen, und euch allen ist eine karmische Beziehung gemein. Nun sollten sich alle niederknien, dann will ich für euch erst einmal die fünf Arten von Räucherwerk des Dharmakaya übermitteln und die Reue von Nicht-Form lehren.“

            Die Leute knieten nieder. Der Meister sagte:

            “Zuerst zum Räucherwerk der rechten Lebensführung. Wenn nämlich innerhalb unseres eigenen Herz-Geistes weder Falsches noch Böses ist, noch Neid, noch Eifersucht, keine Gier, kein Ärger, kein dauerhaftes Unrecht, dann wird dies das Räucherwerk der rechten Lebensführung genannt.

            Zweitens, das Räucherwerk von Samadhi: Wenn der Herz-Geist im Anblick von verschiedensten Umständen, seien sie gut oder schlecht, nicht verwirrt wird, dann wird dies das Räucherwerk von Samadhi genannt.

            Drittens, das Räucherwerk der Weisheit (prajna): Wenn unser eigener Herz-Geist ohne Behinderungen immer im Geist der Weisheit ist, im Selbst-Wesen ruht, und während er keine schlechten Taten begeht und viel Gutes tut, doch an nichts haftet – Vorgesetzte respektiert, Untergebenen gegenüber rücksichtsvoll ist und mit den Einsamen und Armen voller Mitgefühl und Barmherzigkeit ist – dann wird dies das Räucherwerk der Weisheit genannt.

            Viertens, das Räucherwerk der Befreiung: Wenn unser Herz-Geist ohne jede Verstrickung ist, weder gut noch schlecht denkend, frei und ungehindert, das wird das das Räucherwerk der Befreiung genannt.

            Fünftens, das Räucherwerk der Befreiung und des weisen Wissens: Wenn unser eigener Herz-Geist schon ohne Verstrickung in gut oder schlecht ist, sollten wir nicht in LEERE absinken und in Einsamkeit verharren, sondern unser Lernen weiter vorantreiben, unser Hören vervielfältigen. Unseren eigenen ursprünglichen Herz-Geist erkennen, die Wirklichkeit aller Buddhas erreichen, das Licht abmildernd, Dinge benutzend, kein Ego, keine Menschen, direkt das Bodhi und das Unwandelbare-Wahre-Wesen erlangend, das wird das Räucherwerk der Befreiung und des weisen Wissens genannt.

            Ihr Dharma-Gefährten, diese Arten von Räucherwerk verströmen ihren Duft von selbst im Innern; sucht nicht außen nach ihnen. Nun will ich euch allen die Reue von Nicht-Form vermitteln, auf dass ihr die Sünden der drei Welten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) auslöscht und die Läuterung der drei Karma (Körper, Mund und Geist) erwirkt.

            Ihr Dharma-Gefährten, ein jeder von euch spreche zusammen mit mir die folgenden Worte:

            Die Schüler – vergangenes Bewusstsein, gegenwärtiges Bewusstsein und künftiges Bewusstsein, Augenblick für Augenblick von Bewusstsein, nicht behaftet mit törichter Verblendung – bereuen die Sünden von schlechtem Karma und törichter Verblendung, in der wir alle zuvor gelebt haben. Ich bete darum, dass diese Sünden sofort getilgt werden mögen und für lange Zeit nicht wieder entstehen.

            Die Schüler – vergangenes Bewusstsein, gegenwärtiges Bewusstsein und zukünftiges Bewusstsein, Augenblick für Augenblick von Bewusstsein, nicht mit Hochmut behaftet – bereuen die Sünden von schlechtem
            Karma und Hochmut, in denen wir alle zuvor gelebt haben. Ich bete darum, dass diese Sünden sofort getilgt werden mögen und für lange Zeit nicht wieder entstehen.

            Die Schüler – vergangenes Bewusstsein, gegenwärtiges Bewusstsein und zukünftiges Bewusstsein, Augenblick für Augenblick von Bewusstsein nicht behaftet mit Neid und Eifersucht – bereuen die Sünden von schlechtem Karma, von Neid und Eifersucht, in denen wir alle zuvor gelebt haben. Ich bete darum, dass diese Sünden sofort getilgt werden mögen und für lange Zeit nicht mehr enstehen.

            Ihr Dharma-Gefährten, das eben Gesagte ist die Reue von Nicht-Form. Warum wird es ‘zan’ (Reue, Umkehr) genannt? Warum wird es ‘ge’ (Bedauern) genannt?
            Reue (zan) bedeutet, dass einem vergangene Fehler leid tun, als auch die Sünden von schlechtem Karma und törichter Täuschung, von Hochmut/Missbrauch und von Neid und Eifersucht, die man früher begangen hat. So bereut man jede einzelne Sünde, sodass sie für lange Zeit nicht mehr entsteht. Dies wird ‘zan’ (Reue) genannt.

            Bedauern (ge) meint von nun an die künftigen Fehler bereuen, als auch die künftigen Sünden von schlechtem Karma, törichter Täuschung, von Hochmut/Missbrauch, von Neid und Eifersucht. Jetzt, von vorneherein entschlossen sein, einen jeden Fehler, eine jede Sünde restlos abzuschneiden und sie nicht wieder zu begehen: Das ist ‘ge’ (Bedauern).

            So wird es ‚zange’ (Reue/Bedauern) geannt.

            Da Menschen weltlicher Gesinnung, die unwissend und verblendet sind, nur wissen, wie man frühere Fehler bereut, nicht aber wie man die künftigen Fehler bereut, und diese dann nicht bereuen, kommt es dazu, dass vergangene Fehler nicht zunichte gemacht werden und zukünftige Fehler wieder auftreten.

            Sind vergangene Fehler nicht ausgelöscht worden, kommen zukünftige Fehler immer wieder auf. Wie könnte das dann ‘zange’ (Reue) genannt werden?

            Ihr Dharma-Gefährten, das Thema ‘zange’ (Reue) habe ich nun abgeschlossen, ich möchte nun für euch, ihr Dharma-Gefährten, die Vier Großen Gelübde anrufen.
            Ein jeder von euch möge aufmerksam, mit ganzem Herzen, lauschen:

            Der Geschöpfe sind zahllose –
            ich gelobe, sie alle zu retten.
            Der Leidenschaften sind unzählige – ich gelobe, sie alle auszurotten.
            Der Dharma-Tore sind mannigfache – ich gelobe, durch alle zu gehen.
            Der Buddha-Weg ist unübertrefflich – ich gelobe, ihn zu verwirklichen.

            Ihr Dharma-Gefährten, sagt nicht der Buddha: ‚Der Geschöpfe sind zahllose – ich gelobe, sie alle zu retten?’ So steht es von ihm geschrieben. Doch das ist nicht Enōs Art von Erretten.

            Ihr Dharma-Gefährten, mit den ‚Geschöpfen innerhalb des Herz-Geistes’ ist der sogenannte falsche, verblendete Geist gemeint, der verführerische, falsche Geist, der nicht-gute Geist, der neidische, eifersüchtige Geist, der böse, vergiftete Geist; all diese Arten von Herz-Geist sind gleichermaßen Geschöpfe. Ein jeder von euch sollte sein eigenes Wesen selber retten. Das wird wahres Retten genannt.

            Was ist mit “Selbst-Rettung des eigenen Wesens” gemeint?
            Es bedeutet mit richtiger Sicht die Geschöpfe erretten, die mit falscher Sicht behaftet sind, weltlichem Leiden ausgeliefert und in Narrheit und Ignoranz innerhalb des eigenen Herz-Geistes sind.
            Wenn du aus der richtigen Sichtweise heraus lebst, lässt du die Weisheit die Geschöpfe von Narrheit, Ignoranz, Verblendung und Falschheit vernichten. Wenn Böses kommt, rettest du es mit Rechtschaffenheit; wenn Verblendung ensteht, rettest du sie durch Satori; wenn Narrheit erscheint, rettest du sie durch weises Wissen; wenn Böses entsteht, rettest du es durch Gutes. Diese Art zu retten wird wahre Rettung genannt.

            ‘Der Leidenschaften sind unzählige – ich gelobe, sie alle auszurotten.’ Das bedeutet: Durch Prajna-Weisheit des Selbst-Wesens den Geist irriger und falscher Gedanken ausrotten; so ist es.

            In bezug auf ’Der Dharma-Tore sind mannigfache – ich gelobe, durch alle zu gehen.’ Das bedeutet: Wir sollten selbst zur Selbst-Wesens-Schau kommen und uns immer im richtigen Dharma schulen. Das wird wahres Erforschen genannt.

            In bezug auf: ‚Der Buddha-Weg ist unübertrefflich – ich gelobe, ihn zu verwirklichen’: Wenn wir schon fähig sind, den Herz-Geist zu unterwerfen und gemäß der Wahren-Wirklichkeit zu leben, frei von Verblendung und frei von Erwachen, ständig im Geist der Weisheit lebend, Wahrheit entfernend, Unwahrheit entfernend, dann sind wir des Buddha-Wesens inne. Das heißt dann, in jenem Moment den Buddha-Weg vollenden.

            Immerwährende Anrufung und Schulung, das ist das Dharma der Kraft des Gelobens.

            Ihr Dharma-Gefährten, nun habt ihr die Vier Gelöbnisse abgelegt. Weiterhin, um euretwillen, Ihr Weg-Gefährten, will ich euch die Regeln zur rechten Lebensführung der Dreifachen Hingabe von Nicht-Form geben. Ihr Weg-Gefährten, wir entsagen unserer selbst, um in den Erwachten, zwei-füßigen Erhabenen einzugehen. Wir geben uns hin, um in den Rechtschaffenen Erhabenen einzugehen, frei von Triebwünschen. Wir geben uns selber völlig hin, um in den Makellosen, der da geehrt unter den Lebewesen, einzugehen.

            Von heute an nennst du den Erwachten deinen Meister, und hör auf, dich weiter falschen Dämonen eines ‚Weges außerhalb‘ zu überantworten. Überprüfe immer selber die Drei-Schätze des Selbst-Wesens. Ich rate euch, Ihr Weg-Gefährten, gebt euch preis und geht über in die Drei-Schätze des Selbst-Wesens.

