40 Verse über das Reale

von Ramana Maharshi

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1.

Da wir die Welt wahrnehmen, steht es außer Frage, dass es eine Erste Ursache gibt, eine kreative Energie (Shakti), die sich mannigfach manifestiert. Das Bild, das aus Namen und Formen besteht, der Betrachter, die Leinwand und das Licht, das sie beleuchtet, all das ist das Selbst.

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2.

Alle Religionen setzen drei Grundlagen voraus: [Gott, Mensch und Welt]. Die Debatte, ob sich eine erste Ursache als diese drei manifestiert oder ob diese drei auch drei verschiedene Dinge sind, dauert an, solange das Ego-Ich besteht. Doch der höchste Zustand ist, im wahren Selbst zu verbleiben, nachdem das Ego-Ich sein Ende gefunden hat.

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3.

Wozu nützt die Diskussion, ob die Welt wirklich oder lediglich eine unwirkliche Erscheinung ist, ob ihr Bewusstsein eigen ist oder nicht, ob sie Glück oder Leid bedeutet? Der egolose Zustand, der diese dualistischen und nicht-dualistischen Überzeugungen überschreitet, in dem man die Welt lässt und sich selbst durch Ergründung erkennt, ist allen lieb und teuer.

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4.

Wenn wir selbst eine Gestalt haben, dann folgt daraus, dass auch die Welt und das Höchste eine Gestalt haben. Wenn wir jedoch gestaltlos sind, wer könnte dann ihre Gestalten sehen und auf welche Weise? Kann denn das Gesehene von anderer Natur sein als das Auge? Dieses Auge ist in Wahrheit das Selbst, das grenzenlose Auge.

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5.

Der Körper besteht aus fünf Hüllen. Sie alle sind gemeint, wenn man vom ›Körper‹ spricht. Gibt es unabhängig vom Körper eine Welt? Sag, hat schon jemals jemand die Welt gesehen, der keinen Körper hat?

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6.

Die Welt besteht aus nichts anderem als aus den Sinnesobjekten (dem Gesehenen, Gerochenen, Geschmeckten, Gehörten und Getasteten). Sie werden durch die fünf Sinne (Augen, Nase, Mund, Ohren, Haut) wahrgenommen. Da der Geist die Welt nur mittels der fünf Sinne wahrnimmt, sag, kann es dann ohne den Geist eine Welt geben?

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7.

Obwohl Welt und wahrnehmender Geist gemeinsam auftauchen und wieder verschwinden, tritt die Welt erst durch die Wahrnehmung in Erscheinung. Das Vollkommene erstrahlt, ohne dass es auftaucht und wieder verschwindet. Dieser Ort, in dem Welt und Geist auftauchen und verschwinden, ist das einzig Wirkliche.

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8.

Mit welchem Namen und in welcher Form du auch die absolute Wirklichkeit verehrst, es ist ein Weg zum Vollkommenen, das ohne Namen und Form ist. Doch solltest du dein eigenes wahres Selbst in Ihm, dem höchsten Sein, erkennen, in Ihn eingehen und eins mit Ihm sein. Das ist die wahre Erkenntnis der Wahrheit.

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9.

Alle Zweiheit und Dreiheit beruhen auf dem Ego. Wenn man untersucht »Wer ist dieses Ego?«, verschwinden sie und man erkennt die Wahrheit. So jemand ist ein Weiser. Ihn verwirren diese Dinge nicht mehr. Das solltest du wissen.

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10.

Ohne Nichtwissen gibt es kein Wissen und ohne Wissen kein Nichtwissen. Wenn man fragt: »Wer ist es, der weiß und nicht weiß?« und das Selbst, die Quelle von beidem erkennt, ist das die wahre Erkenntnis.

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11.

Wenn man alle Objekte [die ganze Welt] kennt, aber nicht sich selbst (den Erkennenden), ist das Unwissenheit. Wenn man sein wahres Selbst erkennt, das die Grundlage des mittelbaren Wissens und Nichtwissen ist, finden sowohl Wissen als auch Nichtwissen ihr Ende.

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12.

Wahre Erkenntnis ist frei von Wissen und Nichtwissen. Das mittelbare Wissen von Objekten kann nicht die wahre Erkenntnis sein. Das Selbst erstrahlt immer aus sich selbst, ohne dass es etwas gäbe, das Es erkennen und von dem Es erkannt werden könnte [i. e. ohne die Beziehung von Subjekt und Objekt]. Dennoch ist es die wahre Erkenntnis und keine Leere. Das solltest du wissen.

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13.

Das Selbst ist Erkenntnis (Jnana) und ist das einzig Wirkliche. Das Wissen von diesem und jenem (vom Mannigfachen) dagegen ist Nichtwissen. Dieses Nichtwissen ist unwirklich, denn es kann nicht ohne das Selbst, das Erkenntnis ist, existieren. Oder können etwa die vielerlei Schmuckstücke unabhängig vom Gold existieren, sag?