            Buddha ist Erwachen.
            Dharma ist Rechtschaffenheit.
            Sangha ist Lauterkeit.
            Einer, der sich selbst dem Erwachen des eigenen Herz-Geistes hingibt, der keine falschen Täuschungen erweckt, dessen Wünsche klein sind, der fähig ist, sich von Besitz und sexuellen Leidenschaften zu lösen, der wird der zwei-füßige Erhabene genannt.
            Seinen eigenen Herz-Geist Bewusstseins-Moment für Bewusstseins-Moment der Rechtschaffenheit überantworten, darum geht es, und weil es da keine falsche Sichtweise gibt, kein hochgradiges Ego, keine Gier, keine Liebe, kein Sich-an-etwas- Klammern (Verhaftung), wird all das „der Erhabene, frei von drängenden Wünschen“ genannt.

            Seinen eigenen Herz-Geist der Lauterkeit hingeben, wobei das Selbst-Wesen nicht mit all dem Staub, den Schwierigkeiten, noch mit der Welt der Leidenschaften behaftet ist – das wird der ‚Erhabene unter den Lebewesen‘ genannt.

            Wenn ihr euch so schult, dann ist dies das Sich-Hingeben an das Selbst. Gewöhnliche Menschen verstehen das nicht und folgen Tag und Nacht den Lebensweisungen der Dreifachen Hingabe. Wenn ihr sagt, dass ihr euch selber hingebt, um in den Buddha einzugehen, wo ist der Buddha dann? Wenn man den Buddha nicht sieht, wo ist der Ort, dem du dich überantworten kannst? Die Worte werden so eher ein Hindernis.

            Ihr Dharma-Gefährten, jeder einzelne von euch sollte dies bei sich beachten, benutzt euren Geist nicht auf falsche Art. In einem Sutra steht klar geschrieben: ‚Liefere dich dem Selbst-Buddha aus‘. Es steht nicht geschrieben: ‚Gib dich an andere Buddhas hin‘. Wenn du dich nicht dem Selbst-Buddha überantwortest, gibt es keinen Ort, auf den man sich verlassen könnte.

            Nun, da ihr alle schon das Selbst realisiert habt, sollte ein jeder von euch sich dem Dreifachen Schatz seines eigenen Herz-Geistes hingeben; im Innern das Geist-Wesen in Ordnung bringen, außen andere respektieren. Das ist Hingabe (Sichausliefern) an das Selbst.

            Ihr Dharma-Gefährten, nachdem ihr euch selbst schon dem Dreifachen Schatz überantwortet habt, soll ein jeder seinen Geist sammeln. Ich werde für euch den ‘Trikaya in einem Leib’ des Selbst-Wesen-Buddha darlegen und euch die drei Leiber sehen lassen und euch dazu bringen, das Wahre-Wesen zu schauen.

            Ihr alle, sprecht mir zusammen nach:

            ‘In unserem eigenen leiblichen Körper geben wir uns dem makellosen und reinen Dharmakaya-Buddha hin.
            In unserem eigenen leiblichen Körper geben wir uns dem vollkommenen und unversehrten Sambhogakaya-Buddha hin.
            In unserem eigenen leiblichen Körper geben wir uns den Myriaden von Nirmanakaya-Buddhas hin.‘

            Ihr Dharma-Gefährten, der leibliche Körper ist eine Wohnstätte und man kann nicht sagen, man überantwortet sich derselben.
            Der Trikaya-Buddha, der oben erwähnt ist, ist innerhalb des Selbst-Wesens, und obwohl jeder Mensch in dieser Welt ihn hat, ist er dessen, wegen seines verblendeten Herz-Geistes, doch nicht in seinem Wesen inne. Draußen nach dem Trikaya des Nyorai (Tathagata) suchend, sieht er den Trikaya-Buddha in seinem eigenen Leib nicht.

            Ihr alle, die ihr meiner Unterweisung zuhört, ich möchte, dass ihr denTrikaya-Buddha in eurem Selbst-Wesen innig nah schaut. Dieser Trikaya-Buddha kommt aus dem Selbst-Wesen hervor, und da gibt es kein Erlangen davon von außen.
            Was wird der reine und makellose Dharmakaya genannt? Das Essentielle-Wesen aller Menschen dieser Welt ist rein und makellos und die zehntausend Dinge kommen aus dem Selbst-Wesen hervor. Wenn wir alle Dinge in negativer Weise betrachten, entstehen dann auch schlechte Taten. Wenn wir alle Dinge in positiver Weise betrachten, kommen gute Taten hervor.

            So sind alle Dinge im Selbst-Wesen, und obwohl der Himmel immer klar ist und Sonne und Mond immer deutlich zu sehen sind, so sind sie doch wegen treibender Wolken immer bedeckt. Oben ist es klar, unten ist es dunkel. Es ist, wie wenn der Wind plötzlich weht und die Wolkendecke auflöst, dann nämlich werden oben und unten klar, und all die tausend Dinge kommen deutlich zum Vorschein.

            Der Geist des gewöhnlichen Menschen treibt immer herum und bewegt sich wie Wolken am Himmel.

            Ihr Dharma-Gefährten, Wissen ist wie die Sonne, Weisheit wie der Mond, aber wenn wir an dem, was uns umgibt, haften, ist das Selbst-Wesen durch die treibenden Wolken falscher Gedanken verdeckt und es kann nicht hell strahlend und klar sein. Trifft man einen Meister mit tiefer Erfahrung, und lauscht man der Wahrheit seines richtigen Dharma, beseitigt man selber Verblendung (Täuschung, Wahn) und Falschheit, und sowohl innen als auch außen ist alles durchdringendes Strahlen, und all die tausend Dinge erscheinen im Selbst-Wesen. Grad so ist es mit Menschen, die zur Selbst-Wesens-Schau gekommen sind. Das wird das reine und klare Dharmakaya des Buddhas genannt.

            Ihr Dharma-Gefährten, seinen eigenen Geist dem Selbst-Wesen überantworten, heißt sich selbst dem wahren Buddha überantworten. Sich selbst dem Selbst hingeben, heißt innerhalb des Selbst-Wesens den übelgesinnten Geist, den neidisch-eifersüchtigen Geist, den schmeichlerisch-betrügerischen Geist, den Ich-Geist, den täuschenden- verblendeten Geist, den Geist, der Leute herabsetzt, den Geist, der andere vernachlässigt, den Geist falscher Sichtweisen und den hochmütigen Geist auslöschen und schließlich schlechte Taten vermeiden. Immer deine eigenen Fehler sehen und nicht über gut und schlecht von anderen reden, das heißt sich selber dem Selbst überantworten. Auf jeden Fall und immer den Herz-Geist unterwerfend, sollt ihr euch allgemein demütig und respektvoll verhalten; das dann ist kensho, Selbst – Wesensschau, die sich erkennbar macht ohne jegliches Stillstehen oder Hindernis – das dann ist die Hingabe an das Selbst.

            Was wird das vollkommene und vollständige Sambhogakaya genannt?

            Es ist, zum Beispiel, wie bei einer Fackel, die die Dunkelheit von tausend Jahren vertreibt, so auch löscht ein aufflackernder Moment von Erkenntnis die Unwissenheit von tausend Jahren aus.

            Denkt nicht an die Vergangenheit, die schon vorbei ist. Denkt niemals an die Zukunft. Indem ihr Bewusstseins-Moment für Bewusstseins-Moment vollkommen strahlend macht, schaut ihr selbst das (eigene) Ursprüngliche Wesen. Gutes und Schlechtes unterscheiden sich, der Ursprung der Existenz ist jedoch Nicht-Dual. Die nicht-duale, ursprüngliche Natur wird das Wahre Wesen genannt. Wenn das Wahre Wesen nicht mit gut oder schlecht befleckt ist, dann wird das ‚der vollkommene und vollständige Sambhogakaya‘ genannt.

            Wenn das Selbst-Wesen einen Moment von schlechtem Bewusstsein erweckt, zerstört es das gute Wirken von zehntausend Kalpas. Wenn das Selbst-Wesen einen Moment von gutem Bewusstsein erweckt, kann es Böses, das für viele Äonen, nämlich so viele wie die Sandkörner des Ganges, angedauert hat, auslöschen, und du erreichst direkt das Unübertreffliche (Erhabene) Bodhi.

            Moment für Moment von Bewusstsein, in dir selbst des Urgrund-Bewusstseins gewahr sein und es nicht verlieren – das wird Sambhogakaya genannt.

            Was wird die Zigmillionen des Nirmanakaya genannt?
            Wenn wir nicht an die zehntausend Phänomene denken, dann ist das Wesen im Grunde wie die LEERE. Wenn wir in einem Bewusstseins-Moment darüber nachdenken, dann wird es eine Erscheinung genannt. Wenn wir über schlechte Dinge nachdenken, wandelt sich alles zur Hölle. Wenn wir über gute Dinge nachdenken, wandelt sich alles in den Himmel. Bösartiges Zufügen von Leid verwandelt sich in Drachen und Schlangen. Mitgefühl wandelt sich in Bodhisattvas. Weisheit wandelt sich in die obere Welt; Unwissenheit wandelt sich in die untere Welt. Umwandlungen des Selbst-Wesens sind sehr zahlreich. Verblendeten ist nicht klar, dass sie Moment für Moment von Bewusstsein Böses erwecken und das sie immer auf üblen Pfaden wandeln.
            Wenn ein Gedanke sich dem Guten zuwendet, kommt Weisheit hervor. Das wird das Selbst-Wesen des Nirmanakaya-Buddha genannt.

            Ihr Dharma-Gefährten, im Grunde werden wir vom Dharmakaya besessen. Wenn jeden Bewusstseins-Moment das Selbst-Wesen sich selber sieht, dann ist das der Sambhogakaya-Buddha. Vom Dharmakaya aus betrachtet, ist das der Nirmanakaya-Buddha. Es allein gewahrwerdend, das ist wahre Hingabe. Haut und Fleisch sind der Farb (und Form-) Leib. Der Farb (und Form-) Leib ist eine Wohnstätte, und es heißt nicht, dass er sich selbst aufgibt. Wenn wir das Trikaya urplötzlich schauen, werden wir den Selbst-Wesen-Buddha erkennen.

            Ich habe einen Vers über Nicht-Form; wenn ihr ihn immer wieder rezitiert, werdet ihr bei diesen Worten in einem Augenblick alle Verblendungen und Sünden, die ihr in unzähligen Kalpa aufgehäuft habt, beseitigen. Der Vers lautet:

            Verblendete schulen sich für die Erlangung von Glück, nicht für den Weg. Sie sagen einfach, das Erwirken von Glück sei nichts anderes als der Weg. Auch wenn Glück durch Almosengeben und Opfergaben grenzenlos ist, rufen sie im Grunde doch die drei Übel im Geist hervor.

            Auch wenn sie (gewöhnliche Menschen) ihre Sünden wiedergutmachen wollen durch gute Taten und dadurch im Jenseits Glück gewinnen werden, bleiben ihre Sünden doch bestehen.
            Wenn aber durch das Beseitigen der Ursache von Sünden in seinem Geist jeder einzelne zu wahrer Reue in seinem Selbst-Wesen kommt, und so plötzlich zum Mahayana erwacht, entsteht wahre Reue. Wenn wir Übel auslöschen und richtiges Verhalten praktizieren, dann gibt es keine Sünden.

            Schüler des Weges, die immer im Geiste ihres Selbst-Wesens sind, sind alle der einen gleichen Art wie alle Buddhas.
            Unser Patriarch übermittelte grad dieses unmittelbare Dharma und wünschte, dass alle durch das Erleben der Wahren-Wirklichkeit der eine gleiche Leib werden.

            Wollt ihr in Zukunft nach dem Dharmakaya suchen, dann löst euch von allen Formen von Dharma, läutert den Herz-Geist innen drin, schult euch, damit ihr es selbst seht, und werdet nicht schlaff.
            Wenn der folgende Moment des Bewusstseins plötzlich abgeschnitten ist, hört ein Leben auf.
            Wenn ihr des Mahayana realisiert und Selbst-Wesens-Schau erlebt, legt demütig in Verehrung eure Hände zusammen und versenkt euch mit ganzem Herzen darin.

            Der Meister sagte: „Ihr Dharma-Gefährten, ihr alle sollt diese Zeilen immer wieder rezitieren und dann entsprechend umsetzen. Wenn ihr dann bei diesen Worten Selbst- Wesens-Schau erlebt, dann seid ihr immer nahe bei mir, auch wenn ihr euch tausend Meilen weit weg von mir befindet. Aber wenn ihr bei diesen Worten nicht zur Erleuchtung kommt, werdet ihr tausend Meilen von mir entfernt sein, auch wenn wir einander gegenüberstehen.

            Warum habt ihr euch dann die Mühe gemacht, so weit von fern zu kommen? Danke, ihr könnt nun hinweggehen.

            Als die Versammlung das Dharma gehört hatte, war da keiner, der nicht zur Selbst-Wesensschau gekommen wäre. Mit tiefer Freude erfüllt folgten sie seinen Unterweisungen und setzten sie in die Praxis um.


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              Das Wirken von karmischer Verbindung

              Nachdem der Meister das Dharma von Ōbai erhalten hatte, ging er in das Dorf Sōkō in der Zō-Präfektur, wo ihn niemand kannte.
              Dort gab es einen Gelehrten mit Namen Ryu Shin Rzaku, der ihn ehrfürchtig und höflich empfing. Der Gelehrte hatte eine Tante, die Nonne geworden war und Mujinzō genannt wurde. Sie rezitierte immer das Große Nirvana Sutra. Der Meister hörte für eine Weile zu, erfasste dann den subtilen eigentlichen Gehalt und erklärte es ihr schließlich. Daraufhin nahm die Nonne die Schriftrolle und fragte nach einigen Schriftzeichen. Der Meister sagte: „Ich kenne die Schriftzeichen nicht. Bitte frage mich nach dem Sinn.” Die Nonne sagte: „Wenn du die Schriftzeichen nicht kennst, wie kannst du den eigentlichen Gehalt erfassen?” Der Meister sagte: Das subtile Prinzip aller Buddhas hat keine Verbindung zu den Wortbedeutungen.”

              Die Nonne war erstaunt über das, was sie da hörte. Sie erzählte den Dorfältesten (den rechtschaffenen Menschen des Dorfes) davon: „Er ist ganz bestimmt eine hohe Persönlichkeit, die den WEG realisiert hat, bitte, ihr solltet ihn einladen und ihm Gaben darbringen.”
              Auch ein Mann mit Namen Sōshukuryō, ein Urenkel des Kaisers Wu von Gi, kam mit anderen Dorfbewohnern herbei und sie alle warfen sich in Verehrung vor ihm nieder.

              Zu jener Zeit war das alte Kloster von Horin zur Ruine verkommen, nachdem Krieg und Feuer es am Ende der Sui-Dynastie (589-616 A.D.) zerstört hatten. Schließlich wurde am gleichen Platz ein neues Kloster gebaut und man bat den Meister dort zu verweilen. So wurde dies auf einmal eine ganz besondere Stätte. Der Meister blieb hier für mehr als neun Monate. Aber eines Tages wurde er wieder von ein paar finsteren Gestalten vertrieben, und der Meister floh in die gegenüberliegenden Berge. Die Verfolger legten Feuer; Buschwerk und Bäume wurden verbrannt. Der Meister versteckte sich indem er sich zwischen Felsen hindurchzwängte, und so entkam er. Ein Felsbrocken in dieser Gegend hat den Abdruck seiner Knie und des Zeichens seiner Robe und so wird er ‚Stein der Zuflucht‘ genannt.

              Der Meister erinnerte sich an die Ratschläge des Fünften Patriarchen und so ging er davon und versteckte sich nacheinander in zwei Dörfern.

              Der Mönch Hōkai, aus Kyōkukō in der Zō Präfektur, kam zum ersten Mal zum Patriarchen und bat um Führung auf dem Weg: „‘Grad Geist, grad Buddha’, wollt Ihr mich bitte darüber belehren?” Der Meister sagte: „Wenn der vorhergehende Bewusstseins-Moment sich nicht einmischt, das ist einfach Geist. Wenn der folgende Bewusstseins-Moment nicht vergeht, das ist einfach Buddha. Was alle Formen (Phänomene) zustandebringt (erschafft), ist einfach Geist. Was von allen Formen (Phänomenen) trennt, ist einfach Buddha. Würde ich versuchen, das genauestens zu erklären, würden wir zu keinem Ende kommen, auch wenn wir zahllose Kalpas weitermachen würden. Hört meinem Vers zu. Er lautet:

              Grad Geist wird Weisheit genannt.
              Grad Buddha, das ist Samadhi.
              Sind Samadhi und Weisheit eins
              Gibt es im Herz-Geist Reinheit und Klarheit.
              Die Realisierung dieses Dharma-Tores hängt von deinen Gewohnheiten ab. Tätigkeit ist im Grunde ungeboren.
              Sich in beiden zu schulen, das ist richtig.

              Bei diesen Worten kam Hokai zu tiefer Erleuchtung und er drückte seine Lobpreisung durch den folgenden Vers aus:

              Grad Geist ist in sich grad Buddha.
              Wenn wir nicht Erleuchtung erleben, sind wir verloren. Ich begreife die Ursache von Samadhi und Weisheit.
              Sich in beiden schulend, trennen wir uns von allen Dingen.

              Der Mönch Hōtatsu aus der Ko Präfektur, der sein Elternhaus im Alter von sieben Jahren verlassen hatte (= ein Mönch geworden war), rezitierte immer das Lotus-Sutra. Als er kam und sich vor dem Patriarchen-Meister niederwarf, berührte sein Kopf nicht den Boden. Der Meister rügte ihn dafür mit den Worten: „Wenn du dich in Verehrung niederwirfst und dein Kopf dabei nicht den Boden berührt, so ist es besser, überhaupt keine Verehrung zu erweisen. Du hast bestimmt etwas in deinem Herz-Geist. Wie schulst du dich denn gewöhnlich?”

              (Mönch Hotatsu) sagte: „Ich rezitiere das Lotus-Sutra, und das schon 3000 Mal.”
              Der Meister sagte: „Wenn du es 10 000 Mal rezitiert hättest und auch den Gehalt erfasst hättest und dich dabei nicht überaus großartig fühlen würdest, dann könntest du den WEG mit mir zusammen gehen. Nun nimmst du deine Aufgabe in Angriff und du weißt nicht um all deine Fehler. Hör meinem Vers zu. Er lautet:

              Umgangsformen sind dazu da, das Banner der Arroganz zu brechen. Warum berührt dein Kopf nicht den Boden?
              Wo da ein Ego, kommen Sünden geradewegs hervor.
              Verdienste vergessend, werden Umgangsformen unvergleichlich sein.”

              Der Meister fragte den Mönch: „Wie heißt du?” Der Mönch sagte: „Hōtatsu.”
              Darauf der Meister: „Obwohl du Hotatsu (= Dharma-Erlangender) genannt wirst, hast du doch nicht das Dharma erlangt.“ Wieder drückte der Meister sich in einem Vers aus:

              Nun wirst du Hōtatsu genannt,
              der sich müht zu rezitieren, ohn Unterlass.
              Leeres Rezitieren folgt nur der Stimme.
              Einer, der den Herz-Geist klärt, wird Bodhisattva genannt. Da du jetzt eine karmische Bindung hast, will ich es dir vorlegen.
              Wenn du nur einfach glaubst, dass Buddha keine Worte hat, werden Lotusblumen aus deinem Mund erblühen.”

              Kaum hatte Hōtatsu diese Verse gehört, entschuldigte er sich voller Reue: ” Von nun an will ich demütig und respektvoll mit allen umgehen. Dein Schüler, auch wenn er das Lotus-Sutra rezitiert, hat noch nicht den Gehalt erfasst, und mein Herz-Geist hat immer noch Zweifel. Meister, ihr seid von tiefer und großer Weisheit; ich bitte euch mir das Sutra kurz zu erklären.”

              Der Meister sagte: „Du hast das Dharma oft berührt und bist doch nicht wirklich zum Begreifen des Herz-Geists gekommen. Das Sutra kennt von sich aus keinen Zweifel. Es ist dein eigener Geist, der Zweifel hat. Du rufst das Sutra an, aber was ist der essentielle Aspekt davon?

              Hotatsu sagte: „Dein Schüler ist von dunkler und stumpfsinniger Veranlagung. Bis jetzt habe ich es nur den Worten nach angerufen. Warum kann ich seines essentiellen Gehalts nicht gewahr werden?”
              Der Meister sagte: „Ich bin der Schriftzeichen nicht kundig. Versuch mir den Text einmal vorzulesen, dann will ich ihn für dich erläutern.”