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14.

Wenn die erste Person (ich) existiert, existieren auch die zweite und dritte Person (du, er, sie, es). Doch wenn man die Wirklichkeit dieser ersten Person hinterfragt, wird sie vernichtet und damit hören auch die zweite und dritte Person zu existieren auf. Was dann als Eines erstrahlt, ist unsere wahre Natur, das wahre Selbst.

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15.

Vergangenheit und Zukunft basieren auf der Gegenwart. Während sie sich ereignen, sind auch sie Gegenwart. Also existiert nur die Gegenwart. Wenn man Vergangenheit und Zukunft ergründen will und sich dabei der Wirklichkeit des Jetzt nicht vergewissert, ist es, als ob man ohne die Eins zählen wollte.

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16.

Gibt es Raum und Zeit ohne uns? Wenn wir der Körper sind, sind wir in Raum und Zeit gefangen. Doch sind wir der Körper? Wir sind dieselben, jetzt, damals und für immer, hier, dort und überall. Wir existieren und wir sind raum- und zeitlos.

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17.

Für jene, die das Selbst erkennen und für jene, die es nicht erkennen, ist der Körper ›ich‹. Für jene, die es nicht erkennen, ist das Ich lediglich auf den Körper beschränkt. Für jene, die das Selbst im Körper erkennen, erstrahlt das Ich als das unbegrenzte Selbst. Wisse, dass das der Unterschied zwischen beiden ist.

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18.

Die Welt ist wirklich für jene, die das Selbst erkennen und für jene, die es nicht erkennen. Für jene, die es nicht erkennen, ist die Welt (aus Namen und Formen) das Maß der Wirklichkeit. Für jene, die es erkennen, erstrahlt die Wirklichkeit unbegrenzt als die Grundlage der Welt. Wisse, dass das der Unterschied zwischen beiden ist.

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19.

Nur jene diskutieren darüber, ob Schicksal oder Willensfreiheit die Oberhand gewinnt, die die Ursache von beidem, nämlich das Ich, nicht erkennen. Jene, die es als den gemeinsamen Ursprung von Schicksal und Willensfreiheit erkennen, sind von beidem befreit. Sag, werden sie sich jemals wieder darin verstricken?

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20.

Wenn man Gott sieht und dabei sich selbst als den Sehenden außer Acht lässt, ist das nur eine geistige Projektion. Kann man überhaupt sagen, dass derjenige, der das Selbst sieht, wahrhaft Gott, seinen Ursprung, sieht? Jener, der das Ego-Ich verloren hat, ist nicht mehr von Gott verschieden.

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21.

Was ist damit gemeint, wenn es in vielen gelehrten Werken heißt, dass das Ego-Ich das Selbst bzw. Gott sieht? Wie könnte man sein eigenes Selbst sehen, da man doch nur eines ist? Und wie könnte man Gott sehen? Beides ist nur möglich, indem man seine Beute wird.

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22.

Es ist das Licht des Herrn, das den Geist erhellt. Wie könnte man mit dem geborgten Licht des Geistes das Licht allen Lichtes erkennen, ohne den Geist nach innen zu wenden und sich mit Ihm zu vereinigen, sag?

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23.

Dieser Körper sagt nicht »ich«. Und keiner behauptet, dass er während des Tiefschlafs nicht existiert. Erst nachdem das Ich aufgetaucht ist, taucht auch alles andere auf. Forsche mit einem konzentrierten Geist nach der Quelle, aus der dieses Ich entsteht.

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24.

Dieser grobstoffliche Körper sagt nicht »ich«. Sein und Bewusstsein (Sat-Chit, das Selbst) ist nichts, was entsteht und verschwindet. Aber zwischen beidem entsteht dieses Ich, das auf den Körper beschränkt ist. Das ist der Knoten zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, Bindung, Jiva, subtiler Körper, Ego, Samsara (die weltlichen Bedingungen unserer Existenz) und der Geist.

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25.

Dieses Phantom-Ego, das keine eigene Gestalt besitzt, entsteht, indem es eine Gestalt (einen Körper) ergreift. Es hält sich am Leben, indem es an ihr festhält, nährt sich von den Sinnesobjekten und gewinnt so an Stärke. Wenn es die eine Gestalt im Tod verlässt, ergreift es dafür eine andere. Doch wenn du nach ihm suchst, ergreift es die Flucht. Das solltest du wissen.

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26.

Wenn sich das Ich erhebt, erhebt sich auch alles andere. Ist es nicht da, ist auch nichts anderes da. Das Ich ist wahrlich alles. Wenn man deshalb erforscht: »Was ist dieses ›Ich‹?«, dann wird man das alles los. Das solltest du wissen.

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27.