              Daraufhin rezitierte Hotatsu laut das Sutra, und als er zu dem Absatz mit den Parabeln kam, sagte der Meister: „Halt – Dieses Sutra macht es zur Grundwahrheit, dass der Buddha durch karmische Verursachung erschienen ist. Auch wenn es viele Arten von Parabeln gibt, die erläutert werden, sie alle können nicht hierüber hinausgehen. Was ist diese karmische Verursachung? Im Sutra steht geschrieben: ‘Alle Buddhas, die Weltverehrten, erschienen durch grad eine allerwichtigste Verursachung‘. Diese ist des Buddhas Weisheit. Wenn die Menschen dieser Welt verblendet sind, haften sie äußerlich an Formen; wenn sie innerlich verblendet sind, haften sie an Leere. Wenn einer, obgleich mit den Phänomenen lebend, doch von diesen loslassen kann, dann gibt es innen und außen keine Verblendung. Wenn man dieses Dharma wirklich erfasst, wird sich der Herz-Geist in einem Flackern des Bewusstseins öffnen. Das ist das Offenbaren der Weisheit des Buddhas. Begreifend, dass Buddha nichts anderes als Erleuchtung ist, wird es als das Öffnen der vier Tore klassifiziert:

              • 1)  Öffnen des Erwachens von Weisheit,
              • 2)  Zeigen des Erwachens von Weisheit,
              • 3)  Realisieren des Erwachens von Weisheit,
              • 4)  Eintreten in das Erwachen von Weisheit.

              Wenn wir beim Hören des Öffnens und des Zeigens zu einer echten Grunderfahrung kommen und eintreten, dann ist das vom Innersten her das Wahre-Wesen selber, das sich außerdem selber manifestieren kann. Sei vorsichtig und verstehe das Sutra nicht fehlerhaft. Schau, was die anderen sagen: ‚Allein Öffnen und Zeigen, Gewahrwerden und Eintreten, das ist die Weisheit des Buddhas; wir sind nicht befàhigt, daran teilzuhaben.’ Wenn du das so verstehst, diffamierst du das Sutra und verleumdest den Buddha. Er ist schon ein Buddha und benutzt schon seine Weisheit. Wofür soll es gut sein, darüberhinaus wieder zu öffnen? Nun setze wirklich deinen Glauben darein, dass die Weisheit des Buddhas grad dein eigener Geist ist; es gibt keinen anderen als diesen Buddha.

              Der Welt-Verehrte sah, dass alle Geschöpfe ihr klares Licht verdecken, indem sie nach den Staub-Dingen um sie herum gieren und sich an die äußere Welt klammern, die sie leicht bekommen während sie in einem Zustand innerer Unruhe und Verwirrung den Objekten wie verrückt hinterherrennen. Da erbarmte sich der Welt-Verehrte und nahm es auf sich, sich aus seinem Samadhi zu erheben und sie mit verschiedenen ernsten Worten zu ermahnen, um sie dazu zu bringen, in die Stille einzukehren. Sucht nicht außerhalb; Buddha und ihr seid nicht zwei!

              Daher wird gesagt: Öffne die Weisheit des Buddha. Ich lege es wirklich allen Menschen sehr nahe. Wo einer innen im eigenen Herz-Geist ruht, offenbart sich Buddhas Weisheit immer.

              Menschen weltlicher Gesinnung sind entstellten Geistes, unwissend und verblendet begehen sie Sünden. Mit dem Munde geben sie erhabene Gedanken preis, ihr Herz- Geist ist gierig, hasserfüllt, neidisch, eifersüchtig, schmeichlerisch, egoistisch, aggressiv gegen andere und achtlos Dinge beschädigend. Auf diese Weise öffnen sie selbst die Weisheit der Geschöpfe weltlicher Gesinnung. Wenn man seinen Herz- Geist in seiner ursprünglichen Reinheit hält, dann erweckt man immer Weisheit und wenn man sich in den eigenen Herz-Geist versenkt, Gutes und Böses anhält, dann öffnet sich Buddhas Weisheit von selbst. Auf jeden Fall sollt ihr Moment für Moment von Bewusstsein die Weisheit Buddhas öffnen und nicht die Weisheit der Menschen weltlicher Gesinnung. Wenn ihr die Weisheit des Buddha öffnet, dann kommt das dem Transzendieren der gewöhnlichen Welt gleich. Wenn ihr die Weisheit der Geschöpfe weltlicher Gesinnung öffnet, dann seid ihr in der gewöhnlichen Welt.

              Wenn ihr nur mit großem Einsatz an den Worten haftet und das als Errungenschaft anseht, wo wäre da der Unterschied zu einem Grunzochsen, der seinen Schwanz liebt?”

              Hotatsu sagte: „Wenn das so ist, dann brauche ich mir also gar nicht die Mühe machen, das Sutra zu rezitieren, wenn ich nur seinen eigentlichen Gehalt erfasst habe?”
              Der Meister sagte: „Das Sutra ist ohne Fehl; warum würde es dich daran hindern es zu rezitieren? Es ist nur so, dass es verblendete oder erleuchtete Menschen gibt, und Gewinn oder Verlust hängen von ihnen ab. Wenn du mit dem Mund rezitierst und dich in deinem Herz-Geist schulst, drehst du das Sutra herum, d.h. dann benutzt du das Sutra in Freiheit. Wenn der Mund rezitiert und der Herz-Geist sich nicht schult – das heißt vom Sutra herumgeworfen zu werden. Höre meinen Vers; er lautet:

              Wenn der Geist verblendet ist, bedeutet das vom Lotus-Dharma herumgedreht zu werden.
              Wenn der Geist erleuchtet ist, dreht er das Lotus-Dharma selber herum.
              Das Sutra lange ohne Klarheit rezitierend, werden wir
              zu Feinden dessen, was wirklich ist.
              Bewusstsein von Nicht-Bewusstsein, das ist richtig.
              Bewusstsein von Bewusstsein-Haben ist falsch.
              Sich um beides nicht zu kümmern, Haben oder nicht-Haben, ist für immer Reiten
              im Weißen-Ochsen-Karren.

              Als Hotatsu diese Verse gehört hatte, wurde er traurig und konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Da erlebte er durch die Worte des Meisters tiefe Erleuchtung und sagte zum Meister: „Seit jeher hat Hotatsu das Lotus-Dharma nicht herumgedreht, wurde jedoch von ihm herumgedreht.“

              Sich wiederum verbeugend sagte er:
              “Im Sutra steht geschrieben: ‘Selbst wenn die verschiedenen Großen Ohren (=Zuhörer) bis hin zu den Bodhisattvas alle ihr Denken einsetzen würden und sich mit all ihrem Abwägen zusammentun würden, könnten sie die Weisheit des Buddha doch nicht ausloten.’ Nun, einen gewöhnlichen Menschen dazuzubringen grad’ seinen Herz-Geist zu realisieren, das wird die Weisheit des Buddha genannt. Wenn man nicht von hervorragenden Wurzeln (= Fähigkeiten) ist, kann man Zweifel und Missbrauch nicht entgehen. Im Sutra werden drei Karren erklärt: Ziegen- Hirsch- und Ochsen-Karren; wie unterscheiden sich diese untereinander und im Verhältnis zum Weißen-Ochsen-Karren? Ich frage Euch, Meister, wollt Ihr mir das bitte wieder auslegen?”

              Der Meister sagte: „Der eigentliche Gehalt des Sutras ist klar; du selber befindest dich in Verblendung. Die verschiedenen Leute der drei Karren können die Weisheit des Buddha nicht ausloten. Der Kernproblem ist, dass da eine Form des Messens ist, und selbst obwohl sie ihr Denken erschöpfen und alle miteinander Schlussfolgerungen ziehen, werden sie sich doch immer weiter vom Ergründen entfernen. Tatsächlich erläutert der Buddha für Menschen weltlicher Gesinnung, er erläutert nicht für Buddhas. Wenn Leute dieses Prinzip nicht anerkennen, sollten sie den Sitz für andere freimachen. Im Besonderen wissen sie nicht, dass sie den Weißen-Ochsen-Karren reiten und darüber hinaus suchen sie außerhalb nach dem Tor der drei Karren.

              Weiterhin teilen euch die Worte des Sutra klar mit: Es gibt nur ein Buddha-Fahrzeug, nicht viele, weder zwei noch drei. Zahllose Behelfsmittel und viele Arten von karmischen Ursachen, Parabeln, Worte und Begriffe sind dieses Dharma, und das alles um der Klärung dieses einen Buddha-Fahrzeugs willen. Warum wird euch nicht klar, dass diese drei Karren ein Notbehelf für die Leute aus alten Zeiten sind und dass das eine Fahrzeug das einzig Wirkliche ist? Ich rede so, auf dass die Menschen der Gegenwart zur Wahren Einsicht kommen. Es (=das Sutra) will euch nur dazu bringen, das Behelfsmäßige hinter euch zu lassen und zum Wirklichen zurückzukehren. Nach der Rückkehr zum Wirklichen hat das Wirkliche auch keinen Namen mehr. Ihr müsst wirklich wissen, dass all die seltenen Schätze, von denen ihr besessen seid, euch gehören und dass ihr sie frei benutzt. Ihr habt keinen Gedanken an den Vater, noch habt ihr irgendeinen Gedanken an das Kind, und ihr seid auch ohne einen Gedanken an ‘Benutzen’: Das wird das Lotus-Sutra-Halten genannt. Von Kalpa zu Kalpa haltet ihr die Schriftrolle (= das Sutra) in eurer Hand. Werft sie nicht weg; und Tag und Nacht gibt es keine Zeit, da ihr es nicht anruft.”

              Nachdem Hotatsu diese Erleuchtung erlebt hatte, war er voll Freude und Entzücken und sagte, indem er mit einem Vers die Unterweisung lobpries:

              “Rezitierte das Sutra dreitausend Mal,
              (Aber) vergaß es durch einen Satz von Sōkei.
              Da ich mir bis jetzt nicht klar war über den Sinn des Verlassens der Welt, konnte ich die wiederholten verrückten Leben nicht beenden.
              (Karren von) Ziege, Hirsch, Ochsen behelfsmäßig geschaffen
              geben gut den Anfang, die Mitte und das Ende.
              Wer weiß, dass der eine im brennenden Haus
              im Grunde der König im Dharma ist?”

              Der Meister sagte: „Von nun an sollst du Sutra-Anrufender-Mönch genannt werden.”

              Von da an, nachdem er zum Begreifen des eigentlichen tiefen Gehalts gekommen war, hörte Hotatsu nicht auf das Sutra zu rezitieren.

              __________
              Ein Mönch mit Namen Chi Tsu aus Anbō in der Jū Präfektur, las zuerst das Ryōga- Sutra, und obwohl er es mehr als tausend Mal gelesen hatte, verstand er doch nicht den Dreifachen-Leib (Trikaya) und die vier Weisheiten.
              Er warf sich vor dem Meister nieder und bat um eine Darlegung des eigentlichen Sinns. Der Meister sagte: „In bezug auf den Dreifachen Leib (Trikaya): Der reine und klare Dharmakaya ist dein Wesen; der vollkommene Sambhogakaya ist deine Weisheit; die hunderttausend Milliarden von Nirmanakaya sind deine Tätigkeiten. Wenn wir den Dreifachen-Leib (Trikaya) geschieden vom Wahren-Wesen darlegen, dann heißt das: da ist ein Körper ohne Weisheit. Wenn du realisierst, dass der Dreifache-Leib (Trikaya) kein Selbst-Wesen hat, wird das Bodhi der vier Weisheiten dir klar sein. Höre meinem Vers zu. Er lautet:

              ‚Das Selbst-Wesen ist mit dem Dreifachen-Leib (Trikaya) ausgestattet. Wenn das klar wird, werden die vier Weisheiten erlangt werden.
              Nicht getrennt von der Beziehung von Sehen und Hören,
              Die Welt transzendierend steigst du in die Buddha-Sphäre empor.
              Nun lege ich’s dir vor: halte für immer den klaren Glauben aufrecht und hab keine Verblendungen.
              Sucher der Wahrheit sollen nicht Studien betreiben, um das Bodhi den ganzen Tag zu erläutern.‘”

              Chi Tsu verbeugte sich wieder und fragte: „Dürfte ich etwas über die Bedeutung der vier Weisheiten erfahren?”
              Der Meister sagte: „Wenn du schon den Dreifachen-Leib (Trikaya) verstanden hast, sollten die vier Weisheiten auch klar sein; warum fragst du wieder? Wenn du von den vier Weisheiten als getrennt von dem Dreifachen-Leib (Trikaya) sprichst, dann heißt das: Da ist Weisheit ohne einen Leib. Dann kehren diese Weisheiten sich hingegen um und werden Nicht-Weisheiten.”

              Wieder drückte er er sich mit einem Vers aus:
              “Das Wesen der großen, runden Spiegel-Weisheit ist rein und blank.
              Kraft der Natur der Gleichheit-Weisheit ist der Herz-Geist ohne Krankheit. Kraft der Weisheit der geheimnisvollen klaren Versenkung gibt es kein Verdienst des Sehens.
              Die Weisheit der Vollendung entspricht dem runden Spiegel.

              Obwohl die 5ten, 8ten, 6ten und 7ten Wirkungen sich in Ursachen verwandeln, ist das doch nur das Benutzen von Namen und Wörtern, nicht das Wahre-Wesen, wenn der Herz-Geist, am Wendepunkt angelangt und dort nicht stehenbleibt, wird das Aufgehen überreichlich für immer weitergehen, wie des Drachens Versenkung.”

              Chi Tsu kam augenblicklich zum Begreifen des Wesens der Weisheiten und dann drückte er sich mit einem Vers aus:

              “Der Dreifache Leib (Trikaya) ist im Grunde mein Leib.
              Klar, die vier Weisheiten sind mein innewohnender Herz-Geist. Leib und Weisheit verschmelzen in eins, ohne Hindernis.
              In bezug auf alles, was da ist: Lass es frei Formen folgen. Übungen nachgehen, all das ist verblendete Bewegung. Stehenbleiben ist nicht die wahre Wirklichkeit.
              Gemäß der Unterweisung des Meisters
              hat die geheimnisvolle Tatsache schließlich ihren Namen der Unreinheit verloren.
              __________

              Ein Mönch mit Namen Chi Jō aus Kikei in der Shin Provinz, der sein Zuhause in seiner Kindheit verlassen hatte (Mönch geworden war), und der entschlossen war, nach seinem Selbst-Wesen zu suchen, kam eines Tages um seine Verehrung darzubringen.

              Der Meister fragte: „Woher kommst du und wonach suchst du?”
              (Chi Jo) sagte: „Neulich weilte dieser Schüler (=ich) im Byakuho-zan (Kloster) in der Ko Provinz und suchte Meister Daitsu auf ihm Verehrung darzubringen, aber obwohl ich Anleitung darüber erhielt, wie ich Buddha werden könnte, indem ich das Selbst- Wesen schaue, habe ich immer noch nicht meinen zögernden Zweifel aufgelöst. Ich bin von fern gekommen mich in Verehrung niederzuwerfen und hoffe demütigst, dass der Meister mich in seinem Mitgefühl gütig unterweisen möge.”

              Der Meister sagte: „Welche Worte hat jener Meister zu dir gesprochen? Versuche sie mir vorzulegen, so dass ich sehen kann.”
              (Chi Jo) sagte: „Nachdem Chi Jo (ich) bei ihm angekommen war und bereits drei Monate vergangen waren, hatte ich doch noch keinerlei Unterweisung erhalten. Weil ich diesen brennenden Wunsch nach dem Djarma hatte, betrat ich eines Abends allein des Meisters Quartier und fragte: ‚Was ist mein ursprünglicher Herz-Geist, mein eigentliches Wesen?’ Daraufhin sagte Daitsu:’ Siehst du leere Weite oder nicht?’

              Ich antwortete: ‚Ja, ich sehe sie.’
              Jener Meister sagte: ‚Wenn du leere Weite siehst, hat sie irgendeine Gestalt oder nicht?’
              Ich antwortete: ‚Leere Weite ist ohne Form. Welche Gestalt kann sie haben?’
              Jener Meister sagte: ‚Dein eigentliches Wesen ist grad wie Leere-Weite. Letztendlich kann nicht ein Ding gesehen werden; das wird ‘wahre Sicht’ genannt. Nicht ein Ding kann gewusst werden; das wird ‘wahres Wissen’ genannt. Da gibt es kein Blau oder Gelb, kein Lang oder Kurz, nur Wahrnehmen: Die Urgrund-Quelle ist rein und klar, die Substanz des Erwachens ist vollkommen und klar – das wird ‚Buddha werden durch das Erfahren des Selbst-Wesens“ genannt, oder es wird auch die Weisheit des Schauens von Nyorai (= der Tathāgata) genannt.’
              Obwohl der Schüler (ich) die Unterweisung hört, kann ich es doch noch nicht begreifen. Bitte, Meister, offenbare es mir in seiner Güte.”

              Der Meister sprach: „Die Sicht jenes Meisters geht noch nicht über das intellektuelle Sehen hinaus. Daher sind die Dinge noch nicht für dich geklärt worden. Mit einem Vers leg ich es dir vor:

              Wenn du nicht ein Ding siehst, bleibt da das Bewusstsein von Nicht-Sehen,
              ganz genau so wie treibende Wolken das Gesicht der Erde verdecken.
              Wenn du nicht um ein Ding weißt, ist das das Bewahren von Wissen
              von der Leere, wie der weite, leere Himmel, der einen Blitz entstehen lässt.
              Diese intellektuelle Sicht, die sofort aufkommt, ist eine fehlerhafte Erkennnis.
              Wie kann es ihm aufgehen, dass dies ein Notbehelf ist?
              Wenn du allein erkennst, dass ein Bewusstseins-Moment ein Fehler ist, solltest du immer dein eigenes geheimnisvolles Licht manifestieren. “

              Als Chi Jo diesen Vers gehört hatte, öffnete sich sein Herz-Geist weit. Dann sagte er mit einem eigenen Vers:

              “Wenn da zufällig intellektuelles Sehen aufkommt
              bedeutet das Haften an Formen bei der Suche nach Bodhi.
              Tatsächlich, wenn da ein Moment von Bewusstsein von Satori bleibt, wird die Verblendung der Vergangenheit bis jetzt nicht transzendiert.
              Wenn wir dem intellektuellen Schein folgen,
              fließt die Quellen-Substanz der Selbst-Wesensschau gegen ihre Natur.
              Hätte ich den Raum des Patriarchen nicht betreten,
              wäre ich verwirrten Herzens zwei Wege (auf einmal) gegangen.”

              Eines Tages fragte Chi Jō den Meister:
              „Der Buddha hat drei Fahrzeuge des Dharma dargelegt und er sprach auch von dem Höchsten Fahrzeug. Der Schüler (ich) versteht immer noch nicht. So bitte ich dich um Unterweisung.”

              Der Meister sprach:” Schau in deinen innewohnenden Herz-Geist und klammere dich nicht an Formen des Dharmas. Es gibt keine vier Fahrzeuge des Dharmas. Die menschlichen Herz-Geister sind aus sich allein heraus verschiedenen Grades. Sehen, Hören und Rezitieren – diese gehören zum Kleinen Fahrzeug. Das Dharma- Innewerden und Begreifen des tiefen Sinns – das gehört zum Mittleren Fahrzeug. Im täglichen Leben das Dharma praktizieren – das gehört zum Großen Fahrzeug. All die zehntausend Dharma kennen, all die zehntausend Dharmas die in der Persönlichkeit verkörpert sind, von nichts verunreinigt, getrennt von allen Formen des Dharmas; nichts, was je erlangt werden könnte – das wird das Höchste-Fahrzeug genannt.

              Ein Fahrzeug ist ein Mittel zur Übung und nicht für mündliche Erörterung bestimmt. Unter allen Umständen musst du selbst allein üben; – frag mich nicht. Zu allen Zeiten ist das Selbst-Wesen grad’ so wie es ist.”
              Chi Jō warf sich zu Boden und diente dem Meister ein Leben lang.