Im Zustand, in dem sich das Ich nicht erhebt, sind wir DAS. Wenn man nicht den Ursprung dieses Ich erforscht, wie kann man es da endgültig loswerden, so dass es sich nicht mehr erhebt? Und wenn man das nicht erreicht, wie kann man dann in seinem ursprünglichen Zustand, in dem man DAS ist, fest gegründet sein, sag?

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28.

Wie jemand tief hinabtaucht, um etwas zu finden, das ins Wasser gefallen ist, so muss man mit konzentriertem Geist tief in sich selbst hinabtauchen und Sprechen und Atmen kontrollieren, um den Ursprung zu entdecken, von wo das Ich sich erhebt. Das solltest du wissen.

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29.

Sag nicht (laut) »ich«, sondern suche mit einem nach innen getauchten Geist, wo dieses Ich entspringt. Das allein ist der Weg der Erkenntnis. Es kann zwar hilfreich sein, wenn man denkt: »Ich bin nicht dies [i. e. der Körper]. Ich bin DAS [Brahman]«, doch ist das Selbstergründung?

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30.

Wenn der Geist sich nach innen wendet und erforscht: »Wer bin ich?« und das Herz erreicht, neigt das Ich schamvoll sein Haupt und das Eine erscheint spontan als »Ich-Ich«. Doch obwohl es auf diese Art erscheint, ist es nicht das Ego-Ich, sondern die vollkommene Wirklichkeit, das wahre Selbst.

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31.

Was gibt es für jenen noch zu tun, dessen Ich zerstört ist und der die Seligkeit des Selbst genießt, die daraus entsteht? Er kennt nichts, was vom Selbst verschieden wäre. Sag, wer könnte seinen Zustand begreifen?

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32.

Die heiligen Schriften verkünden: »Ich bin DAS.« Wenn man jedoch nur meditiert: »Ich bin DAS, ich bin nicht jenes«, anstatt dass man das Selbst durch die Ergründung erkennt und in jenem Zustand verweilt, zeugt das von geistiger Unreife, da man immer das Selbst ist.

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33.

Zu sagen: »Ich habe mich nicht erkannt« oder »ich habe mich erkannt« ist lächerlich. Warum? Gibt es etwa zwei Selbste, so dass das eine von ihnen aus dem anderen ein Objekt machen könnte, wo doch jeder sich als ein einziges Sein erfährt?

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34.

Anstatt die Wahrheit zu kennen, die beständig im Herzen eines jeden wohnt, und dort zu verweilen, zu disputieren: »Es existiert, Es existiert nicht, Es hat eine Gestalt, Es ist gestaltlos, Es ist eines, Es ist zwei, Es ist nichts von beidem« ist Unwissenheit und Verblendung.

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35.

Siddhi bedeutet, das wahrzunehmen, was man immer schon erlangt hat, und darin zu verweilen. Alle anderen Siddhis sind reine Traum-Siddhis. Sind sie noch wirklich, wenn man vom Schlaf erwacht? Können jene, die in ihrem wahren Zustand bleiben und von aller Verblendung frei sind, sich noch von ihnen irreführen lassen? Das solltest du bedenken.

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36.

Wenn wir glauben, dass wir der Körper sind, ist der Gedanke: »Nein, das sind wir nicht. Wir sind DAS« hilfreich, um als DAS zu verweilen. Doch warum sollen wir immerzu denken, dass wir DAS sind, da wir DAS doch immer sind? Denkt denn ein Mensch immerzu, dass er ein Mensch ist?

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37.

Die Behauptung: »Während der Übung ist man in Zweiheit (Dvaita) und wenn man verwirklicht hat in Einheit (Advaita)« ist falsch. Man ist, wie in der Parabel, der vermisste zehnte Mann, sowohl während man ihn bange sucht, als auch wenn man herausfindet, dass man es selber ist.

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38.

Wenn wir die Täter unseres Tuns sind, müssen wir auch dessen Früchte verkosten. Doch wenn wir fragen: »Wer ist der Handelnde?« und das Selbst erkennen, verschwindet dieses Gefühl, der Handelnde zu sein, und auch die drei Karmas fallen von uns ab. Das ist der Zustand der Befreiung, der ewig währt.

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39.

Solange man denkt, dass man gebunden ist, besteht auch die Vorstellung von Bindung und Befreiung. Wenn man untersucht: »Wer ist gebunden?«, bleibt das Selbst übrig, das man immer schon erlangt hat und das immer frei ist. Wenn der Gedanke an Bindung nicht bestehen kann, wie könnte der Gedanke an Befreiung überleben?

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40.

Es gibt dreierlei Lehrmeinungen über die Art der Befreiung: mit Form, ohne Form oder beides. Ich aber sage, dass die Vernichtung des Egos, das zwischen den drei Arten unterscheidet, die Befreiung ist. Das solltest du wissen.

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