              __________
              Der Mönch Shi Do aus Nan Kai in der Kō Provinz, bat um Führung und sagte:
              “Nachdem der Schüler (ich) sein Heim verlassen hatte und Mönch geworden war, habe ich für mehr als zehn Jahre das Nirvana-Sutra gelesen, aber der wesentliche, tiefe Gehalt ist mir noch nicht klar. Ich bitte den Meister, dass er mich unterweisen möge.“

              Der Meister sagte: „Welche Abschnitte sind dir noch nicht klar?”
              (Shi Do) sagte: „Alle irdischen Dinge sind im Fluss und nicht von Dauer; dies ist der Dharma von Leben und Tod. Wenn Leben und Tod ausgelöscht sind, erfreuen wir uns des Nirvana, so sagt man. Es ist dieser Punkt, über den ich im Zweifel bin.”
              Der Meister sagte:” Worin besteht dein Zweifel hier?”
              (Shi Dō) sagte: „Alle Geschöpfe haben zwei Leiber, nämlich den körperlichen Leib und den Dharma-Leib. Der körperliche Leib ist nicht von Dauer, hier gibt es Leben und Tod. Der Dharma-Leib ist von Dauer, er ist ohne Wissen und Gewahrwerden. Im Sutra steht geschrieben:’ Wenn Leben und Tod ausgelöscht sind, erfreuen wir uns des Nirvana’, so heißt es. Ich frage mich, welcher Leib ausgelöscht wird und welcher Leib in Glückseligkeit eingeht. Sagt man, es sei der körperliche Leib, (so könnte man zu folgender Auffassung kommen): Zur Zeit seines Auslöschens verstreuen sich die vier Elemente in alle Richtungen und das ist tiefer Schmerz, und Schmerz kann nicht Glückseligkeit genannt werden. Sagt man, der Dharma-Leib werde ausgelöscht, dann sind wir dasselbe wie Gras, Bäume, Backsteine und andere Steine. Wer würde dann in Glückseligkeit eingehen?”
              Überdies: Das Dharma-Wesen ist die Substanz von Leben und Auslöschung (Enstehen und Vergehen); die fünf Aggregate sind die Aktivität von Leben und Verlöschen (Entstehen und Vergehen) Eine Substanz und fünf Aktivitäten, die immer erscheinen und verschwinden. Wird geboren, keimen aus der Substanz Tätigkeiten. Wird ausgelöscht, werden die Funktionen zurückgenommen und an die Substanz zurückgegeben. Wenn Wiedergeburt zugelassen wird, dann werden alle Geschöpfe weder abgeschnitten noch ausgelöscht. Wenn Wiedergeburt nicht zugelassen wird, dann kehrten alle auf ewig zur Vernichtung zurück wie bei leblosen Dingen. Wenn es so wäre, würden alle Dinge darunter leiden, vom Nirvana unterdrückt zu werden und sie könnten nicht geboren werden. Wo könnte da dann Freude (Glück) sein?”

              Der Meister sprach: „Du bist Buddhas Kind. Warum machst du dir die falsche Sicht bezüglich Auslöschung und Permanenz von Leuten, die sich nicht auskennen (= nicht-Buddhisten), zu eigen und diskutierst den Dharma des Höchsten Fahrzeugs? Deiner Meinung nach gibt es einen Dharma-Leib außerhalb und getrennt vom körperlichen Leib und du suchst Nirvana indem du dich von Leben und Auslöschung trennst. Weiter nimmst du von der anhaltenden Freude am Nirvana an, dass es einen empfangenden und benutzenden lebenden Körper gibt. Das ist Haften an Leben und Tod und Sichklammern an weltliche Freuden.

              Du sollst jetzt wirklich wissen: „Der Buddha erbarmte sich all der verblendeten Menschen, die die harmonische Einheit der fünf Aggregate für die Form ihrer eigenen Körper halten und alle Dharmas unterscheiden, indem sie sie für die Formen von äußeren Staub-Objekten halten, sowie all jener, die das Leben lieben und den Tod hassen, mit für Moment für Moment wechselnden Gedanken daherdriften, nicht wissend, dass jene Träume, Phantome und leere Realität sind, die es wagen, den Kreislauf des Lebens zu akzeptieren, die die immerwährende Freude am Nirvana verkehrterweise für Schmerz halten und die den ganzen Tag lang dem Glück nachlaufen – all dieser erbarmte sich der Buddha und zeigte ihnen das wahre Glück des Nirvana.

              Es gibt keinen Augenblick von irgendeiner Form von Leben, noch einen Augenblick von irgendeiner Form von Auslöschung; und da gibt es weder Leben noch Auslöschung, die ausgelöscht werden sollte. Das ist dann die Manifestation des Nirvana. Wenn Nirvana sich manifestiert, gibt es keine bestimmte Menge seiner Manifestation; das nämlich ist unaufhörliche Freude (Glück). Da ist niemand, der diese Freude (Glück) empfängt und niemand, der sie nicht empfängt. Wie könnte es da Begriffe wie ‘Leib’ oder ‘fünf Funktionen’ geben?

              Schon gar nicht solltest du von einem Nirvana sprechen, das all das Dharma unterdrückte, so dass es für immer kein Leben gäbe. Das ist Verleumdung des Buddhas und Diffamierung des Dharmas.
              Höre meinen Versen gut zu; sie lauten:

              Das allerhöchste, erhabene Nirvana (Mahanirvana)
              ist vollkommen und immer still und all-durchstrahlend.
              Der Unwissenden nennen es Tod.
              Die Außenstehenden (nicht-Buddhisten) halten es für Zunichtemachen.
              Einige, die das zweite Fahrzeug (Hinayana) suchen,
              nennen es Tätigkeitslosigkeit.
              All diese Sichtweisen gehören zur Welt der Gefühle
              und sind die Basis der zweiundsechzig Sichtweisen.
              Willkürlich werfen sie Namen von leerer Unwirklichkeit auf,
              aber was ist die eigentliche, wirkliche Tatsache?
              Es gibt nur wenige Leute,
              die den gewöhnlichen, allgemeinen Menschenverstand transzendieren, durch alles hindurchgehend, ohne Annehmen und Zurückweisen.
              Wenn wir die Phänomene der fünf Aggregate
              und das Ego-Ich inmitten dieser Aggregate (phänomenale Dinge) kennen
              und uns außerdem Farbe und Form aller Wesenheiten und
              jeder gehörte Laut gleichermaßen ein Traum, ein Phantom ist,
              dann gibt es da kein Aufkommen von ‘gewöhnlich’ oder ‘heilig’, kein Gewahrwerden von Nirvana.
              Alle Dualismen abschneidend,
              immer dem Gebrauch aller Wurzeln (Sinne) entsprechend,
              kommt doch kein Gedanke an Benutzen auf.
              Alle Phänomene unterscheidend,
              dabei keinen Gedanken an Unterscheidung aufkommen lassend.
              Selbst wenn das Aeonen-Feuer (karmisches Feuer) den Meeresgrund verbrennt, und der Wind auf die Berge trommelt, auf dass sie miteinander widerhallen,
              ist das die Freude wahrer Ruhe.
              Und der Zustand des Nirvana ist genau so.
              Notgedrungen wage ich nun es für euch zu erklären,
              auf dass ihr eure falschen Sichtweisen wegwerft.
              Versteht es nicht, indem ihr den Worten nachgeht,
              dann wird zugestanden werden, dass ihr ein kleines bisschen wisst.”

              Nachdem Shi Dō diese Verse gehört hatte, erlebte er tiefe Erleuchtung. Vor Freude tanzend warf er sich in Verehrung nieder und ging dann davon.

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              Zen-Meister Seigenji enstammte der Ritsu Familie in Anjō in der Kitsu Provinz. Als er hörte, dass Sōkeis Dharma des Bekehrens von Menschen großen Erfolg hatte, ging er sofort dorthin und warf sich vor dem Meister nieder. Dann fragte er: „Welche Art von Tun fällt nicht in Klassen (Grade) ?”
              Der Meister sagte: „Was hast du denn bis jetzt so getan?” (Gyō Shi) sagte: „Ich habe noch nicht einmal nach der Heiligen Wahrheit gesucht.” Der Meister sagte: „In welche Klassen (Grade) kannst du dann fallen?” (Gyō Shi) sagte: „Wenn ich noch nicht einmal nach der Heiligen Wahrheit gesucht habe, welche Klassen (Grade) kann es da geben?”

              Der Meister war tief überzeugt und hielt ihn für einen Mann (Werkzeug) von hoher Fähigkeit und ernannte ihn zum Oberhaupt der Versammlung.
              Eines Tages sagte der Meister: „Du solltest an einem anderen Ort die Menschen führen und dafür sorgen, dass das Dharma nicht ausgelöscht werde.”

              Nachdem (Gyō) Shi das Dharma empfangen hatte, kehrte er zum Berg Seigen in der Kitsu Provinz zurück, verbreitete das Dharma und fuhr fort die Menschen zu bekehren.

              (Er erhielt vom Kaiser den posthumen Namen Kōsai Zenji.)

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              Zen-Meister  Ejō war das Kind aus der Familie To in der Kin Provinz. Zuerst besuchte er den Landes-Meister An aus Sozan. An drängte ihn nach Sōkei abzureisen, um dort Unterweisung zu erhalten.
              Bei der Ankunft in Sōkei warf er sich nieder. Der Meister sagte: „Woher kommst du?“ Ejō sagte: „Aus Suzan.”

              Der Meister sagte: „Was ist es, das gekommmen ist?”
              (Ejō) sagte: „Würde ich etwas darbieten und sagen, es ist das, dann würde es nicht passen.”
              Der Meister sagte: „Dennoch ist es notwendig sich zu schulen und zu begreifen, oder nicht?”
              (Ejo) sagte:” Schulung und Begreifen werden nicht vernichtet; aber wenn verunreinigt, kann man es nicht erfassen.”
              Der Meister sagte: „Dieses ‘nicht verunreinigt’ allein ist das, was alle Buddhas in ihrem Geist behütet haben. Du bist genau so; auch ich bin so. Der indische Hannyatara hat über dich prophezeit: Du wirst unter deinen Füssen ein Füllen hervorholen, das die Menschen unter dem Himmel zu Tode trampeln wird. Wirklich, das muss in deinem Herz-Geist sein; aber rede nicht zu bald davon.” Ejo kam zu tiefer, umfassender Einsicht. Danach diente er fünfzehn Jahre lang dem Meister rechts und links (wurde er die rechte Hand des Meisters). Tag für Tag kehrte er in die profunde Tiefe ein.

              Hiernach ging er nach Nangaku und sorgte dafür, dass die Zen-Schule sich sehr weit ausbreitete.

              (Auf den Befehl des Kaisers hin, erhielt er den posthumen Namen Daii Zenji.)

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              Gen Kaku Zenji von Yōka war das Kind der Tai Linie in der On Provinz. In jungen Jahren studierte er Sutras und Kommentare und kannte sich gut im Dharma-Tor von ‘Shiku an’ (= Zazen) der Tendai Schule aus.
              Als er das Yuima-Sutra gelesen hatte, entdeckte er die Essenz des Herz-Geistes.

              Einst suchte ihn Gen Saku, ein Schüler des Meisters auf, und sie hatten ein intensives Gespräch. Die geäußerten Worte waren ohne jede Absicht in Übereinstimmung mit allen Patriarchen.
              (Gen) Saku sagte: „Ehrenwerter, von welchem Meister habt Ihr das Dharma erhalten?”

              (Gen) Kaku sagte: „Ich habe das Hōtō-Sutra und Kommentare gehört, und auch verschiedene Meister, die darüber gesprochen haben. Als mir später das Yuima-Sutra in die Hände fiel, schaute ich den Buddha-Geist innig nah. Aber bis heute gibt es keinen, der es bestätigen könnte.”

              (Gen) Saku sagte: „Bevor der König des Mächtigen Klanges (= Buddha) erschien, bekam man das nicht. Nachdem der König des Mächtigen Klanges nun erschienen ist, sind all jene, die zum Selbst-Gewahrwerden kommen ohne einen Meister, der das bestätigt, einheimische Außenstehende (= nicht-Buddhisten).”

              (Gen) Kaku sagte: „Ehrenwerter, bitte, um meinetwillen, bestätigt es.”
              (Gen) Saku sagte: „Meine Worte haben nicht genug Gewicht. In Sōkei hält sich der Sechste Patriarch auf. Aus den vier Richtungen kommen die Menschen in Scharen, sich dort zu versammeln und auch die Empfänger des Dharmas zu werden. Wenn du dorthin gehen willst, dann lass uns zusammengehen.”

              Daraufhin ging (Gen) Kaku mit (Gen) Saku seine Verehrung erweisen. Er ging drei Mal um den Meister herum, fuchtelte mit seinem Meisterstab und stand da.
              Der Meister sagte: „Ein Priester ist mit 3000 würdevollen Anstandsregeln vertraut, sowie mit 80 000 feinen Umgangsformen. Großer Tugendhafter, woher kommst du, dass du den Hochmut des Egos hervorbringst?

              (Gen) Kaku sagte: „Leben und Tod sind bedeutsam. Vergänglichkeit ist schnell.”  Der Meister sagte: „Warum erfasst du nicht den Ungeborenen und nimmst klar den Nicht-Schnellen wahr?”
              (Gen Kaku) sagte: „Der Leib ist ungeboren; Realisation ist in Wirklichkeit nicht schnell.”
              Der Meister sagte: „Grad’ so! Grad’ so!”

              Gen Kaku brachte in zeremonieller Weise seine Verehrung dar und verabschiedete sich sofort.
              Der Meister sagte: „Du kehrst schnell zurück.”

              (Gen Kaku) sagte: „In Wirklichkeit ist da keine Bewegung. Wie kann es da Schnelligkeit geben?”
              Der Meister sagte: „Wer ist es, der weiß, dass da keine Bewegung ist?”
              (Gen Kaku) sagte: „Der Weltverehrte selbst lässt Unterscheidung aufkommen.”

              Der Meister sagte: „Du hast den tiefen Gehalt des Ungeborenen wirklich sehr gut begriffen.”
              (Gen Kaku) sagte: „Wie kann der Ungeborene irgendeinen Sinn haben?”
              Der Meister sagte: „Wenn da kein Sinn ist, wer kann unterscheiden?”

              (Gen Kaku) sagte: „Unterscheidung hat auch keinen Sinn.”
              Der Meister sagte: „Sehr gut! Sehr gut! Bleib für eine Weile, nur für eine Nacht.”

              Zu jener Zeit nannten die Leute ihn den “In-einer-Nacht-Erleuchteten.”
              Später brachte er ‚Shodoka‘ (= Gesang der Erleuchtung) heraus, das in alle Welt ging.

              Nach seinem Tod wurde er vom Kaiser Musō ‘Daishi’ genannt und Zeitgenossen nannten ihn ‘Shinkaku’ (= der Wahrhaft-Erleuchtete, -Verwirklichte).

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              Der Zenschüler Chi Kō war zuerst zum Fünften Patriarchen gegangen und hatte um Führung gebeten, und er dachte, dass er selber schon die richtige Sicht erlangt hätte. Für lange Zeit saß er in einer kleinen Einsiedelei, und das zog sich über zwanzig Jahre hin.

              Als Gen Saku, ein Schüler des Meisters, mal herumwanderte, erreichte er die Nordseite des Flusses. Er hörte von (Chi) Kō, und so ging er zu der Einsiedelei und fragte: „Was machst du hier?”
              (Chi) Kō sagte: „Ich bin in Samadhi.”

              (Gen) Saku sagte: „Du sagst, du seist in Samadhi. Bist du darin mit Herz-Geist oder mit Nicht-Herz-Geist? Wenn du mit Nicht-Herz-Geist darin bist, sollten alle nichtfühlenden Wesen wie Gras, Bäume, Fliesen und Steine auch in Samadhi sein.

              Wenn du darin mit Herz-Geist bist, sollten alle fühlenden Wesen, die Bewusstsein haben, auch Samadhi erlangen.”
              (Chi) Kō sagte: „Bin ich wirklich in Samadhi, nehme ich nicht wahr, ob mit oder ohne Herz-Geist.”

              (Gen) Saku sagte: „Wenn du nicht wahrnimmst, ob nun mit oder ohne Herz-Geist – das ist ewiges Samadhi.Wie kann es da irgendein Heraustreten oder Eintreten geben?” (Chi) Kō hatte keine Antwort.
              Nach einer Weile fragte er: „Wessen Meisters Dharma folgst du?”

              (Gen) Saku sagte: „Mein Meister ist der Sechste Patriarch von Sōkei.”
              (Chi) Kō sagte: „Was ist das Zen-Samadhi dem Sechsten Patriarchen nach?”
              (Gen) Saku sagte: „Dies ist die Sicht meines Meisters: In subtiler Nicht-Form, vollkommener Ruhe, sind die Tätigkeiten des Leibes grad das, grad das. Die fünf Aggregate sind an sich leer. Die sechs Arten von Staub (= sechs Sinne) sind Nicht- Sein. Kein Heraustreten, kein Eintreten, kein Samadhi, keine Verwirrung. Das Zen-Wesen ist nicht verweilend. Getrennt von einer Wohnstätte ist es Zen-Gelassenheit. Das Zen-Wesen ist Nicht-Leben. Getrennt vom Leben ist es Zen-Denken.
              Der Herz-Geist ist wie leere Weite und auch ohne jede Eigenschaft von leerer Weite.”

              Als (Chi) Kō diese Worte gehört hatte, suchte er sofort den Meister auf.
              Der Meister fragte: „Ehrenwerter, woher kommst du?”
              (Chi) Kō erzählte von den Einzelheiten des kostbaren Karma (z.B. von den Worten Gen Sakus).
              Der Meister sprach: „Es ist wirklich wie er sagte. Wenn nur dein Herz-Geist wie leere Weite wird und nicht an der Sicht von Leere haftet, ist da kein Hindernis in der Anwendung, in Bewegung und in Stille ist da Nicht-Geist, in Gewöhnlich und Heilig ist das Herz vergessen, Subjekt und Objekt sind ausgelöscht, die Form der Natur ist grad wie sie ist, und da gibt es keine Zeit des Nicht-Seins in Samadhi.”
              Bei diesen Worten erlebte (Chi) Kō tiefe Erleuchtung.
              Von all dem Herz-Geist, den er über zwanzig Jahre angesammelt hatte, gab es da keine Wirkung mehr.
              In jener Nacht hörten sowohl adelige als auch einfache Leute eine Stimme in der Luft, die sagte: „Heute hat Kō Zenshi den WEG vollendet.”

              Später, nachdem er sich niedergeworfen hatte, verabschiedete sich (Chi) Kō, kehrte zu Nordseite des Flusses zurück, unterwies dort die vier Arten von Menschen (Mönche, Nonnen, Männer und Frauen), und er half ihnen ihre Augen zu öffnen.

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              Ein Mönch fragte den Meister, indem er sagte: „Wer erlangt Ōbais Anweisung?”

              Der Meister sagte: „Diejenigen erwerben sie, die den Buddha-Dharma verstehen.” Der Mönch sagte: „Hat der Meister es erworben oder nicht?”
              Der Meister sagte: „Ich verstehe das Buddha-Dharma nicht.”

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              Eines Tages wollte der Meister die Robe waschen, die ihm gegeben worden war, aber es gab keine schöne (klare) Quelle in der Nähe. Deshalb ging er fünf ‚ri‘ hinter das Kloster zu einem üppig bewachsenen Wäldchen und als er sah, dass es ringsherum dicht mit einer schützenden Atmosphäre umgeben war, schwang der Meister seinen beringten Stab, stieß ihn in den Boden, und da, wie als Antwort auf die Hand, sprudelte eine Quelle hervor und das reich vorhandene Wasser wurde zu einem Teich. Dann kniete er nieder und wusch die Robe auf einem Felsblock.

              Auf einmal war da ein Mönch, der gekommen war, dem Meister Verehrung zu erweisen und der sagte: „Dies ist Hoben, ein Mann aus Sei Shoku. In der Vergangenheit war ich in Süd-Indien und ging zum Großen Meister Bodhidharma. Er forderte Hoben (mich) auf: ‚Geh schnell nach China, wo ich Mahakasyapas Augen-Schatz des Wahren-Dharma und die zeremonielle Mönchsrobe übermittelt habe, die tatsächlich an die sechste Generation in Sokei in der Zo Provinz überliefert wurde. So geh und bring deine Verehrung da.’ Hoben, der von fern gekommen ist, bittet dich inständig, ihm Robe und Schale zu zeigen, die Euch von meinem Meister übermittelt wurde.”

              Der Meister holte sie hervor, zeigte sie her und fragte: „Edelmann, welcher Art von Arbeit gehst du nach?”
              (Hoben) sagte: „Ich kann Bilder aus Tonerde machen.”
              Der Meister sagte mit feierlichem Gebaren: „Versuch ein Bild zu machen und lass es mich dann sehen.”

              Hoben wusste nicht, was er tun sollte. Nach einigen Tagen machte er ein getreues Abbild des Meisters, in der Höhe maß es sieben Inches und es war äußerst schön ausgeführt.
              Der Meister sagte lachend: „Du begreifst nur das Wesen eines Bildes, aber du begreifst nicht das Buddha-Wesen.“

              Der Meister streckte seine Hand aus, streichelte Hobens Kopf und sagte: „Mögest du für immer ein Feld des Segens für die Menschen und Himmlische werden.” Der Meister nahm auch eine Robe und gab sie ihm zur Belohnung.
              Hoben nahm die Robe und teilte sie in drei Teile: Einen Teil hängte er dem Bild um, einen Teil behielt er für sich selber, und einen wickelte er in immergrüne Blätter und vergrub ihn in der Erde.

              Feierlich versprechend sagte er: „Falls später irgendjemand diese Robe findet, werde ich als Oberhaupt dieses Klosters wieder in dieser Welt erscheinen.”
              Dann baute er noch eine Halle.
              (Im achten Jahr von Kayu der Sung-Dynastie gab es einen Mönch mit Namen Isen, der das Kloster reparierte. Er grub im Boden, fand die Robe, die wie neu war und holte sie hervor. Es gab da auch ein besonderes Bild im Kosen-Ji: Wenn man zu ihm betete, antwortete es.)

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              Einmal war da ein Mönch, der einen Vers von Garin Zenji rezitierte, der lautet:
              Garin hat kunstgerechte Fähigkeiten,
              er kann Hunderte von Gedanken abschneiden.
              Im Angesicht von äußeren Umständen, steigt der Herz-Geist nicht auf. Bodhi nimmt Tag für Tag zu.”

              Als der Meister das hörte, sagte er: „Dieses Gedicht zeigt, dass der Grund des Herz- Geists noch nicht begriffen wurde. Übt man diesem Vers nach, wird dies die eigenen Fesseln vermehren.“

              So legte er ihm einen Vers vor, der lautet:
              “Enō ist ohne kunstgerechte Fähigkeiten,
              er schneidet Hunderte von Gedanken nicht ab.
              Im Angesicht von äußeren Umständen steigt der Herz-Geist oft auf. Wie kann Bodhi zunehmen?”


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                Plötzlich und Stufenweise

                Zu jener Zeit hielt sich der Patriarch im Hōrin-Kloster von Sōkei auf. Jinshu Daishi war im Gyokuzen-Kloster von Keinan. Damals florierten beide Schulen und alle Leute nannte sie die Südliche Enō- und die Nördliche Jinshu-Schule. Die zwei Schulen unterschieden sich durch die Lehre von ‚plötzlich‘ der Südlichen Schule und die Lehre von ‚stufenweise‘ der Nördlichen Schule. Doch die Gelehrten waren sich in bezug auf die charakteristischen Kernpunkte der beiden Schulen nicht im Klaren.

                Der Meister sagte bei seiner Unterweisung zu der Versammlung: ” Das Dharma ist im Grunde eins. Für die Leute gibt es die Südliche und die Nördliche Schule. Das Dharma ist von der einen gleichen Art, aber vom Betrachtungspunkt her gibt es ‚langsam’ und ‚schnell’. Was ist es, das “plötzlich” oder “stufenweise” genannt wird? Im Dharma gibt es kein Plötzlich oder Stufenweise. Unter den Menschen gibt es Scharfsinnige oder Stumpfsinnige; daher kommen die Begriffe ‘plötzlich’ und ‘stufenweise’.”

                Die Anhänger von Jinshu verleumdeten den Patriarchen der Südlichen Schule jedoch manchmal: „Er kennt kein einziges Schriftzeichen; was kann schon an ihm dran sein?”
                Jinshu sagte: „Der andere hat die Weisheit von Nicht-Meister erlangt und hat das Höchste Fahrzeug zutiefst realisiert. Ich kann mich nicht mit ihm gleich setzen. Außerdem hat mein Meister, der Fünfte Patriarch, ihm direkt die Dharma-Robe übermittelt; wie kann das ohne guten Grund sei? Ich bereue, dass ich ihn verlassen habe und so weit weggangen bin und dass ich nicht nah bei ihm bin, und so seine große Gunst umsonst erhalten habe. All ihr Schüler, bleibt nicht hier. Ihr solltet nach Sōkei gehen und unter seiner Führung zum Erlebnis tiefer Einsicht kommen.”

                Eines Tages bestellte Jinshu den Schüler Shisei zu sich und sagte: „Du bist weise und hast viel Wissen. Mir zuliebe sollst du nach Sōkei gehen und dort seinen Dharma-Darlegungen zuhören. Wenn da etwas zu hören ist, merke es dir gut und berichte mir davon nach deiner Rückkehr. “

                Nachdem Shisei die Weisung erhalten hatte, ging er nach Sōkei, gesellte sich zu den Versammelten und ging die Schulungsanweisungen hören, aber ohne zu sagen von woher er gekommen war.
                Zu dieser Stunde wandte sich der Meister an die Versammlung und sagte: „Im Moment ist ein heimlicher Dharma-Dieb mitten unter uns.”

                Da kam Shisei hervor, warf sich nieder und erklärte in allen Einzelheiten, welche Umstände ihn dorthin geführt hatten.
                Der Meister sagte: „Wenn du von Gyokusen kommst, musst du wirklich ein Spion sein.”

                (Shisei) sagte: „Das bin ich nicht.” Der Meister sagte: „Wieso nicht?” (Shisei) antwortete: „Hätte ich die Umstände meines Kommens nicht offengelegt, dann wäre das so; aber nun da ich alles erklärt habe, ist es nicht so.”

                Der Meister sagte: „Wie gibt dein Meister Unterweisungen an seine Versammlung?” (Shisei) antwortete: „Mit dem Herz-Geist bewegungslos Stille wahrnehmend, lässt er uns lange sitzen und wir dürfen uns nicht hinlegen.”
                Der Meister sagte:” ‘Mit dem Herz-Geist bewegungslos Stille wahrnehmend’ – das ist eine Krankheit und nicht Zen. Wenn der Körper durch langes Sitzen angespannt ist, welcher Vorteil könnte vernünftigerweise darin liegen?”

                Höre meinen Vers; er geht so:
                “Wer ins Leben kommt, der sitzt, der liegt nicht.
                Wer im Tod davongeht, der legt sich nieder, der sitzt nicht.
                Eine Sammlung von stinkenden Totenschädeln,
                wie kann daraus ein Gewinn erwachsen?”

                Shisei warf sich wieder nieder und sagte: „Der Schüler (ich) war bei beim Großen Meister Jinshu und hat dort für neun Jahre den WEG studiert, aber er erlebte nicht Satori. Nun, da ich die Darlegung des Meisters auch nur einmal höre, bin ich in Übereinstimmung mit dem essentiellen Herz-Geist. Für den Schüler ist die Frage von Leben und Tod von großer Bedeutung. Möge der Meister mich bitte in seinem großen Mitgefühl weiter unterweisen.”

                Der Meister sagte: „Ich höre, dass dein Meister seine Schüler im Dharma der rechten Lebensführung, der Versenkung und der Weisheit unterweist. Ich frage mich, wie dein Meister sowohl die Formen der rechten Lebensführung, der Versenkung und der Weisheit darlegt. Bitte, erkläre es mir; ich werde dann schon sehen.”

                (Shi) Sei sagte:” Der große Meister Jinshu lehrt uns: Meidet alles Böse, das entspricht der rechten Lebensführung. Übt alles Gute, das entspricht der Weisheit. Das Selbst-Reinigen des Bewusstseins wird Versenkung genannt. Das ist es, was seine Lehre ausmacht. Ich frage mich, in welcher Art von Dharma der Meister die Menschen unterweist?”

                Der Meister sagte: „Würde ich sagen, ich hätte den Menschen ein Dharma zu geben, würde ich dich betrügen. Vorläufig löse ich nur die Bindungen und Fesseln, die beim Gehen des Weges enstehen. Behelfsmäßig wird das ‘Samadhi‘ genannt. Die Art deines Meisters rechte Lebensführung, Versenkung und Weisheit zu lehren, ist wahrhaft unbegreiflich. Aber meine Sicht von rechter Lebensführung, Versenkung und Weisheit ist wieder ganz anders.”

                Shisei sagte: „Es gibt nur eine Art von rechter Lebensführung, Versenkung und Weisheit: Wie kann es da eine andere geben?”

                Der Meister sprach: „Rechte Lebensführung, Versenkung und Weisheit deines Meisters sind dafür da, Menschen des Großen Fahrzeugs zu unterweisen (Mahayana). Mein Unterweisen in rechter Lebensführung, Versenkung und Weisheit wendet sich an Menschen des Höchsten Fahrzeugs (Saijōjō). Tiefes Gewahrwerden ist nicht das Gleiche wie Verstehen. In bezug auf Einsicht (Realisierung) gibt es ‚langsam‘ und ‚schnell‘.

                Höre meine Unterweisung.
                Ist sie dieselbe wie die seinige oder nicht? Mein Darlegen des Dharmas trennt sich nicht vom Essentiellen Wesen. Darlegung des Dharma getrennt von der Substanz – das wird Erläuterung von Form und Gestalt genannt; das Essentielle ist immer dem Zweifel unterworfen. Du musst wissen, dass die zehntausend Dinge (Phänomene) alle Funktionen sind, die aus dem Selbst-Wesen aufsteigen. Dies ist das wahre Dharma der rechten Lebensführung, der Versenkung und der Weisheit.

                Höre meinen Vers; er geht so:
                ‚Im Herzensgrund gibt es nichts Böses; das ist die Regel des Selbst-Wesens.
                Im Herzensgrund gibt es nichts Törichtes; das ist die Weisheit des Selbst-Wesens.
                Im Herzensgrund gibt es keine Verwirrung; das ist die Versenkung des Selbst-Wesens.
                Nicht-zunehmend, nicht-abnehmend; das allein ist der Diamant.
                Der Körper geht, der Körper kommt, das ist das eigentliche Samadhi.’ “

                Als (Shi) Sei dieses Gedicht gehört hatte, empfand er Reue, bat um Vergebung und drückte sich dann mit einem eigenen Vers aus:

                “Der Phantomleib der fünf Aggregate – wie kann das Phantom das Endgültige sein?
                Sieht man das Kreisende als Wahrheit an, dann ist das ein unreines Dharma.”

                Der Meister bestätigte dies und sagte zu (Shi) Sei: „Rechte Lebensführung, die Versenkung und die Weisheit deines Meisters beziehen sich auf weise Menschen mit schwachen Wurzeln. Meine Rechte Lebensführung, meine Versenkung und meine Weisheit beziehen sich auf weise Menschen mit starken Wurzeln/Anlagen. Wenn wir das Wahre-Wesen innig nah schauen, erschaffen wir weder Bodhi und Nirvana, noch konstituieren wir Befreiung und formen eine intellektuelle Sicht. Wenn man nicht ein einzig Dharma-Ding (mehr) auffassen kann, können wahrhaftig Myriaden von Dharmas (Dingen) erschaffen werden. Wenn einer diesen Sinn begreift, dann wird das Leib des Buddhas, wird das Bodhi, Nirvana genannt, oder es wird Befreiung oder weise Sicht genannt. Ein Selbst-realisierter Mensch kann (Bodhi, Nirvana, Befreiung usw.) errichten (aufstellen), oder nicht errichten.

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